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Verbrechen

Hochrangiger Offizier bei Tag, Serienmörder bei Nacht

Russell Williams wirkte wie ein Vorzeigesoldat und -ehemann. Hinter der Fassade steckte ein Paraphiler, der bei Frauen und Mädchen einbrach und in ihrer Unterwäsche masturbierte. Irgendwann reichte ihm das nicht mehr.

von Patrick Lejtenyi
04 August 2017, 1:21pm

Es gibt Videos, die selbst nach Jahren noch genauso fesseln wie früher. Die Aufzeichnung des Verhörs von Russell Williams vom 7. Februar 2010 gehört definitiv dazu. Nach einem stundenlangen Katz-und-Maus-Spiel gesteht der damalige Oberst der Royal Canadian Air Force, die 38-jährige Marie-France Comeau und die 27-jährige Jessica Lloyd brutal ermordet zu haben. Ohne großes Geschrei oder Gewaltandrohungen schafft es der Polizist Jim Smyth, Williams in die Ecke zu drängen. Man kann richtig sehen, wie dem Verdächtigen klar wird, dass er überführt wurde und den Rest seines Lebens hinter Gittern verbringen wird.

Das Video sorgte aber nicht nur wegen des Inhalts für großes Aufsehen, sondern auch wegen Russell Williams selbst. Der hochrangige und respektierte Offizier war damals Kommandant von Kanadas größtem Luftwaffenstützpunkt und hatte schon VIPs wie die Königin von England durch die Lüfte chauffiert. Er wuchs in einer intakten Familie auf, war Vertrauensschüler in einer exklusiven Privatschule, trat kurz nach seinem Studienabschluss der Luftwaffe bei und galt 23 Jahre lang als Vorzeigesoldat.


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Wie konnte eine Person des öffentlichen Lebens so lange ein Doppelleben führen? Es kommt hinzu, dass Williams schon vor den Morden über 80 Einbrüche in ein und derselben Gegend der Provinz Ontario verübt hatte.

Laut verschiedenen Kriminalpsychologen ist Williams trotz seiner Brutalität und Perversionen kein Psychopath, sondern etwas viel Gefährlicheres: ein erbarmungsloser Mann mit stark abweichendem Sexualverhalten, der seinen Drang allerdings situationsbedingt kontrollieren kann. "Deswegen sind solche Leute nur schwer zu überführen", erklärt Liam Ennis, ein Kriminalpsychologe der University of Alberta in Edmonton. "Zum einen geben sie sich ihren sexuellen Zwängen hin, können im Zweifelsfall aber auch den Pauseknopf im Gehirn drücken."

Paraphile Menschen wie Williams entwickeln ihre Neigung normalerweise dann, wenn sie noch Teenager oder junge Erwachsene sind. Deswegen gehen Ennis und seine Kollegen davon aus, dass der Soldat schon mehrere Jahrzehnte vorher eine gewisse Mordlust verspürt hat.

Das erste bekannte Verbrechen von Williams ereignete sich im September 2007. Damals fing er an, bei seinen Nachbarn in der 1.800-Einwohner-Stadt Tweed einzubrechen. Sein erstes Opfer war eine befreundete Familie, die nur ein paar Häuser weiter wohnte und mit der Williams und seine Frau schon zu Abend gegessen hatten.

Insgesamt brach Williams dreimal bei dieser Familie ein. Laut der Zeitung Toronto Star fotografierte er sich einmal dabei, wie er nackt auf dem Bett lag und in einer roten Unterhose masturbierte, die wohl der 12-jährigen Nachbarstochter gehörte. Vierzehn der in dieser Nacht geschossenen Fotos zeigten Williams mit dessen aus (gestohlener) Unterwäsche herausschauendem Penis, so der Staatsanwalt Robert Morrison.

Daraus sollte sich ein Muster entwickeln: Im Laufe der darauffolgenden zwei Jahre brach Williams in viele weitere Häuser ein und masturbierte in den Klamotten der dort lebenden Frauen und Mädchen. Wie Staatsanwalt Morrison berichtete, fotografierte Williams zuerst das Schlafzimmer und dann die Unterwäsche in der Schublade. Danach legte er die Kleidungsstücke sorgfältig auf dem Bett oder auf dem Boden zurecht, zog sie anschließend an und kam zum Höhepunkt.

"Ein anderes Ritual war der Schulterblick hin zur Kamera. Dazu kamen die Nahaufnahmen seines aus Damenunterwäsche hervorschauenden Penis", sagte Morrison.

Manchmal ließ Williams auch Nachrichten für die Frauen und Mädchen zurück. So tippte er zum Beispiel "Merci" in den Computer eines Mädchens ein.

Letztendlich fand die Polizei mehrere Tausend Fotos, auf denen Williams entweder in gestohlener Unterwäsche posierte oder auf fremden Betten inmitten von Plüschtieren und Kinderschlüpfern masturbierte. "Sein Gesichtsausdruck ist auf allen Bildern streng, so als ob er als Soldat gerade im Dienst wäre", heißt es in der Toronto Star.

Fotos: aus den Gerichtsunterlagen entnommen

Zwischen September 2007 und November 2009 beging Williams ingesamt 82 Einbrüche in 48 verschiedenen Häusern. Die meisten davon wurden nicht bemerkt und dementsprechend auch nicht der Polizei gemeldet. Unter den Einwohnern von Tweed wurde jedoch viel geredet. Der Lokaljournalist Tim Durkin erzählt, dass niemand ahnte, wohin die Sache führen würde: "Natürlich berichteten die Medien über diverse Einbrüche, aber den Leiter von Kanadas größtem Luftwaffenstützpunkt brachte damit keiner in Verbindung."

Williams ging mit der Zeit immer weiter. Im Juli 2009 versteckte er sich beispielsweise vor dem Haus einer Nachbarin und wartete, bis die junge Frau unter der Dusche war. Gegen 1:30 Uhr zog er sich komplett aus, brach in das Haus ein und klaute Unterwäsche aus dem Schlafzimmer. Ein anderes Mal wartete er draußen vor dem Fenster einer Teenagerin darauf, dass sie sich auszog, entledigte sich dann selbst seiner Klamotten und masturbierte.

Wie er später der Polizei berichtete, brauchte Williams bald noch mehr Stimulation und Risiko. Deshalb brach er am 17. September komplett in Schwarz gekleidet und vermummt in die Wohnung einer 21-Jährigen ein, während sie schlief. Er weckte sie mit einem Schlag gegen ihren Kopf auf und überwältigte sie. Er schlug noch mehrmals auf sie ein, bevor er ihre Hände fesselte und ihr einen Kissenüberzug über den Kopf stülpte. Die Frau erzählte den Ermittlern später, dass Williams danach ihr Oberteil zur Seite zog, ihre Brüste anfasste und sie nackt fotografierte. Schließlich schnappte er sich ihre Unterwäsche sowie eine Babydecke und floh.

Weniger als zwei Wochen später schlug Williams erneut zu. Dieses Mal war das Opfer eine 46-jährige, dreifache Mutter aus Tweed. Sie schlief auf ihrer Couch, als Williams bei ihr einbrach und anfing, auf sie einzuschlagen. Er fesselte sie, verband ihr die Augen und verging sich dreieinhalb Stunden lang an ihr. Er berührte und fotografierte sie und schnitt ihr ihre Kleidung mit einem Messer vom Leib. Irgendwann hatte Williams genug und machte sich auf seinen kurzen Heimweg.

Am 24. November 2009 beging Williams seinen ersten Mord. Nachdem er acht Tage zuvor schon einmal bei der alleinstehenden Armee-Flugbegleiterin Marie-France Comeau eingebrochen war, kehrte er dorthin zurück, versteckte sich eine halbe Stunde lang im Keller und schlug sie danach mit einer Taschenlampe bewusstlos. Anschließend fesselte er sie, klebte ihren Mund mit Panzertape zu, machte ein paar Fotos, schleppte sie in ihr Schlafzimmer, stellte eine Videokamera auf und vergewaltigte sie mehrmals. Das inzwischen wieder zu sich gekommene Opfer wehrte sich laut Staatsanwaltschaft gegen Williams und flehte ihn an, sie nicht zu töten. Daraufhin wies er sie an, ruhig zu sein, und klebte auch noch ihre Nase mit Panzertape zu. Die Folge: Comeau erstickte qualvoll.

Das schien Williams vorerst zufriedenzustellen, denn er hielt sich anschließend zwei Monate bedeckt. Am 27. Januar 2010 fuhr er am Zuhause von Jessica Lloyd vorbei, als sie auf dem Laufband trainierte. Wie er während des Polizeiverhörs erzählte, fand Williams die 27-Jährige süß und brach deswegen in der darauffolgenden Nacht bei ihr ein. Er schlug und fesselte sie, klebte ihre Augen mit Panzertape zu, bereitete die Videokamera vor und vergewaltigte die wehrlose Frau stundenlang.

Fast 20 Stunden später sagte Williams zu Lloyd, dass er sie mit zu sich nach Hause nähme. Beim Gehen überlegte er es sich allerdings anders, schlug sie erneut gegen den Kopf und erwürgte sie. Die Leiche versteckte er anschließend in der Garage.

Das alles ereignete sich an einem Freitag. Den Rest des Wochenendes verbrachte Williams auf dem Luftwaffenstützpunkt oder zusammen mit seiner Frau. Erst am darauffolgenden Dienstag kehrte er nach Tweed zurück und entsorgte die tote Frau in einem Waldstück nicht weit von seinem Zuhause entfernt.

Zu diesem Zeitpunkt hatte die Polizei schon längst die Ermittlungen aufgenommen, denn Lloyds Verschwinden war nicht unbemerkt geblieben. In der Nähe ihres Hauses fanden die Ermittler schließlich eindeutige Reifen- und Fußspuren. Am 4. Februar wurden bei einer Straßensperre auf dem Highway 37 alle vorbeikommenden Autos untersucht – darunter auch das von Russell Williams. Die Polizisten hatten Glück, denn er war im gleichen Fahrzeug wie in der Tatnacht unterwegs. So kam es zu einem vorläufigen Treffer und Williams wurde zu einem Verhör vorgeladen.

Als Williams in das Befragungszimmer des Polizeihauptquartiers von Ottawa tritt, wirkt er ruhig und selbstbewusst. Er kaut Kaugummi und plaudert mit Detective-Sergeant Jim Smyth, als ob er nichts zu befürchten hätte. Er lehnt den angebotenen Kaffee und Rechtsbeistand ab und geht anschließend seine Aufenthaltsorte der vergangenen Woche durch. Smyth lehnt sich derweilen zurück, lässt seine Unterlagen beiseite und animiert Williams lediglich ab und an dazu, weiter zu erzählen.

Die beiden reden über eine Stunde lang und nach jeder Frage wird deutlicher, dass Smyth Williams ganz methodisch in die Ecke drängt. Schließlich holt er zum entscheidenden Schlag aus: Die hinter Jessica Lloyds Haus gefundenen Reifenspuren und der dazugehörige Achsstand passen zu Williams' Auto. Ein Zeuge hat außerdem ein Fahrzeug am Tatort gesehen, auf das die Beschreibung von Williams' Fahrzeug passt.

In ruhigem Ton fährt der Polizeibeamte fort: "Russell, das Problem ist folgendes: Jedes Mal, wenn ich diesen Raum verlasse, gibt es neue Hinweise. Und diese Hinweise entlasten dich nicht. Nein, sie belasten dich. Hier, ich zeige es dir."

Mit diesen Worten präsentiert Smyth Fotos von den Fußspuren, die man bei Lloyds Haus gefunden hat. Er sagt, dass Fußabdrücke genauso eindeutig sein können wie Fingerabdrücke. Anschließend holt er ein Foto des Stiefels raus, den Williams vor dem Verhör zur Untersuchung abgab, und sagt: "Das stimmt alles überein."

Seine kalte, monotone Stimme macht die ganzen Details der Verbrechen umso schrecklicher.

Genau in diesem Moment bricht Russell Williams' Welt zusammen. Er nickt nur noch, schaut auf die Fotos und sagt nichts mehr. Nach einer Weile bittet Smyth ihn um eine Erklärung. "Ich weiß nicht, was ich noch sagen soll", antwortet er murmelnd.

Schließlich erzählt Smyth Williams, dass Polizeibeamten gerade seine Häuser in Ottawa und Tweed durchsuchten und dass sein Auto beschlagnahmt wurde. Auch Williams' Frau wisse schon über alles Bescheid. Die DNA-Spuren würden noch weitere Beweise liefern und von Williams' Glaubwürdigkeit sei nichts mehr übrig.

Williams selbst akzeptiert langsam, dass sein bisheriges Leben vorbei ist. Er will nur noch eine Sache: Seine Frau soll von den Ermittlungen so wenig wie möglich betroffen sein. Deswegen entscheidet er sich zur vollen Kooperation. Er erzählt Smyth, wo er Lloyds Leiche versteckt hat, wie er bei seinen Opfern eingebrochen ist, was er mit den Frauen angestellt hat und wo die Beamten die ganzen Fotos und Videoaufnahmen finden. Seine kalte, monotone Stimme macht die Details der Verbrechen umso schrecklicher.

Zwischendurch fragt Smyth: "Was glauben Sie, warum geschehen solche Dinge?" "Keine Ahnung", sagt Williams. Und auf die Frage, ob er viel darüber nachdenke, antwortet er: "Ja. Die Antworten kenne ich aber nicht. Ich bin mir jedoch ziemlich sicher, dass die Antworten egal sind."

Jessica Lloyds Mutter und Bruder auf dem Weg zu Williams' Gerichtsverhandlung | Foto: imago | ZUMA Press

Im September 2010 bekannte sich Williams in allen Anklagepunkten schuldig und wurde zu zweimal lebenslänglich verurteilt. Seine Frau bezeichnete sich selbst als Opfer und ließ sich von ihm scheiden. Die beiden wurden von den Einbruchsopfern und den Hinterbliebenen der ermordeten Frauen verklagt, aber die Parteien konnten sich immer außergerichtlich einigen. Derzeit sitzt Williams seine Haftstrafe in Port-Cartier ab, einer Stadt gut 850 Kilometer nördlich von Montreal.

Zum Zeitpunkt der Morde war Russell Williams 46 Jahre alt. Kriminalpsychologen sagen, dass dieser Umstand sehr ungewöhnlich ist. Paraphilie – also von der Norm abweichende, sexuelle Bedürfnisse, die gefährliche oder extreme Umstände beinhalten – manifestiere sich nämlich schon viel früher, normalerweise im Teenager- oder frühen Erwachsenenalter.

"Man wacht nicht einfach eines Tages auf und hat den Wunsch, sich an anderen Menschen sexuell zu vergehen oder irgendjemanden zu foltern und umzubringen", erklärt Mark Olver, ein Psychologieprofessor an der University of Saskatchewan. Er vermutet, dass Williams schon vor den ersten Einbrüchen im Jahr 2007 der Paraphilie nachgegeben hat. "Vielleicht hat er vorher bereits Kleidung von seinen Freunden gestohlen oder ist bei sexuellen Handlungen mit seinen Partnerinnen aggressiv aufgetreten", sagt er. "Mit der Zeit reichte ihm der einvernehmliche Sex nicht mehr aus und die Situation eskalierte immer weiter."

Laut Liam Ennis, dem Kriminalpsychologen der University of Alberta in Edmonton, seien Menschen wie Williams dazu in der Lage, ihr Verhalten so zu kontrollieren, dass sie keine Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Sie könnten je nach Verhältnis zwischen Verlangen und Impulskontrolle auf einen günstigeren Zeitpunkt für ihre Taten warten. "Bei Williams gewann das Verlangen jedoch irgendwann die Überhand und er wurde immer unvorsichtiger", sagt er.

Nach seiner Verurteilung wurde Russell Williams unehrenhaft aus dem kanadischen Militär entlassen. All seine Auszeichnungen und Medaillen wurden zurückgenommen und sein Status als Luftwaffenoffizier aus der Datenbank gelöscht. Er wird jedoch weiterhin eine Rente erhalten.

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