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Die fünf schlimmsten Musikgeschmäcker aller Zeiten

Wir freuen uns, dass du Musik magst. Aber um Himmels Willen, hör endlich auf, immer und überall darüber zu reden, wie gut du dich in deinem Lieblingsgenre auskennst.

von Niklas Fucks
31 Mai 2017, 11:44am

Symbolfoto: Imago

Sagen wir es wie es ist: Es gibt Musikgenres, die schlimmer sind als andere. Das liegt nicht unbedingt an subjektiv schrecklicher Musik (fast 20 Millionen Menschen haben sich All The Right Reasons von Nickelback gekauft!). Vielmehr ruinieren Fans ihr Lieblingsgenre selber, indem sie sich dadurch irgendeinen Lifestyle-Zweck erfüllen, sich in ihrem Selbstbild bestätigen wollen und vor allem pausenlos darüber schwatzen. Und was gibt es Schlimmeres als die immer gleichen endlos langweiligen Musiktalks, an deren Ende wir den Geschmack unseres Gegenübers umso mehr hassen? Um diesen Gesprächen vorzubeugen, haben wir hier eine Liste an Musikgeschmäckern zusammengestellt, von denen wir beim besten Willen keine detaillierte Aufarbeitung mehr brauchen.


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1. Deutschrap

Klar: Deutscher Rap heute ist facettenreicher denn je und ein ganzer Haufen von uns dürfte einen substanziellen Teil seiner Freizeit produktiv mit TV Straßensound-Interviews verplempern. Aber die Bosstransformation des deutschen Hip-Hops von der Nischen-Szene zum zeitintensiven Massenphänomen hat neben den handelsüblichen Nerds eine neue Generation von Deutschrap-Langweilern geboren. Ist man Pro oder Contra Cloudrap / Trap / Torch / Beginner und so weiter ... Wer sich immer schon stundenlang aufgewärmte Standardmeinungen zu diesen ewig gleichen Themen anhören wollte oder immer gern an einem richtig schlecht gedrehten Joint ziehen wollte, hier ist eure Chance ... Das ist aber alles immer noch spannender als die Mathestudenten, die der festen Überzeugung sind, dass sich Rap empirisch quantisieren lässt. Diese devoten Unterstützer des einzig wahren Felix Blume vermessen Reimketten, Silben, Vokabular und Taktsicherheit. Doubletime und Wortspiel-Vergleiche sind Trumpf. Sie sind die einzigen, die sich noch mit Online-Rap-Battles wie VBT beschäftigen, um in meterlangen Kommentaren Rap-Stile 14-Jähriger zu thematisieren. Und auch ein stabiler Twittergrind macht noch keinen interessanten Partygast.

2. Ironischer Trash

Neulich legte mein Mitbewohner auf einer Hausparty auf. Er hatte eine volle Plattentasche und haufenweise tanzbare Banger, doch es schien, als wäre die Kunsthochschulcrowd mit dem falschen Tanzbein aufgestanden … Bis dann jemand "Barbie Girl", Sean Paul und Gwen Stefani spielte. Nichts gegen die übermenschliche Gwen Stefani. Aber anscheinend geht gerade in hippen Kreisen der Trend zum Trash der 80er, 90er und dem "Besten" von heute – post-ironisch, versteht sich. Ob dann Alexander Marcus, der Wendler, Eurodance oder Schranz gefeiert wird, ist eigentlich egal. Denn wenn jeder Tobias einen nischigen, spezialisierten Musikgeschmack hat, muss die Avantgarde nun Mal im Mainstream Zuflucht suchen, um sich abzugrenzen. Unter Spezialisten nennen sie das Poptimism, denn man gibt die zeckigen Ressentiments gegenüber kommerzieller Musik auf und hofft drauf, dass Beyoncé und Rihanna schon wissen, was sie tun.

Natürlich ist es befreiend und mutig, sich einen weichen Fleck für den Kitsch der Vergangenheit einzugestehen, schließlich hat jeder von uns einen. Allerdings macht kommerzieller Erfolg Abba nicht besser als Isaac Hayes, Beyoncé nicht besser als Solange und Fast & Furious nicht besser als russische Dashcam-Videos. Kurzum: Denk nicht, du wärst edgy, nur weil du dich für Scheiße begeistern kannst.

3. Dinge, die "super produziert" sind

Im Club erzählt ein SAE-Student des Sounddesigns, er höre ausschließlich Innervisions. "Das Stevie Wonder Album?" "Nein, das Techno-Label." Schließlich sei die Produktion dort immer on point, sagt er, bevor er mir einen Track auf seinem Handy (!) vorspielt. Diese Art selbsterklärter Sound-Fetischisten, die sich stundenlang für ein winziges Geräusch begeistern können, findet sich besonders häufig in elektronischen Kreisen. Doch auch in so ziemlich allen anderen Genres gibt es die elitären Akustikfeinschmecker.

Was der elektronischen Musik ihre Sound-Design-Studenten sind, das sind allen anderen die sogenannten Audiophilen. Das klingt erst Mal nach seltsamen Sexpraktiken. Umso mehr, wenn man erfährt, dass davon hauptsächlich Männer über 40 betroffen sind, die für ein paar kurze Momente Befriedigung abertausende Euro ausgeben. Audiophile glauben, dass ihr extrem teures Equipment (Thorens Plattenspieler, Röhrenverstärker, teure Boxen, teuerste Pressung einer Platte) sie zur Elite der Musikhörer macht und alle anderen nur verzerrten Schrott hören. Letztes Jahr machte die Geschichte über einen Japaner die Runde, der sich für zehntausende Euros ins Starkstromnetz einklinkte, weil er sich sicher wahr, Strom aus der Steckdose sei "verunreinigt" und würde so den Musikgenuss schmälern. Schön und gut, jeder möge sein Geld für was auch immer ausgeben. Die Krux bei den Audiophilen ist allerdings meistens, dass sie auf ihrer exorbitant teuren Ausrüstung hauptsächlich 70er und 80er Mainstream Pop oder Klassik hören. Und wer Queen, Simon & Garfunkel oder die Beach Boys hört, kann auch eigentlich bei Handyboxen bleiben.

4. Weltmusik

In Zeiten, in denen Afro-Trap, Dancehall oder Baile Funk den internationalen Pop mehr als zuvor prägen, kommt einem der Begriff "Weltmusik" fast schon vor wie ein Relikt. Heute wird zwar nicht mehr alles, was zwischen brasilianischem Reggae und chinesischer Folklore außerhalb von Europa und USA produziert wird, in einen leidlichen Topf geschmissen. Aber der Umgang mit internationaler Musik ist nicht unbedingt sensibler geworden. Heute kennt die Großstadt-Society vielleicht Genres wie Cumbia oder Afrobeat. Doch wer hofft, hippe Menschen würden diese Musik jetzt nicht mehr nur als exotisches Hintergrundgeplätscher für ihren kosmopolitischen Lifestyle verwerten, liegt weit daneben. Von Prenzelberg bis Ehrenfeld lieben sie Musik aus aller Welt "und außerdem ist das ja auch voll das politische Statement, weißte, weg vom Eurozentrismus und so, wo wir halt voll dagegen sind". Einen Interpreten können sie dir trotzdem nicht nennen.

5. Neo-Folk

Schmusiger Akkustikgitarrenfolk dominiert aus irgendeinem Grund immer noch die Hitparaden. Der schlimmste Folk ist allerdings Neofolk. Das Subgenre entwickelte sich in den Achtzigern in Englands post-industrieller, experimenteller Musikszene und brachte ursprünglich industrielle Synthesizersounds mit pseudo-traditionellen Instrumenten wie Gitarre oder Flöte zusammen. Klingt ganz lustig, aber mit der Zeit ging es Teilen der Szene mehr und mehr darum, mit ihrer Musik eine reine deutsche / europäische / weiße Identität zu suggerieren. Germanische Themen wie Wald oder Sommersonnenwenden machen das Genre daher zum inoffiziellen Soundtrack der neuen konservativen Möchtegern-Boheme aka. der selbsternannten identitären Bewegung. Sucht man das Genre auf YouTube, stammt eines der ersten Videos vom Szenekopf und Drecks-YouTuber Martin Sellner, der sonst eher Videos wie "3 Fragen, die Antirassisten fertig machen" hochlädt. In den Kommentaren zu Videos von Ekelbands wie Jännerwein steht Volkstümelei neben "Heil Hitler" und Solidaritätsbekundungen mit dem islamophoben Massenmörder Dylann Roof. Explizit rechtsradikal sind die Texte dieser Bands dabei nicht, dafür umso "völkischer" und pseudo-tiefschürfender in der zarten teutonischen Seele. Der Zweck hinter dieser "Camouflage", so der Regisseur und Experte für rechte Musik Dietmar Post über Frei.Wild und Rammstein im Interview, sei, für rechte/ konservative Interpretationen offen zu bleiben. Doch bevor ich mir von irgendeinem weintrinkenden "Heimatverbundenen" eine Interpretation seines favorisierten Neofolkstücks über Berge anhören muss, steche ich mir ein Frei.Wild-Tattoo mit einem Eispickel.

So weit, so schrecklich. Meine Vorstellung vom innersten Kreis der Hölle ist, gleichzeitig von diesen Fünfen zugetextet zu werden, während meine Haut zu einer knusprigen Kruste gebraten wird. Diese Liste ließe sich sicher noch um mehrere Punkte verlängern. Schließlich gibt es noch Ausgeburten wie Vaporwave, Tech-House oder Musik, in der Schreien irgendein musikalischer Mehrwert zugeordnet wird. Doch als Anhänger dieser Genres solltet ihr nun nicht verzagen: Es gibt keine schlechte Musik, sondern nur schlechte Menschen.

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Ihr könnt bei Twitter jetzt gern stundenlang mit Niklas diskutieren: @fuckniklas

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