Verbot

Junge Muslime erzählen von ihrem ersten Alkoholrausch

"Und so kotzte ich im Strahl auf das Top seiner Freundin. Ein paar Brocken von KFC waren sogar auch noch mit dabei."

von Mahmood Fazal
06 Juli 2017, 4:30am

Illustration: Ben Thomson

In der westlichen Welt ist das erste Bier ein fester Bestandteil des Erwachsenwerdens. Für die meisten jungen Muslime ist dieser Aspekt jedoch eine Art verbotene Frucht, ein reizvolles Tabu. Und egal, was die ganzen Gläubigen auch behaupten, viele junge Muslime gönnen sich auf jeden Fall einen oder zwei Schlücke Alkohol, bevor sie wirklich nach den Vorgaben ihrer Religion leben.

Ich habe während meiner Jugend oft mit Muslimen gefeiert. Ging ihr Alkoholkonsum dabei auf den Reiz des Verbotenen, den Gruppenzwang oder doch den Genuss zurück? Um genau das herauszufinden, haben ich "Abtrünnige" ausfindig gemacht und sie von den Umständen ihres ersten Rausches erzählen lassen.

Moey, 29, Zimmermann mit afghanischen Wurzeln

Ich habe zum ersten Mal getrunken, als meine älteren Cousins an meinem 16. Geburtstag mit mir fortgingen. Mit dem OK meines Vaters zogen wir los und hingen erstmal auf einem Parkhaus ab. Dort drückten mir meine Cousins ein Corona in die Hand. Ich weiß noch, wie nervös ich vor meinem ersten Schluck war. Ich hatte das Gefühl, als würde die Welt unter meinen Füßen wegrutschen und explodieren. Ich zog an und das Bier schmeckte richtig scheiße. Man gab mir den Tipp mit der Zitronenscheibe, aber der Geschmack wurde nicht besser.

Und trotzdem leerte ich erstmal vier Flaschen. Als wir den Nachtclub ansteuerten, musste ich mich richtig konzentrieren, um überhaupt geradeaus zu laufen. Es fühlte sich so an, als könnten meine Beine meinen Körper nicht mehr tragen. Ich wollte mich einfach nur hinlegen und herumrollen. Vor den älteren Jungs konnte ich mir aber keine Blöße geben. Sie brachten mich durch die Hintertür in den Club und drinnen stellte mein Cousin Hakim mir seine Freundin vor. Für mich war sie in diesem Moment die heißeste Frau der Welt.

Hakim fragte mich schließlich, ob ich Bock auf Shots hätte. Weil ich vor seiner Freundin nicht kneifen wollte, antwortete ich mit einem lockeren "Na klar". Leider war der Schnaps hundertmal schlimmer als das Bier. Und so kotzte ich im Strahl auf das Top seiner Freundin. Ein paar Brocken vom KFC-Abendessen waren sogar auch noch mit dabei. Alle lachten, außer sie. Und ich ging mit einem vollgebrochenen Sweatshirt nach Hause – inklusive Zwischenstopp bei einem Freund eines Cousins, wo ich mich umzog.

Ich weiß noch, wie ich zu Hause in den Spiegel blickte und mich wie ein erbärmlicher Idiot fühlte. Nach diesem Zwischenfall ließ mich mein Vater bis zu meinem 21. Geburtstag nicht mehr länger als bis Mitternacht ausgehen. Und ich betete ein paar Jahre lang fünf Mal täglich, weil ich mich so sehr schämte. Ich wollte eigentlich nie wieder trinken, aber von Zeit zu Zeit gebe ich mir mit meinen Jungs doch mal einen Schnaps.


Auch bei VICE: Auf ein Bier mit Schwester Doris


Abz, 26, Metzger mit irakischen Wurzeln

Meinen ersten Alkohol trank ich nach dem Fußballtraining. Wir waren bei meinem Kumpel zu Hause und alle Anwesenden hatten Bock auf ein paar Drinks. Da ich mich nicht blamieren wollte, weil ich aus religiösen Gründen keine Alkohol trank, gab ich dem Gruppenzwang nach und kippte ein paar Gläser von einem Getränk, das wie Zitronensaft schmeckte. Natürlich hatte ich direkt einen sitzen. Dann kamen die Shots. Schließlich überredeten mich die Jungs dazu, das heißeste Mädchen unserer Schule anzurufen. Sie ließ mich eiskalt abblitzen. Ich sagte zwar noch, dass ich ihre beste Freundin sowieso viel heißer fände, aber die ganze Situation war nur noch traurig und peinlich. Also trank ich weiter.

Aus irgendeinem Grund kam mir nicht in den Sinn, dass ich ja noch nach Hause musste. Ich wollte einfach nicht, dass der Abend endet, weil ich so viel Spaß hatte. Nach und nach gingen aber immer mehr Leute und irgendwann war auch ich an der Reihe. Ich weiß noch, wie ich über meine Eltern und meine Religion herzog. Alle stimmten mir zu, aber am nächsten Tag wurde mir klar, dass sie mich nur verarscht hatten.

Zu Hause konnte ich mich nicht zusammenreißen. Und ich muss gestunken haben, denn meine Schwester setzte sich direkt von mir weg. Mein Vater wies alle Anwesenden ganz ruhig an, nach oben zu gehen. Es war aber erst kurz vor neun, also noch lange keine Schlafenszeit. Da wusste ich, dass ich jetzt dran war. Meine einzige Option war, den Schwanz einzuziehen. Also fing ich direkt an zu weinen, als mein Vater wieder nach unten kam. Ich sagte, dass ich Depressionen hätte, nicht wüsste, was ich mit meinem Leben anstellen sollte, und mich jeder hasste. Ich glaube, ich war tatsächlich noch ein bisschen sauer auf das Mädchen, das mir eine Abfuhr erteilt hatte. Es fiel mir also gar nicht schwer, so übertrieben auszurasten.

Noorzia, 24, Kuratorin mit libanesischen Wurzeln

Ich habe zum ersten Mal Alkohol getrunken, als meine Freundin Sarah ihren Führerschein bekam. Wir fuhren ein bisschen durch die Gegend und sie kaufte zur Feier des Tages einen Viererpack Alkopops. Wieder bei ihr zu Hause ließen wir einen Film laufen und machten uns über die Wodka-Mischgetränke her. Ich weiß noch, wie ich dachte, da jetzt Gift zu trinken. Aber nach dem ersten gut schmeckenden Schluck war ich überzeugt. Ich fühlte mich total beflügelt. Nichts Schlimmes war passiert, niemand wurde verletzt.

Wir hatten einen tollen Abend, schrieben verschiedenen Jungs und redeten über Gott und die Welt. Ich verspürte weder Scham noch irgendwelche Schuldgefühle. Nein, ich fühlte mich eher verantwortungsbewusst und wie eine Erwachsene. OK, ein bisschen ungezogen kam ich mir schon vor, aber gleichzeitig war ich auch irgendwie wütend, weil mich meine Eltern nicht solche Erfahrungen machen lassen wollten. Und das nur, weil sie durch ihre Kultur davon ausgehen, dass ihnen nach dem Tod Schlimmes widerfährt, wenn sie sich nicht an die Regeln halten. Aber wen interessiert es, was nach dem Tod passiert? Wenn man ein guter Mensch mit entspannten Moralvorstellungen ist, dann hat man bestimmt nichts zu befürchten.

Foto: Megan Koester

Hassan, 22, Mechaniker mit türkischen Wurzeln

Kaum zu glauben, aber vor meinem ersten Schluck Alkohol hatte ich schon lange mit Drogen zu tun. Mein Vater hat immer davon geredet, wie sehr er Alkohol hasst. Das hat sich in mein Gehirn eingebrannt. Immer wenn sich mein soziales Umfeld also die Kante gab, hing ich in irgendwelchen Toilettenkabinen ab und zog mir Speed in die Nase. Dann laberte ich den ganzen Suffköpfen immer ganz überdreht ein Kotelett an die Backe.

Eines Abends hatte ich einen schlimmen Streit mit meiner damaligen Freundin. Wir machten Schluss, aber leider war mein Speed-Dealer nicht in der Stadt. Also fuhr ich zum nächsten Schnapsladen, kaufte Whiskey und trank die ganze Flasche in einem Zug leer. Zwar brannte mein Hals dabei wie Feuer, aber ich wollte mich einfach nur abschießen. Ich weiß noch, wie ich mich nach der Hälfte fragte, wie man so etwas zum Genuss trinken kann. Total betrunken kotzte ich anschließend mein ganzes Auto voll.

Am darauffolgenden Morgen hatte ich den schlimmsten Kater meines Lebens. Ich dankte Gott dafür, dass ich es unverletzt ins Bett geschafft hatte. Aber dann kam meine Mutter heulend ins Zimmer gestürmt. Ich dachte erst, es sei jemand gestorben, aber anscheinend hatte ich in der Nacht zuvor "nur" bewusstlos im Garten gelegen. Meine Familie hatte meinen Geldbeutel und mein Handy vor meinem Auto gefunden – die Türen weit offen – und war direkt vom Schlimmsten ausgegangen. Schließlich hatten sie sogar meinen Vater aufwecken müssen, damit der mich ins Bett tragen konnte. Ich fühlte mich richtig schuldig, so als hätte ich meine ganzen Verwandten verraten. Mein Vater sprach dann gut ein Jahr lang kein Wort mit mir. Er nahm mir die ganze Sache echt übel. Selbst heute wirft er mich noch finstere Blicke zu, wenn irgendwie das Thema Alkohol aufkommt.

Folge VICE auf Facebook, Instagram und Snapchat.