trauer

Durch diese Fotos habe ich den Drogentod meines Vaters besser verstanden

Die Fotografin Jackie Dives erklärt, wie ihre doppelt belichteten Bilder ihr dabei halfen, um ihren Vater zu trauern.

von Jackie Dives; aufgeschrieben von Sarah Berman
16 Juni 2018, 3:59am

Alle Fotos: Jackie Dives

Ich würde nicht sagen, dass mein Vater drogensüchtig im eigentlichen Sinne war. Man konnte ihn allerdings getrost als Alkoholiker bezeichnen, der ab und zu nebenbei Drogen nahm. Das tun jedoch viele Menschen, so etwa mindestens die Hälfte meiner Freunde.

Mit meinem Vater verstand ich mich immer besser als mit meiner Mutter. Deswegen war ich auch richtig erschüttert, als ich älter und mir klar wurde, dass er kein Erwachsener, sondern nur ein großes Kind war. Diese Erkenntnis war wie ein Schlag ins Gesicht, weil all die Dinge, die ich an mir selbst mochte, von meinem Vater kamen.

Er sang gerne, war sehr kreativ und wusste Kunst und Musik zu schätzen. Wir backten zusammen Kuchen, verkauften Limonade und erfanden unsere eigenen Brettspiele. Als ich mit elf Jahren sagte, dass ich ein Buch schreiben wolle, war seine Antwort: "Sehr schön, um was geht es?" Er förderte alle meine künstlerischen Ausflüge. Und trotzdem entpuppte er sich … nicht als Enttäuschung, aber als unvernünftiger Mensch.

Ich war immer noch ein Kind, als ich nicht mehr zu ihm gehen wollte, weil ich mich bei ihm zu Hause nicht mehr wohl fühlte. Dort war es immer so, wie es halt ist, wenn man als nüchterne Person mit einer betrunkenen Person abhängt. Er erinnerte sich nie an das, was ich ihm erzählte. Deswegen führten wir ständig die gleichen Unterhaltungen. Und wenn wir uns zum Frühstück trafen, dann in einem Café oder einem Restaurant, das schon so früh Bier serviert.

Die Vorderfront eines alten Autos
Das Murray Hotel
Ein laufender Fernseher inmitten von Chaos

Ich wusste nicht mehr, wie ich mit meinem Vater kommunizieren sollte. Deswegen war es das Einfachste, gar nicht mehr mit ihm zu kommunizieren. So schützte ich mich emotional vor einem Elternteil, der mit Alkoholsucht und Drogenkonsum zu kämpfen hatte. Ich hatte schon genug eigene Probleme, da wollte ich mich nicht auch noch mit den Problemen anderer Menschen rumschlagen müssen.

Oft fragte mich meine Mutter, wie es meinem Vater gehe. Ich antwortete, dass ich letztens mit ihm gesprochen hätte und es ihm nicht so gut gehe. Ihre Antwort: "Weißt du, eines Tages wird ein schlimmer Anruf kommen." Vergangenes Jahr war es dann soweit. Im Gespräch mit dem Gerichtsmediziner kam heraus, dass mein Vater an einer Überdosis gestorben war – genau so etwas hatte ich mir schon gedacht.


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Ich besitze nur ein oder zwei gute Porträtfotos von meinem Vater. Ich habe ihn nie richtig fotografiert, als er noch lebte – denn das war immer sehr tragisch, kompliziert und schwer. Als er dann starb, verspürte ich den Drang, meine Kamera in die Hand zu nehmen. So konnte ich mich ausdrücken und mich mit der Realität auseinandersetzen. Für mich war das ein ganz natürlicher Schritt.

Ich ging an den Ort, an dem mein Vater gestorben war. Was mir am meisten zusetzte, war nämlich nicht die Tatsache, dass er gestorben war – damit hatte ich ja schon jahrelang gerechnet. Nein, es waren seine Lebensumstände. Als wir noch Kontakt hatten, wohnte er in einer kleinen Wohnung in Marpole, einem Wohnviertel Vancouvers. Er besaß eine kleine Terrasse und alle Nachbarn kannten seinen Namen. Deswegen dachte ich immer, dass schon alle passe. Die letzten drei Monate seines Lebens verbrachte mein Vater allerdings im Murray Hotel, einer Art Sozialwohnheim, in dem die Bewohner kleine Einzelzimmer haben und sich Küche und Bad teilen müssen. Und dort geht es echt schlimm zu.

Eine College-Jacke und eine Vancouver-Tasse
Eine Brille mit aufgeklebten Augen im Chaos
Ein Strauß Blumen

Als ich das winzige Zimmer meines Vaters betrat, entdeckte ich direkt Mäuse und Kakerlaken. Zudem hatte er nicht auf einem Bett geschlafen, sondern in einem einfachen Schlafsack auf dem Boden. Solche Sachen hatte ich durch meine Arbeit mit sozial benachteiligten Menschen schon öfter gesehen. Ich wusste, wie beschissen solche Wohnheime sein können. Mir tun die Leute, die darin wohnen, richtig leid und ich frage mich oft, wie ich ihnen helfen kann. Wenn einem dann bewusst wird, dass der eigene Vater in so einem Ort gelebt hat, trifft es einen noch viel heftiger.

Normalerweise mache ich keine doppelt belichteten Fotos, aber in diesem Fall konnte ich meine wirren Gefühle und Gedanken so am besten ausdrücken. Es half mir beim Trauern, ich konnte mich endlich auf etwas konzentrieren. Ich hatte einen Grund, aufs Fahrrad zu steigen und die alte Wohnung meines Vaters aufzusuchen, durch die Parks zu fahren, in denen wir früher gewesen waren, und alles, was mich an ihn erinnerte, noch mal Revue passieren zu lassen.

Ich wünschte, er hätte mich angerufen. Aber was hätte ich dann überhaupt für ihn tun können?

Auf gewisse Art sind mein Vater und ich in jedem dieser Fotos zu finden. In seinem Wohnheimzimmer habe ich nicht viele Dinge wiedererkannt, aber die Vancouver-Tasse, die ich ihm mal geschenkt hatte, fiel mir sofort auf. Außerdem liefen sowohl der Fernseher als auch das Radio – typisch mein Vater. So kamen die ganzen Erinnerungen an unsere gemeinsame Zeit wieder hoch und ich verewigte uns beide in den Bildern.

Ich würde nicht sagen, dass allein das Leben im Murray Hotel meinen Vater umgebracht hat. Nein, er hatte selbst viele schlechte Eigenschaften. Er nahm Drogen. Und er lebte ein risikoreiches Leben. Ich bin jedoch der Meinung, dass dieses Wohnheim sein Verlangen danach verstärkt hat, dass es nicht mehr weh tut. Vince, der beste Freund meines Vaters, hatte in der Nacht, in der mein Vater starb, noch Kontakt mit ihm. Er erzählte mir, dass mein Vater in diesem winzigen Zimmer richtig verrückt geworden sei. Ich kannte meinen Vater aber nur als positiven Menschen, eine solche Angst hatte ich bei ihm nie gespürt. Ich wünschte, er hätte mich angerufen. Aber was hätte ich dann überhaupt für ihn tun können?

Mein Vater war ein toller, freundlicher Mensch. Jeder, mit dem ich nach seinem Tod gesprochen habe, verglich ihn mit einem Sonnenstrahl in meinem Leben. Er war jedem sofort sympathisch. Mit meinen Arbeiten will ich nun zeigen, dass in solchen Sozialwohnheimen nicht nur eine Art von Menschen lebt – und dass nicht nur eine Art von Menschen mit Süchten zu kämpfen hat.

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