Sexy Soccer

Hinter den Kulissen der Nacktfußball-WM

Warum es eine feministische Veranstaltung sein kann, wenn Micaela Schäfer und Katja Krasavice ohne Kleidung auf einem Fußballfeld stehen.

von Rebecca Baden
27 Juni 2018, 2:50pm

Alle Fotos: Hakki Topcu

Breitbeinig und mit den Füßen im feuchten Sand stellen sich die sechs Spielerinnen des deutschen Teams vor ihrem Tor auf. Dann werfen sie die Hände hoch und schreien: "Titten, Titten, Titten! Tor, Tor, Tor!" Vor ihnen bilden fotografierende Boulevard-Journalisten eine Mauer, auf der anderen Seite des Spielfelds dehnt sich das Team mit den blau-gelben Schweden-Trikots und streckt Männern mit ekstatisch zitternden Selfie-Sticks die Hintern entgegen. Deutschland wird das Spiel am Ende des Tages mit 5:2 gewinnen. Das dürften die meisten der Zuschauer allerdings spätestens in dem Moment vergessen haben, in dem die Spielerinnen sich mit Sekt vollspritzen – und dieser mit der Farbe ihrer Bodypaint-Trikots vermischt von ihren nackten Brüsten tropft.

Die Strandbar am historischen DDR-Kontrollpunkt Checkpoint Charlie in Berlin-Mitte ist seit 2006 Austragungsstätte des Nacktfußball-Spiels zur Europa- oder Weltmeisterschaft. Die Erotikcam-Webseite "Visit X" lädt dazu alle zwei Jahre ausgewählte Gäste und Journalisten ein. Zwei Teams à fünf Frauen treten gegeneinander an: aufstrebende Cam-Girls und Amateur-Pornodarstellerinnen, ihre Trainerinnen sind C-Promis, die früher oder später auf einer khakifarbenen Pritsche im Dschungelcamp landen. Für die Spielerinnen ist es eine Gelegenheit, sich selbst zu vermarkten. Für viele der anwesenden Männer ist es eine Gelegenheit, ihre Wichsvorlagen live zu sehen.

Auf der Promi-Gästeliste des "Sexy Soccer" stehen in diesem Jahr Micaela Schäfer, Cathy Lugner, Katja Krasavice und Patricia Blanco. Katja Krasavice wird zwei Songs performen, Lugner und Schäfer sind die "Trainerinnen", Blanco schaut sich in grellem roten Kleid und gleichfarbigen Lippen das Spiel an. Am selben Tag läuft sie mit einem jüngeren Mann knutschend und Selfies schießend durch Berlin-Charlottenburg, die Fotos landen zwei Tage später in der Bild. Ein Reporter der Zeitung war ebenfalls beim Nacktfußball, genau wie Journalisten des Boulevard-Magazins Promiflash, denen Cathy Lugner erklärt, warum sie gerne Bilder postet, bei denen sie sich im Tanga und auf Zehenspitzen am Geländer eines Berliner Balkons emporhebt.

Jeweils fünf Spielerinnen treten gegeneinander an, trainiert hat vor dem Spiel niemand

Für Frauen wie Micaela Schäfer und Cathy Lugner und die Pornodarstellerinnen ist das PR-Event ein Geschäft. Schon vor 100 Jahren haben amerikanische Bierbrauereien herausgefunden, dass nackte Frauen selbst mittelklassige Getränke vermarkten, kurz danach verlieh der Playboy Frauen für ihre Brüste sogar anerkennende Titel. Es gibt also eine Nachfrage nach Frauen, die für Geld ihre Brüste zeigen – und seit jeher auch Frauen, die diese Nachfrage erfüllen. Frauenrechtlerinnen sind sich nicht darüber einig, ob dieses Businessmodell sehr klug oder sehr opportunistisch ist: Die einen kritisieren, solche Jobs förderten Sexismus und machten Frauen zu Objekten. Andere sehen Sexarbeit als gelebte weibliche Selbstbestimmung: Man könne Frauen keinen Vorwurf machen, wenn sie sich gesellschaftliche Strukturen aneignen und damit Geld verdienten. Die Teilnehmerinnen des "Sexy Soccer" bekommen für ihren Einsatz zwar nicht alle eine fette Gage, dafür aber einen Kurzauftritt in den Boulevard-Berichten und in den Instagram-Stories ihrer Fans.

"Ich bin eine der einzigen Frauen weltweit, die Herznippel tätowiert hat"

Strandbar "Charlie’s Beach", 13 Uhr, zweieinhalb Stunden vor Anpfiff der Nacktfußball-WM: Als eine Mitarbeiterin von "Visit X" die Plane zum Backstage-Bereich – einem weißen Bierzelt – zur Seite zieht, schlägt ihr aus dem Inneren heiße Luft entgegen. Hinter der Plastikwand laufen zwischen Wärmelampen und Sporttaschen zehn Frauen nervös hin und her, bis auf Stutzen, Turnschuhe und schwarze Slips sind sie nackt. Seit fünf Stunden pinseln vier Bodypainter ihnen V-Ausschnitte, Rautenmuster und Spielnummern auf die Haut. Auf den Bierbänken entlang der Zeltwände halten sich einige Spielerinnen die bemalten Brustwarzen für ein Instagram-Selfie zu und formen ihre manikürierten Finger zum Victory-Zeichen.


Auch bei VICE: Chinas Webcam-Industrie: Der moderne Goldrausch


Eine dunkelhaarige Teilnehmerin nimmt von ihrem Begleiter einen Stapel Autogrammkarten entgegen. Auf seinem Shirt prangt ein Foto von ihr – und in schwarzen Druckbuchstaben der Schriftzug: "MILFS EMPIRE". Die Männer, die heute zum "Sexy Soccer" gekommen sind, haben ganz unterschiedliche Missionen: Durch den Sand stapfen Journalisten, auf dem Steg vor der Bar laufen der Mann von Aische Pervers und der Witwer von Sexy Cora und begrüßen alte Bekannte. Entlang der Banderolen stehen um 15 Uhr eng zusammengepfercht die Männer, denen LeahObscure, FitxXxSandy und ihre Kolleginnen über ihre Webcams für Geld Masturbationsanleitungen ins Mikro flüstern. Die pinken Eintrittsbänder haben sie bei Gewinnspielen gewonnen, mit weit aufgerissenen Augen und unterdrücktem Grinsen halten sie ihre Handys und Spiegelreflex-Kameras hoch, wenn einer ihrer Stars mit steifen Silikon-Brüsten an ihnen vorbeiläuft.

Micaela Schäfer hat neben Brust-Implantaten auch Injektionen in den Wangen, falsche Bauchmuskeln und einen künstlich vergrößerten Po

Die meist-fotografierten Silikon-Brüste des Tages (und vielleicht sogar Deutschlands) ruhen auf dem Oberkörper von Micaela Schäfer. Seit die 34-Jährige 2011 als Nackt-DJane auftrat, verrichtet sie ihre Jobs zumeist textilfrei: im Dschungelcamp, auf der Erotik-Messe Venus und auf dem Ledersofa des VICE-Büros. "Meine Nacktheit lässt sich unendlich ausreizen", sagt sie, als sie sich zwischen der Generalprobe des Spiels und einem Gespräch mit ihrem Manager kurz Zeit für ein Interview mit uns genommen hat. Sie habe immer wieder neue Ideen, um ihre Nacktheit zu vermarkten. "Ich verändere dauernd meinen Körper", sagt sie, "ich bin eine der einzigen Frauen weltweit, die Herznippel tätowiert hat." Dann zieht sie ihre bauchnabellangen Extensions zur Seite und legt die herzförmigen Brustwarzen, die mehrfach vergrößerten Brüste und die implantierten Bauchmuskeln frei, mit deren Hilfe sie es mal wieder in ein Abendjournal irgendeines Privatsenders geschafft hat.

"Meine Nacktheit lässt sich unendlich ausreizen."

Im Interview mit VICE sagte Micaelas Manager Ramón Wagner vor einem Jahr, allein für die Teilnahme am Dschungelcamp bekämen die bekannteren Promis bis zu 150.000 Euro. Micaela wurde bei der sechsten Staffel 2012 Viertplatzierte, die Moderatoren gaben ihr den Spitznamen "Nacktschnecke". Dank ihrer Nacktheit wird Micaela auch zwölf Jahre nach ihrer Teilnahme bei Germany’s Next Topmodel an vielen Tagen öfter gegoogelt als die damalige Gewinnerin Lena Gercke. Aber es ist auch eine ziemlich ungesunde Option, um im Gespräch zu bleiben: "Ich würde mir die Brüste gerne nochmal vergrößern lassen", sagt Micaela, "aber mein Chirurg hat mich böse angeschaut und gesagt, das wäre einfach zu viel."

Um 8 Uhr morgens mussten die Frauen zum Bodypainting. Je mehr Tattoos sie haben, desto länger dauert das Bemalen

Für die Camgirls ist ihr Job gelebte weibliche Selbstbestimmung

Der Großteil der Aufmerksamkeit und Akkulaufzeit der Handys gilt beim "Sexy Soccer" zweifelsohne den Investments der Frauen in den eigenen Körper. Im Backstage-Zelt stehen kurz vor dem Spiel rund zehn Männer zwischen den Frauen, die diese vor dem Match unterstützen, indem sie die Mini-Sektflasche halten, den vorteilhaftesten Winkel fürs Mannschaftsfoto ermitteln oder bei der letzten Raucherpause vor Anpfiff Gesellschaft leisten. In der Amateurporno-Branche schneiden oft die Freunde und Ehemänner im Hintergrund die Filme oder wickeln die Geschäfte ab.

In der hinteren Ecke des Zeltes stehen eine zierliche, kleine Frau mit geflochtenem, braunem Haar und ein bärtiger, kahlköpfiger Typ und essen Pizza aus einem weißen Karton. Die Frau ist Porno-Darstellerin Lilly Lil, ihr Lebensgefährte ist heute aus NRW mit ihr zum Spiel angereist. Auf dem Profilbild ihres Twitter-Accounts trägt die 24-Jährige Zöpfe und bezeichnet sich in ihrer Bio als "Porno Teen".

Lilly Lil sagt, sie habe schon als Minderjährige davon geträumt, als Cam-Girl zu arbeiten: "I'm a bitch and I like it."

"Mein Job ist meine Leidenschaft und ich wurde noch nie zu irgendwas gezwungen", sagt Lilly Lil. Sie erzählt, sie sei es gewohnt, für ihren Job kritisiert und für ihre Entscheidung, in der Erotik-Branche zu arbeiten, hinterfragt zu werden. Das mag auch daran liegen, dass sie sich am Tag ihrer Volljährigkeit auf einer Webcam-Seite angemeldet hat: "Ich wusste schon vor meinem 18. Geburtstag, dass ich in der Erotik-Branche arbeiten will", sagt sie, "aber ich hatte Bedenken, weil der Job keinen guten Ruf hat." Die Gesellschaft toleriere Frauen wie sie nicht, sagt sie, "dabei bin ich glücklich. I'm a bitch and I like it." Als sie zum Beweis ihrer Gleichgültigkeit die Schultern hochhebt, zucken ihre Brustimplantate mit nach oben.

"Die Idee des Feminismus ist es, dass Frauen gleiche Rechte und Chancen eingeräumt werden", schreibt Leonora Volpe im Independent über die Frage, wie Sexarbeit und Feminismus zusammengeht. "Und die Version des Feminismus, die sich für Sexarbeiterinnen einsetzt, scheint für manche etwas unbehaglicher zu sein." Sexarbeiterinnen lebten ihre Sexualität zwar anders aus, als die Mehrheitsgesellschaft es kenne. "Das heißt allerdings nicht, dass sie ihren Körper Männern frei zur Verfügung stellen", so Volpe. Sehen wir die feministische Botschaft von Lilly Lil also nur nicht, weil wir zu beschäftigt sind, operierte Körperteile und berufliche Selbstbeschreibungen wie "das bringt mein Fötzchen so richtig zum Tropfen" in unserer eigenen feministischen Agenda zu kritisieren?

Die Frauen wissen, dass sie Wichsvorlagen sind

Auch die Männer beim "Sexy Soccer" scheinen diese Grenzen noch nicht verinnerlicht zu haben. Als die Spielerinnen hintereinander aufgereiht auf das sandige Spielfeld einlaufen, sagt der Kommentator und Reality-Show-Tätowierer Daniel Krause: "Alter Schwede, seid ihr gut bestückt!" Einer blonden Spielerin mit langen Braids, die sich bei der Nationalhymne demonstrativ an die Brust fast, ruft ein Typ aus dem Publikum zu: "Ja, Sandy, greif dir an die Titte!" Sandy grinst und formt die Lippen zum Luftkuss. Auch während des Spiels grölen immer wieder vereinzelte Männer, wenn zwei Frauen vor ihrem Platz am Spielfeldrand in den Nahkampf gehen.

Der Tätowierer Daniel Krause kommentierte das Spiel

Insgesamt fallen bei dem Spiel sieben Tore, die geballte Aufmerksamkeit der Zuschauer bekommt aber vor allem eine tätowierte Spielerin, die nach einem Schuss auf ihre Brust weinend ins Backstage-Zelt läuft – und Hannes, ein glückselig grinsender Fan, der zum Flitzer auserkoren wurde und in der Halbzeit nackt durch den Sand laufen darf. Während Hannes uns auf einer der Bierbänke sitzend von seinem Abenteuer erzählt, wandern seine Augen in dem Zelt umher und bleiben immer wieder an den verschiedenen Darstellerinnen hängen. Bei einer Frau im weißen Korsett ruft er aufgeregt: "Das ist Marie!" Dann steht er aus dem Interview auf und bittet sie, ein Foto von ihm zu machen und ihn auf ihrem Instagram-Account zu verlinken. Eine vorbeigehende Frau mit Tattoos und selbst im Erotik-Zelt auffallend großen Brüsten sagt genervt: "Ich hab dich doch gerade schon fotografiert und verlinkt!" Hannes zuckt mit den Schultern, dann zeigt er seinem Kumpel das Bild auf seinem Handy.

Auf einer Bierbank im Zelt sitzt er auch noch, als draußen auf dem Spielfeld die Mitarbeiter von "Visit X" die Banderolen abgebaut und Katja Krasavice auf die kleine Bühne gelotst haben. Auch die älteren Porno-Fans schaukeln im Rhythmus mit, während die 21-jährige YouTuberin "Gib's mir Doggy" und "Ich hab' dicke Lippen und sie blasen" singt. Als sie eine Spielerin küsst, die von hinten aussieht wie sie selbst, schnellen ein letztes Mal synchron die Kameras in die Höhe.

"Manche sagen, was ich mache, sei feministisch", sagt Katja Krasavice

"Ich weiß, dass die sich alle einen auf mich runterholen", sagt Katja eine Viertelstunde später in ihrem Tourbus: "Ich ermutige sie ja fast dazu." Katja nennt ihre Fans "Taschentuch-Army", eineinhalb Millionen Menschen folgen ihr auf Instagram, auch auf YouTube hat sie mehr als eine Million Abonnenten und Abonnentinnen, die meisten davon minderjährige Teenies. Viele Mädchen schreiben, Katja habe ihnen geholfen, selbstbewusster zu sein und ihre Entscheidungen nicht von anderen abhängig zu machen. Doch Expertinnen wie Diane K. Levin und Jean Kilbourne, Autorinnen des Buches So Sexy so Soon, sagen, sexualisierte Inhalte würden Kindern beibringen, dass ihre Position in der Gesellschaft davon abhinge, wie sie ihre sexuellen Reizen vermarkten können.

Es ist also nicht verwunderlich, wenn sich Frauen die Strategien einer Gesellschaft, in der von der Altersvorsorge bis zur Gartenschere so ziemlich alles mit Brüsten beworben wird, aneignen. Würde man die Frauen auf dem Spielfeld mit den Gedanken von Judith Butler oder Chimamanda Ngozi Adichie konfrontieren, könnten viele von ihnen damit wahrscheinlich so viel anfangen wie mit dem Konzept einer 4-4-2-Spielaufstellung. Aber für sie ist ihr Job auch eine Möglichkeit, selbstbestimmt zu leben. Allein wenn manche von uns ihre Kämpfe etwas anders führen als in einem aufgepinselten Bodypaint-Trikot der deutschen Nationalmannschaft.

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Deutschland schlägt Schweden mit 5:2
Für viele Männer ist das Event eine Gelegenheit, ihre Wichsvorlagen live zu sehen