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Festival Guide

Eine unvollständige Liste ekliger Dinge, die selbst auf einem Festival zu weit gehen

Wenn jemand seinen Urinbeutel in die Menge wirft, dann bist du womöglich zur falschen Zeit am falschen Ort.

von Ewout Lowie; illustrationen von Sander Abbema
07 Juli 2018, 9:17am

Dieser Artikel ist Teil des VICE Guides für Festivals, alle Texte findet ihr hier.

Das Lustige an Festivals im Grünen ist die kollektive Ablehnung gesellschaftlicher Sitten. Am ersten Tag verschlingst du einen Hotdog, der eben noch auf dem Gras gelegen hat, am zweiten Tag trägst du noch immer die Unterhose vom Vortag, und am dritten Tag singst du aus voller Kehle, während du dich auf eine dreckige Klobrille setzt, ohne sie vorher mit Klopapier abzudecken. Dich einfach gehen zu lassen und den ganzen Dreck um dich rum zu akzeptieren: Das ist es, was Festivals so genial macht.

Trotzdem gibt es eine Grenze, an der der Spaß aufhört. Vor allem, wenn Spaß sich in Ekel verwandelt, weil etwas einfach so unmenschlich ist, dass es einen nur noch abstößt. Solche Situationen führen dazu, dass du dich nicht mehr amüsieren kannst und anfängst, die Menschheit langsam aber sicher zu hassen. Hier sind ein paar Geschichten von Leuten, die Dinge gesehen haben, die definitiv zu weit gingen.

Die Speed-Pumpe

Es war mein erstes Festival. Über Bekannte kamen meine Freunde und ich irgendwie zu einer Zeltstadt, in der die meisten Leute aus einer Küstenprovinz kamen. Unsere Leidenschaft für den Dubstep war vergleichbar mit ihrer Leidenschaft für billige, starke Drogen. Wir haben uns wirklich amüsiert. Es war perfekt. Nur ein Ereignis trübt meine Erinnerung an dieses Festival: Einige von den Küstenbewohnern wollten einen ihrer Kumpel um acht Uhr morgens aufwecken – mit einer Fußpumpe. Genau, eine dieser alten, langsamen Pumpen, die man damals dafür benutzte, seine Luftmatratze aufzupumpen. Ich war noch immer wach und ziemlich fasziniert davon, was Drogen in den Köpfen von Jugendlichen auslösen können. Als erstes stopften sie die Spitze in eine Tüte voll mit klebrigem braunen Speed, dann – nachdem sie bis drei gezählt hatten – rammten sie dem Kumpel die Spitze in die Nase. In diesem Moment sah ich die dritte blutige Nase meines Lebens. Ich wusste, jetzt bin ich erwachsen.

— Twan, 27


VICE-Video: Wie sich ein Steampunk-Rocker dafür einsetzt, synthetische Drogen zu regulieren


Die ekligste Zunge überhaupt

Es war schon früher Morgen, als ich das Gelände der Schlaflosen verließ, um meine Notdurft zu verrichten. Ich öffnete die Dixi-Klotür und fand jemanden zusammengekauert vor der Toilettenschüssel sitzen, unaufhörlich die Klobrille leckend. Die Person hatte wahrscheinlich gerade eine Line gezogen und wollte das kostbare Pülverchen bis zum letzten Partikel für sich haben. Ich hab ihn dann rausgeschmissen, weil ich wirklich dringend aufs Klo musste. Als ich mich setzte, wurde mir erst bewusst, was gerade passiert war. Ich war definitiv an einem Ort, an dem ich nicht sein sollte.

— Ottoline, 26

Die Blutspur

Am dritten Tag vom Lowlands Festival taumelten meine Freunde und ich Richtung Campingplatz. Wir hatten in der vergangen Nacht so gut wie gar nicht geschlafen und wollten unsere Akkus mit einem kleinen Nickerchen wieder aufladen, um den Rest des Festivals zu überstehen.

Auf halber Strecke sahen wir ein Mädchen, das ziemlich verloren aussah. Ihre Augen waren weit aufgerissen und sie sprach unglaublich schnell, irgendwas über ihr leeres Handy und dass sie ihr Zelt nicht mehr finden könne. Oder ihren Freund. Sie hatte ihn anscheinend seit einem Tag nicht mehr gesehen und hoffte, dass sie ihn in ihrem Zelt wiederfinden würde. Wir entschieden uns, ihr zu helfen. In einer Zeltstadt voller billiger, gleich aussehender Zelte. Letztendlich rannten wir durch die Gegend und öffneten einfach jedes Zelt um uns herum und schauten kurz rein.

Nach ein paar Fehlalarmen schrie das Mädchen aufgeregt: "Hier ist es! Hier ist es!" Sie öffnete den Reißverschluss, aber das Zelt war leer. Ein paar Leute drum herum sagten, dass der Kerl aus dem Zelt zuletzt mit einer Melissa unterwegs gewesen sei. Ihre Freude verflog und machte dunklen Gewitterwolken Platz. Das Mädchen fing an zu schreien, stolperte über eine Kühlbox und trat gegen ein paar leere Bierdosen. Zu guter Letzt griff sie sich unter den Rock, holte einen blutigen Tampon hervor und beschmierte damit das Zelt des benannten anderen Mädchens. Hier hörte mein Mitleid definitiv auf. Ich war ziemlich müde und ging weg, ohne ein Wort zu sagen.

— Lisette, 32

Erektion im verpesteten Dixi-Klo

Es war der letzte Morgen des Dour Festivals in Belgien. Nach einer fünftägigen Hitzewelle, fehlendem Schatten und knappem Trinkwasser wachte ich auf und war komplett im Arsch. Ich entschied mich noch ein letztes Mal das Dixi-Klo zu benutzen. Mit einer Rolle Klopapier bewaffnet wählte ich das Stübchen ganz am Ende der Dixi-Reihe und analysierte zunächst die Situation drinnen. Mein Hirn hat die meisten Details inzwischen verdrängt, aber ich erinnere mich, wie ich dann doch ein anderes Dixi-Klo nahm. Hier war der Inhalt des Klos zumindest noch nicht auf Höhe der Klobrille angekommen. Zitternd und in Gedanken auf meinem Klo zuhause setzte ich mich hin. Ich war erleichtert, dass ich womöglich das letzte Mal auf einem Dixi-Klo auf diesem Festival war, bis ich das Pissoir neben meinem Kopf sah. Neben ein paar Plastikbechern schwammen da die Überreste einer Ejakulation. Obwohl die Luft in diesen Dixi-Klos so verpestet und es draußen so unendlich heiß war, hat es jemand geschafft sich einen runterzuholen. Um nicht weiter würgen zu müssen, schloss ich meine Augen. Das Trauma blieb.

— Rik, 23

Der Pissbeutel

Es war Samstagabend auf einem Konzert, als ich einen Typen entdeckte, der laut lachend auf den Bauch seines Kumpels zeigte. Der Kumpel fing auch an zu lachen, hob sein Shirt hoch und holte etwas heraus, das aussah wie eine Tüte. Es war ein voller Urinbeutel war, den der Typ jetzt wie verrückt über seinem Kopf hin und her schleuderte und letztendlich in die Menschenmasse warf. Der Inhalt verteilte sich über die Leute. Ich konnte zwar nicht sehen, wo der Beutel letztendlich landete, aber ich konnte mir vorstellen, wie ein armer, ahnungsloser Festivalbesucher den verschwitzten Beutel voller Urin ins Gesicht geschleudert bekam. Die Menschen um mich rum würgten. Ich fand es irgendwie amüsant. Vielleicht lag das daran, dass ich selbst der Kumpel war, der seinem Freund vorgeschlagen hatte, seinen Urinbeutel in die Menge zu schleudern.

— Vincent, 36

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