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Kurt Cobain war ein begnadeter Zeichner und Maler

Wäre er heute noch am Leben, hätte der Nirvana-Frontmann vermutlich eine Zweitkarriere als visueller Künstler.

Beckett Mufson

Beckett Mufson

Kurt Cobain, "Crackbabies"

Lange bevor Kurt Cobain das erste Mal eine Gitarre in die Hand nahm, liebte er schon visuelle Kunst. In Der Himmel über Nirvana beschreibt Cobains Biograf Charles R. Cross, wie der sechsjährige Kurt stolz eine perfekte Mickey-Maus-Zeichnung präsentierte: Er habe sie komplett aus dem Gedächtnis gezeichnet. Die Zeichnung war so gut, dass sein Großvater Leland ihn bezichtigte, heimlich durchgepaust zu haben. "Hab ich nicht", sagte Cobain, und produzierte zum Beweis – und zu Lelands Erstaunen – gleich noch einen Donald Duck und einen Goofy.

Die Liebe zur Kunst zog sich weiter durch Cobains Leben. Im August 2017 wurden im Rahmen der Seattle Art Fair zum ersten Mal Gemälde ausgestellt, die lange ungesehen im Archiv von Cobains Nachlass geruht hatten. Auf der Kunstmesse boten 100 Galerien aus dem Pazifischen Nordwesten der USA Werke zum Verkauf an, allein Cobains Gemälde waren unverkäuflich.


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Von seinen Kunstlehrern bekam Cobain das Lob und die Unterstützung, die ihm zu Hause fehlten. Er machte seinen Sorgen über die zerrüttete Ehe seiner Eltern Luft, indem er Comics in seine Tagebücher zeichnete. "Er war ständig am Kritzeln", sagte Cobains Mitschülerin Nikki Clark gegenüber Cross. Dabei waren seine Motive meist düster, handelten von Gewalt, Monstern und Satan. Er zeigte seinem Mitschüler Bill Burghardt in der siebten Klasse eine realistische Zeichnung von einer Vagina, woraufhin Bill nur fragte: "Was ist das?"

Cobains Kunst war auch noch präsent, als Nirvana die Musikwelt eroberte. So gestaltete die Grunge-Legende die ersten Sticker der Band und auch das Cover des Albums Incesticide – beides war auch auf der Seattle Art Fair unter den Exponaten.

Kurt Cobain, "Untitled"

Die United Talent Agency (UTA) hat vergangenes Jahr Cobains Nachlassverwaltung übernommen und dabei seine Kunst aus dem Archiv geholt. Der Kunstdirektor der Agentur, Josh Roth, bekam Zugang zu Hunderten persönlichen Gegenständen, die einst Cobain gehört hatten und die nun in einem Lager "irgendwo in Los Angeles" liegen. Eine kleine Auswahl seiner Funde zeigte Roth bei der Kunstmesse, darunter Notizbuchseiten mit einem frühen Entwurf von "Smells Like Teen Spirit", einen Brief, in dem Cobain Courtney Love seine ewige Liebe schwor, und ein gemeinsames Werk mit William S. Burroughs – Cobain hatte vier Einschusslöcher beigesteuert. Es gab auch zwei Gemälde, einmal ein hageres, amphibienartiges und zugleich humanoides Wesen auf gelbem Grund mit dem Titel Fistula und dann ein Werk, das Millionen von Nirvana-Fans bereits kennen und in kleinerer Ausgabe besitzen: Das Gemälde Incesticide, das auch auf dem Cover des gleichnamigen Albums zu sehen ist.

Kurt Cobain, Incesticide

Spätestens seit seinem Tod durch Suizid vor 23 Jahren analysieren Musik- und Popkulturinteressierte Cobains Psyche bis in die hintersten Winkel. Die Ausstellung seiner Kunst bietet Einblick in eine Seite von Cobain, die bisher nicht im öffentlichen Fokus stand. Cobains Pinselstriche sind präzise und zugleich grob, die Holzrahmen der Gemälde sind die von Cobain verwendeten Originale.

Cobains lange verschollene Werke ernteten begeisterte Kommentare vom Rolling Stone, aber auch von Kultur-Blogs und lokalen Berichterstattern aus Seattle. Neben den Arbeiten des Nirvana-Sängers zeigte der UTA-Stand außerdem Werke von Künstlern wie Mike Kelley, Richard Prince, Elizabeth Peyton, Dennis Hopper und Dash Snow. "Wir wollten Kurt etablierte Künstler zur Seite stellen", sagt Roth. Allerdings sei auch eine Solo-Ausstellung mit Cobains Kunst in Arbeit.

Die Kunstwerke am UTA-Stand waren jedenfalls ein würdiges postumes Geleit für Cobain. Neben Fistula und Incesticide konnten Besucher eine Arbeit aus Mike Kelleys Reihe Garbage Drawings sehen. Kelleys Anfänge gleichen Cobains: Er wuchs als Kind der Arbeiterklasse auf und begann seine Karriere in der Detroiter Musikszene mit der Noise-Band Destroy All Monsters. Beide Künstler setzten in ihrer Arbeit gern Ironie ein, mochten unvollkommene und rohe Ästhetik, kämpften mit schweren Depressionen und nahmen sich letztendlich selbst das Leben.

Kurt Cobain, Fistula

Roth vergleicht das Superstar-Potential von Nirvana mit U2 und Bruce Springsteen und malt sich aus, was Cobain wohl erreicht hätte, wäre er so lange im Geschäft geblieben wie Bono. Allerdings gibt es einen Musiker und visuellen Künstler, der Roth wirklich an Cobain erinnert: Bob Dylan. "Er ist ein großartiges Beispiel dafür, was aus Cobain hätte werden können", sagt Roth. "Leider werden wir das aber niemals erleben."

Kurt Cobains Kunst sehen zu können, ist für Nirvana-Fans eine Art Trost, ein neuer Zugang zu ihrem verstorbenen Helden. Die Cobain-Doku Montage of Heck enthielt bereits Bilder seiner Kunst, von anderen Künstlern mit Animation zum Leben erweckt. Doch auch wenn man sich eine Zeit lang in seinen Werken verlieren kann, zurück bleiben bittersüße Gedanken daran, was hätte sein können. "Das ist die Tragödie eines Lebens, das viel zu früh endete", sagt Roth. "Ich denke, er stand eigentlich erst am Anfang." Wir bleiben gespannt auf die Solo-Ausstellung und andere Projekte, in denen Cobain weiterlebt.

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