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Wie Geschwister für die Legalisierung von einvernehmlichem Inzest kämpfen

Genetische sexuelle Anziehungskraft ist kein Mythos, sondern "betrifft tatsächlich viel mehr Menschen, als man denkt". Wir haben mit Betroffenen und Experten über eines der letzten großen gesellschaftlichen Tabus gesprochen.

von Callie Beusman
17 August 2016, 7:15am

Illustration by Eleanor Doughty

Katherine* und ihr Halbbruder Scott sind seit drei Jahren ein Paar. „Ganz ehrlich? Jeder Tag unserer Beziehung fühlt sich an, als wären wir in den Flitterwochen", sagt sie mit sanfter Stimme. Katherine ruft von sich zu Hause aus an. Sie lebt irgendwo im Nordwesten der USA, kann aber nicht sagen, aus welchem Bundesstaat genau sie kommt, weil sie mit rechtlichen Konsequenzen rechnen muss. Katherine spricht langsam und bedächtig und hat einen leichten Südstaatenakzent. Ihre Stimme wird höher, wenn sie über Scott spricht. Während wir telefonieren, hört man im Hintergrund das fast zermürbend idyllische Gezwitscher von Vögeln.

Katherine und Scott haben sich kennengelernt wie viele andere Paare auch: online. Katherine war damals 32 Jahre alt. Auf Facebook nutzte sie den Nachnamen ihres verstorbenen biologischen Vaters, den sie nie getroffen hat, weil sie schon sehr früh nach der Geburt zur Adoption freigegeben wurde. Seit sie 18 ist, hat sie versucht, verschiedene biologische Verwandte ausfindig zu machen. Obwohl sie über die Jahre hinweg einige ihrer Halbgeschwister getroffen hat, hat sie zu keinem von ihnen irgendeine innigere Beziehung entwickelt und irgendwann hat sich der Kontakt dann auch wieder verlaufen.

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Mit Scott war das anders. Nachdem er ihren Nachnamen wiedererkannt und ihr eine Freundschaftsanfrage auf Facebook geschickt hat, fingen die beiden an, sich Nachrichten zu schreiben und stießen sofort auf einige Gemeinsamkeiten. „Wie hatten dieselben Interessen, dieselben Gedankengänge", erinnert sich Katherine. „Und wir mochten dieselben Dinge: Wir hatten dieselbe Lieblingsfarbe, dasselbe Lieblingsessen—so grundsätzliche Sachen eben."

Nachdem sie sich drei Tage lange geschrieben hatten—und sich ihre Geburtsurkunden gezeigt haben, um sicherzugehen, dass sie wirklich blutsverwandt waren—, beschlossen sie, dass sie auch Fotos austauschen wollten. Katherine sagt, dass ihr Scott verblüffend ähnlich sah, was sie nur noch mehr faszinierte. „Als ich sein Foto sah, traf mich fast der Schlag: Ich sah mich selbst vor mir, nur als Mann", sagt sie. „Ich fand ihn vom ersten Augenblick an anziehend, aber ich wusste nicht, ob er mich auch attraktiv fand oder nicht."

Ich sah mich selbst vor mir, nur als Mann. Ich fand ihn vom ersten Augenblick an anziehend.

Innerhalb von zwei Wochen wurden die Gespräche immer intimer und Katherine und Scott entdeckten unter anderem auch ihr gemeinsames Interesse an BDSM. Katherine schickte Scott einen Link zu ihrem Profil auf einer Fetischseite, stellte aber zuvor sicher, dass sie noch ein paar verführerische Bilder von sich hochgeladen hatte. „Ich würde jetzt nicht sagen, dass sie pornografisch waren, aber nun ja, sexy waren sie schon", sagt sie. Scott gab daraufhin zu, dass er sich „Gedanken gemacht" hätte und letztendlich gestanden sich die beiden, dass sie Gefühle füreinander hatten.

Obwohl es sie glücklich machte, dass Scott ihre Gefühle erwiderte, war Katherine besorgt—aus sehr naheliegenden Gründen. „Wir haben uns gefragt, ob wir normal sind. Passiert das vielen Leuten, die adoptiert wurden oder läuft irgendetwas falsch bei uns?", erinnert sich Katherine. „Man fragt sich das, weil so eine Situation für einen ja komplett neu ist."

Nach einer flüchtigen Recherche bei Google stellte Katherine fest, dass es einen Namen für das gab, was sie und Scott gerade durchmachten: genetische sexuelle Anziehungskraft.

Der Begriff „genetische sexuelle Anziehungskraft" (GSA) wurde Ende der 80er durch den Fall von Barbara Gonyo bekannt. Die US-Amerikanerin erklärte, dass sie sich in ihren biologischen Sohn Mitch verliebt hat, nachdem sie ihn 26 Jahre, nachdem er von ihr zur Adoption freigegeben worden war, wiedergetroffen hatte.

In ihren Memoiren I'm his mother, but he's not my son schreibt Gonyo, dass sie 42 Jahre alt war, als sie Mitch das erste Mal traf. Sie war verheiratet, Mutter von drei weiteren Kindern und außerdem auch Großmutter eines sechs Monate alten Enkels. Obwohl Mitch ihre Gefühle nicht erwiderte, war Gonyo zutiefst betroffen, dass er so eine Anziehungskraft auf sie hatte. Sie wurde später zum öffentlichen Gesicht von GSA, brachte zahlreiche weitere Bücher über ihre Erfahrungen heraus und engagierte sich stark in einer Selbsthilfegruppe namens „Truth Seekers in Adoption."

Das Oxford Dictionary of Psychologie definiert GSA als „erotische Gefühle zwischen nahen Verwandten, häufig unter Geschwistern oder zwischen Eltern und Kindern, die früh im Leben getrennt und als Jugendliche oder Erwachsene wiedervereint wurden."

„Zu GSA kommt es oft, wenn sich Blutsverwandte wiedersehen. Denn anders als bei einem Treffen mit einem vollkommen Fremden, hat man hier aufgrund der Verwandtschaft sofort eine gemeinsame Geschichte und ein Gefühl der Sicherheit und Intimität", erklärt Dr. Marlene Wasserman, eine international anerkannte klinische Sexualtherapeutin und Autorin von mehreren Bücher über weibliche Sexualität. „Das wirkt enorm beruhigend und anziehend."

Wasserman zitiert den Westermarck-Effekt, ein „hypothetischer psychischer Mechanismus", der oftmals herangezogen wird, um das Phänomen von genetischer sexueller Anziehungskraft zu erklären. Laut Dr. Wasserman besagt diese Theorie, dass „Menschen, die in den ersten Jahren ihres Lebens in einer engen häuslichen Umgebung leben, für jedwede spätere sexuelle Anziehung desensibilisiert werden." In GSA-Beziehungen, so glaubt man, fehlt der Westermarck-Effekt, weshalb die Familienangehörigen, wenn sie sich irgendwann im Leben wiedersehen, mit Gefühlen unkontrollierbarer Anziehungskraft zu kämpfen haben.

Symbolfoto: femme run | Flickr | CC BY-ND 2.0

Dass einem GSA so bekannt vorkommt, liegt wahrscheinlich daran, dass es bereits zahlreiche solcher Geschichten gab, die in den letzten Jahren im Netz kursierten und die Leute (wenn auch nur für kurze Zeit) gefesselt haben. Kein Wunder: Inzest gehört zu den letzten großen Tabus unserer Gesellschaft, kaum ein anderes Thema sorgt für ebenso viel Entrüstung wie Faszination. In Totem und Tabu schreibt Sigmund Freud: „Wir kennen die Herkunft der Inzestscheu nicht und wissen selbst nicht, worauf wir raten sollen."

2014, nach dem bahnbrechenden Erfolg von Game of Thrones und der Geschichte um die einvernehmliche, inzestuöse Beziehung zwischen Cersei und Jaime Lannister, und dem Remake von Flowers in the Attic—was ungefähr die gleiche Handlung hat, nur eben ohne Drachen—wurde Inzest von vielen Medien zu einer Art ‚Trend' gekürt.

„Man hat den Eindruck, als wäre Inzest wirklich in im Moment", heißt es in einem Listicle der Huffington Post mit dem Titel „13 Inzestpärchen in der Popkultur, die eine wirklich gruselige Chemie haben." Ein ähnlicher Post auf AV Club über 21 unfassbare Geschwisterpaaren erklärt, dass „es jetzt im Herbst der letzte Schrei ist ... dass sich Brüder und Schwestern küssen." Tatsächlich gibt es Daten, die diese Behauptung stützen: Laut dem Porno-Anbieter GameLink.com ist der Konsum von „Pornografie mit Familienrollenspielen" zwischen Oktober 2014 und Januar 2015 um 178 Prozent gestiegen.

Natürlich hat die Fixierung der Medien nichts mit gesellschaftlicher Akzeptanz zu tun und auch Katherine und Scott haben sich erst mit ihrer Situation zurechtgefunden, nachdem sie erfahren haben, dass es noch andere Menschen gibt, die Erfahrungen mit genetischer sexueller Anziehungskraft gemacht haben. Nachdem sie viel über GSA gelesen haben, kamen sie zu dem Schluss, dass ihre Beziehung weder abnormal noch falsch ist. „Manchmal werden Gefühle erwidert und manchmal nicht, aber es ist vollkommen normal, solange man nicht mit dieser Person aufgewachsen ist", meint Katherine. „Mit diesem Wissen haben wir uns sehr viel wohler gefühlt. Also haben wir beschlossen, der Natur einfach ihren Lauf zu lassen."

Zwei Jahre später zog Katherine einmal quer durchs Land, um mit ihrem Halbbruder zusammenzuleben. Sie haben sich am Flughafen zum ersten Mal persönlich getroffen. „Wir haben uns gegenseitig angegrinst wie Kinder in einem Süßigkeitenladen", erinnert sie sich. „Ich habe seine Augen gesehen, die genau wie meine Augen aussahen. Wir haben uns lange umarmt und zum ersten Mal in meinem Leben hatte ich das Gefühl, wirklich angekommen zu sein." Während der Fahrt nach Hause fuhren sie rechts ran und haben sich zum ersten Mal geküsst.

Katherine sieht in Scott sowohl ihren Bruder als auch ihren Lebensgefährten. Sie nennt es „das doppelte Band der Liebe."

„In manchen Situationen fühlt man sich tatsächlich noch enger miteinander verbunden", sagt sie, „weil man den anderen als Familienmitglied liebt, aber auch als Partner und als Seelenverwandten. Er ist die Liebe meines Lebens. Eine Liebe, von der andere nur träumen."

Katherines und Scotts Freunde sowie ihre Familie denken, dass sie nur als Geschwister zusammenleben und sie halten die Fassade gewissenhaft aufrecht: Wenn sie draußen unterwegs sind, fassen sie sich nicht an; zu Hause machen sie konsequent die Vorhänge zu. Das liegt jedoch nicht nur daran, dass Inzest ein soziales Tabu ist. Laut Katherine würden ihr und Scott bis zu 15 Jahre Haft drohen, wenn sie entdeckt und angezeigt werden würden.

„Wenn wir in der Öffentlichkeit sind, würde ich manchmal gerne seine Hand halten oder ihn einfach küssen können, wenn ich mich freue", sagt Katherine. „Wenn ich ihn einfach so auf der Straße getroffen hätte, ohne zu wissen, dass wir verwandt sind, dann hätte ich ihn trotzdem noch anziehend gefunden. Das ist wirklich traurig."

Ihre Ängste sind durchaus nachvollziehbar. 1997 beispielweise wurden Allen Muth und seine Schwester Patricia wegen Inzest zu mehreren Jahren Haft in einem Hochsicherheitsgefängnis in Wisconsin verurteilt. Als sie verhaftet wurden, war Patricia 30, Allen 45 Jahre alt. Als sie sich zum ersten Mal trafen war Patricia, die in einer Pflegefamilie aufgewachsen ist, 18. Allen Muth hat später Rechtsmittel gegen den Fall eingelegt, weil er sagte, dass er und seine Schwester beide mündige Erwachsene seien. 2005 entschied der amerikanische Bundesgerichtshof gegen ihn und merkte an, dass Inzest „ein Tatbestand ist, der ohne Ausnahme dem Strafrecht unterliegt."

In manchen Situationen fühlt man sich, weil man verwandt ist, tatsächlich noch enger miteinander verbunden.

In Deutschland ist es laut § 173 des StGb verboten, mit Familienangehörigen Sex zu haben. Wer gegen dieses Gesetz verstößt, dem drohen bis zu drei Jahre Haft. Dies gilt insbesondere dann, wenn ein Kind gezeugt wurde. Es gibt aber auch immer mehr Leute, die sich dafür einsetzen, den Inzest-Paragrafen weiter zu liberalisieren. Viele Menschen, die wie Katherine und Scott in jungen Jahren adoptiert wurden und sich erst später im Leben wiedergetroffen haben, sagen, dass sie sogenannten „einvernehmlichen Inzest" betreiben, was—in ihren Augen—ein opferloses Verbrechen darstellt und auch so behandelt werden sollte. In den überwiegend anonymen Foren und Blogs setzen sich einige von ihnen, die Erfahrung mit GSA gemacht haben, für die Abschaffung der Anti-Inzest-Gesetze ein und sagen, dass sexuelle Beziehungen zwischen Verwandten sich nicht grundsätzlich von anderen sexuellen Beziehungen unterscheiden, solange sie zwischen zwei mündigen Erwachsenen stattfinden.

Katherine betreibt eine Seite namens Lilys Gardener. Der Name ist angelehnt an Lily Beckett, die Protagonistin von „Love's Forbidden Flower", die Geschichte von einem Bruder und einer Schwester, die sich auf eine inzestuöse Liebesbeziehung einlassen. „Das Recht, frei zu entscheiden, mit wem man zusammen sein möchte, sollte ein Grundrecht für mündige Erwachsene sein", steht auf der Homepage.

Andere Webseiten wie Consanguinamory und The Final Manifesto ziehen tausende von Besuchern an. Zusätzlich nehmen hunderte Mitglieder an aktiven—und oftmals privaten—Diskussionsgruppen teil, wie an den GSA-Foren Adoption Reunion GSA Group und Kindred Spirits. Letzteres bezeichnet sich selbst als „ein Forum für die Diskussion von Beziehungen zwischen erwachsenen Familienmitgliedern."

Doch auch Menschen außerhalb dieser Online-Community setzen sich dafür ein, dass Inzest nicht länger durch den Staat verboten werden sollte. Thomas Søbirk Petersen beispielsweise ist ein dänischer Professor für Ethik in der Strafjustiz, der sich öffentlich für die Legalisierung von Inzest unter Geschwistern einsetzt. „Wenn wir akzeptieren, dass einvernehmlicher Sex zwischen mündigen Erwachsenen moralisch vertretbar ist, dann sollten wir auch einvernehmlichen Sex zwischen mündigen Erwachsenen, die zufällig Geschwister sind, akzeptieren", sagt Petersen in einer E-Mail an Broadly.

Andere Experten sind da anderer Meinung. „Als Therapeut bin ich gegen die Legalisierung von Inzest", sagt Dr. Wasserman. „Den Einfluss hierarchischer Machtstrukturen gibt es in jeder Familie und wenn dieses System durch Sexualität und Intimität gestört wird, können Leuten großen Schaden nehmen—insbesondere diejenigen, die am unteren Ende der Hierarchie stehen."

Die modernen Inzestgesetze beruhen darauf, die Integrität von Familien zu schützen: zum einen, um die Verbreitung von angeborenen Anomalien einzudämmen, die bei Kindern naher Verwandter sehr viel häufiger auftreten und zum anderen, um Kinder vor sexuell gewalttätigen Eltern oder älteren Verwandten zu schützen. Bis ins 19. Jahrhundert wurde Inzest noch als einvernehmliches Verbrechen betrachtet, für das beide Parteien gleichermaßen verantwortlich gemacht und bestraft werden konnten. In den 70er- und 80er-Jahren setzte sich die Frauenbewegung jedoch dafür ein, dass Inzest unter die Kategorie des sexuellen Missbrauchs fallen sollte.

„Im Grunde genommen haben sie das Gesetz von seinem moralistischen Ansatz, nach dem auch Frauen potenziell dafür verantwortlich gemacht werden konnten, ihre Väter, Brüder, Onkel usw. zu verführen, befreit und haben sich mehr auf die klinische Sprache von sexueller Gewalt aus psychologischen Studien und den Zeugenaussagen von Opfern konzentriert", erklärt Brian Connolly. „Dadurch wurde Inzest an den Gesetzen gegen Missbrauch und nicht mehr am Familienrecht festgemacht."

Peterson vertritt die Meinung, dass wir bereits Gesetze haben, die Menschen vor sexueller Gewalt und Nötigung schützen, unabhängig vom Verwandtschaftsgrad. In Fällen von einvernehmlichem Inzest unter Geschwistern „wird niemand verletzt", sagt er—und ist mit seiner Auffassung nicht allein. 2014 forderte der deutsche Ethikrat die Liberalisierung von Inzest zwischen Geschwistern und stellte fest: „Das fundamentale Recht erwachsener Geschwister auf sexuelle Selbstbestimmung hat in solchen Fällen mehr Gewicht als der abstrakte Schutz von Familien."

Wenn ich einwilligen kann, mit einer ganzen Fußballmannschaft Sex zu haben, warum kann ich dann keinen einvernehmlichen Sex mit meinem Bruder haben, der über 30 Jahre alt ist?

In der GSA-Community gibt es viele, die wie Petersen vehement zwischen Vergewaltigung oder Kindesmissbrauch und—wie sie es nennen—einvernehmlichen sexuellen Beziehungen zwischen mündigen Erwachsenen, die blutsverwandt sind, unterscheiden.

„Leute verbinden mit Inzest alle möglichen anderen Dinge wie Missbrauch oder Pädophilie", sagt Katherine, „aber dagegen haben wir bereits Gesetze. Ein Kind kann nicht zu Sex einwilligen, deswegen gibt es ein Gesetz gegen Pädophilie. Da sollte es egal sein, ob [die Beteiligten] verwandt sind oder nicht. Und Fakt ist auch, wenn sie nicht volljährig sind, dann ist es von vornherein falsch. Kinder können ihr Einverständnis nicht erklären, Erwachsene aber schon."

„Wenn ich einwilligen kann, mit einer ganzen Fußballmannschaft Sex zu haben, warum kann ich dann keinen einvernehmlichen Sex mit meinem Bruder haben, der über 30 Jahre alt ist?", sagt sie. Man hört wie sich ihre Stimme hebt. „Das macht in meinen Augen einfach keinen Sinn, dass ich mit der einen Person einvernehmlich Sex haben kann, mit der anderen aber nicht. Ich glaube nicht, dass das richtig ist."

Das erhöhte Risiko, Nachkommen mit bestimmten genetischen Störungen zu zeugen, ist ein ganz anderer legitimer Einwand bei inzestuösen Beziehungen: Laut Psychology Today besteht eine „erstaunlich hohe" Chance, dass die Nachkommen enger Verwandter mit ernstzunehmenden Geburtsdeffekten geboren werden. Dennoch sagen diejenigen, die sich für die Legalisierung von Inzest einsetzen, dass dieses Risiko noch lange kein Inzestverbot rechtfertigt.

„Selbst wenn Geschwister ein höheres Risiko haben, ein Kind mit einer ernstzunehmenden Behinderung oder Störung zu kriegen, sollten wir Leute, die ein höheres Risiko haben, ein Kind mit Behinderung zu bekommen, doch nicht bestrafen", sagt Petersen. „Ich habe außerdem gehört, dass man Sex haben kann, ohne Kinder zu kriegen."

Aber selbst wenn man mal die ganzen rechtlichen Bedenken gegenüber Inzest beiseite lässt, beim Großteil der Leute ruft es eine starke moralische Abneigung hervor. In einer Studie aus dem Jahr 2000 beispielweise präsentierte der Sozialpsychologe Jonathan Haidt seinen Versuchspersonen ein fiktives Inzestszenario, das er vorsätzlich so geschrieben hat, dass es „zugleich harmlos wie auch abstoßend ist":

Mark und Julie sind Bruder und Schwester. Sie reisen in ihrem Semesterferien gemeinsam nach Frankreich. Eine Nacht verbringen die beiden allein in einer Hütte in der Nähe des Strands. Sie entscheiden, dass es interessant und witzig wäre, wenn die beiden versuchen würden, miteinander zu schlafen. Es wäre zumindest eine ganz neue Erfahrung für die beiden. Julie nimmt schon seit Längerem die Pille, aber Mark benutzt trotzdem zusätzlich ein Kondom—nur um auf Nummer sicher zu gehen. Es gefällt beiden, aber sie beschließen, dass sie es nicht wieder tun werden. Sie erzählen niemandem von dieser Nacht und behalten dieses besondere Geheimnis ganz für sich, was die beiden einander noch näher bringt. Was denkst du darüber? War es falsch, dass die beiden Sex hatten?

Achtzig Prozent der befragten Probanden sagten, dass es moralisch falsch sei, dass Julie und Mark miteinander geschlafen haben. Als sie gebeten wurden, zu erklären, warum sie so dachten, „sagten die Teilnehmer oft direkt, dass sie sprachlos seien" und dass „sie denken, dass es falsch sei, aber sie könnten nicht die richtigen Worte finden, um es zu erklären."

Auch innerhalb der GSA-Community sind sich die Leute nicht immer einig, ob man seinen Gefühlen von genetisch sexueller Anziehung nachgehen sollte oder nicht. In den GSA-Foren, einem privaten Forum mit fast 300 Mitgliedern und 11.000 Posts, warnen viele der aktivsten Mitglieder andere davor, „die Linie zu überschreiten", wie sie sagen—auch wenn die meisten von ihnen auch der Meinung sind, dass die aktuellen Inzestgesetze diskriminierend sind.

April, eine Administratorin in den GSA-Foren und eines der mit Abstand aktivsten Mitgliedern, hat ihren leiblichen Bruder zum ersten Mal getroffen, als sie 20 war. Damals, sagt sie, wurde seine Frau ziemlich eifersüchtig und wütend, als die beiden mehrere Stunden lang allein in eine Bar gingen. Nach kurzer Zeit haben sie den Kontakt verloren, aber zwei Jahrzehnte später trafen sie sich wieder und ihre Gefühle zueinander waren, wie sie sagt, berauschend.

„Am Anfang war es großartig! Wir waren total verrückt nacheinander", erzählt sie Broadly. „Es war total elektrisierend, einfach nur im selben Raum wie er zu sein. Ich weiß noch, wie sich die Haare auf unseren Armen aufgestellt haben, wenn wir nah beieinander saßen, als würden sie sich nacheinander ausstrecken."

Aber diese gegenseitige Besessenheit gefährdete das Leben, dass sie sich aufgebaut hatte. „Meine Ehe, mein Job und meine Familie zerbrachen daran. Ich ging kaum noch zur Arbeit, aß nicht, trank ziemlich viel und sehnte mich Tag ein Tag aus nach meinem Bruder", sagt sie. Einmal hat ihr 18-jähriger Sohn gesehen, wie sich die beiden geküsst haben, während sie alle zusammen in einer Bar waren. Das war nur einer von vielen Momenten, in denen sie die anderen durch ihr Verhalten abstießen. Mit der Hilfe eines anderen Administrators aus den GSA-Foren beschloss April irgendwann, den Kontakt zu ihrem Halbbruder vollständig abzubrechen. „Ich musste es tun. Es war das Beste für uns beide", sagt sie. „Wir haben uns gegenseitig in unserem Kummer ertränkt."

Seitdem sagt April ganz offen, wie wichtig es ist, „die Linie nicht zu überschreiten." Auf die Frage, warum sie das Gefühl hat, dass es wichtig wäre, andere dahingehend zu warnen, sagt sie: „Ich habe schon von so vielen Geschichten gehört, die traurig endeten, von verletzten Gefühlen und [viel zu vielen] Familien und Freundschaften, die darunter leiden mussten ... Deswegen mache ich mich dafür stark, die Grenzen einzuhalten. Alles andere wäre ungesund und verantwortungslos."

Ich weiß noch, wie sich die Haare auf unseren Armen aufgestellt haben, wenn wir nah beieinander saßen, als würden sie sich nacheinander austrecken.

John, der ebenfalls sehr oft in den GSA-Foren postet, war das erste Mal in dem Online-Forum, als er herausgefunden hat, dass sein Sohn und seine Tochter, die Halbgeschwister sind, als junge Erwachsene sexuellen Kontakt miteinander hatten. Obwohl er es selbst nie erlebt hat, sagt auch er, dass es unklug ist, der genetisch sexuellen Anziehungskraft nachzugehen. „In diesem Forum raten wir den Leuten meistens davon ab", sagt er. „Ich bin seit sechs Jahren in den Foren aktiv und habe die Posts von hunderten von Leuten gelesen ... Aber ich habe noch nie von einer GSA-Beziehung gehört, die überlebt hat."

Katherine scheint eine ganz andere Erfahrung zu machen. Sie postet zwar nichts in öffentlichen Foren, aber sie hat ihre eigene Online-Selbsthilfegruppe gegründet. Diese ist ursprünglich daraus entstanden, dass sie sich mit Leuten in Adoptionsforen private Nachrichten geschrieben hat. Immer wenn sie einen Beitrag auf ihrer Website Lilys Gardener veröffentlicht, hängt sie ein Kontaktformular an, um Leuten die Möglichkeit zu geben, ihr eine vertrauliche Nachricht zu schicken. Sie sagt, sie hätte bereits Kontakt mit „80 bis 100" Paaren gehabt, die eine GSA-Beziehung führten. Vielen von ihnen hat sie Ratschläge gegeben oder sie rechtlich beraten.

„Es betrifft tatsächlich viel mehr Menschen, als man denkt", sagt sie.

Die Online-Community war für jeden, mit dem ich gesprochen habe, unschätzbar wichtig. Schließlich ist es auch ein ziemlich heikles Thema, das man nicht mal eben mit Freunden oder der Familie und vielleicht noch nicht einmal mit einem Therapeuten bespricht. „Leute mit GSA sind—wie alle anderen auch—auf der Suche nach einer Gruppe, zu der sie sich zugehörig fühlen", sagt Dr. Wasserman und merkt an, dass „die soziale Isolation, die es mit sich bringt, ein Geheimnis zu bewahren, sehr schädlich sein kann."

Bevor sie online Leute gefunden hat, die so sind wie sie, sagt April, war sie ziemlich verzweifelt. Die GSA-Foren haben ihr Leben verändert: „Das hat ganz offensichtlich einen wichtigen Einfluss auf mich gehabt—immerhin lebe ich jetzt seit sechs Jahren mit GSA und bin noch immer hier und versuche, Leuten zu helfen, damit sie nicht das Gleiche durchmachen müssen wie ich", sagt sie. „Einige dieser Leute sind mittlerweile wie Familie für mich."

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Genau wie April und andere Administratoren in GSA-Foren verbringt auch Katherine sehr viel Zeit damit, andere zu beraten und ihnen Ratschläge zu geben. Ihr Rat fällt jedoch etwas anders aus. „Ich finde es am schönsten, wenn ich Leuten Mut machen kann: Du bist nicht allein, du bist nicht abnormal, du bist kein Freak, es ist nicht falsch zu fühlen, was du fühlst", sagt sie. „Jeder Mensch darf Gefühle haben."

Sie träumt nach eigener Aussage davon, in einen der drei US-Staaten zu ziehen, in denen Inzest nicht explizit verboten ist: New Jersey, Ohio und Rhode Island.Sie nennt sie die „sicheren Staaten".

„Was würden du und Scott tun, wenn ihr dorthin ziehen könntet?", frage ich. „Würdest du dann offen damit umgehen, dass ihr verwandt seid oder würdest du immer noch versuchen, es vor den Leuten geheim zu halten?

Katherines Antwort ist sehr direkt: „Wenn wir in einen sicheren Staat ziehen, machen wir eine riesige Party und lassen jeden wissen, was zwischen uns ist, wie gut es uns zusammen geht und wie sehr wir in einander lieben", sagt sie.

Sie würde Scott auch gerne heiraten, sagt sie, aber sie versteht, dass das derzeit nicht möglich ist. „Wenn wir offen damit umgehen können, würde ich mich gerne dafür einsetzen, dass das Gesetz geändert wird, damit wir eines Tages heiraten können", sagt sie. „Gesetze ändern sich jedes Jahr ... Nur weil es ein Gesetz dagegen gibt, heißt es nicht, dass es falsch ist."


* Alle Namen wurden geändert.