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Drogen

Warum Depressionen bald mit LSD-Trips im Krankenhaus geheilt werden könnten

Michael Pollan hat sich jahrelang mit dem Einsatz von LSD und Psilocybin in Therapien beschäftigt. Er ist sich sicher, dass Ärzte die Substanzen schon sehr bald einsetzen dürfen – und hat bereits probiert.

von Marlene Halser
05 Februar 2019, 11:13am

Ein gewöhnliches LSD-Ticket. In der Forschung und Therapie wird die Substanz nicht so verabreicht | Symbolbild: Grey Hutton

Wenn unsere klassische Medizin nicht mehr weiterkommt, was hilft dann? "Psychedelika", lautete die Antwort einiger Wissenschaftler – bis in den Siebziger Jahren jegliche wissenschaftliche Forschung an Halluzinogenen verboten wurde. Erst seit den Neunziger Jahren wagen Forscherinnen wieder klinische Studien mit LSD und Psilocybin. Und siehe da: Offenbar helfen diese Drogen, Depressionen aufzulösen, Angstzustände und PTBS zu lindern und Suchterkrankungen zu heilen. Sterbende verlieren die Angst vor dem Tod, Obsessive überwinden ihre Zwänge.

Gerade ein neuer Ansatz zur Heilung von Depressionen ist bitter nötig. 350 Millionen Menschen weltweit, das schätzt die Weltgesundheitsbehörde, leben mit der Krankheit. Die Hälfte aller Patienten, die eine schwere Depression erleben, sind nicht behandelbar. Die Mittel, die bisher auf dem Markt sind, wirken nur unzureichend und haben Nebenwirkungen, die niemand will.

US-Bestseller-Autor Michael Pollan sagt eine Renaissance psychedelischer Wirkstoffe voraus. Medizinisch verordnete LSD- und Pilztrips klingen bei ihm wie die normalste Sache der Welt. Und weil Pollan Journalistik und Kreatives Schreiben an den Elite-Unis Harvard und Berkeley unterrichtet und weit davon entfernt ist, ein durchgeknallter Hippie zu sein, haben seine Worte auch über die Wissenschaft hinaus Gewicht. Sein Buch, das soeben auf Deutsch erschienen ist, könnte einen wichtigen Beitrag zur Anerkennung von Psychedelika als Arzneimittel leisten.

Wir haben mit ihm über das menschliche Gehirn, mystische Erfahrungen und Schamanismus in der Medizin gesprochen.

VICE: Für wie wahrscheinlich halten Sie es, dass psychedelische Substanzen wie LSD oder Psilocybin demnächst als Medikamente für die Psychotherapie freigegeben werden?
Michael Pollan: Ich beschäftige mich seit 2014 mit dem Thema. Damals hätte ich gesagt: Das dauert noch 15 bis 20 Jahre. Heute würde ich sagen: In maximal fünf Jahren ist es soweit. Die US-Gesundheitsbehörden haben einer dritten finalen Testphase von klinischen Studien zugestimmt. Wenn diese erfolgreich sind und zu ähnlich positiven Resultaten kommen wie die ersten beiden, dann gehe ich davon aus, dass sowohl die Europäische Arzneimittel-Agentur als auch die US-amerikanische Food and Drug Administration innerhalb der nächsten fünf Jahre die Zulassung erteilen könnten. Das überrascht mich selbst.

Warum?
Ich hätte mit mehr Widerstand von Seiten der Regierung gerechnet, schließlich wurde in den Siebziger Jahren schon einmal zu diesen Fragen geforscht – bis die Behörden psychedelische Substanzen verboten und fast alle wissenschaftlichen Studien eingestellt werden mussten. Aber im Gegenteil. Heute unterstützen die US-amerikanischen Behörden die klinischen Studien.

Ich würde sagen, die Gesundheitsbehörden sind schlicht verzweifelt auf der Suche nach neuen Lösungsansätzen.

Wie erklären Sie sich das?
Ich glaube, es liegt daran, dass alle Beteiligten wissen, dass die Medikamente, die uns im Moment zur Behandlung von psychischen Erkrankungen zur Verfügung stehen, nicht besonders gut sind. Gleichzeitig stecken wir in einer regelrechten Krise, was die psychische Gesundheit angeht. Die WHO hat erst kürzlich bekannt gegeben, dass Depressionen weltweit der häufigste Grund für Arbeitsunfähigkeit sind. 350 Millionen Menschen sind davon betroffen. Auch die Suizidrate steigt weltweit an. Ich würde sagen, die Gesundheitsbehörden sind schlicht verzweifelt auf der Suche nach neuen Lösungsansätzen.

Bei welchen Erkrankungen könnten LSD und Psilocybin möglicherweise helfen?
Die besten Ergebnisse zeigen Patienten, die unter Angstzuständen, Depressionen, Suchterkrankungen und obsessiven Verhalten leiden. Auch Hospizpatienten profitieren von Trips.

Das sind ziemlich unterschiedliche Diagnosen. Warum sollte eine Substanz für alle wirken?
Diese Krankheiten haben bei genauer Betrachtung ziemlich viel gemein. Menschen, die unter ihnen leiden, stecken in negativen Gedankenschleifen fest. Die Depressive ist davon überzeugt, der Liebe nicht würdig zu sein. Der Suchtkranke glaubt, nicht ohne Zigaretten oder Alkohol durch den Tag zu kommen. Selbstzerstörerische Prophezeiungen, die sich selbst erfüllen. Aber alle diese Geschichten sind ja nur geistige Gewohnheiten, wenn man so will; Spiralen, in die man sich im Laufe der Zeit hineingedacht hat und die man nicht mehr verlassen kann. Genau dort setzten psychedelische Substanzen an.

Michael Pollan fotografiert von Alia Malley
Michael Pollan hat sich für seine Recherchen selbst auf Therapie-Trips begeben | Foto: Alia Malley

Inwiefern?
Vereinfacht gesagt bringen sie Entropie, also Chaos, in unser Denken und ermöglichen es uns so, aus gewohnten Gedankenmustern auszubrechen. Ich habe mit zahlreichen Freiwilligen und Patienten gesprochen. Sie alle gewannen während der Trips neue Erkenntnisse und waren so in der Lage, eingefahrenen Gedankenmustern zu entrinnen.

Die Erlebnisse, die Menschen auf Trips haben, variieren sehr stark und ich glaube, es ist wichtig, hier nicht das Molekül als Träger einer bestimmten Erfahrung zu fetischisieren.

Das klingt so, als ließen sich Trips vorhersagen?
Ja und nein. Stanislav Grof, ein tschechischer Psychiater, der in den Sechziger Jahren in die USA kam und einer der Pioniere der LSD-Forschung war, bezeichnete psychedelische Substanzen als unspezifische mentale Verstärker und ich finde, da steckt viel Wahres drin. Die Erlebnisse, die Menschen auf Trips haben, variieren sehr stark und ich glaube, es ist wichtig, hier nicht das Molekül als Träger einer bestimmten Erfahrung zu fetischisieren. Was der Trigger in meinem Gehirn auslöst, unterscheidet sich stark von dem, was der Trigger in einem anderen Gehirn auslöst. Auch spielen vermutlich kulturelle Faktoren eine Rolle. Darüber wissen wir nur bisher noch viel zu wenig. Dennoch gibt es Erlebnisse und Erkenntnisse, von denen Menschen immer wieder berichten.

Zum Beispiel?
Zum Beispiel von der Erkenntnis, dass Liebe das Allerwichtigste ist. Das klingt banal. Aber im Grunde ist das eine fundamentale Erkenntnis. Die meisten Erkenntnisse, die man auf LSD oder Psilocybin hat, liegen auf dieser Schwelle zwischen banal und fundamental. Viele Menschen haben sie schon gedacht und gesagt. Irgendwann drucken wir sie dann auf Grußkarten, wir verlieren das Interesse und lassen diese Wahrheiten nicht mehr an uns heran. Wir erfassen sie nicht mehr wirklich und wir vergessen sie. Auf LSD entdecken wir sie dann staunend wieder.

In Ihrem Buch schreiben Sie, dass die jeweilige Erfahrung, die ein Patient macht, stark davon abhängt, welche Erwartungen man zuvor in ihm weckt. Wie ist das gemeint?
LSD und Psilocybin sind sehr suggestiv. Was man einem Patienten zuvor mit auf den Weg gibt, und die Intention, die sich der Patient setzt, beeinflussen den Trip. Ich gebe ihnen ein Beispiel: In den USA berichten Wissenschaftler, dass Patienten, die eine mystische Erfahrung machen, die besten Ergebnisse erzielen.

Eine mystische Erfahrung?
William James, ein bedeutender amerikanischer Psychologe, hat verschiedene Kriterien festgelegt, die eine mystische Erfahrung definieren: das Gefühl, Teil einer größeren Einheit zu sein, das Gefühl von Heiligkeit, die Überwindung von Raum und Zeit und so weiter. Wissenschaftler in England machen dieselben Versuche mit derselben Dosis. Aber die Patienten brauchen keine mystische Erfahrung, um einen Trip als erfolgreich zu bewerten. Englische Patienten sprechen stattdessen häufiger von Erfahrungen, in denen sich das Ego auflöst. Ich glaube, das hängt damit zusammen, dass US-amerikanische Wissenschaftler selbst religiöser sind als englische. Und damit, dass Roland Griffith, der Mann, der als erster wissenschaftliche Forschung zu psychedelischen Substanzen in den USA begann, eine mystische Erfahrung während einer Meditation erlebt hatte. Deshalb ist auch die Musik, die man in den USA während eines Trips zu hören bekommt, sehr kirchlich. In London wird eher moderne Musik gespielt. In der Folge unterscheiden sich auch die Trips.

Aber zeigt das nicht deutlich, wie unwissenschaftlich das alles ist?
Nein. Ich denke, das verkompliziert die Forschung, aber es verhindert sie nicht. Es ist möglich, dass es bei LSD und Psilocybin einen Placeboeffekt gibt. Der Trip soll einem helfen, also hilft er auch. Was auch stimmt, ist, dass Trips, vor allem geführte Trips, schamanische Elemente haben. Aber sie erzielen eben auch positive Ergebnisse; weitaus bessere Ergebnisse als alle Mittel, die uns bisher zur Verfügung stehen. Selbst wenn das alles nur auf Erwartungen basiert: Es funktioniert. Vielleicht müssen wir uns aber tatsächlich mit dem Gedanken anfreunden, dass es sich hier eher um Schamanismus handelt als um Medizin.

Der Trip findet zwar in einem Krankenhaus statt, aber der Raum sieht nicht aus wie ein Kranken- oder Untersuchungszimmer.

Wie meinen Sie das?
Die ganze Idee von Set und Setting, die bei Trips eine entscheidende Rolle spielt. Die Idee, dass es einen Unterschied macht, wie und wo man sich auf die Reise begibt. Zwar findet das alles in einem Krankenhaus statt, aber der Raum sieht nicht aus wie ein Kranken- oder Untersuchungszimmer. Es ist ein gemütlicher Raum mit warmem Licht. Keine Neonbeleuchtung. Man setzt zuvor eine Intention und überreicht die Pille. Wenn Sie mich fragen, ist das eine schamanistische Technik mit dem Ziel, die Umgebung und die Erwartungen der Patientinnen und Patienten positiv zu beeinflussen. Es soll ihnen ermöglichen dort anzukommen, wo sie ankommen sollen. Ärzte sprechen nicht gerne darüber. Aber jede Kultur hat ihren Schamanismus. Bei uns waren das bisher der weiße Kittel und das Stethoskop.

Wie oft haben sie für das Buch selbst psychedelische Substanzen getestet?
Mehrfach in unterschiedlichen Settings. Aber ich war ganz schön nervös.

Warum?
Ich bin in den Sechziger Jahren aufgewachsen. Ich kannte alle Horrorstorys, die man sich erzählt. Von Leuten, die verrückt wurden und in die Anstalt kamen. Von Leuten, die glaubten, sie könnten fliegen, und vom Dach sprangen, oder die zu lange in die Sonne starrten und blind wurden.

Was hat sie dazu bewogen, es trotzdem zu probieren?
Ab einem bestimmten Punkt wollte ich einfach wissen, über was alle reden. Außerdem habe ich mir die Risiken genau angesehen und sie sind gering. Körperliche Nebenwirkungen: so gut wie keine. LSD und Psilocybin sind erstaunlich ungiftig. Sie haben keine tödliche Dosis. Anders übrigens als viele Medikamenten, die wir sonst so im Medizinschränkchen stehen haben. Das ist außergewöhnlich für eine Substanz mit so starkem Effekt. Die Gefahr abhängig zu werden: nicht vorhanden.

[Anm. d. Red.: Der Konsum von LSD kann erhebliche Nebenwirkungen für den Körper haben, dass die Substanz allerdings nicht körperlich abhängig macht, ist die einhellige Meinung aller Forschenden.]

Ich denke, das größte Risiko ist, dass man irgendwas Dummes anstellt, während man auf LSD ist. Man ist außer Gefecht gesetzt. Die Urteilskraft ist eingeschränkt. Genauso wie bei sturzbetrunkenen Menschen steigt auch hier das Unfallrisiko.

Was ist mit der Gefahr, eine Psychose zu erleiden oder hängen zu bleiben?
Menschen, in deren Familie es Fälle von Schizophrenie gibt oder die schon mal eine schizophrene Episode hatten, sollten die Finger davon lassen. Schizophrenie kann durch eine starke traumatische Erfahrung ausgelöst werden. Und Trips können definitiv so eine Erfahrung sein. Wir sollten aber mitbedenken, dass es sich in der Vergangenheit auch bisweilen um Fehldiagnosen gehandelt haben könnte. Was sind die Symptome von LSD oder Psilocybin? Man hört Stimmen und sieht Dinge, die nicht da sind. Das Ego, die eigene Persönlichkeit lösen sich auf. Aber es geht wieder vorbei. War es also wirklich eine Psychose, was da in der Vergangenheit diagnostiziert worden ist?

Was ist mit Horrortrips?
Therapeuten, die mit psychedelischen Substanzen arbeiten, verwenden den Begriff Horrortrip nicht gerne, weil sie darauf verweisen, dass auch ein sogenannter schlechter Trip nützlich sein kann, wenn man das Erlebte zusammen mit dem Therapeuten integriert und interpretiert. Man kann etwas lernen, ebenso wie man durch die Analyse eines Alptraums etwas über sich erfahren kann. Deshalb sprechen Therapeuten eher von 'herausfordernden Trips'. Eine meiner stärksten Erfahrungen, von der ich am meisten profitiert habe, war die Erfahrung, dass sich mein Ego auflöst. Eine mystische Erfahrung. Ich glaube nicht, dass ich diese Erfahrung als schön empfunden hätte, wenn ich mich nicht sicher gefühlt hätte, wo ich war. Man darf nicht vergessen, dass die Drogen heute in einer gut kontrollierten Umgebung verabreicht werden.

Wie läuft das genau ab?
Man hat zwei Guides, meist einen Mann und eine Frau, um Missbrauch vorzubeugen, denn man ist in dem Zustand ja ziemlich ausgeliefert. Der Trip wird vor- und nachbereitet, integriert und interpretiert. Es gibt Voruntersuchungen, wer die Droge überhaupt bekommt. Unter den Tausenden Versuchspersonen, die sich in den USA für klinische Tests zur Verfügung gestellt haben, ist mir kein Fall von Komplikationen bekannt. Selbstverständlich – ich will das hier nicht kleinreden – sind das destabilisierende, starke Drogen. Aber ich denke, wir sollten die Risiken rational bewerten.

Michael Pollans Buch Verändere dein Bewusstsein. Was uns die neue Psychedelik-Forschung über Sucht, Depression, Todesfurcht und Transzendenz lehrt ist gerade beim Verlag Antje Kunstmann erschienen. Teile des Gesprächs, das diesem Interview zugrunde liegt, wurden zuvor in der taz am Wochenende veröffentlicht.

Von einer Eigentherapie mit LDS, Psilocybin oder anderen Substanzen wie Ketamin und MDMA raten wir dir ausdrücklich ab.

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