Sport

Diese Sport-Holzfällerinnen machen Kleinholz aus Klischees

"Ich kann mich noch daran erinnern, wie eine Frau zu ihrem Mann sagte: 'Wenn sie dich schlägt, brauchst du gar nicht erst nach Hause zu kommen.'"

von Sophie Barclay
19 Mai 2017, 11:44am

All photos by Cinzia Jonathan

Holzhacken war ursprünglich mal ein notwendiges Übel, um über den Winter zu kommen. Inzwischen hat sich daraus eine ernstzunehmende sportliche Disziplin mit internationalen Wettkämpfen entwickelt, die auch immer wieder als naturbelassene Alternative zum Fitnessstudio gehandelt wird.

Nirgendwo wird das deutlicher als bei der Agricultural and Pastoral Show (A&P), einer Landwirtschaftsschau in Neuseeland, bei der sich die Crème de la Crème der Athleten in verschiedenen Disziplinen misst.

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Angeblich soll der erste Wettbewerb unter neuseeländischen Holzfällern in einer kleinen Pinte stattgefunden haben. Damals ging es noch darum, eine vom Alkohol inspirierte Wette auszutragen. Inzwischen finden die Wettbewerbe in ganz Neuseeland statt und ziehen Axt schwingende Athleten aus allen Teilen des Landes an, die sich durch Baumstämme im Wert von mehr als 3.000 Euro kämpfen.

Auch Holzhacken wird nach wie vor als klassische Männerdomäne betrachtet. Wenn man an einen Holzfäller denkt, haben die meisten noch immer einen muskulösen, verschwitzten und bärtigen Mann vor Augen. Doch das verändert sich nach und nach, denn die Frauen machen den Holzfällern immer stärker Konkurrenz.

Die meisten Holzfällerinnen schätzen den Sport nicht nur als effektives Krafttraining und aufgrund der langen Tradition. Sie lieben ihren Sport wegen dem Gemeinschaftsgefühl, das unter ihnen herrscht.

Alle Fotos: Cinzia Jonathan

Sheree Taylor (siehe oben), 63, hat schon unzählige nationale und internationale Auszeichnungen gewonnen und hackt und sägt inzwischen schon seit mehr als 30 Jahren. Ursprünglich hat ihr Mann sie zum dem Sport gebracht, nachdem sie sich beim Netball verletzt hatte.

Sie begann bei internationalen Wettbewerben anzutreten, noch bevor es offizielle Frauenwettkämpfe gab. Auch in ihrer Heimat Neuseeland trat sie zu Beginn vor allem gegen männliche Mitbewerber an. Eine Tatsache, die sie oftmals in seltsame Situationen gebracht hat.

Sie wollten einfach keine Frauen in ihrer Mitte.

"Ich kann mich noch daran erinnern, wie eine Frau zu ihrem Mann sagte: 'Wenn sie dich schlägt, brauchst du gar nicht erst nach Hause zu kommen.' Der Mann tat mir damals ziemlich leid. Ich wurde aber auch schon mal mitten auf der Bühne gefragt, ob ich männliche Genitalien hätte."

Sie hat es nie darauf angelegt, ihre männlichen Mitstreiter gegen sich aufzubringen, sagt sie, aber "sie wollten einfach keine Frauen in ihrer Mitte". Einige von ihnen haben sie unterstützt, andere eben nicht. Das war ihr auch manchmal sehr unangenehm.

Von ihrem Sport ließ sie sich dadurch aber nie abbringen. "Ich dachte mir immer: 'Das ist deren Problem, nicht meins.' Ich habe mich davon nicht verunsichern lassen."

Sheree wurde zum einem Vorbild für die Sport-Holzfällerinnen in Neuseeland, die vor 14 Jahren dann schließlich die "Axeferns" gründeten. Die Mannschaft besteht aus acht Sport-Holzfällerinnen aus dem ganzen Land. Ihr Team-Kapitän ist Alma Wallace (siehe oben), eine Milchbäuerin, die in ihrer Freizeit gerne Holz hackt.

"Wir sind sehr stolz und trainieren sehr hart – genau wie die anderen Athleten auch", sagt Alma. "Bekommen wir die Anerkennung, die wir verdienen? Nein. Hätten wir es verdient? Mit Sicherheit. Immerhin tragen wir ziemlich viel zum Erfolg dieses Sports bei. Wir begeistern die breiten Massen."


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Die 26-jährige Darcell Apelu (siehe unten) mit niueanischen Wurzeln tritt seit mehr als zwölf Jahren als Sport-Holzfällerin an. In der Vergangenheit wurden Frauen immer nur als symbolische Mitbewerber betrachtet, sagt sie. Der Wettkampf drehte sich vor allem um die Männer. Die einzige Ausnahme war das "Jack and Jill"-Wettsägen – eine Disziplin zu der die Männer Frauenkleider trugen, um gemeinsam mit ihren ahnungslosen und meist auch sehr schick angezogenen Frauen Baumstämme durchzusägen.

"Sport-Holzfällerinnen gelten noch immer als Novum. Man nimmt uns noch immer nicht so ernst wie die Männer", sagt Darcell. "Dabei bezahlen wir genauso viel, um teilnehmen zu können. Wir zahlen genau die gleichen Gebühren, um hier anzutreten."

Darcell arbeitet als Künstlerin und hält nebenbei auch Vorträge. In ihren Videoarbeiten mit Titeln wie Saw oder Chop sägt sich Darcell in der traditionellen niueanischen Bekleidung durch Holzblöcke und verwandelt Holzhacken dadurch in einen kulturellen Tanz. Außerdem nutzt sie ihren Sport auch in ihrer Kunst: Sie erforscht nicht nur die Wahrnehmung der Andersartigkeit, sondern hackt und sägt sich auch immer weiter durch "die Klischees meiner wahrgenommenen pazifischen Identität".

Auch Sexismus und Homophobie sind noch immer ein Problem unter den Sport-Holzfällern, sagt sie – vor allem unter den älteren Mitbewerbern. "Wir hatten mal ein lesbisches Paar in unserer Mannschaft. Ältere Holzfäller hatten damit ein echtes Problem. Die sind da ziemlich altmodisch."

Wir wollen einfach respektiert werden.

Sie selbst kann sich aber auch noch an einen Moment erinnern, in dem sie von den anderen Wettbewerbsteilnehmern diskriminiert wurde. "Ich bin kurz zuvor 16 geworden und fuhr mit der Damenmannschaft zu einem Wettkampf in Sydney. Ich wollte in der Gruppe der 16-Jährigen in der Disziplin Underhand Chop antreten, aber sie wollten mich partout nicht zu einer Gruppe aus jungen Männern zulassen. Sie sagten mir: 'Du hast doch deine Frauenveranstaltungen.'"

Diese Diskrepanz spiegelt sich auch im Preisgeld wider. Während die Gewinnerinnen des wichtigsten Wettkampfes in Rotorua umgerechnet rund 60 Euro bekommen, sind zwei der Wettkämpfe der Männer mit jeweils 600 Euro dotiert. Das liegt vor allem an den fehlenden Sponsoren, sagt Darcell.

Die Axeferns haben inzwischen eine eigene Nachwuchsgruppe gegründet, um junge Frauen für den Sport zu begeistern. Eine von ihnen ist Mikhayla Tainui-Mclean, die durch ihren Freund Christopher zu dem Sport kam. Er hat ihr damals sogar seine alte Ausrüstung überlassen. Immerhin können Axtköpfe über 400 Euro kosten. Die Sägen kosten im Schnitt sogar rund 1.500 Euro.

Tainui-Mclean ist mittlerweile die dritte Saison dabei und wie sich herausgestellt hat, ist die 21-Jährige angehende Lehrerin (siehe unten) eine echte Spitzenathletin. Im vergangenen Jahr hat sie unter anderem auch den Achievement Prize bei der Royal Easter Show in Sydney bekommen, der jedes Jahr an die besten Sport-Holzfällerinnen verliehen wird.

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Während sie ihre Schutzstrümpfe anzieht – die im Grunde nichts anderes sind als Stechschutzhandschuhe für die Beine –, erzählt Mikhayla, dass die meisten Männer doch sehr aufgeschlossen und hilfsbereit sind, auch wenn Holzhacken noch immer eine "Männersportart" ist. "Gestern haben mich mindestens drei verschiedene Männer angesprochen. Sie haben mir Tipps gegeben wie: 'Probier es mal so' oder 'Halte die Axt lieber so.'"

Nach einem langen Wettkampftag verschwinden die Sägen und Äxte dann schließlich wieder in ihren Kisten. Doch es wird nicht lange dauern, bis die Frauen ihre Axt wieder zücken. "Wir wollen einfach respektiert werden", sagt Alma. "Das haben wir verdient und wir sind stolz darauf, genauso hart zu trainieren, wie alle anderen Athleten auch."

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