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Hört auf, euren Freunden die Schuld für euer desaströses Partyverhalten zu geben

"Immer, wenn ich dich treffe, geht es steil bergab" ist ein Spruch, den man Freunden als Erwachsener nicht antun sollte.

von Fredi Ferkova
05 Juli 2017, 1:04pm

Foto: VICE Media

"Wenn ich dich nicht kennengelernt hätte, wäre mein Leben um einiges gesünder. Aber auch um einiges fader." Dieses Kompliment bekam ich letzten Monat, meine Freude hielt sich aber eher in Grenzen. Es hat mich mehr verletzt – immerhin möchte ich eine gute Freundin sein und nicht für einen ungesunden Lebensstil eines Freundes die Verantwortung übernehmen. Nicht nur, dass ich mit meiner eigenen Verantwortung von Montag bis Mittwoch so meine Probleme habe – ich möchte in dieser Zeit auch nicht Schuld am destruktiven Verhalten meines Freundes sein.

Das war nicht das erste Mal, dass man mir so ein zweifelhaftes Kompliment gegeben hat. "Wegen dir bin ich immer bum zu" und andere locker gesagten Sprüche höre ich öfters. Ich organisiere Partys, inkludiere neue Freunde auch gerne in meine Veranstaltungsreihe und natürlich gehe ich mit ihnen am Wochenende ins Beisl zu anderen Freunden und stricke nicht mit ihnen in trauter Zweisamkeit bei einer Naturdoku.

Foto: Lennart Bernsdorff

Ich bin eine eher extrovertierte, dominante und gesellige Persönlichkeit – es passiert selten, dass ich nicht die Initiatorin für diverse Unternehmungen unter Freunden bin. Dass mich also Mütter nicht besonders mögen, bin ich schon gewohnt. Doch je älter ich werde, desto mehr fällt mir auf, dass manche Freunde gerne ihr schlechtes Gewissen an mir abladen. Dabei setze ich ihnen keine Waffe an den Kopf und zwinge sie zum Trinken oder zu anderen Dingen, die der Körper weniger gut auffasst als einen Smoothie beispielsweise – das schaffen sie sehr wohl alleine und das oft desaströser als ich.

Und damit bin ich nicht alleine. So geht's auch Simon*, der in seiner Freundesgruppe oft die Initiative für Unternehmungen übernimmt. Seine Kumpels werfen ihm oft – natürlich auch nur "aus Spaß" – vor, dass er Schuld an ihren schlimmen, betrunkenen Erlebnissen hat.

"Niemand sieht gerne einen Freund leiden, schon gar nicht, wenn dieser meint, dass er ohne ihn nicht leiden würde."

"Im Endeffekt ist jeder für sich selbst verantwortlich, wenn ich als Katalysator benutzt werde, dann ist das eh OK", sagt Simon. Er sieht die Lage locker, weil er keine Schuld bei sich sieht und seine Freunde einen lockeren Unterton bei ihren Vorwürfen haben. Lisa ist 22 und hat schlechtere Erfahrungen gemacht: "Es ging so weit, dass ich mich wirklich für die Trunkenheit meiner besten Freundin verantwortlich gefühlt habe und es mir am nächsten Tag für zwei Leute schlecht ging."

Niemand sieht gerne einen Freund leiden, schon gar nicht, wenn dieser meint, dass er ohne ihn nicht leiden würde. Die Freundin von Lisa hat den Kontakt mit ihr abgebrochen – ohne ihr die Chance zu geben, Unternehmungen außerhalb des Fortgehens zu initiieren oder ihr aus der Situation zu helfen. "Ich habe nicht nur eine Freundin verloren, sondern habe mich wie der Teufel höchstpersönlich gefühlt. Es war eine harte Zeit für mich. Ich habe mir auch lange schwer getan, neue Freundschaften zu schließen."

Lisas ehemalige Freundin konnte mit dem Fortgehen nicht so gut umgehen wie sie. Das weiß sie jetzt. Trotzdem findet sie es schade, für immer der Sündenbock in ihrem Kopf zu sein. "Für mich hat die Freundschaft mehr ausgemacht als nur Fortgehen, wir haben oft zusammen gekocht und viel geredet."

Jemanden den Schwarzen Peter für seine Entscheidungen zuzuschieben, passiert oft aus eigener Schwäche heraus. Dr. Luise Hellerer, eine Psychologin, sieht es so: "Jemand, der dem anderen die Schuld zuschiebt, erhebt sich automatisch über diese Person und erniedrigt sie auch damit. Das ist in einer Freundschaft generell nicht gut."


Wir sind der Bro-Kultur nachgegangen:


Jonas, der Freund, der mir das Kompliment letzten Monat gegeben hat, sagt dazu: "Na ja, natürlich kommt man sich schneller näher, als wenn man nüchtern die Freundschaft aufbauen würde. Aber sich zu betrinken und Freunde zu sein, sind zwei paar Schuhe. Ich schätze dich natürlich auch wegen anderen Dingen." Natürlich sind beschuldigende Aussagen, die von Freunden getätigt werden, nicht immer bis selten ernst gemeint. Aber sie können einen treffen – man ist sich ja bewusst, dass man vieles initiiert und nur sein Maß der Dinge kennt. "Führt man Freunde in die Sucht oder in Situationen, in denen sie sich schaden? Ist man der Teufel, der alle in sein Loch zieht?" sind noch die leichteren vorwurfsvollen Fragen, die man sich an Tagen stellt, an denen man unsicher ist. Prekär wird es dann, wenn der vermeintliche Freund aus Selbstschutz den Kontakt stark unterbindet oder sogar abbricht.

"Jemand, der dem anderen die Schuld zuschiebt, erhebt sich automatisch über diese Person und erniedrigt sie auch damit."

"Ich denke, es ist so wie damals mit den zwei Klassenclowns, die man auseinandersetzen musste. Alleine waren sie voll fad, aber zusammen waren sie laut. Solche Symbiosen hat man auch nach der Schule und eigentlich ist es ja leiwand, dass es sie gibt. Nur wenn einer der Freunde dann anfängt, den Kontakt abzubrechen oder so tut, als wäre diese Symbiose einseitig, dann fängt der Konflikt an", sagt mir Simon, der schon viel über das Thema nachgedacht hat.

Auch Dr. Luise Hellerer findet, dass es sehr darauf ankommt, wie die Freundschaft aufgebaut ist: "Freunde, die immer sehr loyal waren und kommunikativ oft den Bogen überspannen, geben dem ganzen Thema ein anderes Gewicht wie Freunde, die solche Aussagen eigentlich nicht tätigen oder die man auch nicht so gut kennt." Wenn der Freund aber immer wieder, auch scherzhaft, die Schuld und Verantwortung jemandem zuschiebt, solle man hellhörig werden und mit ihm darüber sprechen.


Vielleicht sollte man zu Abwechslung auch einfach mal nüchtern raven gehen:


Simons Kumpels sehen das Ganze locker und lachen über Schuldzuweisungen: Sie schieben sich gegenseitig gerne die Schuld zu. Wenn einer zu viel Geld ausgegeben hat, wenn einer randaliert oder wenn einer maßlos übertrieben hat. Aber der Grundkonsens ist der, dass sie erwachsen sind und wissen, dass sie selbst für ihr Tun verantwortlich sind. Und auch, dass sie zusammen Fußball spielen gehen können. Lisa hat neue Freunde gefunden – mit denen kocht sie, trinkt aber auch am Wochenende mit ihnen. Und alle Beteiligten übernehmen auch die Verantwortung für ihr Handeln selbst.

Und auch ich habe meine (zugegeben nicht so tiefe) Verletzung mit Jonas aufarbeiten können – mit dem Allheilmittel: Kommunikation. Das rät auch Dr. Hollerer: "Das was war, wird man nicht ungeschehen machen können. Aber man kann lösen, wie es in Zukunft sein soll. Den Freund fragen, was man in Zukunft besser machen kann oder was ihn tatsächlich stört, aber auch, was sich bis jetzt rentiert hat. Jeder trägt seinen Teil zur Freundschaft bei." Und wer sich im Vorhinein Gedanken um seine Wortwahl macht, muss nachher nicht drüber reden. Sondern kann unbefangen mit ihm auf ein oder sechs Bier gehen. Zwinkersmiley.

* Alle Namen von der Redaktion geändert.

Fredi hat Twitter: @schla_wienerin.

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