"Wir existieren": Das geheime Nachtleben von Indiens Schwulenszene
Photo by Boris Jovanic via Stocksy
LGBTQ

"Wir existieren": Das geheime Nachtleben von Indiens Schwulenszene

Mundpropaganda, private Einladungen und diskrete Dating-Apps – Indiens LGBTQ-Community ist extrem aktiv und trotzt damit dem Umstand, dass homosexuelle Handlungen durch die indische Gesetzgebung nach wie vor kriminalisiert werden.
28.4.17

"Bitte hört auf, Homosexualität zu unterstützen und zu fördern. Unsere Gesellschaft hat schon genug Ärger mit solchen Ideen."

Das ist nur einer von vielen wütenden Kommentaren, die man auf einer Facebook-Seite der indischen LGBTQ-Community findet. Er zeigt sehr deutlich, mit welcher Intoleranz und Angst viele Menschen der damals aufkommenden LGBTQ-Szene in Mumbai begegnet sind.

Ihren Höhepunkt erreichte die Intoleranz an Silvester 2016, als mehreren LGBTQ-Paaren der Zutritt zu mehreren teuren Bars und Clubs verweigert wurde. Als die gleichgeschlechtlichen Paare hineingehen wollten, versperrten ihnen die Türsteher den Weg und erklärten vollkommen unverblümt, dass nur heterosexuellen Paaren der Zutritt gestattet wäre. Auf Nachfrage der indischen Nachrichtenseite DNA erklärte das Shiro, einer dieser Clubs, dass sie "die Anweisung vom Management bekommen haben, ausschließlich Mann/Frau-Paare reinzulassen. Wir müssen tun, was man uns sagt."

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Homosexuell zu sein, ist in Indien theoretisch nicht verboten. Doch "die Beteiligung an Geschlechtsakten wider die Natur", wie es in dem kontrovers diskutierten Abschnitt 377 des indischen Strafgesetzbuchs heißt, steht nach wie unter Strafe. Hierunter werden ganz explizit auch Anal- und Oralsex genannt. Das Gesetz stammt noch aus der Kolonialzeit und wurde vom Obersten Gerichtshof in Indien 2013 wiedereingesetzt. Wer dagegen verstößt, dem drohen bis zu zehn Jahre Haft. Natürlich stieß das Gesetz sowohl bei der indischen LGBTQ-Community als auch bei zahlreichen jungen, heterosexuellen Menschen auf scharfe Kritik – und das völlig zu Recht.

Die indische Gesellschaft ist in vielen Bereichen noch immer tief gespalten: Einerseits ist Homophobie in Indien bis heute fest verwurzelt. Andererseits gibt es viele junge Menschen mit liberalen Ansichten, die das Land rasant modernisieren. So kann man in Indien derzeit auch beobachten, dass es immer mehr unabhängige LGBTQ-Veranstaltungen wie Kennenlernpartys, Filmfestivals und Lesungen gibt. Damit schafft sich die Community zugleich auch eine sichere und tolerante Umgebung, in der sich die Menschen offen miteinander austauschen können.

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In Indien gibt es zwar noch keine eigenen LGBTQ-Bars oder -Clubs, doch es gibt immer mehr heterosexuelle Kneipen in Metropolen wie Mumbai, Delhi, Bangalore und Chennai, die regelmäßig lesbisch-schwule Abende veranstalten. Webseiten und Gruppen wie Gay Bombay, Salvation und Gaysie Familie gehören zu den größten Online-Angeboten, die schwulenfreundliche Veranstaltungen organisieren und bewerben. Diese Form von Veranstaltungen stellen nach wie vor einige der wenigen "legalen" Wege dar, wie die Gay-Community in der Öffentlichkeit miteinander interagieren kann.

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"Die Dynamik des schwulen Nachtlebens in Indien hat sich verändert: [die Szene] ist viel lebendiger geworden", sagt Shyam Konnur, ein LGBTQ-Aktivist und Veranstaltungsplaner, der regelmäßig queere Partys in Pune und Bangalore organisiert. Konnur sagt, dass man bei Veranstaltungen mit 100 oder 150 Menschen jedes Mal mindestens 80 neue Gesichter sieht. In großen Städten wie Mumbai und Delhi können es sogar noch mehr sein.

Gaysie Family – eine Webseite, die sich ganz der LGBTQ-Community verschrieben hat – bietet seit 2012 Open-Mic-Veranstaltungen an, zu denen regelmäßig bis zu 400 Menschen erscheinen. "Bei jeder Veranstaltung sind rund 15-20 Prozent [der Besucher] zum ersten Mal da ", erklärt Anuja Parikh, die selbst Mitglied der Gaysie Family ist. Sie sagt, dass LGBTQ-Partys nicht mehr länger nur im Untergrund, sondern die meisten ihrer Veranstaltungen an ganz normalen Orten stattfinden, die auch viele heterosexuelle Besucher anziehen.

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Sridhar Rangayan ist ein Filmemacher, dessen Arbeit sich vor allem um queere Themen dreht. Er ist der Meinung, dass die Veranstaltungen der LGBTQ-Szene noch lange nicht genug Sichtbarkeit haben. "Trotz des großen Zustroms sind die Community und die Veranstaltungen noch immer weitestgehend unsichtbar", sagt er. "Wenn jemand neu in der Stadt wäre, wüsste er wahrscheinlich gar nicht, dass es [diese Szene] gibt. Es hängt noch immer sehr stark davon ab, wie gut man vernetzt ist." Das liegt vor allem daran, dass die meisten LGBTQ-Veranstaltungen nicht öffentlich beworben werden – aus Angst, die Veranstaltung könnte als Dating-Event missinterpretiert werden. Einladungen werden daher nur über Mundpropaganda oder private Facebook-Gruppen verbreitet.

Meine Eltern wären am Boden zerstört, wenn sie davon erfahren würden.

Konnur sagt, dass sie auch Dating-Apps wie Grindr, Planet Romeo und Gaydar nutzen, um ihre Einladungen zu verschicken. "In der Regel schreiben wir den Mitarbeitern der App und sagen ihnen, dass wir eine Veranstaltung planen", erklärt er. "Sie sind immer sehr kooperativ und ihre Nutzer bekommen schon nach kurzer Zeit eine Benachrichtigung zu unserer Party, wenn sie die App öffnen."

Menschen, die der LGBTQ-Community schaden wollen, finden dennoch immer wieder Mittel und Wege, sagt Konnur. Man hört immer wieder von Nutzern, die sich in den Apps nur anmelden, um die Nutzer damit zu erpressen, sie vor ihrer Familie oder ihrem Arbeitgeber zu outen.

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Akanksha, 22, musste damit schon selbst Erfahrungen machen. "Ich war eine Zeit lang auf der Dating-Webseite One Scene aktiv und habe darüber eine Frau kennengelernt, die so getan hat, als sei sie an mir interessiert … wie sich herausstellte, steckte dahinter allerdings ein guter Freund meiner Eltern, der mich erpressen wollte", sagt sie. Letztendlich drohte er Akanksha damit, ihrer Familie von ihrer sexuellen Orientierung zu erzählen, also bezahlte sie ihn. "Ich glaube, meine Eltern wissen noch nicht einmal, was es heißt, homosexuell zu sein", sagt sie weiter. "Sie wären am Boden zerstört, wenn sie davon erfahren würden." Akanksha nutzt online inzwischen einen anderen Namen und verabredet sich nur noch mit Frauen, die sie bei Kennenlernpartys oder privaten Veranstaltungen trifft.


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Konnur hat auch schon Morddrohungen von Leuten erhalten, die enge Verbindungen zu politischen Entscheidungsträgern in der Region hatten und ihn aufforderten, die Veranstaltungen abzusagen. Außerdem "bekomme ich regelmäßig Anrufe von Menschen, die mich fragen, ob die Veranstaltungen sicher sind oder ob sie womöglich damit rechnen müssten, attackiert zu werden", sagt er. "Ich muss ihnen immer wieder versichern, dass das alles nur leere Drohungen sind."

Rangayan, der seine Filme schon landesweit in Universitäten vorgeführt hat, sagt, dass die Situation in kleineren indischen Städten besonders schwierig ist. Die meisten Menschen, die dort leben, haben zwei Facebook-Accounts – oder nutzen einen anderen Namen, wenn sie zu LGBTQ-Veranstaltungen gehen. "Die Menschen haben eine sehr komplexe Wahrnehmung von Homosexualität. Sie sind nicht gewalttätig homophob, haben aber die irrationale Angst, dass die LGBTQ-Community ihre Söhne und Töchter homosexuell werden lassen könnte", sagt Rangayan. "Letztendlich lässt sich in Indien immer alles auf die Familie zurückführen. Wenn wir es schaffen, die älteren Generationen davon zu überzeugen, uns zu akzeptieren, dann würde sich die Situation komplett verändern."

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"Diese Akzeptanz sollte aber auch außerhalb der eigenen vier Wände stattfinden", sagt er weiter. "Die Menschen sollten in der Lage sein, ihren Nachbarn, Freunden und ferneren Verwandten zu sagen, dass ihr Sohn oder ihre Tochter homosexuell ist, ohne sich dafür zu schämen."

Harish Iyer, ein bekannter LGBTQ-Aktivist, vermutet, dass die homophobe Haltung in Indien auch überwiegend damit zusammenhängt, dass die indische Gesellschaft immer wieder den Aspekt der Fortpflanzung in den Vordergrund stellt. "Die indische Folklore ist voller Mythen", sagt er. "Es geht viel zu sehr darum, das Erbgut der Familie weiterzugeben – von einer Generation an die nächste."

Dabei findet man in alten hinduistischen und vedischen Texten immer wieder gleichgeschlechtliche Darstellungen und Vereinigungen von Göttern und Göttinnen. Alternative Sexualität ist ein untrennbarer Bestandteil der indischen Gesellschaft. Doch gerade weil Spiritualität und Tradition immer wieder in den Vordergrund gestellt werden, wirkt es, als würde sich die indische Gesellschaft mit ihren homophoben Anschauungen der eigenen Geschichte widersetzen.

Diese Haltung wird im Umgang mit transsexuellen Menschen besonders deutlich. Obwohl in Indien "Hijras" – transsexuelle Menschen, die bei der Geburt dem männlichen Geschlecht zugeordnet wurden – per Gesetz als drittes Geschlecht anerkennt werden, fühlt sich die Trans-Community noch immer ausgeschlossen – selbst innerhalb der LGBTQ-Community. Es ist nicht ungewöhnlich, dass die Organisatoren von LGBTQ-Partys Aushänge machen mit Botschaften wie: "Keine Femmes, keine Drags, keine Sissys."

Es ist enttäuschend, dass ein Teil der Community so viel Aufmerksamkeit bekommt und lesbische Frauen einfach ignoriert werden.

"Für den Großteil der Trans-Community ist es noch viel schwieriger, in die Öffentlichkeit zu gehen – dazu gehören auch Schwulenpartys", erklärt Rangayan."Es gab auch schon Fälle, in denen sie vollkommen grundlos vor Kinos oder Einkaufszentren abgewiesen wurden." Derartige Geschichten spiegeln die generelle Feindseligkeit wider, der transsexuelle Menschen in Indien immer wieder begegnen: Laut einer aktuellen Studie glauben mehr als 55 Prozent der indischen Bevölkerung, dass transsexuelle Menschen "gegen die Traditionen der indischen Kultur verstoßen" und 49 Prozent gehen sogar so weit zu sagen, dass sie "eine Sünde begehen".

Auch lesbische Frauen sieht man in der indischen Schwulenszene noch immer eher selten. Das liegt mitunter auch daran, dass der Großteil der Frauen, die zu den Veranstaltungen gehen, heterosexuell sind, sich in der Gegenwart schwuler Männer aber wohler fühlen. Für Frauen, die andere Frauen kennenlernen wollen, ist das natürlich ein Dealbreaker. Die meisten von ihnen gehen deshalb lieber zu privaten Hauspartys. "Ich gehe nicht zu öffentlichen LGBTQ-Veranstaltungen, weil dort fast nur schwule Männer und heterosexuelle Frauen sind, die tanzen gehen wollen, ohne angemacht zu werden", sagt Akanksha. "Ich habe meine bisherigen Freundinnen eigentlich immer bei Partys von Freunden oder online kennengelernt. Trotzdem ist es enttäuschend, dass ein Teil der Community so viel Aufmerksamkeit bekommt und lesbische Frauen einfach ignoriert werden."

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Gaysie Family kennt das Problem, sagt Parikh, und organisiert deshalb Veranstaltungen, speziell für lesbische Frauen und transsexuelle Menschen. "Die Frauen sind schüchterner und fühlen sich nicht wohl, wenn sie den Männern zahlenmäßig unterlegen sind. Das wurde uns noch deutlicher bewusst, nachdem wir angefangen haben, die LBT-Partys zu organisieren", erklärt sie. Die Gäste waren begeistert. Die meisten von ihnen waren von den queeren Partys vorher immer enttäuscht, weil es kaum LBT-Veranstaltungen gab.

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In den großen indischen Städten finden in jedem Jahr Pride Parades und mehrere queere Veranstaltungen statt, die mittlerweile auch im öffentlichen Raum stattfinden. Die Community fühlt sich insgesamt weniger ins Abseits gedrängt als in der Vergangenheit. Allerdings, sagt Rangayan, "kann ich nicht erkennen, dass [die Community oder die LGBTQ-Veranstaltungen] Grenzen überwinden würden oder zum Mainstream gehören würden. Auch die Justiz nimmt uns nicht wahr. Wir müssen das Schweigen mit der Regierung brechen und mehr auf Verständigung setzen."

"Das ist allerdings nur dann möglich, wenn es unter uns genug Menschen gibt, die sich nicht schämen zu sagen: 'Wir existieren.'"


Symbolfoto: sfu.marcin | Flickr | CC BY-SA 2.0