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Eminems Musik ist die perfekte Schmerztherapie

Egal ob es um den Tod eines engen Freundes, Familienprobleme, Drogensucht, Armut oder ein anderes traumatisches Erlebnis geht, Eminem hat schon viel Scheiße erlebt. Seine Musik hilft uns allen.

von Ryan Bassil
31 August 2017, 1:53pm

Foto. imago | ZUMA Press

Wann hast du das letzte Mal über Schmerzen nachgedacht? Damit meine ich jetzt nicht die körperlichen Schmerzen, die zum Beispiel bei Knochenbrüchen auftreten. Und auch nicht deinen Kater vom letzten Wochenende. Nein, ich rede hier von etwas, das tiefer liegt, von einem Schmerz, der oberflächlich zwar schon vergangen ist, in dir drin aber immer noch existiert. Ein vergangenes Trauma, das aus irgendeinem Grund nicht vergessen werden kann.

Falls dir diese Beschreibung bekannt vorkommt, dann schaut dein Schmerz sehr wahrscheinlich ab und an noch mal vorbei und reißt alte Wunden auf. Vielleicht befindet er sich hinter einer Mauer, die nur notdürftig gekittet wurde. Vielleicht trägst du ihn aber auch wie eine Tasche offensichtlich mit dir umher. Was auch immer zutrifft: Der Schmerz ist irgendwo präsent und will einfach nicht verschwinden. Es muss also noch genügend Zündstoff vorhanden sein. Warum sonst sollte der Schmerz auch immer wieder auflodern? Der spirituelle Lehrer und Autor Eckhart Tolle beschreibt dieses Phänomen als "Schmerzkörper": eine Art Parasit, der von Zeit zu Zeit auftaucht, vergangene Situationen und Gefühle wieder hochkommen lässt und damit einen gegenwärtigen Schmerz verursacht.

Egal ob es um den Tod eines engen Freundes, Familienprobleme, Drogensucht, Armut oder ein anderes traumatisches Erlebnis geht, Eminem kann gefühlt hinter alles einen Haken setzen. Seit 21 Jahren verarbeitet er seinen Schmerz – wegen seiner Mutter (und seines Vaters), seiner Drogenabhängigkeit, seiner Genesung und seiner Trauer – nun schon in Form von Musik. Auf diesem Weg ermöglicht er es uns, über unsere eigenen Probleme nachzudenken.

Vergangenes Wochenende hat Eminem als Headliner dem Publikum bei den Reading und Leeds Festivals diesen Spiegel vorgehalten. Man könnte jetzt natürlich über Ems Performance (oder seinen Bart) reden, aber das bringt hier niemanden weiter. Konzentrieren wir uns stattdessen lieber auf diesen Schmerz, den ich gerade beschrieben habe und den Eminem auch in seinen Songs anspricht.

Foto: Jeremy Deputat

Die meisten von Eminems Liedern sind inzwischen so alt, dass du dich beim Hören unweigerlich an den Moment erinnerst, in dem du sie zum ersten Mal bewusst wahrgenommen hast – und was seitdem alles passiert ist. Egal, ob es sich nun um das Thema an sich oder die Herangehensweise handelt, Eminem ist für alle da. Du bist traurig, verletzt, sauer oder gut drauf? Dann höre Eminem. Aus diesem Grund gehört der Rapper auch zu den erfolgreichsten Künstlern der 2000er. Erst spuckt er dir in die Zwiebelringe und bringt dich mit einem derben Witz über den Discovery Channel zum Lachen. Dann drückt er seine negativen Gefühle auf eine so direkte Art und Weise aus, dass du dich auch darin wiederfindest.

Weil Eminem zuerst Mensch und dann erst Rapper ist, hat er mit Sicherheit auch einen Schmerzkörper – inklusive Traurigkeit, Angst, Wut und Selbstzweifel. Ich will jetzt nicht darüber spekulieren, was Eminem alles durchgemacht hat. Aber wenn du dich mit den Inhalten seiner Songs identifizieren kannst (in anderen Worten: Wenn du nach einem beschissenen Tag Eminems Musik anmachst), dann ist ein solcher Headliner-Auftritt für dich ein Großereignis. Es gibt kaum etwas Besseres als Live-Musik, die einem etwas bedeutet. Eminems Reiz hat schon immer darin gelegen, dass er mit seinen Songs seine Erlebnisse und Erfahrungen verarbeitet. Und egal, ob das Ganze dann konfrontativ, witzig, obszön oder traurig daherkommt, es passt einfach in vielen verschiedenen Situationen. Und genau wegen dieser Tatsache hilft Eminems Musik seinen Zuhörern weiter.

Als ich mir Eminems Auftritt beim Reading Festival ansehe, muss ich über meinen eigenen Schmerzkörper nachdenken. Und darüber, wie es möglich ist, Erinnerungen wie ein unsichtbares Körperteil auf ewig mit sich herumzuschleppen. Laut Tolle kann man solche vergangenen Erfahrungen auflösen und erkennen, wie und wann sie den damit verbundenen Schmerz auf neue Situationen übertragen. In seinem Buch A New Earth schreibt er, dass wir lernen können, nicht ständig über Vergangenes nachzudenken, sondern stattdessen im unverdorbenen Hier und Jetzt zu leben. Anders gesagt: Wir werden von der Gegenwart und nicht von der Vergangenheit definiert. Es ist möglich, den Schmerzkörper nicht weiter zu füttern und alte Denkmuster abzulegen.

In "Rap God" rappt Eminem selbst, dass er inzwischen genügend Reime habe, um anderen Menschen durch harte Zeiten zu helfen. Und das ist auch gut so. Wenn es jedoch noch ein letztes Ass gibt, das der Musiker aus dem Ärmel schütteln kann, dann folgendes: Er zeigt uns allen, welchen emotionalen Ballast wir mit uns herumschleppen, wie man loslässt und wie man so sehr in der Gegenwart lebt, dass einem die Vergangenheit nichts mehr anhaben kann.

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