„Es gibt halt kein Happy End“: auf ein Mineralwasser mit Sarah Kuttner
Foto: Erik Weiss
Kultur

„Es gibt halt kein Happy End“: auf ein Mineralwasser mit Sarah Kuttner

2009 veröffentlichte die Moderatorin mit „Mängelexemplar“ ihren ersten Roman, jetzt wurde die Geschichte über eine depressive Berlinerin verfilmt. Wir haben mit Sarah Kuttner über die dunklen Seiten des Lebens gesprochen—und trotzdem gelacht.
12.5.16

Sarah Kuttner war manchen schon immer ein bisschen zu laut, ein bisschen zu ehrlich, ein bisschen zu präsent. Das eint sie mit der Hauptdarstellerin ihres Debütromans Mängelexemplar, dessen Verfilmung aktuell im Kino zu sehen ist. Auch deswegen kam immer wieder die Frage auf, wie autobiografisch die Geschichte von Protagonistin Karo, die nach dem Verlust ihres Jobs einen Nervenzusammenbruch erleidet und anschließend mit einer ausgewachsenen Depression zu kämpfen hat, zu verstehen ist. Zumindest daraus, dass sie durchaus weiß, wie sich ein solches Krankheitsbild darstellt, hat Kuttner nie ein Geheimnis gemacht. Wir haben uns mit der Moderatorin und Autorin in Berlin getroffen, über die dunklen Zeiten des Lebens gesprochen—und trotzdem gelacht. Die 37-Jährige ist schließlich nicht umsonst eine der unterhaltsamsten Frauen, die die deutsche Medienbranche zu bieten hat.

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Broadly: Ich muss zugeben, dass ich das Buch vorher nicht gelesen habe, habe aber gestern den Film gesehen und muss sagen: Ich war positiv überrascht davon, wie realistisch Depressionen dargestellt werden.
Sarah Kuttner: Wir haben über die Verfilmung ja schon lange gesprochen, auch zwischendurch mit anderen Produktionsfirmen, und da war uns schon klar, dass es sehr schwer sein wird, das nachvollziehbar darzustellen. Im Buch ist es sehr viel Innenansicht. Karo redet viel mit sich und denkt auf sich rum, es gibt gar nicht so wahnsinnig viel Dialog. Wie kriegt man das also dargestellt, das Hadern und die Angst und die Panik und die Traurigkeit und dumme Traurigkeit, beziehungsweise nicht nachvollziehbare Traurigkeit? Wie macht man das in einem Film, ohne dass ständig einer sagt: „Ich bin nicht nachvollziehbar traurig"? Ich wusste auch nicht, wie man das am Besten umsetzt, deswegen bin ich richtig froh und stolz, wie die das hingekriegt haben.

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Was ich auch schön fand war, dass der Arzt am Schluss noch mal ganz explizit sagt: „Das hört nicht auf. Sie müssen ab jetzt diese Tabletten nehmen."
Es gibt halt kein Happy End. So ist es im Leben nicht und so ist es in all meinen Büchern nicht. Ich lege auch Wert darauf, dass zwar eine Entwicklung stattfindet, aber keine, die so groß ist, dass man sie nicht glaubt. Andere Bücher fangen damit an—und das ist natürlich auch vollkommen in Ordnung—, dass ein Mädchen super unglücklich ist und am Ende der Typ mit dem weißen Pferd kommt und mit einem Paar Louboutin-Schuhe und alle lieben sich und alle sind sehr viel dünner und glücklicher geworden. Bei Mängelexemplar ist im Buch und im Film das Ende aber gar nicht die Heilung, sondern überhaupt erst mal einzusehen, wie man sich mit sich selbst arrangieren muss.

Ich kann mir vorstellen, dass es nicht so einfach ist, eine Geschichte zu verkaufen, egal ob als Buch oder Film, in der ganz oberflächlich betrachtet gar nicht so viel passiert.
Das war ehrlich gesagt gar kein Problem. Es fällt mir schwer, das über mich zu sagen, aber das ist wahrscheinlich auch das schöne und tolle und realistische an dem Buch. Ich habe das dem Verlag erst gegeben, als es fertig war—weil es mein erster Roman war und ich dachte mir: Ich kann das gar nicht. Ich weiß nicht wie man das macht—und die waren tatsächlich begeistert. Es gibt, glaube ich, genug Bücher, bei denen am Ende alle glücklich sind. Das will ja keiner mehr, weil das nicht realistisch ist. Ich glaube, das war vielleicht sogar der ausschlaggebende Punkt dafür, dass sich das so hysterisch verkauft hat.

Ich glaube, man kann sich tatsächlich auch ein bisschen tot therapieren, tot analysieren und tot mit sich selbst beschäftigen.

Es gibt diesen Moment, wo die Hauptfigur sagt, dass man sich an den Schmerz zurücksehnt, wenn er weg ist, weil man ihn kennt und angefangen hat, sich darin wohlzufühlen. Ich glaube, dass das gerade unter jüngeren Mädels mitunter tatsächlich eine angestrebte Ästhetik ist, dieses ständig traurig sein und sehr schön leiden. Auf Instagram beispielsweise gibt es wahnsinnig viel tragische Liebespoesie.
Sachen, die man kennt, sind immer sicherer und wohliger als Sachen, die man nicht kennt—selbst wenn sie an sich etwas Negatives sind. Ich bin selbst ein relativ sicherheitsbedürftiger Mensch und mir fällt es wahnsinnig schwer, Sachen, Menschen und Situationen, die ich kenne, loszulassen. Neue Sachen machen mir jetzt keine Panik, aber sie gefallen mir nicht—selbst wenn es nur um ein neues Sofa geht. Ich habe mit meiner Therapeutin im Zuge von irgendwas Anderem darüber gesprochen und sie meinte: „Menschen neigen dazu, sich da wohl zu fühlen, wo etwas vertrautes ist. Und Schmerz ist auch vertraut" Dann schreiben die jungen Dinger halt furchtbar kitschige, olle, wahrscheinlich zum Teil sogar unrealistische Poesie über ihre unglückliche Liebe oder so, aber wenigstens schreiben die Sachen. Das finde ich fast schon ein bisschen rührend. Trotzdem muss man aufpassen, dass man sich nicht verbummelt, wenn man sich dauernd mit sich und seinem Schmerz auseinandersetzt. Ich glaube, man kann sich tatsächlich auch ein bisschen tot therapieren, tot analysieren und tot mit sich selbst beschäftigen. Es muss auch eine Grenze geben, sonst fühlt man sich ausschließlich in sich selbst und da ist es auch nicht immer schön.

Diese Ventil-Metaphorik ist natürlich immer ein bisschen abgeschmackt, aber es stimmt schon, dass es hilft, Dinge einfach mal rauszulassen. Starke Gefühle machen ja immer kreativer und dann lieber fünf schlechte Liebesgedichte, als dass gar nichts hilft.
Die andere Variante wäre dann ja, sich die Arme aufzuschneiden. Man hat diesen Schmerz in sich, also kratzt man an sich rum, damit er rausgeht. Es braucht Ventile. Es ist ein abgegriffenes Bild, aber es ist genau richtig. Wenn sich etwas an einem Ort—in einem Rohr oder in einem Menschen—staut, braucht es ein Ventil, sonst wird früher oder später etwas explodieren. So funktioniert auch Weinen, glaube ich. Das ist ja auch ein Ventil und wenn Menschen das nicht können oder das nicht genug ist, dann sucht man sich ein anderes. Bevor man das an anderen Menschen auslässt oder an sich selbst, sollte man doch lieber reden, weinen und einen Song, der schlecht ist, schreiben. Das find ich schon OK.

Es gibt ein Buch von Joe Goebel, mein Lieblingsbuch, das sich mit dem Zusammenhang von Schmerz und Kunst auseinandersetzt.
Vincent! Das ist auch mein Lieblingsbuch! Oh, wie schön, dass du das sagst! Es gibt so wenig Bücher, die ich so eindeutig gut finde. Es ist schon ewig her, dass ich das gelesen habe, und die grundlegende Theorie, dass man Schmerz benutzt, ihn beim Künstler aktiv herstellt, ist natürlich asozial, aber auch irgendwie super. Ein schwieriges, aber tolles Konzept. Die Frage ist, ob das am Ende gut ist oder nicht, aber man muss es ja auch nicht immer machen—wie in dem Buch—um Erfolg zu feiern. Ansonsten sind wir uns ja einig, dass das ein vollkommen legitimes und ungefährliches Ventil ist.

Jetzt gerade könnte ich ganz gut Urlaub von mir selbst machen.

Du hast gesagt, dass natürlich die Gefahr besteht, dass man sich in sich selbst verliert, wenn man sich zu sehr mit sich selbst beschäftigt. Ich hatte bei Mängelexemplar das Gefühl, dass die Hauptfigur auch von dem Wunsch getrieben ist, sich selbst zu entkommen, weil sie sich in sich selbst so gefangen fühlt.
Aber das gilt, glaube ich, für jeden Menschen, oder? Dass man sich selber auch manchmal ein bisschen zu viel ist, hat ja auch gar nicht notgedrungen etwas mit einem Krankheitsbild zu tun. Ich hab jetzt gerade 22 Lesungen zu 180° Meer absolviert und finde mich zum Kotzen. [Gelächter] Den Leuten scheint das nicht so zu gehen, aber während ich da sitze und lese, denke ich: Das Buch ist unzureichend. Was ist denn das für ein Satz? Wieso hab ich denn das gemacht? Das hätte ich ja viel anders, kürzer, besser machen können. Die Leute lachen sich dumm und dämlich und ich denke mir: Oh echt, der Witz schon wieder?! Und dann rede ich und bin zu präsent für mich. Zu viel Sarah, Sarah, Sarah. Das ist auch schön—natürlich—, vor allem wenn da immer 300 Leute sitzen, die es richtig, richtig gut finden. Trotzdem denk ich währenddessen: Ach, ihr habt nur nicht kapiert, dass ich gar nichts draufhabe. Das ist total gemein mir gegenüber und gemein gegenüber den Leuten, denen ich das unterstelle—aber vermutlich trotzdem gesünder, als ernsthaft zu glauben, dass man richtig, richtig cool ist. Jetzt gerade könnte ich ganz gut Urlaub von mir selbst machen.

Begreifst du dich aktuell mehr als Autorin oder als Moderatorin?
Ich begreife mich grundsätzlich immer mehr als Moderatorin, weil ich das schon immer gemacht habe und das Gefühl habe, dass das mein Hauptberuf ist. Selbst wenn ich gerade keine Sendung, aber ein neues Buch herausgebracht habe, fühle ich mich grundsätzlich eher als Moderatorin, die auch schreibt. Ich schreibe alle vier Jahre und denke nach jedem Buch: Das war's jetzt. Jetzt weiß ich wirklich nicht mehr, was ich schreiben will. Deswegen hab ich auch gar nicht das Gefühl, Autorin zu sein. Ich habe nicht das Gefühl, Gedanken und Ideen über Jahre zu sammeln. Ich bin zu ungeduldig. Wenn ich weiß, was ich will, dann weiß ich's auch. Dann wird das erledigt, das Buch in kurzer Zeit geschrieben, weil ich Angst habe, dass sich meine Ideen oder mein Stil in der Zeit ändern, in der ich damit beschäftigt bin. Das ist eher so wie ein Projekt: Ich wollte noch diesen Baum pflanzen. Also muss ich neue Erde kaufen, das richtige Mischverhältnis zwischen neuer und alter Erde berechnen, Dünger besorgen und den Baum. Und dann wird das einfach gemacht. Zack.

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Wie lange hast du an deinem letzten Buch geschrieben?
Ein halbes Jahr und das war das längste von allen. Die davor gingen super schnell. Wenn ich Leuten davon erzähle und die überrascht sind, habe ich immer das Gefühl, als würde ich so tun, als sei ich ein Wunderkind. Aber das ist gar nichts besonderes. Wenn man weiß, was man will und die Zeit hat, jeden Tag zu schreiben, dann kann man in zwei Monaten ein Buch schreiben. Ich weigere mich zu glauben, dass dadurch die Qualität flöten geht. Das hat dieses Mal auch nur deshalb ein halbes Jahr gedauert, weil ich den Arsch zwischendurch nicht so richtig hochbekommen habe. Ich wollte dann doch lieber popeln oder Rasenmähen. Wenn man am Tag fünf Seiten schreibt, was total realistisch ist, dann kannst du dir ausrechnen, wie gut das zu schaffen ist. Wenn du weißt, was du willst, musst du es nur noch aufschreiben. Zumindest ist es bei mir so.