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Die ungewisse Zukunft von trans- und intersexuellen Athleten

Seit Jahrzehnten ist die Teilnahme von trans- und intersexuellen Athleten bei hochrangigen sportlichen Wettkämpfen höchst umstritten und nach wie vor dreht sich ein Großteil der Diskussion um das Testosteron.

von Diana Tourjée
19 August 2016, 7:15am

Illustration by Grace Wilson

Es hat bisher noch nie einen Athleten bei den Olympischen Spielen gegeben, der sich öffentlich als transsexuell geoutet hat. Bis 2003 durften Transgender-Athleten noch nicht einmal an den Spielen teilnehmen. Damals hat das Internationale Olympische Komitee (IOC) eine Versammlung in Stockholm einberufen, um sich mit der zunehmenden Diskussion um transsexuelle Athleten zu beschäftigen. Das Ergebnis dieses Treffens war der sogenannte „Stockholm Consensus on Sex Reassignment in Sports"—Richtlinien, die zum allerersten Mal die Rahmenbedingungen für die Teilnahme von transsexuellen Sportlern an den Olympischen Spielen vorgaben. Diese Richtlinien wären allerdings nach heutigen Standards nicht nur restriktiv, sondern auch diskriminierend, weil sie nicht nur einen Nachweise verlangten, dass mindestens zwei Jahre vor dem Wettbewerb mit einer Hormonersatztherapie begonnen wurde, sondern zusätzlich auch die gesetzliche Anerkennung des neuen Geschlechts sowie eine geschlechtsangleichende Operation voraussetzten. Trotzdem wurden die Neuerungen als großer Schritt in die richtige Richtung gelobt.

Kritiker betrachteten die Neuregelung aber nach wie vor als Fehlentscheidung. Ihre Wut und ihr Ärger konzertierten sich dabei vor allem auf die Transfrauen unter den Athletinnen. Eine ehemalige Olympionikin beklagte sich über die neuen Regelungen und erklärte, dass Athletinnen hart für ihr Recht, bei den Olympischen Spielen antreten zu dürfen, gekämpft hätten und Transfrauen—die in ihren Augen im Grunde genommen Männer waren—würden diese Anstrengungen, wie sie sagt, zunichte machen. Transfrauen hätten nämlich natürliche sportliche Vorteile gegenüber Cisfrauen, wenn sie in die männliche Pubertät gekommen sind. „Es gibt einen essentiellen Unterschied zwischen Männern und Frauen", sagte sie. „Jeder Dummkopf auf der Straße kennt diesen Unterschied."

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Von trans- und intersexuellen Athleten wurde in der Vergangenheit bisher immer verlangt, dass sie pharmakologische oder operative Behandlungen vornehmen lassen mussten, bevor sie sich für die Olympischen Spiele qualifizieren durften. Dennoch war ihre Teilnahme in den letzten Jahrzehnten—insbesondere in den vergangenen zehn Jahren—immer Grund zur Diskussion über die Auswirkungen von Hormonen auf Athleten, über Fairness und Gleichberechtigung im Sport, über sportliche Vorteile und über die dubiose Verordnung ungewollter medizinischer Behandlungen durch Sportorganisationen für andernfalls gesunde Athleten. Im November 2015 nahmen Vertreter des IOC und medizinische Experten mit Fachkenntnissen in Genetik, Sportwissenschaften, Gynäkologie und Transgendergesundheit an einem erneuten Treffen des IOC teil. Ergebnis dieses Treffens war, dass die Teilnahmebedingungen für trans- und intersexuelle Athleten für die aktuellen Olympischen Spiele in Rio de Janeiro erneut reduziert wurden. Die neuen Richtlinien ermöglichen es transgender Männern und Frauen nun, bei internationalen Sportwettkämpfen wie den Olympischen Spiele teilzunehmen und zwar mit so wenigen Beschränkungen wie niemals zuvor. Transfrauen dürfen nach 12 Monaten Hormonersatztherapie und einem bestandenen Hormontest bei Wettkämpfen antreten. Für Transmänner gibt es derweil überhaupt keine Beschränkungen mehr. Eine geschlechtsangleichende Operation wird in beiden Fällen nicht mehr verlangt.

Dank der Aufhebung zahlreicher IOC-Beschränkungen nehmen in diesem Jahr mehr trans- und intersexuelle Athleten an den Olympischen Spielen teil als jemals zuvor. Bei einem IOC-Treffen im Mai hieß es, dass in diesem Jahr zwei Transfrauen als Athletinnen bei den Spielen in Rio antreten werden. Berichten zufolge wollten sich die Athletinnen ursprünglich schon vor Beginn der Spiele outen, bisher sind die beiden aber nach wie vor anonym geblieben. Außerdem wurde vorab berichtet, dass die beiden Transgender-Athletinnen sich Sorgen machen würden, dass ihre Geschichte öffentlich werden könnte und sie wahrscheinlich gar nicht erst teilgenommen hätten, wenn sie echte Medaillen-Chancen gehabt hätten, da der Druck und die Kritik an transsexuellen Athleten zu groß sei.

Das Vorurteil, transsexuelle Athleten hätten einen unfairen Vorteil gegenüber ihren Mitstreitern, ist vielleicht auch mit ein Grund dafür, dass Caitlyn Jenner noch immer das bekannteste Gesicht transsexueller Sportler ist—obwohl sie noch als Mann gelebt hat, als sie 1976 bei den Olympischen Spielen die Goldmedaille im Zehnkampf gewonnen hat. Doch nach und nach tauchen immer mehr Stimmen auf, die versuchen, eine Veränderung zu bewirken. Chris Mosier aus dem amerikanischen Team ist ein internationaler bekannter Duathlon-Sportler—eine Sportart, die aus den Einzeldisziplinen Laufen und Radfahren besteht, aber derzeit noch nicht zu den olympische Disziplinen zählt—und der erste geoutete Transmann, der es in den USA in ein nationales Team geschafft hat. Im Interview mit Broadly spricht Mosier über die Risiken, die transsexuelle Athleten vor einem Comingout zu bedenken haben. „Transsexuelle werden grundsätzlich häufiger Opfer von Diskriminierung und Gewalt. An vielen Orten dieser Welt ist es äußerst gefährlich, sich als transsexuell zu outen", sagt er. Obwohl Mosier die Wahl gehabt hätte, bei professionellen Wettbewerben anzutreten, ohne sich als Transgender zu outen, hat er sich dafür entschieden, seine Geschichte öffentlich zu machen und sich aktiv für transsexuelle Athleten einzusetzen. Außerdem hat er die Ressourcen-Website transathlete.com gegründet und arbeitet als geschäftsführender Leiter von GO! Athletes, einem nationalen Netzwerk für aktive und ehemalige LGBTQ-Sportstipendiaten in den USA.

Es gibt einen essentiellen Unterschied zwischen Männern und Frauen. Jeder Dummkopf auf der Straße kennt diesen Unterschied.

Das Risiko für transsexuelle Athleten ist unglaublich hoch. Wenn sie bei Wettbewerben antreten wollen, sagt Mosier, geht es oft darum „ob sie von den Teammitgliedern und Trainern akzeptiert werden, ob sie überhaupt die Möglichkeit haben teilzunehmen oder ob es die Regeln des jeweiligen Sports gar nicht zulassen und natürlich geht es auch um das Geld von Sponsoren und die Kritik, der sie ausgesetzt sind, weil sie die Ersten sind." Mit „die Ersten" meint Mosier, dass transsexuelle Athleten bisher kaum sichtbar waren und es immer an Mitteln und Vorbildern gefehlt hat. Die politische Bewegung für die Gleichberechtigung von Transgender hat in den letzten Jahre aber große Fortschritte gemacht—die erneuerten Richtlinien des IOC mit eingeschlossen. Davor gab es aber (wenn überhaupt) nur sehr wenig Unterstützung für transsexuelle Menschen, die eine Karriere als Sportler anstrebten.

Chloe ist eine Sportstipendiatin Mitte zwanzig und ebenfalls transsexuell. Im Gespräch mit Broadly erklärt sie, dass sie—obwohl sie sich irgendwann auch gerne für die Olympischen Spiele qualifizieren würde—Angst hat, dass sie es niemals so weit schaffen wird, weil transsexuellen Menschen im Sport unzählige Steine in den Weg gelegt werden. Chloe hatte in der Vergangenheit nicht nur mit den mühsamen und anstrengenden Folgen der Geschlechtsumwandlung zu kämpfen, sondern wurde, genau wie Mosier, häufig diskriminiert. „Als ich mich für das Universitätsteam beworben habe, musste ich oft Erfahrungen mit Diskriminierung machen", sagt sie. „Wenn ich erwähnt habe, dass ich transsexuell bin, war das für viele Trainer Grund genug für eine sofortige Absage."

Das IOC ist eine nichtsstaatliche Organisation, die sich selbst als „Hauptverantwortlichen für die Olympischen Spiele" bezeichnet. In dieser Funktion sieht sich das IOC selbst nicht nur in der Verantwortung, die Athleten vor Diskriminierung zu schützen, sondern möchte auch den „Olympischen Geist fördern"—eine Mischung aus sportlichen, kulturellen und ethischen Werten, die sie selbst als „Lebensart" beschreiben.

Dass von transsexuellen Athleten keine geschlechtsangleichende Operation mehr gefordert wird, ist ein deutliches Zeichen dafür, dass sich diese Werte, was die Anliegen Transsexueller angeht, endlich in die richtige Richtung bewegen. Nach dem ersten Treffen des IOC im Jahr 2003, bei dem es um die Teilnahme von transsexuellen Athleten bei professionellen Wettkämpfen ging, durften transsexuelle Athleten von 2003 bis 2016 nur dann ohne Einschränkungen an Wettkämpfen teilnehmen, wenn sie bereits vor der Pubertät entsprechende geschlechtsangleichende Behandlungen vornehmen ließen. Wenn ein transsexueller Sportler an einem Wettkampf teilnehmen wollte, aber bereits in der Pubertät war, musste er eine geschlechtsangleichende Operation vornehmen lassen und nachweisen können, dass er eine hormonelle und gesetzliche Geschlechtsanpassung hinter sich hatte. Außerdem mussten die Sportler nach ihrer Geschlechtsoperation zwei Jahre warten, bevor sie teilnehmen durften.

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Chloe ist der Meinung, dass die Vorschriften in Bezug auf die Hormonniveaus von transsexuellen Teilnehmern nachvollziehbar seien, ein chirurgischer Eingriff hingegen aber ganz offensichtlich nicht notwendig sei, sondern vielmehr auf kulturelle Phobien gegenüber den Körpern Transsexueller hindeute. Schließlich ließen Genitalien keinen Hinweis auf die relative Sportlichkeit eines Menschen zu. „Die Vorstellung, eine Frau sei keine Frau ohne die ‚weibliche Anatomie' und ein Mann sei auch kein Mann ohne die ‚männliche Anatomie', ist absolut lächerlich und setzt Transgender nur unnötigen Gefahren aus", sagt Chloe. „Ich glaube, irgendwann wird es einen allgemeineren Konsens über die Richtlinien geben, die fair und vorteilhaft für alle Teilnehmer sind und so langsam scheinen immer mehr Verbände und Komitees die Regel mit der einjährigen Hormonersatztherapie zu übernehmen."

Wenn ich erwähnt habe, dass ich transsexuell bin, war das für viele Trainer Grund genug für eine sofortige Absage.

Die neuen IOC-Richtlinien sehen für Transmänner, die als Athleten bei sportlichen Wettbewerben antreten wollen, überhaupt keine Beschränkungen mehr vor. Die Beschränkungen für Transfrauen wurden derweil reduziert. Die Sorge, Transfrauen würden nach ihrer Geschlechtsumwandlung einen gewissen sportlichen Vorteil gegenüber Cis-Frauen behalten, heizt das Thema aber immer wieder an, da sich die Diskussion immer wieder um die vermeintlich vorteilhaften Effekte von Testosteron dreht. Das heißt, Experten befürchten, Transfrauen könnten einen unfairen Vorteil haben, wenn vor der Teilnahme an einem Wettkampf ihr Testosteronspiegel nicht kontrolliert wird.

Entsprechend der neuen IOC-Richtlinien müssen Athleten, die an den Wettkämpfen der Frauen teilnehmen wollen, einen Testosteronspiegel unter 10 nmol/L haben und das mindestens 12 Monate lang. (Laut einer Studie über weibliche Spitzensportlerinnen aus dem Jahr 2014 haben 99 Prozent der Sportlerinnen ein Testosteron-Niveau unter 3 nmol/L. Wenn sich eine Transfrau umoperieren lässt, liegt ihr Testosteronspiegel in der Regel unter diesem Wert. Wenn sie sich einer Hormonersatztherapie unterzieht, aber nicht umoperiert wurde, ist ihr Testosteronlevel ähnlich wie bei Cisfrauen.) Transfrauen müssen sich außerdem ganz klar als weiblich identifizieren.

Joanna Harper ist Chefärztin am Providence Portland Medical Center und eine transsexuelle Sportlerin. Harper war bei dem IOC-Treffen, bei dem die Richtlinien für trans- und intersexuelle Sportler überarbeitet wurden. In einem Interview mit Broadly erklärt sie, dass es im Sport tatsächlich sehr viel mehr Nachteile hat, eine Transfrau zu sein. Sie kennt diese Nachteile nicht nur durch ihre Erfahrung als Ärztin, sondern hat sie auch am eigenen Leib erfahren: Nach einem Jahr Hormonersatztherapie war Harper 12 Prozent langsamer als zuvor. (Sie sagt, dass Männer auf langen Strecken im Schnitt ungefähr 12 Prozent schneller laufen als Frauen.)

Ich habe schon oft erlebt, dass ich bei Wettkämpfen ausgelacht wurde oder sich Leute über mich lustig gemacht haben.

Andere Merkmale wie die Körpergröße verändern sich nicht durch die Hormonersatztherapie. Entsprechend sind Transfrauen tendenziell größer als die anderen Teilnehmerinnen, was aber auch nicht unbedingt von Vorteil ist. Harper sagt, dass es in einigen Sportarten sogar Nachteile hat, wenn man groß ist, wie zum Beispiel beim Turnen oder beim Bodybuilding. Transfrauen verlieren durch die Hormonersatztherapie außerdem einiges an Muskelmasse, sagt Harper, behalten aber auch einige Muskeln. Das heißt, dass sie in der Regel muskulöser sind als viele andere Frauen. Doch obwohl es aus sportlicher Sicht tendenziell von Vorteil ist, mehr Muskeln zu haben, sagt Harper, haben viele Transfrauen eine größere Masse, aber eben auch einen niedrigeren Testosteronspiegel als Cisfrauen, sodass auch das meist von Nachteil ist. Sie vergleicht Frauen—Trans- und Cis-Frauen—mit Autos. „Ein kleines Auto mit einem kleinen Motor hat in vielerlei Hinsicht Vorteile gegenüber einem großen Auto mit einem kleinen Motor", sagt Harper.

Man könnte aber auch sagen, dass transsexuelle Sportler benachteiligt sind, weil sie häufig offen diskriminiert werden. „Ich habe schon oft erlebt, dass ich bei Wettkämpfen ausgelacht wurde oder sich Leute über mich lustig gemacht haben", sagt Chloe und erzählt, dass es sich dabei nicht nur um Leute aus dem Publikum gehandelt hat, sondern zum Teil auch um gegnerische Spieler, die mit ihr auf dem Feld standen, während sie versucht hat, sich auf das Spiel zu konzentrieren. Dass Chloe in ihrem Heimatstaat Kalifornien die Umkleidekabinen für Frauen nutzen darf, ist dort aber gesetzlich geregelt und sie bekommt auch von ihren eigenen Teammitgliedern viel Unterstützung. Es ist aber trotz allem eine zusätzliche Belastung für sie.

All diese Diskussionen zeigen, wie schwierig der Versuch ist, Geschlechter zu vergleichen: Nicht nur, dass es schlimm ist, wenn man versucht, die Vor- und Nachteile von Transsexuellen hervorzuheben—jeder potenzielle Vor- oder Nachteil hängt letztendlich doch auch von der entsprechenden Sportart und dem jeweiligen Athleten ab.

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Tatsächlich gibt es die kontroversen Diskussionen um die angeblichen Vorteile von transsexuellen Athleten bereits seit Jahrzehnten—genauer gesagt seit 1976, als der transsexuellen Tennisspielerin Renee Richards die Teilnahme an den US Open untersagt wurde. 2013 hat sich die transsexuelle MMA-Kämpferin Fallon Fox geoutet und wurde dafür zur Zielscheibe von Kritikern, die sich darüber echauffierten, dass ein „Mann" eine Frau im Ring geschlagen hätte. Die MMA-Kämpferin und C-Prominenz Ronda Rousey war eine von Fox lautesten Kritikern und erlangte traurige Berühmtheit mit ihrem Statement über Fox vermeintliche Vorteile im Ring: „[Fallon Fox] kann Hormone nehmen und ihren Schwanz abschneiden, aber sie hat trotzdem noch den Knochenbau eines Mannes."

Doch Mediziner sind einstimmig der Meinung, dass Transfrauen, die hormonell behandelt wurden, keinerlei unfairen Vorteil gegenüber anderen Sportlerinnen haben. Zu diesem Schluss kam darüber hinaus auch die Versammlung des IOC-Gremiums im letzten November und auch eine Studie aus dem Jahr 2015, die Trans- und Cis-Läuferinnen untersucht hat, stellte fest, dass die Transfrauen keinerlei sportlichen Vorteil hatten. Die Kritik ist also wissenschaftlich einfach nicht haltbar. Doch selbst wenn Transfrauen hier und da gewisse Vorteile hätten, argumentieren viele auch, dass das auch nicht anders wäre als bei Michael Phelps, dessen natürliche Spannweite ebenfalls für seinen Erfolg verantwortlich gemacht wird. Alle Athleten profitieren von biologischen Vorteilen beziehungsweise haben unter biologischen Nachteilen zu leiden—je nachdem welcher Sportart sie nachgehen.

Transfrauen sind jedoch nicht die Einzigen, deren Geschlecht im Spitzensport immer wieder beanstandet wird. Harper glaubt vielmehr, dass intersexuelle Athleten bei den diesjährigen Olympischen Spielen wohl zu den kontroversesten Teilnehmer zählen. „Es gibt eine ziemlich bekannte intersexuelle Sportlerin namens Caster Semenya, die dieses Jahr auch in Rio angetreten ist", sagt sie. Semenya ist eine Läuferin aus Südafrika, deren Geschlecht vor sieben Jahren getestet wurde, nachdem sie den Weltmeistertitel über 800 Meter gewonnen hat. Der Weltleichtathletikverband hat Tests angeordnet, bei denen festgestellt wurde, dass Semenya intersexuell ist. Dieser sehr breit gefasste Begriff bezieht sich auf verschiedene Varianten des menschlichen Geschlechts, die nicht dem üblichen binären Geschlechtersystem entsprechen.

Manchmal haben intersexuelle Menschen Genitalien, die ihren Zustand auch nach außen hin sichtbar machen, manchmal aber eben auch nicht. Deswegen kann nur eine Geschlechtsuntersuchung zeigen, ob es Abweichungen von den binären Geschlechtsmerkmalen gibt, wie Chromosomentests oder eine medizinische Untersuchung der Geschlechtsorgane. Diese Tests haben bei Semenya ergeben, dass sie herabgesunkene Hoden und keine Gebärmutter hat und ihr Körper große Mengen Testosteron produziert. Vieles deutet deshalb darauf hin, dass sie Hyperandrogenismus hat—eine hormonelle Störung, bei der der Körper überdurchschnittlich große Mengen Testosteron produziert. Die Schlagzeilen verkündeten später, Semenya sei sowohl eine Frau als auch ein Mann, einige nannten sie auch einen „Zwitter" und ihr Körper wurde in den Medien zu einer einzigen großen Sensationsnachricht gemacht.

Caster Semenya bei den Olympischen Spielen 2012 in London. Foto: Tab59 | Wikimedia Commons | CC BY-SA 2.0

Um weiterhin bei Wettkämpfen antreten zu dürfen, begann Semenya Medikamente zu nehmen, die ihre Hormonproduktion unterdrücken. Journalisten vermuteten, dass das auch der Grund dafür sei, dass ihre Leistung nachgelassen hat. 2013 erlebte auch die 17-jährige Athletin Dutee Chand aus Indien eine ähnliche Geschichte. Sie durfte nicht mehr länger bei den Frauen antreten und wurde positiv auf Hyperandrogenismus getestet. Sie weigerte sich aber, ihren Testosteronspiegel künstlich zu senken. Wie die Tageszeitung USA Today berichtete, verklagte Chand den Weltleichtathletikverband vor dem Internationalen Sportgerichtshof.

Chand sagte, dass die Beschränkungen, die der Weltleichtathletikverband gegen Frauen mit Hyperandrogenismus erhebt, „weibliche Athleten unrechtmäßig diskriminieren" würden und dass die Richtlinien „auf mangelhaften faktischen Behauptungen über den Zusammenhang zwischen Testosteron und sportlicher Leistung beruhten."

Geschlechtsüberprüfungen im Sport haben auch eine lange, traurige Geschichte. Laut eines Detailreports des New York Times Magazine begann man damit in den 1960er-Jahren. Damals mussten sich alle internationalen Athletinnen einer kurzen obligatorischen Untersuchung unterziehen, bei der der Körper und die Genitalien abgetastet wurden. Manchmal mussten sie sich hierzu sogar nackt vor ein ganzes Ärztegremium stellen. Nachdem die Untersuchungen in die Kritik gerieten, stieg man auf andere „weniger aufdringliche" Techniken wie Gentests um. Irgendwann hat man die Geschlechtsüberprüfungen dann ganz eingestellt.

Als Chand zum ersten Mal getestet wurde, lebte sie im National Institute of Sports, das vom Sports Authority of India (SAI) beaufsichtigt wird. Dort, so Chand, wurde eine Geschlechtsüberprüfung ohne ihre Zustimmung und unter Vortäuschung falscher Tatsachen durchgeführt. Sie sagt, dass Dr. Arun Mendiratta, Mitglied der medizinischen Kommission der Athletics Federation of India (AFI), Chand gesagt hätte, dass die AFI ein „Höchstleistungsprofil" von ihr erstellen wolle, was unter anderem auch einen Bluttest und einen allgemeinen Gesundheitscheck beinhalte. Chand erklärt weiter, dass ihr gesagt wurde, dass die Krankenschwester, die normalerweise die Bluttests durchführt, an diesem Tag nicht da gewesen wäre und man stattdessen eine Ultraschalluntersuchung gemacht hätte. Vor Gericht bestritt die AFI diese Vorwürfe und behauptete, man hätte bei Chand eine Ultraschalluntersuchung vorgenommen, weil sie sich über Unterleibsschmerzen beklagt hätte. Laut eines Berichts des Internationalen Sportgerichtshofs gab Mediratta an, dass sich andere Athleten über Chands Aussehen beschwert hätten, beteuert aber auch, dass die AFI Chand nicht absichtlich einem Geschlechtstest unterzogen hätte. Im Juni 2014, nach der Ultraschalluntersuchung, schickte die AFI der SAI einen Brief, in dem sie „Zweifel bezüglich des Geschlechts" von Chand anmeldete und die SAI dazu anhielt, Chand vor den bevorstehenden Wettkämpfen weiteren Tests zu unterziehen.

Die SAI unterzog Chand weiteren Untersuchungen—Bluttests, Ultraschalluntersuchungen, klinisch gynäkologischen Tests und einer MRT-Untersuchung. Daraufhin wurde Chand die Teilnahme an den Commonwealth Games verweigert. Als die Nachricht über ihre hormonelle Störung bekannt wurde, wurde auch ihr Körper zu einem nationalen Spektakel gemacht und ihr Leben und ihre Karriere den Medien zum Fraß vorgeworfen.

Die Anforderungen an das Testosteron-Niveau sollten für alle Frauen gleichermaßen gelten.

Doch Chand hat sich durch all das nicht aufhalten lassen. Sie hatte Erfolg vor Gericht, sodass die Regelungen, die den medizinischen Eingriff bei intersexuellen Athleten verlangten, außer Kraft gesetzt wurden, nachdem der internationalen Sportgerichtshof den Weltleichtathletikverband dazu aufgefordert hatte, „Beweise zu liefern, die zeigen, dass es einen klaren Unterschied zwischen männlichen und weiblichen Testosteron-Niveaus gibt und wie groß der Vorteil von Frauen mit Hyperandrogenismus durch das zusätzliche Testosteron sei", berichtete USA Today. Die IOC hat seine Richtlinien für transsexuelle Athleten auch unter Erwähnung des Urteils im Fall Chand aktualisiert und stellte hierzu fest, dass „Regeln gelten sollten, die die Frauen im Sport schützen." Damit forderten sie gleichzeitig auch den Weltleichtathletikverband dazu auf, dem internationalen Sportgerichtshof hinreichende Beweise zu liefern, die „die Unterstützung der Wiederinkraftsetzung der Hyperandrogenismusregelungen" rechtfertigen. In anderen Worten: Die oberste Instanz der Olympischen Spiele möchte, dass der Weltleichtathletikverband wissenschaftliche Beweise dafür liefert, dass intersexuelle Athletinnen einen sportlichen Vorteil gegenüber nicht-intersexuellen Athletinnen haben, bevor die Bestimmungen, die die Unterdrückung des Testosterons bei intersexuellen Athleten erforderlich macht, wieder reaktiviert werden. (Sie schlagen in ihren erneuerten Richtlinien auch vor, dass Athleten, deren Testosteronspiegel zu hoch ist, um im Wettkampf der Frauen anzutreten, die Erlaubnis bekommen sollten, bei den Männern anzutreten.) Dutee Chand ist vergangenen Freitag, am siebten Tag der Olympischen Spielen, im 100 Meter Sprint angetreten, hat aber keine Medaille gewonnen.

Dieser Fall spricht ein schwieriges Problem bei der Inklusivität an, schließlich ist es ethisch höchst fragwürdig, intersexuelle Menschen dazu zu zwingen, ihren Körper zu verändern, um einem Geschlechterstandard zu entsprechen, dem sie nicht entsprechen wollen. Trotzdem sind viele Leute—darunter auch Verfechter der Rechte trans- und intersexueller Athleten—der Meinung, dass intersexuelle Athleten dieselben hormonellen Anforderungen wie Cis- und Transfrauen erfüllen sollten.

„Wenn man sich primär um die Menschenrechte intersexueller Personen sorgt, dann war die Entscheidung des internationalen Sportgerichtshofs zu Gunsten von Dutee Chand eine sehr gute Sache", meint Harper, aber obwohl sie sich für die Rechte intersexueller Menschen einsetzt, ist sie trotzdem beunruhigt, dass die Arbeit von Sportorganisationen, die sich für die allgemeine Chancengleichheit unter weiblichen Athleten eingesetzt haben, durch dieses Urteil untergraben werden könnte. „Wenn man versucht, entsprechende sportliche Kategorien für Frauen zu schaffen, sodass die potenziellen Athletinnen die Möglichkeit haben, gegeneinander anzutreten und auf höchster Ebene erfolgreich zu sein, dann ist es eine schlechte Entscheidung", sagt sie.

„Die Anforderungen an das Testosteron-Niveau sollten für alle Frauen gleichermaßen gelten", sagt Harper weiter. „Wenn man die große Mehrheit weiblicher Athleten und die Rechte derer, die anders sind—also sowohl trans- als auch intersexueller Athleten—berücksichtigt, glaube ich, dass der aktuelle Grenzwert von 10 nmol/L ein vernünftiger Kompromiss für alle ist."

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Andere sind dagegen der Meinung, dass jeder Vorteil, den intersexuelle Athleten haben könnten, irrelevant ist. Vergangenen Mittwoch argumentierte die Newsweek zu Gunsten von Semenya und Chand und stellte fest, dass ihre hypothetischen Vorteile „nicht unfair seien. Es hätte (im besten Fall) nur eine sehr inkonsequente Politik zur Folge, wenn man eine Grenze für Hyperandrogenismus festlegt. Damit würde man nur eine einzelne Variante aus all den anderen biologischen Varianten, die einem im Wettbewerb einen Vorteil verschaffen könnten, herausgreifen. Es gibt aber unzählige Abweichungen—biologische wie auch genetische—, die nicht vom Weltleichtathletikverband reguliert oder als unfairer Vorteil im Wettbewerb bewertet werden, selbst wenn sie sich ebenso vorteilhaft auf die Leistung der Sportler auswirken."

Chands Fall wird noch eine Weile für Diskussionen sorgen, meint Harper, und bis dahin wird auch sicherlich noch viel darüber diskutiert, vor allem weil intersexuelle Athleten nun bei den Olympischen Spielen in Rio antreten, ohne dass von ihnen verlangt wird, dass sie ihre von Natur aus hohen Testorsteronspiegel senken.

Genau wie Harper glaubt auch Chloe, dass sich jede Frau mit abweichenden hormonellen Werten einer Hormonersatztherapie unterziehen sollte, wenn sie an einem „binären" sportlichen Wettkampf teilnehmen möchte. Sie hat auch bereits einen potenziellen Lösungsansatz, der aber schätzungsweise in diesem Leben nicht mehr realisierbar sein wird. „Vielleicht werden sich in Zukunft mehr nicht-binäre Mannschaften zusammenfinden, sodass wir mehr Kategorien als nur ‚Männer und Frauen' einführen können", sagt Chloe. „Nicht jeder identifiziert sich selbst als Mann oder als Frau. Trotzdem sollte jeder die Chance haben, sich im Sport mit anderen zu messen."