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Reproduktive Rechte

Wie es ist, ein nicht lebensfähiges Kind austragen zu müssen

Nach der Wahl von Abtreibungsgegner Donald Trump zum Präsidenten stellt sich die Frage, wie die Zukunft der Frauenrechte in den USA aussieht. In Irland sind Abtreibungen bereits verboten—und machen das Leben von Müttern-wider-Willen zum Albtraum.

von Sarah Waldron
09 November 2016, 9:20am

Photo by Tomas Mikula via Stocksy

Mit dem überraschenden Wahlsieg von Donald Trump ist die Zukunft von reproduktiven Rechten in den USA gefährdet. Der Mann, der in den vergangenen Monaten davon gesprochen hat, abtreibende Frauen „bestrafen" zu wollen und ebenso blutige wie falsche Horrorszenarien entwarf, nach denen bei Spätabtreibungen schwangeren Frauen das Kind noch kurz vor der Geburt aus dem Leib „gerissen" werden könne, wurde in das mächtigste politische Amt der Welt gewählt. Die Situation von Frauen, die aus den verschiedensten Gründen eine Abtreibung vornehmen wollen, ist schon heute in vielen US-Staaten schwierig bis schlichtweg menschenverachtend. Abtreibungsgegner stoßen im öffentlichen christlich geprägten Diskurs von vielen Seiten Zustimmung, wie sich Trumps Präsidentschaft auf Frauenrechte auswirkt, ist zum jetzigen Zeitpunkt kaum absehbar. In den sozialen Medien lässt sich ablesen: Viele amerikanische Frauen haben Angst davor, was sie in Zukunft erwartet.

In Irland gibt es bereits eine Gesetzgebung, die Frauen die Entscheidung über das, was in einer Schwangerschaft mit ihrem Körper passiert, nahezu unmöglich macht. Irlands achter Zusatz zur Verfassung trat 1983 in Kraft. „Der Staat erkennt das Recht auf Leben von Ungeborenen an und garantiert dieses Recht, unter Berücksichtigung des gleichwertigen Rechts auf Leben der Mutter, per Gesetz zu respektieren und so weit realisierbar, per Gesetz zu schützen und zu verteidigen." Kurz gesagt, ein Fötus hat dasselbe Recht auf Leben wie die Person, die ihn austrägt—oder noch kürzer gesagt: keine Abtreibungen.

„Niemand spricht über den fehlenden Konsens in der Schwangerschaftsbetreuung wegen des achten Zusatzartikels. Das Thema bekommt einfach keine Sendezeit. Den Leuten scheint es egal zu sein, dass schwangere Frauen kein Recht auf Mitsprache haben." Claire Cullen-Delsol sitzt in ihrer Küche. Sie trägt einen schwarzen Pullover mit der Aufschrift „REPEAL" (dt. Aufhebung), die sich groß über ihre Brust zieht. Ihr zweijähriger Sohn Nathan sitzt im Hintergrund und spielt. „Ich war dreimal schwanger und habe erst bei der dritten Schwangerschaft gemerkt, dass mein Einverständnis überhaupt nicht benötigt wird, um irgendwelche Behandlungen an mir vorzunehmen. Das macht mir eine Heidenangst."

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Zwischen 1980 und 2015 sind 165.438 Frauen nach England gereist, um eine Abtreibung vornehmen zu lassen (es ist sehr wahrscheinlich, dass die tatsächliche Zahl noch höher ist, da die vorliegenden Daten von Frauen stammen, die ihre Anschrift in Irland mitgeteilt haben). Die Frauen machen sich auf den Weg, nehmen still und heimlich den Bus, die Fähre oder das Flugzeug nach Manchester, Liverpool, Essex oder London. Viele von ihnen fahren oft noch am selben Tag wieder zurück—blutend, desorientiert, voller Schmerzen und Scham. Der Eingriff ist nicht nur teuer, sondern auch demütigend.

Manche Frauen sind allerdings aus unterschiedlichen Gründen nicht in der Lage, ins Ausland zu fahren und sind infolgedessen gezwungen, den Fötus auszutragen. In einem besonders schockierenden und viel diskutierten Fall kam eine Frau, die nur als Frau Y bekannt ist, im März 2014 als Flüchtling nach Irland, um dort Asyl zu beantragen. Eine Woche später fand sie heraus, dass sie schwanger ist und bat darum, ins Ausland reisen zu dürfen, um eine Abtreibung vornehmen zu lassen. Sie gab an, dass das Baby das Resultat einer Vergewaltigung war und wurde suizidal. Ihr Antrag wurde dennoch abgelehnt. Nach einem langwierigen Hungerstreik in einer Geburtsklinik brachte sie im August einen kleinen Jungen zur Welt. Er war ein Frühchen und musste per Kaiserschnitt geholt werden. Frau Y wurde eine Woche später wieder zurück in ihre staatliche Unterbringung geschickt. Seither versucht sie, die Regierung auf Schadensersatz zu verklagen.

Ein Jahr später ging Claire Cullen-Delsol durch ihre eigene staatlich verordnete Hölle. Sie war mit ihrem dritten Kind schwanger und wusste, dass etwas nicht stimmte. „Am dem Tag, als die Ultraschalluntersuchung in der 20. Woche gemacht wurde, hatte ich einfach so eine Angst und wusste aber eigentlich gar nicht warum. Ich wusste nur, dass irgendwas komisch war: Mein Babybauch war ziemlich groß und es haben mir auch immer alle gesagt, wie groß er war."

Claire Cullen-Delsol. Foto: Claire

Der Ultraschall bestätigte, dass das Baby—ein Mädchen, das Cullen-Delsol und ihre Mann Wayne Alex genannt haben—eine beidseitige Gaumenspalte hatte. Cullen-Delsol dachte: „In Ordnung, dann ist ihr Gesicht eben etwas anders geformt." Dann wurden Zysten in der Planzenta gefunden. Das Gehirn war nicht richtig entwickelt und es gab ein Problem mit der Nierenfunktion.

Cullen-Delsol ging zur Fruchtwasseruntersuchung, bei der Proben genommen wurden, um sie auf genetische Abnormalitäten zu untersuchen. „Man geht davon aus, dass man da reingeht, den Ultraschall machen lässt, ein Foto bekommt, das man mit nach Hause nehmen und auf Facebook teilen kann und das war's", sagt sie. „Ich habe immer gehofft, dass das Kind Down hat. Ich dachte immer wieder darüber nach, dass es vielleicht nur eine ungewöhnliche Ausformung des Down-Syndroms sein könnte."

Ein paar Tage später bekam Cullen-Delsol einen Anruf, als sie gerade mit ihrem Mann die Küche strich. Es handelte sich um das Pätau-Syndrom, eine schwerwiegende chromosomale Störung mit einer hohen Sterblichkeitsrate. „Jede einzelne Zele ihres Körpers hatte drei Kopien des 13. Chromosoms anstatt nur zwei", erklärt Claire. Das zusätzliche genetische Material in Alex' Körper führte dazu, dass ihre Entwicklung anormal beeinträchtigt war.

Sollte ich [meine Kinder] einfach zu Hause lassen und sie anlügen und dann entweder ohne Bauch und ohne Baby oder vielleicht mit einer Leiche nach Hause kommen?

„Wir saßen einfach nur auf der Couch", sagt Cullen-Delsol. „Ich hatte dieses wirklich seltsame Geräusch in den Ohren und konnte einfach nicht sagen, woher es kam. Irgendwann drehte ich mich zu meinem Mann und meinte: ‚Hörst du das auch?' Erst da bemerkte ich, dass das Geräusch von mir kam—ein Wimmern ... ein seltsam wimmerndes, heulendes Geräusch."

„Ich wollte einfach nur, dass die Geburt eingeleitet wird. Ich wollte es einfach nur noch zur Welt bringen. Das ist alles. Ich hätte nicht gedacht, dass das zu viel verlangt wäre." Cullen-Delsol ging zum Arzt und bat darum, die Geburt einzuleiten. „Mir war nicht klar, was eine Abtreibung in diesem Stadium bedeutete. Es musste nur die Geburt eingeleitet werden, damit ich das Baby bekommen konnte, aber er meint: ‚Nein, nicht hier.'"

„Ich fragte ihn: ‚Wie beende ich diese Schwangerschaft? Wie bekomme ich einen Schwangerschaftsabbruch? Muss ich dazu ins Ausland gehen? Was soll ich tun?' Ich musste danach fragen, bevor sie es überhaupt erwähnen durften. Ich weiß nicht warum. Ich denke, das liegt an dem sogenannten Regulation of Information Act. Ihre Interpretation davon bedeutet wohl, dass sie nicht über das Thema Abtreibung sprechen dürfen, geschweige denn eine Abtreibung vorschlagen dürfen. Also war ich gezwungen zu fragen, was mir wirklich schwer fiel, weil ich in diesem Moment noch nicht einmal in der Lage war, meinen eigenen Namen auszusprechen." Ihr wurde ein Krankenhaus in Liverpool empfohlen.

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Die Kosten betrugen 2.000 Euro, was sich das Paar kaum leisten konnte. Sie hatten bereits zwei Kinder, Nathan und die damals achtjährige Carla. Die Organisation war für die beiden in so kurzer Zeit einfach nicht zu stemmen. „Man kann niemanden fragen, wie man die Leiche nach Hause bringt, mit wem man darüber sprechen kann und wie ich Carla erklären sollte, was ich tat. Sollte ich sie einfach zu Hause lassen und sie anlügen und dann entweder ohne Bauch und ohne Baby oder vielleicht mit einer Leiche nach Hause kommen? Oder mit leeren Händen? Sollte ich ihr erzählen, was passiert war und sie in dem denkbar schlimmsten Zustand zurücklassen? Für wie lange?" Sie sagte selbst ab. „Es war das beste aus all den Horrorszenarien, die ich zur Auswahl hatte. Ich fand einfach keinen guten Weg, wie ich weitermachen konnte.'" Also blieb sie.

Während die Schwangerschaft immer weiter fortschritt, wurde es immer schlimmer. Alex hatte keinen Magen, was die Ärzte zu der Annahme brachte, dass sie keinen Mund hatte. Das Fruchtwasser in Cullen-Delsols Bauch baute sich weiter auf und übte Druck auf Alex aus. Zusätzlich hatte sie ein Herzleiden. Cullen-Delsol hörte auf zu funktionieren. Sie wollte weder essen noch schlafen. Nachts träumte sie davon, ein totes Baby zur Welt zu bringen. Sie hatte keine andere Wahl.

„Ich musste einfach schwanger bleiben, aber irgendwann war es genug. Es macht mich so wütend, dass es überhaupt möglich war, dass ich eine solche Geisteshaltung über mich ergehen lassen musste. Dass ich und die Dinge, die ich tue und die Funktionen, die ich im Leben erfülle, scheinbar vollkommen bedeutungslos werden, sobald ich schwanger bin. Ich musste einfach schwanger sein. Es war ein schreckliches, entmenschlichendes Gefühl."

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Als Claire dann doch eine Fehlgeburt hatte und ihre Tochter gegen Ende des zweiten Trimesters zur Welt brachte, war sie erleichtert. „Ich war nicht erleichtert, dass meine Tochter gestorben war, sondern dass ich diese Phase endlich hinter mir hatte. Das Schlimmste war vorbei und die Angst und die Altträume über das, was passieren könnte, waren endlich vorbei. Wir konnten endlich zur nächsten Phase übergehen und wieder aktiv etwas tun."

„Ich war unglaublich traurig, aber ich war anders traurig. Ich fühlte nicht mehr diesen unerträglichen Schmerz und diese Angst. Die Angst war weg—und als sie erst einmal weg war, hat ein Gefühl von Liebe eingesetzt. Die Situation hat sich komplett verändert. Hätte ich [die Geburt] drei oder vier Wochen früher gehabt [als das Pätau-Syndrom zum ersten Mal diagnostiziert wurde]—ohne den ganzen Schmerz, die Panik und die Angst—, dann wäre die Erfahrung eine ganz andere für mich gewesen. Es wäre zwar noch immer traurig und schrecklich gewesen und es wäre auch noch immer der gleiche schmerzvolle Verlust geblieben, aber das Trauma wäre nicht so groß gewesen und die gesamte Erfahrung hätte mich wahrscheinlich auch nicht so nachhaltig beeinflusst."


Foto: Sara Neff | Flickr | CC BY 2.0

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