Was wäre, wenn …?

"Was wäre, wenn …?" 13 Fragen an Shotty Horroh

Was wäre, wenn du Eminem dissen müsstest? Was wäre, wenn es das Brexit-Referendum nicht gegeben hätte? Was wäre, wenn man sich ein für alle Mal zwischen Noel und Liam entscheiden müsste?

von David Klein
08 Oktober 2018, 2:14pm

Foto: Shotty Horroh

Was wäre, wenn du letzte Nacht doch wie eigentlich geplant um zwei Uhr nach Hause gegangen wärst? Was wäre, wenn du damals mit 12 Jahren angefangen hättest, Gitarre zu spielen? Was wäre, wenn du mit 18 doch nicht mit deiner Jugendliebe Schluss gemacht hättest? Ach, was soll das Gefrage, im Nachhinein kann man nix mehr verändern. Aber trotzdem denken wir immer wieder mal über die großen "Was wäre, wenn …?"-Fragen des Lebens nach.

Diese Fragen lassen uns vielleicht nostalgisch oder auch philosophisch werden. Nebenbei liefern die "Was wäre, wenn …?"-Fragen aber auch massig Stoff für spaßige Gespräche über verpasste Möglichkeiten und komische, schon halb vergessene Erinnerungen. In dieser Ausgabe unserer neuen Interview-Reihe haben wir Shotty Horroh dreizehn Mal die "Was wäre, wenn …?"-Frage gestellt.

Vom bekanntesten Battlerapper Großbritanniens zu dem, was seine Heimatstadt Manchester immer schon am Besten konnte: Indie-Rock für die ganz große Bühne. Shotty Horroh ist seit seinem Karrierestart 2011 nicht nur musikalisch weit gereist. Von Rap-Battles, die heute Millionen Klicks auf YouTube aufweisen, über eine Auswanderung nach Kanada, kam Adam Rooney 2017 wieder zurück in den Norden Englands.

Zurück in seiner Heimat, hat er über und für sie ein Album geschrieben, das soundtechnisch nichts mehr mit dem gereimten Fertigmachen eines Gegners zu tun hat. Salt of the Earth ist Britpop, wie man ihn kennt aus der Arbeiterstadt im Norden Englands. Refrains, die im Pub genauso wie im Fußballstadion gesungen werden können und eine klar erkennbare politische Botschaft.

Shotty Horroh erzählt von den Orten seiner Kindheit, wie zum Beispiel Shudehill und hat dabei überhaupt keinen Bock darauf, die rotzige und direkte Attitüde seiner Rap-Texte zu verbergen. Es geht um Mieten, die nicht mehr gezahlt werden können, eine konservative Regierung, die das Land regungslos in die soziale Misere steuert und immer wieder um die Orte, an denen sich eben diese Probleme direkt bemerkbar machen.

Was würde Shotty Horroh allerdings selbst dagegen tun, wenn er in der richtigen Position wäre? Was will er mit so viel Sozialkritik bewirken und was wäre, wenn er vom Indie wieder in den Battlerap müsste, um einen der Größten aller Zeiten fertig zu machen? Wir haben dem englischen Musiker beim Reeperbahn Festival 2018 und vor dem Release seines neuen Albums ein paar hypothetische Fragen gestellt.

Noisey: Was wäre, wenn du den Rest deines Lebens in Shudehill verbringen müsstest?
Shotty Horroh: Ach, das wäre gar nicht so schlecht. Da gibt es ein paar ganz gute Essensstände und ich könnte natürlich ziemlich schnell überall hinfahren. Nicht so übel, wenn du mich fragst. Aber halt, ich könnte nie wieder irgendwo anders hin?

Nie wieder.
Es wäre beschissen. Oh Gott, was würde ich da mit mir anfangen?

Was wäre, wenn du dich dann für einen Teil von Manchester entscheiden müsstest? Wo würdest du den Rest deiner Tage verbringen wollen?
Das müsste dann Harpurhey sein, auch wenn es zurzeit ganz schön viel schlechte Presse bekommt. Weil es anscheinend eine ziemlich üble Gegend sei. Aber weißt du, es gibt nichts Vergleichbares mit deinem Zuhause. Home is where the heart is, innit? Die ganzen Menschen dort lassen deine Zeit wie im Flug vorbeigehen. Freunde, Familie, das ist alles, was man braucht.

Alles klar. Mal zu deiner neuen Musik, die sich jetzt ganz anders anhört als noch vor ein paar Jahren: Was wäre, wenn du von Anfang an diesen Indie-Gitarren-Sound gehabt hättest?
Vielleicht wäre ich nicht an dem Punkt, an dem jetzt bin. Es gibt ein gewisses Level an Selbstvertrauen, das fast schon an Arroganz grenzt, das ich mir im Battlerap geholt habe. Es war wie ein Crashkurs in Selbstsicherheit und das hat mich an die Dinge glauben lassen, die ich gemacht habe. Deswegen mache ich jetzt auch dieses Indie-Album oder habe damals das Album mit Deadmau5 gemacht. Die Fähigkeiten, die ich mir im Rap angeeignet habe, sind auf jeden Fall essentiell für meine Musik heute. Aber ganz ehrlich, wenn ich als Indie-Sänger angefangen hätte, wäre ich trotzdem der Beste gewesen.

Was wäre, wenn du die Reaktionen deiner Fans auf das neue Album steuern könntest? Was würdest du dir wünschen?
Ich würde mich freuen, wenn sich die Fans ganz ernsthaft für das neue Zeug interessieren. Natürlich möchte ich, dass die Leute die Songs mögen, weil ich finde, dass da Hit-Potential vorhanden ist. Aber wenn sie einfach sagen würden "Ok, das ist ganz schön cool, das gefällt mir, da höre ich mal genauer zu", das würde mich freuen. Ich hoffe, dass die Leute, die bis jetzt noch nie von mir gehört haben den Inhalt meiner Lyrics richtig verstehen. Als das, was es ist: Geschichten aus Gegenden, die sonst kein Thema mehr sind. Geschichten aus Manchester werden in England viel zu wenig gehört, selbst Musiker und Musikerinnen aus der Stadt selbst erzählen lieber Stories über London mit ihrem Akzent aus dem Norden. Ich wünsche mir, dass die Leute mein Album hören und sagen "Das beschreibt Manchester, das ist die wahre Geschichte".

Das neue Album hält viel Politisches bereit, du singst auch über den Brexit. Was wäre, wenn die Regierung unter David Cameron die Bevölkerung überhaupt nicht vor die Wahl gestellt hätte, ob sie die EU verlassen wollen oder nicht?
Das ist schwer zu sagen, weil ich selbst nicht wollte, dass es passiert. Meine Stadt und meine Familie haben auch dagegen gestimmt. Ich denke aber, am Ende des Tages verdient jeder, eine Wahl zu haben. Jeder verdient es, sagen zu dürfen, was er denkt. Ich wäre ein Heuchler, wäre ich dagegen, dass die Leute abstimmen dürfen, nur weil damit etwas nicht passiert und es mir so besser in den Kram passt. Aber ich denke, die Abstimmung zum Brexit war so ein Szenario, bei dem viele Leute zuvor besser hätten nachdenken sollen. Wie wenn deine Mutter dir am Abend sagt: "Wenn du heute zum saufen gehst, kotzt du morgen." Das hätte allen klar sein sollen. Wenn wir die EU verlassen, sind wir eben auch am Arsch.

Wenn du dir ansiehst, wer dann im Endeffekt dafür gestimmt hat, waren es vor allem die älteren Generationen, während viele Jüngere überhaupt nicht abgestimmt haben. Das ist ein Problem, das Künstler wie mich in die Pflicht nimmt: Es ist an uns, den Kids zu zeigen, dass sie Politik direkt betrifft. Deswegen sollten sie sich damit beschäftigen und dafür wäre ich gerne der Auslöser.

Was wäre, wenn du für einen Tag in die Rolle eines Politikers schlüpfen könntest? Was würdest du ändern?
Das erste, was ich machen würde, ist die Legalisierung von Marihuana. Und damit für den krassestes Wirtschaftsaufschwung sorgen. Dann würde ich die Nationalhymne zu "Blue Moon" von Frank Sinatra ändern lassen, für Manchester City. Und ich würde eine Steuer auf den Support für Manchester United erheben, vielleicht dreißig Prozent mehr, als alle anderen zahlen müssen. Und Man City-Fans essen natürlich überall kostenlos. Und mit Liverpool, oh man, ich weiß gar nicht, was ich mit denen anstellen würde.

Spaß beiseite, ich würde mich natürlich für mehr Schulen einsetzen, für mehr Krankenhäuser. Ich würde die Gefängnisse abreißen lassen und mehr Zentren zur Suizidprävention aufbauen lassen.

Was wäre, wenn du deine Rap-Karriere als Rapperin begonnen hättest?
Wow, das ist schwierig zu beantworten. Seitdem ich rappe, haben Frauen wie Lady Leshurr, Cardi B oder Nicki Minaj verändert, wie man weibliche Rap-Acts betrachtet. Als ich angefangen habe, war es so schwer, als Frau überhaupt beachtet zu werden. Das ist auch jetzt noch ziemlich schwer. Ich denke aber, dass ich trotzdem einfach die dopeste Bitch überhaupt gewesen wäre.

Wenn wir gerade bei Rappern und Rapperinnen sind, hast du mitbekommen, wie sich Machine Gun Kelly und Eminem gebeeft haben?
Ja, natürlich man.

Was wäre, wenn du heute Eminem dissen müsstest?
Ich wäre mir bewusst, dass es jetzt gegen den Meister geht. Also wäre ich wahrscheinlich ziemlich respektvoll. Aber eigentlich darfst du im Battle keine Freunde kennen. Ich habe gegen so viele Leute gebattlet, die ich als Menschen respektiere und gern habe. Ich müsste Eminem einfach den verdienten Respekt entgegenbringen und trotzdem versuchen, ihm den Kopf abzureißen. Der Unterschied zwischen mir und ihm ist natürlich, dass er keine Ahnung hat, wer ich bin und ich ein absoluter Eminem-Nerd bin.

Ich weiß alles über den Typ, also hätte ich vielleicht mehr Möglichkeiten ihn anzugreifen, aber ganz ehrlich: Er ist ein Gott. Er könnte mich dissen und ich wäre einfach so: "Oh mein Gott, er hat meinen Namen gesagt!".

Was wäre, wenn du dich zwischen dem Bier im Pub mit den Freunden und der Partynacht im Club entscheiden müsstest?
Bier im Pub, definitiv. Ganz einfach. Ich mag es, mich zu unterhalten und Fußball zu schauen. Mit den Clubs bin ich durch, das macht mir keinen Spaß mehr, Vor allem nicht, wenn die Leute mir die ganze Zeit was vorrappen wollen. Das ist einfach nicht mehr mein Ding. Pub mit den Jungs, jederzeit.

Was wäre, wenn du nur noch eins deiner Tattoos behalten dürftest? Welches wäre das?
Ich schätze, das wäre die "316" hier. Dazu habe ich eine verrückte Geschichte. Ich habe diese Nummer schon mein ganzes Leben immer wieder gesehen. Eines meiner Alben hieß dann auch so. Also ich habe die Nummer auf Bildern, Belegen, Tickets, einfach überall gesehen. Ich sitze im Flugzeug im Sitz 316, mein Hotelzimmer ist die 316, es ist konstant vorhanden. Als ich so um die 25 war, habe ich mir das Tattoo machen lassen und meine Mutter hat mich gefragt, warum es ausgerechnet diese Nummer sein musste. Dann habe ich ihr gesagt, dass ich auf die immer wieder an den verschiedensten Orten gestoßen bin und ihr davon Bilder gezeigt. Alter, mein Handy ist voll mit Bildern, auf denen die 316 ist.

Auf jeden Fall ist sie darauf leichenblass geworden, nach oben auf den Dachboden gerannt und mit einem kleinen Armband wieder zurückgekommen. Kennst du diese kleinen Armbändchen, die man nach der Geburt um das Handgelenk bekommt? Ich wurde einfach sechzehn Minuten nach Drei geboren. Verrückt alter.

Was wäre, wenn du eine Rolle in einem Hollywood-Horrorfilm mitspielendürftest?
Ich mochte Albert Wesker von Resident Evil immer, vielleicht wäre das was. Der dachte, er wäre ein guter Typ und am Ende kommt raus, dass er die ganze Scheiße mit dem T-Virus verursacht hat. Ich mag es, den Bad Guy zu spielen. Wahrscheinlich weil ich sonst ein einfacher, netter Typ bin.

Was wäre, wenn du dich zwischen den ganzen großen Bands aus Manchester für eine einzige entscheiden müsstest?
Oasis, ganz einfach! Manchester hatte so viele große Bands, die einen Haufen Platten verkauft haben, aber mit Oasis habe ich mich selbst immer am meisten identifizieren können. Vielleicht, weil sie auch City-Fans sind. Ich liebe andere Bands wie New Order oder die Stone Roses zwar, aber die haben nicht gemacht, was Oasis gemacht haben. Sie sind in Manchester geblieben und haben die Stadt überall auf der ganzen Welt repräsentiert. Deswegen sind sie auch nie kommerziell geworden, sie waren immer Botschafter für die Stadt.

Offensichtliche letzte Frage: Liam oder Noel?
Liam. Nach außen hin mag er grob rüberkommen, aber er ist ein guter Typ. Noel wirkt ein bisschen brutal und abgestumpft, deswegen ist es für mich eher Liam. Ich nenne ihn den Messias aus Manchester. Er ist mein Idol, ich habe mir enorm viel von ihm abgeschaut, als ich aufgewachsen bin. Daheim ist er einfach der große Bruder von uns allen. Ganz ehrlich, ich habe echt nicht viel übrig für Celebrities, aber wenn ich ihn treffen würde, wäre ich sprachlos. Obwohl wir uns wahrscheinlich gut verstehen würden, wir könnten einfach darüber quatschen, wie sehr wie United hassen.

Salt of the Earth erscheint am 12.10.2018.

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