Verbrechen

Wie ein österreichischer Frauenmörder zum Popstar wurde

Vom Gefängnis in die Schickeria und wieder zurück – die groteske Geschichte des Jack Unterweger.

von Verena Bogner
20 September 2017, 8:00am

Screenshots: YouTube

"Aus dem Nichts transportierten wir ihn eilig zum Ruhm. Das Dunkle an so einem Typen, das macht die Intellektuellen an", diese Sätze schrieb der Profil-Journalist Günther Nenning 1992 über den Frauenmörder Jack Unterweger und sein im Nachhinein völlig absurdes Spiel mit der österreichischen Gesellschaft und Justiz. Vom gesellschaftlichen Verlierer wurde Unterweger zum Mörder – und vom Mörder zum Star und Nachrichtenthema Nummer 1, das einige Menschen ein bisschen zu sehr faszinierte.

Unterweger wuchs in ärmlichen Verhältnissen als Sohn eines US-Soldaten und einer Kärntner Kellnerin auf. Seine Mutter musste ins Gefängnis, als er gerade mal zwei Jahre alt war; warum, weiß man heute nicht mehr. Unterweger kannte sie lange Zeit nur von Nacktfotos, die sein Großvater besaß. In seinem vielbeachteten Buch Fegefeuer oder die Reise ins Zuchthaus prägte er den Mythos, seine Mutter sei eine Prostituierte gewesen – eine Behauptung, die bis heute nicht bestätigt werden konnte.

Er schreibt über sie: "Er [der Großvater] holte die Bilder aus dem Rahmen. 'Schau her, hier bist rausg'schlüpft. Nur die Schlampe hat keine Zeit für dich, noch weniger Geld, seit Jahren schickt sie mir nichts." Diese Geschichte von Unterwegers schwieriger Kindheit und Jugend wurde später immer wieder herangezogen, um zu zeigen, wie sehr der Frauenmörder Opfer seiner Umstände gewesen sei – und wie gut er sich trotz aller Schwierigkeiten resozialisiert habe. Aber von Anfang an.

Mit seinem saufenden Großvater stahl Unterweger damals gelegentlich Nutzvieh auf gemeinsamen Streifzügen. Über seinen Vater, den er nie kennenlernte, schrieb er: "Ein Tropfen vom amerikanischen Besatzungssperma blieb zurück und ging in ungewollte Produktion." Auf die Diebstähle mit dem Großvater folgten bald die ersten eigenen. Schon jung beging Unterweger Einbrüche. Bald darauf arbeitete er als Zuhälter: Er schickte Freundinnen auf den Strich.


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Im Dezember 1974 ermordete er die 18-jährige Margaret Schäfer in Hessen, als er dort eine Bekannte besuchte, die auch für ihn anschaffte. Schäfer lief Unterweger und seiner Begleitung zufällig über den Weg. Die beiden planten, die junge Frau aus Geldnot "lediglich" auszurauben. Sie fesselten sie und nahmen ihr ihr Geld ab.

Dann sollen Unterweger und seine Begleitung in einen nahegelegenen Wald gefahren sein, um ihr Opfer auszusetzen. In dem Moment dürfte er aber die Nerven verloren haben. Er erwürgte sein Opfer im Wald mit dem Draht ihres BHs – eine Tötungsweise, die er Jahre später wiederholen sollte. Später sagte Unterweger, Margaret Schäfer habe ihn an seine Mutter erinnert. Im Prozess bekannte sich Unterweger lediglich des Raubes schuldig. Er bekam lebenslang und wurde in der Justizanstalt Stein untergebracht, in der heute auch Josef Fritzl einsitzt.

"Ich suche dargebotene Venushügel, leicht geöffnete, stramme, lange Beine."

Während seiner Zeit in Stein passierte dann die Verwandlung vom verurteilten Mörder zum Liebling von Teilen der österreichischen Gesellschaft. Unterweger präsentierte sich als gequälte, missverstandene Seele, las viel und schrieb. Seine Bücher und Geschichten wurden von weiten Teilen der intellektuellen Elite, auch von großen Namen wie der Nobelpreisträgerin Elfriede Jelinek oder der Schriftstellerin Andrea Wolfmayr, gelesen. Der Mörder ohne Hauptschulabschluss veröffentlichte während seiner Zeit im Gefängnis mehrere Romane und Gedichtbände, in denen er seine Kindheit, seine Jugend im Heim sowie seine Zeit in der Haft beschreibt.

In seinem autobiographischen Roman Fegefeuer, der im 1983 erschien, schreibt Unterweger: "Ich schlafe nackt, es ist August, Sommerhitze weicht auch nachts nicht aus meiner Zelle, meine Gedanken wandern belebte Strände entlang, ich suche dargebotene Venushügel, leicht geöffnete, stramme, lange Beine."

Und an einer anderen Stelle: "Ich bin in meiner Endstation angekommen, ich weiß es, ich wehre mich nicht mehr dagegen." Durch Zeilen wie diese und das gekonnte Vermischen von Zerbrechlichkeit und Trieben zeichnete er für seine Leser das Bild des Verlorenen – und gleichzeitig auch Geläuterten. Unterweger schrieb während seiner Zeit im Gefängnis sogar auch Gute-Nacht-Geschichten für das ORF-Kinderprogramm Traummännlein.

Den vorläufigen Höhepunkt erreichte die sozialromantische Killer-Faszination der intellektuellen Linken, als der Radiosender Ö1 Jack Unterweger interviewte und ihn als "Wunder eines Menschen" bezeichnete. Der Tenor: Unterweger habe sich zum Guten verändert und sei immer noch das Opfer der Umstände, in die ihn sein Aufwachsen gezwungen hätten. Auch das Narrativ von der Mutter, von der Jack doch nur geliebt werden wollte, wurde im Interview aufgegriffen – und bereitwillig von den Journalisten übernommen.

Der "Vorzeigemörder" verdiente nun sein Geld mit Leseabenden und als Journalist

Seine Werke und der damit einhergehende Hype machten ihn zum Promi. Literaturgrößen wie Franz Kabelka oder eben Elfriede Jelinek veröffentlichten Texte in Unterwegers selbst herausgegebener Literaturzeitschrift Wort-Brücke und setzten sich für ihn ein, indem sie Petitionen für seine Freilassung starteten.

Nachdem Unterweger 16 Jahre abgesessen hatte, wurde er – zur Erleichterung seiner Fans und Verehrerinnen, die sich über die Jahre angehäuft hatten – nach Zustimmung des damaligen Justizministers Egmont Foregger vorzeitig aus der Haft entlassen. Als rechtliche Grundlage wurde damals eine Textstelle aus dem Strafgesetzbuch herangezogen, die rückblickend besonders grotesk erscheint: "Er ist gleichwohl nur dann bedingt zu entlassen, wenn nach seiner Person, seinem Vorleben, seinen Aussichten auf ein redliches Fortkommen und seiner Aufführung während der Vollstreckung anzunehmen ist, dass er in Freiheit keine weiteren strafbaren Handlungen begehen werde." Von da an gab sich Unterweger bei jeder Gelegenheit als geläuterter Bad-Boy.

Er posierte für Medien oben ohne und präsentierte seine Flammen-Tattoos und den Schriftzug "Make Love Not War" auf seiner schmalen Brust. Der "Vorzeigemörder" verdiente sein Geld mit Leseabenden und mit Aufträgen als Journalist. In der Diskussionssendung Club 2 sprach Unterweger im weißen Seidenanzug über seine Wiedereinführung in die Gesellschaft und führte die High-Society an der Nase herum.

Im Jahr 1991 gestaltete Unterweger zum Beispiel einen Ö1-Beitrag zum Thema "Angst im Rotlichtmilieu", in dem es um nur wenige Monate zuvor verschwundene Prostituierte in Wien ging. Eine mediale Selbstgefälligkeit, die im Nachhinein besonders absurd wirkt.

Unterweger fragte einen Beamten, ob es nicht frustrierend sei, wenn man gegen eine "tote Wand" renne. Im Sommer 1991 reiste Unterweger sogar für eine Recherche nach Los Angeles und produzierte einen Beitrag über die dortige Rotlicht-Szene. Wie sich später herausstellte, beließ er es anscheinend nicht bei der Recherche. Insgesamt drei weitere Prostituierte soll Unterweger während seines Sommers in L.A. umgebracht haben. Alle drei wurden mit Teilen ihrer Unterwäsche erdrosselt.

In der Untersuchungshaft bekam er haufenweise Liebesbriefe und Nacktfotos – sogar von Nonnen

Die Beweislage gegen Unterweger verdichtete sich erneut. Anfang 1992 wurde schließlich Haftbefehl erlassen. Daraufhin flüchtete Unterweger mit seiner Freundin Bianca, die damals noch zur Schule ging, in die USA. Diesmal zog es ihn an die Strände Miamis. Seine Freundin veröffentlichte Jahre später ein Buch über ihre Zeit mit Unterweger, in dem sie schreibt, dass sie alles für ihn damals aufgegeben hatte.

Die junge Frau verfiel ihm, obwohl er sie laut eigener Aussagen anfangs überhaupt nicht beeindruckt hatte. Darüber, ob er schuldig war oder nicht, habe sie nicht nachgedacht, als sie mit ihm durchbrannte, schrieb sie.

Bei einem Live-Anruf in einer ORF-Sendung präsentierte Unterweger sich als Opfer einer Hetzjagd. Ein Großteil der österreichischen Kulturelite wollte noch immer nicht an seine Schuld glauben.

Im Februar 1992 wurde Unterweger in Miami geschnappt und überstellt. Die Staatsanwaltschaft klagte ihn wegen Morden an elf Prostituierten an. Sieben soll er in Österreich, drei in den USA und eine in Tschechien ermordet haben. Zwei Jahre lang saß Unterweger in U-Haft. Immer noch erreichten ihn haufenweise Liebesbriefe inklusive Nacktfotos – sogar von Nonnen, wie sein Psychiater festhielt.


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Unterweger selbst soll laut seinem Psychiater die Frauen, die ihm verfielen, in drei Kategorien eingeteilt haben: die, die mit dem Mörder und Urmann schlafen wollen; die, die ihn für unschuldig hielten; und die, die sich in ihn verliebten, weil er schlichtweg da war und nicht weglaufen konnte.

Auch die heute als Strafverteidigerin tätige Astrid Wagner verliebte sich damals in Unterweger, nachdem sie ihn als junge Juristin nach einem Selbstmordversuch besuchte, um ihm Mut zuzusprechen. In welche der drei Kategorien von Unterweger sie fällt – wenn überhaupt –, lässt sich nicht so einfach sagen. Fakt ist, dass sich Astrid Wagner sogar von ihrem Freund trennte und Unterweger als "Frauentyp" und "Filou" bezeichnete. Sie wollte ihn auch heiraten, um vor den Geschworenen einen besseren Eindruck zu hinterlassen.

Jack Unterweger wollte aber keine Hochzeit. Für ihn käme eine Ehe nur in Freiheit in Frage, so Unterwegers Begründung gegenüber Astrid Wagner. Auch sie schrieb ein Buch über die gemeinsame Zeit mit dem Frauenmörder, die sich aufgrund seiner Inhaftierung auf den minimalsten Körperkontakt beschränkte. Die zwei Jahre Untersuchungshaft vergingen für Unterweger also mit einer enthaltsamen Romanze und einigen verzweifelten Versuchen, seinen Status als Gesellschaftsliebling zu erhalten.

Am 20. April 1994 fand schließlich der Prozess gegen Unterweger statt. Der Medienandrang war denkbar groß. Unterweger hatte sich gut vorbereitet: Im schicken Anzug trat er in den Saal, spielte einmal mehr den intellektuellen Lebemann. In seinem Plädoyer sagte er:

"Meine Damen und Herren Geschworenen, wir sind jetzt für die nächsten zwei Monate zusammen, und ich möchte kein steriler Schauspieler sein. Ich möchte es mit Ihnen so haben wie im Kaffeehaus. Falls Sie Fragen haben, stellen Sie sie bitte, und ich werde Ihnen auf alles, wirklich alles, Antwort geben. Sehen Sie, ich habe den großen Vorteil, dass ich nichts zu verbergen habe, da ich nicht der Mörder bin. Wenn Sie mich bei einer Lüge erwischen, dann verurteilen Sie mich."

Man attestierte ihm eine narzisstische Persönlichkeitsstörung mit sadistischer Ausprägung. Augenzeugen für die Morde gab es in keinem der Fälle: Unterweger brachte die Opfer meist an so abgelegene Orte, dass bei zweien aufgrund der Verwesung die Todesursache nicht mehr festgestellt werden konnte. Die übrigen Frauen wurden stranguliert, mit ihren BHs oder Strumpfhosen, die auf ganz spezielle Art und Weise verknotet worden waren.

Der Prozess dauerte gut zwei Monate. Dann, am 29. Juni 1994, wurde das Urteil verkündet. Am Ende wurde "Jack the Writer" trotz seiner eindrucksvollen Show und einem gut durchdachten Plädoyer im Juni 1994 schuldig gesprochen – und zwar im ersten Prozess Österreichs mithilfe von DNA-Tests. Ein Haar des Prager Opfers, das in Unterwegers Auto gefunden wurde, wurde ihn zum Verhängnis.

Nur wenige Stunden nach seiner Verurteilung beging Unterweger in seiner Zelle Suizid. Der Knoten, den er aus der Kordel seiner Jogginghose geknüpft hatte, war der gleiche, den die BHs und Strumpfhosen der toten Frauen aufwiesen. Das Urteil wurde aufgrund des Selbstmords nie rechtskräftig.

Verena auf Twitter: @verenabgnr

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