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Verschwörungsseiten zur Mondfinsternis werden hunderttausendfach geklickt

Wer sich im Netz über die längste Mondfinsternis des Jahrhunderts informieren will, stößt auch auf Verschwörungstheorien und Esoterik. Dabei lässt sich das Phänomen mit wenigen Worten erklären.

von Anna Biselli
27 Juli 2018, 5:00am

Bild: Shutterstock | Tragoolchitr Jittasaiyapan

Die Mondfinsternis lässt den Dritten Weltkrieg näher rücken; Geister und Dämonen freuen sich darüber; Krankheiten können geheilt werden – und auch Geheimdienste haben ein besonderes Interesse an dem Ereignis. Dutzende solcher Thesen zur Mondfinsternis werden auf Blogs und Websites verbreitet, die Hunderttausende Menschen lesen.

Am Abend des 27. Juli ist die längste Mondfinsternis des Jahrhunderts. Ab 20.25 Uhr wird der Mond in den Kernschatten der Erde eintreten und rot leuchten, was dem Phänomen den Namen "Blutmond" verleiht. Die Mondfinsternis wird ein eindrucksvolles Schauspiel, für das sich schon jetzt zahlreiche Nutzer aus aller Welt interessieren. Google-Anfragen schnellen um ein Vielfaches in die Höhe, Hunderte Artikel erscheinen. Wer den Suchbegriff "Mondfinsternis" mit den Worten "Angst" oder "Energie" verbindet, stößt auch unter den ersten Google-Ergebnissen auf zahlreiche Websites, die esoterische Inhalte oder Verschwörungstheorien verbreiten.

Tatsächlich werden einige dieser Websites jeden Monat Hunderttausende Male gelesen. Die Zugriffszahlen einer Website lassen sich grob mit Hilfe des Dienstes SimilarWeb bestimmen. Wieviele Leser ein einzelner Artikel hatte, lässt mit Hilfe des Analysedienstes allerdings nicht erkennen.

"Ein Ahnenrat führt die Bemühungen eines jungen Führers zur Vollendung"

Screenshot der Seite Sternenlichter 2.0
Bild: Screenshot | Sternenlichter 2.0

Eine der Websites, die Mondfinsternis und Verschwörungstheorien zusammenbringen, heißt "Sternenlichter 2.0". Sie erscheint als viertes Suchergebnis bei den Begriffen "Mondfinsternis" und "Energie" und hatte laut dem Analysedienst SimilarWeb im letzten Monat 200.000 Website-Zugriffe. Die Seite enthält unter anderem Werbung für den Kopp-Verlag, der sowohl Bücher mit rechtsextremen als auch mit esoterischen und verschwörungstheoretischen Inhalten verkauft. Die Macherin der Seite deutet die Mondfinsternis anhand der Sternenpositionen und schreibt, dass die Finsternis auf der Löwe-Wassermann-Achse stattfinde. Eine symbolische Bedeutung dieser Position sei, dass ein "Ahnenrat die Bemühungen eines jungen Führers zur Vollendung" führe.

Der Satz klingt zunächst kryptisch, wenig später wird aber klar, dass er offenbar politisch gemeint ist. Es sei unbedingt nötig, "Grenzen zu unserem Schutz aufrechtzuerhalten", heißt es in diesem Artikel zur Mondfinsternis. Der Grund: Die UNO betreibe das "wahnwitzige Unterfangen", die "Massenmigration global auszuweiten". Der Artikel spielt damit direkt auf die vor allem unter Rechtsextremen verbreitete Verschwörungstheorie der sogenannten Umvolkung an – die von der Mondfinsternis anscheinend bestätigt werden soll.

Die Seitenbetreiberin von "Sternenlichter 2.0" sieht in der Mondfinsternis noch ein weiteres politisches Thema: Sie hält die Sternenkonstellation zur Zeit des blutroten Mondes für ein "Geschenk Putins an Trump". Die Website spiritualresearchfoundation.org mit 603.000 Zugriffen pro Monat empfiehlt, während der Mondfinsternis nicht zu essen und Schlaf, Sex und Toilettengänge zu vermeiden. Es lassen sich leicht viele weitere Seiten mit Verschwörungstheorien finden.

Was die Mondfinsternis wirklich bedeutet

Bei der Mondfinsternis befindet sich die Erde zwischen Sonne und Mond.
Bei der Mondfinsternis befindet sich die Erde zwischen Sonne und Mond | Bild: Shutterstock | Astrobobo

Das sind sehr fantasievolle Spekulationen für ein zwar beeindruckendes, aber wissenschaftlich leicht erklärbares Ereignis: Wenn der Mond am 27. Juli in den Kernschatten der Erde tritt, wird er nicht schwarz sein, sondern rötlich leuchten. Denn selbst in diesem Schatten ist es nicht vollständig dunkel. Sonnenstrahlen brechen sich in der Erdatmosphäre, wodurch vor allem die langwelligen, roten Sonnenstrahlen in Richtung des Mondes gelenkt werden. Der Mond reflektiert dieses Licht wiederum – und wenn wir den Mond betrachten, landet es letztlich in unseren Augen.

Früher haben sich Menschen davor gefürchtet, wie zahlreiche Mythen belegen, heute gibt es dafür keinen Grund mehr. Es gibt keine wissenschaftlichen Hinweise, dass die Positionen der Himmelskörper menschliche Eigenschaften oder politische Ereignisse beeinflussen.


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Trotzdem nimmt die Zahl der Menschen zu, die an den Einfluss der Himmelskörper und anderen übersinnlichen Dingen auf ihr Leben glauben. Auch wenn bekannt ist, dass Sender wie AstroTV mit dem Sternenglauben ihrer Zuschauer und Anrufer vor allem eines tun: Geld verdienen. Nach Schätzungen des Autors und Psychologen Johannes Fischler, der über den Esoterik-Markt recherchierte, liegen die Umsätze der gesamten Branche in Deutschland bei etwa 20 bis 25 Milliarden Euro. Auch andere Experten kommen zu ähnlichen Ergebnissen, der Trend-Forscher Eike Wenzel schätzte den Jahresumsatz auf etwa 15 bis 20 Milliarden.

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