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Drogen

Die Chronik meines Heroinentzugs

Die Autorin Hannah Brooks hat sich nach jahrelanger Heroinsucht in eine thailändische Entzugsklinik begeben. Für uns dokumetiert sie den Alltag ihrer letzten Chance.

von Hannah Brooks
06 August 2018, 1:31pm

Foto: Nikky G.

Vor Kurzem hat Hannah Brooks bereits ausführlich über ihre Heroinsucht und ihren Weg zum Entzug geschrieben. Jetzt erzählt sie, wie es ihr in der thailändischen "Hope"-Entzugsklinik ergeht.


Ein letztes Aufbäumen vor dem Ende. So könnte man es bezeichnen, wenn wir uns noch mal richtig abschießen, unmittelbar bevor wir uns in die Drogenentzugsklinik einweisen. Die Wodka-Flasche klebt förmlich in unseren Händen, wir stinken, die Zigarette fällt uns aus dem Mundwinkel. Wir stolpern Treppen hinunter. Wir ziehen Lines weg oder geben uns einen letzten Schuss. Wenige Stunden später stehen wir dann am Empfang der Entzugsklinik, schlafen fast ein und sabbern auf die Anmeldeformulare. Wir geben es uns noch mal richtig, weil wir eine Scheißangst haben. Und große Zweifel.

Wir wissen, dass wir ein Problem haben. Wir wissen aber nicht, ob wir uns ändern können. Und dann reden wir uns die Dinge schön: "Ich habe doch nur ein Kokainproblem. Natürlich kann ich da noch trinken", protestieren wir. "Ich leite außerdem ein Unternehmen." Alles, was Henk, der leitende Berater in der thailändischen Hope-Entzugsklinik, zu solchen Lügen zu sagen hat: "Na und? Ihr seid trotzdem auf Entzug." Niemand ist durch Zufall hier gelandet.


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Dann kommen wir wieder auf den Boden der Tatsachen zurück. Die Entgiftung beginnt. Die Drogen hören auf zu wirken und wir müssen uns wieder mit uns selbst beschäftigen.

Mir schießen verschiedene Gedanken und Fragen durch den Kopf: "Ich bin auf Entzug. Ich habe mein verdammtes Leben ruiniert. Wie bin ich hier gelandet? Und wie komme ich hier wieder weg?"

In meinen ersten zehn Tagen in der Hope-Klinik trinke ich bitteres Methadon, um vom Heroin wegzukommen, ohne den Horror eines kalten Entzugs durchleben zu müssen. Das habe ich schon viel zu oft getan. Ich habe keine Lust mehr darauf, gleichzeitig zu scheißen und zu kotzen. Ich habe keine Lust mehr auf den stechenden Schweißgeruch und den überwältigenden Drang nach einem Schuss. Ich muss das jetzt durchziehen. Wenn nicht, dann werde ich sterben.

Es ist aber auch nicht einfach, vom Methadon runterzukommen. Nach vier Tagen ohne das synthetischen Opioid wandle ich wie ein Geist durch die Gegend. Ich habe keine Energie, meine Knochen fühlen sich bleischwer an. Meine Knie und Waden bringen mich um. Meine Nächte verbringe ich betend vor den großen Stein-Buddhas. Ich freue mich, wenn ich mal drei Stunden am Stück schlafen kann.

Gleich und gleich gesellt sich gern

In Thailand ist es richtig heiß, die Temperaturen liegen quasi immer zwischen 35 und 39 Grad Celsius. Dennoch ist mir schweinekalt. Marcus, ein Kokain- und GHB-Süchtiger aus den Niederlanden, gibt mir seinen schwarzen Hoodie, damit ich in den Gruppenräumen mit Klimaanlage nicht weiter zittere. Selbst in der knallenden Sonne habe ich Gänsehaut. Ich schleppe meinen Körper von A nach B. Eines Abends wird mir im Speisesaal plötzlich schlecht. Ich schaffe es nicht mehr rechtzeitig auf die Toilette und kotze neben eine große Schale Bananen. Danach muss ich heulen.

Am häufigsten hänge ich mit den Heroinsüchtigen ab. Allerdings gibt es davon bei Hope nur wenige, weil es bis jetzt immer diese Junkies waren, die für Probleme gesorgt haben. Der Ire Christopher macht gerade seinen 14. Entzug. Dennoch ermutigt er mich: "Immer positiv denken!", sagt er mit einem Lächeln. Rado kommt aus Bulgarien, will ebenfalls vom Heroin loskommen und denkt ähnlich wie ich. Wir sind gleich alt und beide der Meinung, dass wir nur noch eine Chance haben.

Jester, eine Heroinsüchtige aus London, ist meine Nachbarin. Wir wohnen in einem alten, traditionellen Thai-Holzhaus im hinteren Bereich des Hope-Grundstücks. Als ich sie das erste Mal sehe, trägt sie einen Pyjama mit Rastafari-Aufdruck und einen Mundschutz aus Papier. Dazu umklammert sie einen großen Holzprügel. "Wenn die mich wieder holen wollen, renne ich nicht mehr davon", ruft sie und schwingt dabei ihren DIY-Schlagstock durch die Luft.

Ich selbst versuche, nicht rumzujammern, sondern immer positiv zu bleiben. Ich lächle, als ich in einem schön geschnitzten, aber unbequemen Holzstuhl einschlafe – und dabei immer wieder mein Mantra "Das ist mein allerletzter Entzug" vor mich hinmurmle.

Das Doppelleben der Kranken

In der Hope-Klinik leben 30 drogensüchtige Menschen zusammen und müssen als Community funktionieren. Sie bleiben mindestens einen, maximal drei Monate hier – das kommt ganz darauf an, wie viel sie sich leisten können, wie sie bei ihrer Arbeit und ihren Familien eingespannt sind und wie sehr sie sich ihrer Sucht bewusst sind. Viele sind nach dem Entzug wie neugeboren. Andere verlassen die Klinik lediglich mit gebräunter Haut und der Vorstellung, dass sie jetzt "geheilt" seien. Das macht mir Angst.

Weil ständig Betroffene kommen und gehen, hat die Hope-Community etwas Zyklisches an sich. Manche Tage sind schön, an anderen – wenn viele neue Leute kommen oder viele gehen – ist jeder ziemlich schlecht drauf, bis sich die Wogen wieder glätten.

Wenn man mal von den Drogen und dem Alkohol absieht, geht es den meisten Hope-Patienten und -Patientinnen eigentlich ganz gut. Wir sind zwischen 20 und 64 Jahre alt, es gibt dreimal so viele Männer wie Frauen. Unter uns befinden sich Ärztinnen, Computerprogrammierer, Broadway-Produzentinnen, Aktienhändler, Investorinnen, Umweltwissenschaftlerinnen, Werbechefs, preisgekrönte Köche, Polizisten, Crack- und Koksdealer und zwei Escorts. Die meisten zahlen ihren Aufenthalt selbst, bei anderen übernehmen Verwandte oder Beziehungspartner die Rechnung.

Julia aus Deutschland erklärt mir in gebrochenem Englisch: "Bei uns zu Hause würden wir Hope als 'multi-kulti' bezeichnen."

Warum eigentlich gerade ein Entzug in Thailand? Warum sind wir nicht einfach in eine Entzugsklinik bei uns zu Hause gegangen? Natürlich ist das gute Wetter schon mal ein überzeugender Grund, aber der vergleichsweise günstige Preis dürfte bei den meisten der ausschlaggebende Punkt sein. Im Laufe des vergangenen Jahrzehnts hat sich Thailand sowieso zu einem internationalen Zentrum des Medizin-Tourismus gemausert – egal ob nun für Zahnbehandlungen, Schönheits-OPs oder eben Drogenentzüge. Menschen aus der Mittelschicht können sich hier alles leisten.

Ein weiterer Grund für einen Entzug in Thailand ist die Entfernung. Wer schon mal einen Entzug gemacht hat, weiß genau, wie wichtig es ist, weit weg von allen Versuchungen zu sein. Natürlich könnten wir uns auch in Thailand Stoff besorgen, aber ohne unsere Stammdealer – die auch sofort Drogen in eine Entzugsklinik bringen würden – ist es viel wahrscheinlicher, dass wir den Entzug durchziehen und leben.

In der Hope-Klinik sind viele Menschen aus Hongkong, den Niederlanden, Irland, Taiwan, Thailand, Deutschland, Wales, Schottland, Kanada, den USA, Neuseeland, Bulgarien und Belgien. Julia aus Deutschland erklärt mir in gebrochenem Englisch: "Bei uns zu Hause würden wir Hope als 'multi-kulti' bezeichnen."

Zwischen Smoothies, Muay Thai und gewaltfreier Kommunikation

Im Laufe meines Entzugs komme ich immer mehr in einen bestimmten Rhythmus. Früh morgens trinke ich Kaffee, rauche eine Zigarette und schreibe. Vormittags stehen Yoga, Mangos und Müsli auf dem Programm. Danach folgen eine Meditation, ein Smoothie, Gruppentherapie und Mittagessen. Nachmittags habe ich dann die Wahl zwischen Massagen, Muay-Thai-Training, etwas Arbeit, Beratungsrunden oder weiteren Gruppentherapien. Wir beten mit unseren Gebetsperlen und praktizieren gewaltfreie Kommunikation. Wir verfallen in unsere Om-Gesänge. Und ansonsten haben wir keine andere Wahl, als uns mit uns selbst und unseren Gefühlen zu beschäftigen – ganz egal wie unangenehm das auch sein mag.

Genauso wie Christopher habe auch ich schon viele Entzüge hinter mir. Bei manchen musste ich lediglich zu bestimmten Zeiten meine Medizin schlucken. Bei einer therapeutischen Community durfte ich kein Schwarz mehr tragen, um "weicher" zu werden. Und bei einem anderen Entzugsprogramm drückte man mir eine Bibel in die Hand und wies mich an, meine Schultern und Beine zu bedecken, damit ich die männlichen Patienten nicht ablenke.

In der Hope-Entzugsklinik läuft es anders, dort ist alles sehr schlicht. Die Angestellten sind fast alle selbst ehemalige Drogensüchtige. In dünnen Shorts und Shirts fahren sie barfuß auf Tretrollern über das Gelände. Sie essen und rauchen zusammen mit den Patientinnen und Patienten. Sie unterhalten sich ganz normal mit uns. Sie sind sich bewusst, dass sie als Angestellte nicht über uns stehen. Wir alle sind oder waren drogensüchtig und versuchen, jeden Tag aufs Neue clean zu bleiben.

Unter Mindful Pauls Leitung sitzen oder liegen wir auf weichen Matten und machen uns Gedanken über unsere Gedanken.

Die Herangehensweise in der Hope-Klinik ist mit einer Mischung aus dem Zwölf-Schritte-Programm, buddhistischen Lehren und anderen Elementen einzigartig. Die Kernpunkte bilden Meditation und Achtsamkeit. Achtsamkeit wird uns dabei von einem ehemals alkoholabhängigen Iren mit dem Spitznamen Mindful Paul beigebracht. Unter seiner Leitung sitzen oder liegen wir auf weichen Matten und machen uns Gedanken über unsere Gedanken. Uns wird bewusst, dass unser Verstand mit den kreischenden Affen vergleichbar ist, die auf dem Dach des Küchengebäudes sitzen und die Eier essen, die sie in einem unachtsamen Moment der Köche geklaut haben.

Mindful Paul erklärt uns die Konzepte und Praktiken, die ihm bei seinem Entzug geholfen haben. Sein esoterisches Wissen ist manchmal total augenöffnend: Er erzählt von luziden Träumen, Vergänglichkeit, Gelassenheit, unendlichen Räumen, dem Nichts und bösen Absichten. Von Letztgenanntem trügen wir als Drogenabhängige eine Menge in uns herum – und die Lösung dafür sei die Metta-Meditation. Sucht sorge laut Paul nur für Leid und werde durch unaufhörliches Verlangen verursacht. Unsere Beziehung zum Verlangen müsse sich ändern.

Der harte Weg zur Selbstliebe

Mein persönlicher Berater ist der Niederländer Henk, ein ehemaliger Kokainabhängiger, der seit sieben Jahren clean ist. Wir treffen uns zweimal pro Woche. Er stellt mir seine Pflanze Mr. Green vor, mit der ich mich unterhalten soll. Er schaut mich häufig minutenlang einfach nur ganz still an. Dabei lerne ich, selbst ruhig zu sein und mit der Stille klarzukommen. Er verbietet mir, am Wochenende zu schreiben, meinen Laptop zu benutzen oder anderweitig zu arbeiten. Ich soll mich stattdessen um mich selbst kümmern. Anfangs fällt mir das extrem schwer, aber dann finde ich mich sonntags – trotz Entzugsübelkeit – doch im Bikini am Pool wieder, wo ich Granatapfelsaft trinke und ein wenig Volleyball spiele. Das Ziel des Ganzen ist, sich selbst lieben zu lernen. Ich muss mich nicht immer mit irgendetwas anderem beschäftigen. Ich selbst bin schon genug.

Simon, der britische Mitbesitzer der Hope-Klinik, bezeichnet diesen Beschäftigungsdrang als "Nachholsyndrom" – so nach dem Motto "Ich bin clean, jetzt muss ich die verlorene Zeit aufholen". Nach zwölf Entzugsprogrammen hörte er auf, anderen Menschen etwas beweisen zu wollen, schwor den Drogen endgültig ab und fing an, als Gärtner zu arbeiten – obwohl er keinen blassen Schimmer von Pflanzen hatte. 15 Jahre später ist er immer noch clean. Er lehnt sich in seinem schwarzen Lederstuhl nach vorne und blickt mich an. "Wenn du nach diesem Entzug direkt nach Hause gehst, stirbst du", sagt er mir von Junkie zu Junkie. Diese Aussage finde ich null dramatisch. Ich bin eine 37 Jahre alte Heroinsüchtige. Es ist schon ein Wunder, dass ich überhaupt noch lebe.

Tief in mir drin bin ich unglaublich dankbar dafür, dass ich mir keine Heroinspritzen mehr in den Arm jagen muss, um mich "normal" zu fühlen.

In Dreiergruppen dürfen wir das Klinikgelände verlassen und auf Mountainbikes zur Tankstelle radeln. Ich bin mit dem Briten Alan und dem US-Amerikaner Dewey unterwegs. Ich kaufe mir fünf Packungen Zigaretten und wiege mich auf einer herumstehenden Waage – 58,3 Kilo. Die Hitze drückt und meine beiden Begleiter stecken sich den Saum ihrer Shirts so durch den Kragen, dass man meinen könnte, sie würden BHs tragen. Wir fahren an Thailänderinnen vorbei, die in einer Küche arbeiten. Sie halten sich beim Anblick der nackten, weißen Männerbäuche ihre Hände vor den Mund und fangen an zu kichern.

Auch ich muss über Alan und Dewey lachen, während ich es mit meinen zittrigen Beinen gerade so schaffe, in die Pedale zu treten. Eine kühle Brise weht über meine sonnenbrandgebräunten Schultern und ein süßlicher Geruch zieht von einem buddhistischen Schrein rüber in meine Nase. Mir geht es immer noch schlecht, aber ich weiß, dass das bald vorbei sein wird. Tief in mir drin bin ich unglaublich dankbar dafür, dass ich mir keine Heroinspritzen mehr in den Arm jagen muss, um mich "normal" zu fühlen. Auf Drogen sind alle Tage gleich. Hier ist jeder Tag anders. Genau das finde ich gerade sehr schön. Und genau das ist genug für mich.

Als die Autorin diesen Artikel geschrieben hat, war sie Patientin in der "Hope Rehab"-Entzugsklinik in Thailand.

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