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Valentinstag

Liebeskomödien im Test: Wie realistisch sind "500 Days of Summer" und Co.?

YouTube-Star und Beziehungsexperte Michael Buchinger hat sich passend zum Valentinstag durch die großen Herzschmerz-Klassiker gewühlt.

von Michael Buchinger
14 Februar 2017, 9:35am

Collage: VICE Media | Backgroundfoto: imago | ZUMA Press

Ich liebe romantische Komödien. Mein liebster Film des Genres ist mit Abstand E-Mail für dich, in dem Meg Ryan und Tom Hanks Rivalen im Geschäft aber Verliebte im World Wide Web spielen, die sich gegenseitig E-Mails schreiben und dabei keine Sekunde lang schnallen, dass sie sich auch im echten Leben kennen (was mich – zugegeben – ein bisschen an ihrer Intelligenz zweifeln lässt. Sie brauchen schon sehr lange, um diese Nuss zu knacken!).

Im Alter von 14 bis 18 habe ich diesen Film mindestens einmal im Monat geschaut, was euch auch in etwa Auskunft darüber geben sollte, wie viel Sex ich in diesem Zeitraum so hatte. Diesem Ritual habe ich all die falschen Erwartungen an die Liebe zu verdanken: Nun war ich felsenfest davon überzeugt, dass mein Traumprinz schon kommen würde, wenn ich einfach lang genug in Online-Foren oder Chatrooms rumlungern würde. Leider nein: Der einzige Prinz, der mir im Internet je unterkam, war dieser nigerianische Prinz aus den Spam-Mails, der möchte, dass ich ihm Geld überweise.

Als ich 20 war, hatte ich ein kleines Erlebnis, das meinem Lieblingsfilm schon ziemlich nahe kam. Damals enthüllte ein Typ, mit dem ich über zwei Wochen auf einer Online-Dating-Plattform geschrieben und der mir ungefragt Bilder von seinem nackten Körper (nicht aber von seinem Gesicht) geschickt hatte, eines Tages theatralisch: "Michael, ich bin es: BENEDIKT!"

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Wie sich herausstellte, hatte ich zwei Wochen lang mit einem ehemaligen Klassenkameraden kommuniziert und kam mir weniger entzückt, sondern ziemlich verarscht vor. Dies hatte, wie ich euch leider berichten muss, nicht zur Folge, dass wir uns Ryan-und-Hanks-Style in einem Park trafen und einander küssten, sondern vielmehr, dass ich seitdem vorgebe, sämtliche Einladungen auf Klassentreffen "schon wieder nicht bekommen" zu haben.

Ernüchtert musste ich feststellen, dass manche Dinge nun mal nur romantisch sind, wenn sie im Film passieren.

Pünktlich zum Valentinstag machte ich es mir dieses Jahr zum Vorsatz, mir wieder einmal ein paar klassische Rom-Coms aus meiner umfangreichen DVD-Sammlung zu Gemüte zu führen und sie (in liebevoller Erinnerung an mein E-Mail für Dich-Erlebnis) auf die Probe zu stellen: Sind die dargestellten Szenarien realistisch und wären sie im echten Leben wirklich genau so schön? Oder sind so viele von uns am Tag der Liebe so wahnsinnig unglücklich, weil die Szenen, zu denen wir ins Kissen schluchzen, so rein gar nichts mit der Realität zu tun haben?

500 Days of Summer

Für einen Film, der immer als "äußerst realistische Liebesgeschichte" gelobt wird, ist 500 Days of Summer in etwa so aus dem Leben gegriffen wie Star Wars Episode VII. Zooey Deschanel spielt eine verrückte Knalltüte namens Summer (get it?); ein typisches Manic Pixie Dream Girl, wie man diesen Typ Frau gerne nennt.

Diese Menschen sind Freigeister und lieben es, Hüte zu tragen oder im Regen zu tanzen. Es ist unmöglich, einen Termin mit ihnen zu vereinbaren, da es sein könnte, dass sie kurz vorher im Fernsehen eine Doku über Afrika gesehen und dann beschlossen haben, sofort dort hinzuziehen. Während man also am vereinbarten Treffpunkt auf sie wartet, sind sie schon längst in Äthiopien, haben eine getellerte Lippe und tanzen ausgelassen im Regen.

Ich muss wohl nicht erwähnen, dass solche Menschen nur in Filmen existieren: Ich bin mir ziemlich sicher, dass "Summer" im echten Leben schon längst von einem Bus überfahren worden wäre, weil sie mal wieder beim Straßen überqueren Ukulele gespielt hat. Dass eine Beziehung mit ihr 500 Tage lang auch nur annähernd gut geht, halte ich also für äußerst unrealistisch.

Nicht realistisch! Next!

Notting Hill

Unglaubwürdiger als die Tatsache, dass ein Filmstar wie Anna Scott (Julia Roberts) sich einfach so in einen normalen Bürger William (Hugh Grant) verliebt, finde ich ja, dass dieser Typ eine süße kleine Reisebuchhandlung in Notting Hill besitzt, viel Zeit mit seinem "Mitbewohner" verbringt und dennoch die Fassade aufrecht erhält, vollkommen hetero zu sein.

Etwas, was mich an diesem Film zudem äußerst betrübt, ist die rollstuhlfahrende Nebenfigur Bella. Versteht mich nicht falsch: Ich finde es toll, dass in einem Mainstream-Film eine Person mit körperlicher Behinderung vorkommt. Bravo! Sie ist mit Abstand der realistischste Teil dieser Geschichte. Aber hätte es schaden können, dieser Figur auch nur eine kurze Sekunde lang Glück zu schenken?

Ständig wird sie dabei gezeigt, wie sie entweder etwas ziemlich Trauriges erzählt oder aber fast von William und den anderen Freunden am Straßenrand zurückgelassen wird, während diese (wie in romantischen Komödien üblich) im Auto zu Anna rasen, um ihr noch rechtzeitig die Liebe zu gestehen.

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Als Kontrollfreak nervt es mich, dass Charaktere in Liebesfilmen nie fristgerecht "Ich liebe dich!" sagen können, sondern immer in letzter Sekunde zum Flughafen eilen müssen. Haben sie je etwas von Telefonen gehört? Sie könnten sich diese peinlichen Reden vor all den fremden Menschen ersparen, wenn sie einfach ein bisschen organisierter wären.

Aber Notting Hill ist ein ziemlich guter Film, also verzeihe ich ihm diese Fehltritte und freue mich über das Happy End, bei dem alle tanzen – außer Bella, die am Rand sitzt und ihnen allen dabei zuschaut (wirklich! Ich denke mir das nicht aus!).

Teilweise realistisch!

27 Dresses

27 Dresses ist ein Film voll von Zufällen, wie sie nur in romantischen Komödien passieren. Aus irgendeinem Grund LIEBT Jane (Katherine Heigl) Hochzeiten und ist gerne die Brautjungfer für ihre Freundinnen. Durch Zufall trifft sie einen Mann, der zufällig bei einer Zeitung den Hochzeitsteil schreibt, den Katherine ebenfalls liebt, und für den im Jahre Schnee auch die Hochzeit ihrer Eltern porträtiert wurde.

Wieso so viele Zufälle? Ich wundere mich schon, wenn zweimal der gleiche Essenslieferant zu mir kommt. Aber OK, weiter im Film:

Die Kacke fängt so richtig zu dampfen an, als Jane ihren Terminkalender voll mit Hochzeitsterminen im Taxi liegen lässt und der Zeitungstyp ihn aufhebt. Er beschließt, ihr auf diese Hochzeiten zu folgen und einen Artikel zu schreiben, was uns allen als Früherkennungszeichen für Stalking dienen sollte.

Das ist eindeutig nur im Film romantisch! Jane verliebt sich natürlich in ihren Stalker, aber der einzige Drei-Wörter-Satz, den ich zu diesem Typen sagen würde, ist "Verpiss dich, Psycho!", bevor ich meinen Namen ändere und mir ein neues Leben in einem Leuchtturm in Norwegen aufbaue.

Schließlich möchte ich nichts dem Zufall überlassen.

Nicht realistisch!

Harry und Sally

Harry und Sally lernen sich kennen, als sie eine Fahrgemeinschaft von Chicago nach New York bilden. Während der Autofahrt verstehen sie sich in etwa so gut wie Tom und Jerry – nicht zuletzt, weil sie sich uneinig darüber sind, ob Männer und Frauen Freunde sein können – und gehen schon bald getrennte Wege.

Über die nächsten zehn Jahre treffen sie sich immer wieder mal zufällig und werden (huch!) Freunde. Sally täuscht mitten in einem Restaurant einen Orgasmus vor und spätestens das wäre der Moment, in dem ich meinen eigenen Tod vortäuschen würde, um der Freundschaft mit dieser Schreckschraube zu entkommen. Aber ich glaube, Harry ist beeindruckt.

Obwohl sie sich anfangs hassen, werden Harry und Sally schließlich ein Paar und alles ist perfekt. Dennoch halte ich diese Geschichte für durchaus realistisch und ich weiß aus eigener Erfahrung, dass solch ein Sinneswandel möglich ist: Als ich 16 war, graute mir sowohl vor Käse, als auch vor Wein und wie wir alle wissen, sind diese beiden Lebensmittel nun der Hauptbestandteil meiner Ernährungspyramide.

Durchaus realistisch!

Schlaflos in Seattle

Sam Baldwin ist Witwer und Vater von Jonah; einem dieser nervigen Filmkinder wie Curly Sue und Kevin McCallister, die ständig das Schicksal selbst in die Hand nehmen wollen. So ruft der Junge bei einem Radiosender an und wünscht sich als "Weihnachtswunsch" eine neue Frau für seinen Vater.

Sam bekommt viele Briefe; so auch von Annie, die zwar eigentlich verlobt ist, doch das ist ihr schnurzegal! Sie schlägt ein Treffen am Empire State Building vor, das dieser gerissene Jonah im Namen seines Vaters bestätigt. Dann fliegt er alleine nach New York, um Annie zu finden.

Was ist los mit diesem Kind? In seinem Alter habe ich vollkommen hilflos angefangen zu weinen, wenn meine Mutter mich alleine im Waschmittel-Gang des Supermarkts stehen ließ. Das Ende ist wohl jedem bekannt: Sam eilt Jonah hinterher und begegnet auf der Aussichtsplattform des Empire State Buildings seinem Sohn und (Schock!) Annie. Glücklich steigt das teuflische Trio in den Aufzug ein.

Abgesehen davon, dass der Plot des Films ein absoluter Witz ist, stört mich, dass die Menschen in Filmen sich immer sofort lieben, ohne sich überhaupt richtig zu kennen. Was, wenn Sam nach dem "Happy End" herausfindet, dass Annie "Bruschetta" falsch ausspricht oder Annie merkt, dass das Einzige, was Sam mehr liebt als sie, Kokain und Nutten sind?

All das wäre nicht passiert, hätte Jonah sich als "Weihnachtswunsch" beim Radio einfach eine Playstation gewünscht.

Nicht realistisch!

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Wie ihr an meiner Stichprobe klar erkennen könnt, sind die meisten romantischen Komödien ziemlich unrealistisch. Das kann natürlich gefährlich werden, wenn man sich ein bisschen zu sehr von ihnen beeinflussen lässt: Ehe man sich versieht, schwärmt man für einen Filmstar, küsst seinen Stalker oder sucht – wie einst auch ich – die Liebe per Mail.

Doch heute bin ich weniger naiv. Wo ich mir einst einbildete, ich müsse all meine Dates auf das Wiener Äquivalent des Empire State Buildings (den Donauturm?) schleppen, um ihnen meine Liebe zu gestehen, verstehe ich mittlerweile, dass romantische Komödien einfach nur leichtherzige Realitätsflucht, und keine Anleitung zum Liebesglück sind.

Nun halte ich jeden Bridget Jones-Film für genauso wahrscheinlich wie ein weiteres Abenteuer der Transformers-Reihe, und sehe Zooey Deschanel als nicht mehr als R2D2 mit Stirnfransen. Romantische Komödien mögen nicht sonderlich realistisch sein und nicht immer unseren oftmals tristen, eintönigen Alltag widerspiegeln – vielleicht lieben wir sie aber auch genau deswegen so sehr.