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dein freund und rapper

Bewaffnete "Homies": Dieses Musikvideo legt offen, wie sich die Polizei selbst sieht

Der soziale Verein KbNa will zeigen, dass Berlin-Wedding mehr ist als ein Problembezirk – und hat mit "Füreinander da!" ein absurdes Werbevideo gedreht.

von Lisa Ludwig
22 Oktober 2018, 12:05pm

Screenshot aus dem YouTube-Video "Füreinander da!" von Polizei Berlin

Ich verstehe, warum HipHop als adäquates Mittel erscheint, um Jugendliche zu erreichen. Schon vor 20 Jahren wurden hässlich anbiedernde Flyer mit schlechter "Graffiti"-Schrift gedruckt, weil man dachte, dass die coolen Kidz (mit z!) gar nicht anders können, als in die christlichen Jugendhäuser zu strömen, um sich von ihrem Homeboy Jesus erklären zu lassen, dass man lieber mit Worten kämpfen sollte als mit Fäusten. Außerdem erscheint vielen Außenstehenden rhythmisches Sprechen deutlicher einfacher als Singen.

Mittlerweile ist Deutschrap so erfolgreich wie nie und deutlich mehr Mainstream als untergrundige Subkultur. Wie also würdet ihr versuchen, Jugendliche aus Problembezirken anzusprechen? Richtig, mit schlechten Reimen und einem pathetischen Clip. Am 17. Oktober veröffentlichte die Berliner Polizei über ihren YouTube-Kanal das Video "Füreinander da!", eine Kooperation mit dem Verein KbNa e.V., der sich für Gewaltprävention bei Jugendlichen in Berlin-Wedding einsetzt.

Das kann man jetzt alles albern finden, weil die Rap-Parts nicht gut sind, die Texte ungelenk geschrieben, die gesäuselte Hook akute Zahnschmerzen verursacht … Das Problem an dem Video sind allerdings nicht die Jugendlichen, die den Song wahrscheinlich in einer Art Projektgruppe produziert haben und auf das Ergebnis ein bisschen stolz sind, auch wenn sie natürlich wissen, dass sie nicht die nächsten Capital Bras, 187 Straßenbande oder SXTN werden. Das Problem ist, dass es sich hierbei um einen komplett unkritischen Image-Film für die Berliner Polizei handelt.

Interessant ist an "Füreinander da!" nämlich, dass einerseits die vermeintlich kriminelle Vergangenheit vieler junger Menschen aufgegriffen wird, die Polizei wiederum aber nicht eingesteht, dass auch 2018 noch Menschen aufgrund ihrer Hautfarbe oder ihrer vermeintlichen Herkunft aufgegriffen oder kontrolliert werden. Die Polizisten, das lernen wir hier, sind unsere Freundinnen und Freunde. Sie machen nie Fehler und sie wollen nur das Beste für junge Menschen, die drohen, vom rechten Weg abzukommen.

Es geht also weniger darum, aufeinander zuzugehen und sich die Hand zu reichen (was im Video gleich mehrfach sehr bedeutungsschwanger getan wird). Es geht darum, einer Seite die Verantwortung zuzuschieben, gleichzeitig aber so zu tun, als wisse man ja, dass Menschen aus Problembezirken nicht GANZ so böse sind, wie man das gemeinhin immer denkt. Wir werden ja nur böse, wenn es die Situation erfordert, suggeriert die Polizei. Es liegt also bei euch, ihr Problemjugendlichen. Zwinkersmiley! In Beziehungskontexten nennt man es übrigens "Gaslighting", wenn eine Person bewusst daran arbeitet, dem oder der anderen die Schuld an allem zu geben und so zu tun, als würde die sich nur einbilden, ungerecht behandelt zu werden.


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Besonders deutlich zeigt sich das in dem Part, der von einem Polizisten gerappt wird. Er trägt als einziger eine sehr große, verspiegelte Sonnenbrille – entweder aus fehlgeleiteten Coolness-Gründen, oder weil er nicht erkannt werden möchte. Vor allem aber rappt er so sperrig und aufgesetzt, dass Jan "Pol1z1stensohn" Böhmermann dagegen wirkt wie der junge Rakim. "Ich arbeite für die Polizei, aber trotzdem kann ich auch dein Homie sein", reimt Sonnenbrillenmann, während die Kamera beinahe zärtlich über Pistolen und Schlagstöcke schwenkt.

"Wir machen Fußballturniere mit den Jugendlichen. So können wir alle Probleme im Guten schlichten", geht es weiter, während der Polizist seine Dienstwaffe einsteckt. Geht es für ihn bewaffnet zum Fußballturnier, falls die Diskussion über eine strittige Abseitsentscheidung eskaliert? Will die Polizei Kriminalität den Kampf ansagen, in dem sie sich in Rap-Videos krampfhaft vermeintlicher Gangster-Ästhetik bedient? "Ja genau, du, bitte erhöre mich. Du bist ein ganz normaler Mensch und kein Bösewicht", spricht Problembezirk-Vanilla-Ice die kidZz da draußen direkt an. Seine Kollegin wird derweil dabei gezeigt, wie sie sich sehr aufwendig ihre dicke Schutzweste anlegt. Was man halt so macht, bevor man rausgeht zu den Menschen. Der Part endet mit "Reich mir deine Hand, ich erwidere sie. Keine Feinde, wir sind lieber ein Team". Klar.

Der Weddinger Beamte ist in YouTube-Musikgefilden übrigens kein Unbekannter. Schon 2013 veröffentlichte er mit "Abschnitt 36" ein Rapvideo. Sein Name, nur folgerichtig: Cop Thirty-Six. Auch hier gab es ordentlich Einstellungen für Waffenfetischisten, allerdings auch Fotos von Drogenfunden (cool!) und ein kurzes Sample von KRS-Ones "Sound Of Da Police". Ein Song, der sich explizit gegen Polizeigewalt, Korruption und Racial Profiling ausspricht – und somit die absolute Antithese zur betont straßenkredibilen Charme-Offensive der Polizei ist.

Wie kann man sich das denn nun vorstellen, das mit der großen Kuscheloffensive der Weddinger Polizei? Geben sie Jugendlichen mit Migrationshintergrund auf der Straße wirklich High Fives und nehmen Kinder unterprivilegierter Familien auf den Arm? Wird, wie im Video gezeigt, mit gleich mehreren Mannschaftswagen zu netten Nachbarschaftsfesten gefahren? Nun, zumindest als YouTuber Aaron Troschke im Oktober ein eintägiges Praktikum im Weddinger Polizeiabschnitt 35 machte, sah das dann doch alles ein bisschen nüchterner aus. Das Bild der zugänglichen Beamtinnen und Beamten, die mit offenen Armen empfangen werden, weil sie wirklich helfen wollen, hat am Schluss doch recht wenig damit zu tun, wie viele Menschen – gerade die mit Migrationshintergrund – die Polizei wahrnehmen.

Das erste Mal habe ich das Video am Freitagabend gesehen, in einem Jugendzentrum. Die rund 20 Mädchen und Jungs diskutierten anhand von Deutschrap-Videos über Antisemitismus, Kapitalismus, Rassismus und den Umgang mit der AfD. Oft war man einer Meinung, oft eben aber auch nicht. "Füreinander da!" war das letzte Video des Abends – und das erste, das sie wirklich alle geeint hat. Unabhängig von Hautfarbe, Religion, kulturellem und sozialem Hintergrund waren für vier Minuten alle auf einer Seite: Sie haben alle sehr laut gelacht.

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