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Schwedisches Sexualstrafrecht

Wir haben die Schwedische Botschaft gefragt, was Deutsche beim Sex nicht verstehen

"Es ist eigentlich keine Rocket Science", sagt die Diplomatin.

Tim Geyer

Tim Geyer

Symbolbild | Foto: imago | IPON

Es hat nicht mehr viel gefehlt und deutsche Medien hätten berichtet, dass Männer in Schweden bald zwangsverordnete Cock-Cages tragen müssen: Die Berichterstattung über eine Reform des schwedischen Sexualstrafrechts lief grandios schief. Männer – und nur Männer – müssen ab nächstem Jahr schriftliche Sexverträge mit Frauen abschließen, sonst könnte man sie später der Vergewaltigung bezichtigen, hieß es in verschiedenen Medien. Alles falsch.

Denn eigentlich geht es in der schwedischen Strafrechtsreform vor allem darum klarzustellen, dass es illegal ist, eine Person zum Sex zu zwingen, die nicht gesagt oder deutlich durch ihr Verhalten gezeigt hat, dass sie Sex haben will. Aber weil einige Leute immer noch nicht vollkommen sicher zu sein scheinen, was die Schweden damit meinen, haben wir einfach direkt bei der Schwedischen Botschaft in Berlin nachgefragt. Nina Röhlcke ist dort Kulturrätin und damit Gesandte der Schwedischen Kultur- und Demokratieministerin. Sie habe die Debatte der letzten Woche in deutschen Medien interessiert verfolgt und sagt, sie finde es gut, dass sie endlich auch mal jemand direkt dazu fragt.

VICE: Was war das Absurdeste, was sie in den letzten Tagen über Schweden in deutschen Medien gelesen haben?
Nina Röhlcke: Das Absurdeste war, dass Leute gesagt haben, man müsste vor dem Sex in Schweden bald eine schriftliche Erlaubnis der Partnerin oder des Partners einholen, damit man nachher nicht verklagt werden könnte. Das ist natürlich absurd.

Nina Röhlcke ist Kulturrätin der Schwedischen Botschaft in Berlin | Foto: Josephine Gäbler | Schwedische Botschaft Berlin

Haben deutsche Journalisten vielleicht einfach ein dermaßen seltsames Bild von Schweden, dass sie Ihrem Land so etwas zutrauen?
Im Allgemeinen glaube ich das nicht, aber wir wissen auch nicht wirklich, wie es zu diesem fehlerhaften Bild in den Medien kam. Aber es gab jetzt zum Glück auch andere Berichterstattung, die das korrigiert hat. Es ist eigentlich keine Rocket Science: Dass Sex freiwillig sein muss, ist doch an sich selbstverständlich. Aber wenn man das in einem Gesetz formuliert, scheint es zu provozieren. Ich kann nicht sagen, warum das so ist, aber dass es eine Debatte darüber gibt, zeigt leider, dass die Sache mit der Freiwilligkeit doch nicht so selbstverständlich ist. In Schweden waren die Reaktionen übrigens überhaupt nicht so heftig.

Gab es weitere Länder, in denen die Medien so aufgeregt reagierten wie in Deutschland?
Nein. Wir haben unsere Kollegen im Auswärtigen Amt gefragt und nichts davon gehört.

Wie sehr haben die Schweden darüber gelacht, dass mit dem Postillon ein Satiremagazin den Deutschen schwedische Politik erklären muss?
Wir waren ein bisschen überrascht, aber haben uns natürlich gefreut, dass der Postillon sich dafür engagiert hat. Wir fanden es in dieser ganzen Internetdiskussion schön, dass jemand wieder zurück zur Sachlichkeit gefunden hat.


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Warum hat das Gesetz aus Ihrer Sicht ausgerechnet in Deutschland solche Wellen geschlagen?
Das ist schwer zu sagen. In Schweden verhandeln wir schon seit den 70er Jahren Gleichstellungsfragen und Fragen des Sexualstrafrechts auf politischer Ebene. Unsere Erfahrung hat gezeigt, dass man die Einstellung zu solchen Dingen in der Gesellschaft auch durch gesetzliche Normen verändern kann.

Warum wollte die schwedische Regierung etwas Selbstverständliches, also jemanden nicht zu Sex zu zwingen, in ein Gesetz gießen?
Wir haben gesehen, dass die frühere Schreibweise den schwächeren Part nicht gut genug geschützt hat. Man wollte damit einen Perspektivenwechsel erzielen. Statt nur das Opfer zu fragen "Was hast du getan, um deutlich zu machen, dass du nicht willst?”, wird man jetzt ebenso den Beschuldigten fragen: "Was hast du getan, um dich zu versichern, dass das hier freiwillig ist?" Die Unschuldsvermutung gilt selbstverständlich weiterhin. Aber es geht darum, die Schwächeren zu stärken. Die Beweisführung obliegt der Staatsanwaltschaft und wird natürlich weiterhin kompliziert sein.

OK, also das mit dem schriftlichen Vertrag ist Quatsch, aber muss man jetzt in Schweden vor dem Sex das mündliche Einverständnis abholen?
Ach, das ist doch eigentlich selbstverständlich: Sex muss freiwillig sein. Und das wird jetzt einfach noch mal in das Gesetz geschrieben. Wenn es nicht freiwillig ist, ist es nicht legal. Und da trägt jeder Part eine Verantwortung, sich davon zu überzeugen. Das gilt für Männer, für Frauen und alle anderen Menschen.

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