Sex

Ich habe einer 28-jährigen Freundin geholfen, endlich zum Orgasmus zu kommen

Zehn Jahre lang hat sie jeden einzelnen Höhepunkt gefaket. Höchste Zeit für eine Intervention unter Freundinnen.

von Laura Bell
30 Dezember 2017, 5:15am

Alle Fotos: Bruna Arbex

Herausforderungen finde ich toll, und meine Freundin Hattie ist eine Herausforderung. Vor Kurzem hat sie mir gesagt, dass sie mit ihren 28 Jahren noch nie einen Orgasmus hatte – und nein, sie meint nicht "beim Sex mit einem Partner", sie meint: überhaupt noch nie. Hattie sagte, sie habe es auch noch nie mit Selbstbefriedigung versucht. Ich war sprachlos. Was tut sie denn bitte, wenn sie nicht einschlafen kann?!

Doch nicht nur Hattie hat überraschend wenig Spaß unter der Gürtellinie. Etwa ein Drittel aller Frauen kommt beim konventionellen Geschlechtsverkehr nur mit Schwierigkeiten oder gar nicht. Hattie möchte ihren vollen Namen nicht nennen, damit ihre orgasmische Unerfahrenheit nicht dem Ruf ihrer Ex-Partner schadet. Sie hat seit zehn Jahren Sex, aber hat bisher jeden einzelnen Orgasmus vorgetäuscht.

"Ich bin eine großartige Schauspielerin", sagt sie, als ich sie auffordere, mir eine Kostprobe à la Harry und Sally zu geben. "Ich denke, ich habe meinen Freund mehr geliebt als umgekehrt. Ihm was vorzuspielen, war irgendwie eine Art Geschenk an ihn." Hattie gesteht, dass die lautstarke Theatralik im Bett wohl auch eine Methode war, ihren Freund an sich zu binden. Gleichzeitig konnte sie so ihre eigene Sexualität aber niemals entwickeln.


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Von all meinen Freundinnen ist Hattie die einzige, die in ihrer Jugend keine Phase der sexuellen Neugier durchlaufen hat. Die meisten entdeckten irgendwann für sich, wie angenehm die Wasserdüsen im Schwimmbecken sein können, oder machten irgendwelche sexuellen Spiele mit Freundinnen. Hattie dagegen ist 28 und schwört, dass sie sich nicht einmal selbst berührt. "Es ist mir unangenehm", sagt sie. "Ich bin sexuell extrem verklemmt."

"Es ist völlig normal, dass manche Menschen keinen richtigen Orgasmus kriegen können. Dafür kann es psychische Ursachen geben, die 12 Monate Therapie vermutlich besser ausräumen würden als meine vage Sexpertise."

Es versuchen wolle sie zwar schon, doch sie wisse nicht, wo sie anfangen solle. "Ich brauche vielleicht ein bisschen Hilfe", sagt sie. Also geben wir uns eine Woche Zeit, um Hattie von ihrer angestauten sexuellen Anspannung zu befreien und ihr endlich ein Happy End zu bescheren. Und wenn es nicht zum Orgasmus kommt, auch nicht schlimm, immerhin wird sie endlich etwas Erfahrung mit körperlicher Selbstliebe haben. Es ist völlig normal, dass manche Menschen keinen richtigen Orgasmus kriegen können. Dafür kann es psychische Ursachen geben, die 12 Monate Therapie vermutlich besser ausräumen würden als meine vage Sexpertise. Dennoch: Ich bin überzeugt, dass wir Hattie zumindest auf den Geschmack bringen können, indem wir uns erst mal rein aufs Körperliche konzentrieren.

Um sie auf den richtigen Weg zu bringen, braucht Hattie meiner Meinung nach zwei Dinge: mehr Entspanntheit und Wissen. Wenn sie sich in sexuellen Zusammenhängen wohler fühlen würde, hätte sie vielleicht nicht den Drang, immer einen Orgasmus zu faken. Und einen echten Orgasmus wird sie wohl erst haben können, wenn sie mehr über ihren Körper weiß – und darüber, was ihr persönlich guttut. Das kann ich ihr natürlich nicht abnehmen. Eine kleine Runde freundschaftlicher Cunnilingus könnte hier vermutlich Wunder wirken, aber das ist mir dann doch ein bisschen zu viel Druck. Stattdessen lade ich Hattie an einen Ort ein, der ihr zeigen wird, dass ihre Suche nach körperlicher Lust völlig normal ist: einen Sexshop.

Tag 1

Hattie und ich treffen uns im Womyn's Ware, einem auf Frauen ausgerichteten Sexshop im kanadischen Vancouver. Anfangs hasst Hattie es dort. Sex und noch mehr Sex, so weit das Auge reicht – sie kann sich nicht einmal irgendwo anlehnen, ohne versehentlich etwas Phallisches zu berühren. Die Inhaberin Lesley beginnt ein Gespräch mit Hattie und ich entferne mich diskret. Hattie soll eine authentische Sexshop-Erfahrung haben, und besonders normal ist das nicht, wenn eine aufdringliche Freundin danebensteht und ihr bei jedem kleinen Schritt Richtung sexuelle Freiheit applaudiert.

Das Geschäft ist wie ein Süßigkeitenladen für Erwachsene. Die bunten Toys, ästhetisch designten Beads, Dildos und Vibratoren sind einfach eine Augenweide. Es gibt reihenweise Schwänze, große, kleine, geschwungene, solche mit dicken Adern und, zugegeben nicht ganz so attraktiv, anatomisch korrekte mit Hoden und Schamhaar. Ich betaste einen davon und stelle fest, dass er sich leicht klebrig anfühlt. "Das sind die Lebensechten", sagt Mitinhaberin Anne. "Das soll sich wie Haut anfühlen." Ich ziehe eine Grimasse, als ich die Fussel sehe, die an dem Plastik kleben. Bei den meisten dieser naturnahen Nachbildungen ist auch ein Paar Hoden dabei. "Manche Leute mögen die mit Hoden", kommentiert Anne. Ich kann mir nicht erklären, was runzelige Plastikhoden als Toy den Nutzern bringen, aber das Dildo-Sortiment verdeutlicht, wie vielfältig sexuelle Vorlieben sind. Ich wünsche mir, dass Hattie einen fast 25 Zentimeter langen, mehrfarbigen Monsterpenis mit nach Hause nimmt, aber gerade hat sie sich bei dem Versuch verschluckt, das Wort "Gleitgel" auszusprechen. Vielleicht sollten wir ein bisschen zahmer anfangen.

Im Sexshop wird Hattie fündig: ein kleiner Vibrator in Feuerzeuggröße und ein wenig einschüchterndes Multifunktions-Toy in pink.

Lesley führt Hattie zur Mitte des Ladens, wo die Multifunktions-Toys stehen, die speziell darauf ausgelegt sind, die Klitoris und den G-Punkt zu stimulieren. Diese Toys seien besonders beliebt, weil sie für recht unterschiedliche Vorlieben etwas bieten. Auch hier gibt es ein Überangebot an Farben und Formen. Zufrieden stelle ich fest, dass diesmal keine behaarten Plastikhoden dabei sind. Und Hattie wird fündig: ein kleiner Vibrator in Feuerzeuggröße und ein wenig einschüchterndes Multifunktions-Toy in pink. Den großen Automatik-Dildo, den ich vorschlage, will Lesley Hattie dann doch nicht zumuten. Ich sehe schon, warum sie hier die Fachfrau ist.

Es ist Heiligabend. Hattie und ich setzen uns zu einer letzten Vorbesprechung zusammen, bevor sie ihre neuen Geschenke ausprobiert. Ich frage sie, wie sie sich ihren ersten Orgasmus vorstellt. "Wenig überwältigend", sagt sie. "Vielleicht würde ich sagen: gut, aber nicht großartig." Selbst wenn sich das bewahrheitet, finde ich, wir haben an nur einem Tag bereits viel Fortschritt gemacht. "Ich fühle mich ein bisschen sexuell befreit", bestätigt Hattie. "Es geht mir schon etwas besser." Mit Toys im Wert von Hunderten Dollar schicke ich sie los ins Ungewisse und fühle mich dabei wie eine Mutter, die ihr Kind zum ersten Mal ohne Stützräder fahren lässt.

Tag 2

Am nächsten Morgen erwartet mich eine SMS: "Nix passiert." Ich komme mir vor, als hätte der Weihnachtsmann mich bei der Bescherung ausgelassen. Hatties Nachricht wirkt auf mich enttäuscht, auch wenn keine Emoji dabei sind. Ich kriege ein bisschen Gewissensbisse – so wirklich befreiend kann es für Hattie nicht sein, von mir unter Druck gesetzt zu werden. Das erinnert an den gesellschaftlichen Druck, der in Sachen Sex ständig auf Frauen ausgeübt wird. In der patriarchalen Gesellschaft ist die weibliche Libido eine Nebensache; unser Sexleben soll sich darum drehen, andere anzuturnen. Das hier ist Hatties Erfahrung und nicht meine, ab sofort muss ich mich etwas zurückhalten. Ich sage ihr, es sei ganz normal, dass es nicht gleich klappt, und entschuldige mich für meine bisherige Herangehensweise.

"Ich stelle mir vor, wie sie den Vibrator einsetzt und dabei über Weihnachtsessen oder ihre Wochenendpläne nachdenkt. Nicht gerade ein Bild grenzenloser Leidenschaft."

Später erzählt mir Hattie am Telefon, sie habe den kleinen Vibrator ausprobiert. Eine Stunde lang, um genau zu sein. "Es war OK, aber es ist nichts Aufregendes passiert", sagt sie. "Es hat sich gut angefühlt, aber nicht auf eine Art, die mir neu war." Das klingt so gar nicht nach dem sexuellen Erwachen, das ich ihr prophezeit habe. "Ich glaube, ich muss mit dem Toy noch geschickter werden", fügt sie hinzu. "Ich hatte nicht wirklich eine Ahnung, was ich da mache."

Als ich sie frage, woran sie dabei gedacht habe, sagt sie: "Ich habe mich kaum konzentriert." Ich stelle mir vor, wie sie den Vibrator einsetzt und dabei über Weihnachtsessen oder ihre Wochenendpläne nachdenkt. Nicht gerade ein Bild grenzenloser Leidenschaft. Und nach einer Stunde würde sich wohl auch die geschickteste Masturbatorin ein wenig langweilen. Hattie mag gern erotische Geschichten, also schlage ich vor, dass sie sich mit ein bisschen Lektüre in Stimmung bringt, bevor sie es an diesem Abend noch einmal mit dem anderen Toy versucht. Bevor wir auflegen, schafft Hattie es, das Wort "Orgasmus" zu sagen, ohne vorher kurz innezuhalten und nach Luft zu schnappen wie sonst immer. Ein bisschen stolz macht mich das schon.

Tag 3 und 4

Als wir uns das nächste Mal sprechen, wirkt Hattie ein wenig enthusiastischer. Zwar hat sie nicht die geweiteten Pupillen und entspannten Gesichtszüge einer Frau, die soeben ihren ersten Höhepunkt erlebt hat, aber sie scheint schon mal lockerer. "Die letzten zwei Abende habe ich den Großen ausprobiert und der ist sehr intensiv." Der "Große", das ist das kleine pinke Multifunktions-Toy, das Lesley als Alternative empfohlen hat. Er ist stärker als der kleine Vibrator, der sich im Grunde nur anfühlt, als würde jemand dir in den Schritt summen. "Es ist definitiv ein neues Gefühl, und ich habe den Eindruck, damit geht es langsam vorwärts."

"Ich glaube, ich muss mich einfach noch ein bisschen besser kennenlernen", sagt Hattie. "Ich habe noch nichts eingeführt, aber ich glaube, das mache ich heute Abend vielleicht mal."

Zwar hatte sie noch keinen Orgasmus, aber ich will das jetzt nicht unbedingt noch mal ansprechen. Hattie soll sich nicht wieder in ihr Unbehagen zurückziehen, jetzt wo alles so gut läuft. "Ich glaube, ich muss mich einfach noch ein bisschen besser kennenlernen", sagt sie. Ich ermutige sie, sich dabei Zeit zu lassen. "Ich habe noch nichts eingeführt, aber ich glaube, das mache ich heute Abend vielleicht mal." So entspannt hat sie noch nie über Sex geredet – eben hat sie davon gesprochen, sich etwas einzuführen, und dabei kein bisschen peinlich berührt gewirkt. Wir machen Riesenschritte!

Als Teenager habe ich oft abendelang erotische Fan-Fiction gelesen. Das kommt mir jetzt zugute. Ich zeige Hattie eine Website mit erotischen Geschichten aus allen möglichen Genres. Überraschenderweise interessiert sie sich am meisten für übernatürliche und "nicht-menschliche" Geschichten. "Oh, für so ein Zeug kann ich mich total begeistern", sagt sie, als ich ihr den Link schicke. Vor drei Tagen noch hatte Hattie Angst vor dem Wort "Penis", und heute unterhalten wir uns schon über sexy Aliens, wuschige Vampire und sogar "Sex-Engel". Ich bin von den Socken. Vielleicht hilft es Hattie ja, dass die übernatürlichen Geschichten so weit von ihrem Alltag entfernt sind.

Tag 5

Ich sitze Hattie gegenüber und halte die Zeigefinger und Daumen in Rautenform hoch. Mit der Nase deute ich auf verschiedene imaginäre Zonen, die besonders viel Spaß versprechen. "Ich weiß schon, wo sich alles befindet", sagt Hattie, nachdem ich etwa viermal das Wort "Klitorisvorhaut" benutzt habe. "Es ist nur einfach noch nicht passiert." Hattie hatte gestern noch eine lange Session; ich bin schwer von ihrem Durchhaltevermögen beeindruckt. "Wann lässt du es denn gut sein?", frage ich. "Wenn die Batterie alle ist", sagt sie. Das nenne ich Hartnäckigkeit.

Hattie kommt ihrem Ziel langsam aber sicher näher, und diesmal haben ihr die "Sex-Engel" dabei geholfen.

"Es war gut", sagt sie. "Der beste Versuch bisher." Ich warte weiter geduldig auf Wörter wie "atemberaubend" oder "unfassbar", aber bisher hat unser Experiment wohl keine solche Beschreibung verdient. Dass sie so offen mit mir darüber spricht, ist aber an sich schon ein Erfolg. Hattie kommt ihrem Ziel langsam aber sicher näher, und diesmal haben ihr die "Sex-Engel" dabei geholfen. Ich habe ein bisschen recherchiert und kann inzwischen eindeutig sagen, dass "Sex-Engel" bei mir kein warmes Kribbeln auslösen – aber daran sieht man nur wieder, wie wunderbar verschieden wir alle sind. An diesem Abend denke ich an Hattie und drücke ihr die Daumen. Mein Gefühl sagt, dass sie so weit ist. Ich hauche ein kleines Stoßgebet in die Nacht – an die Sex-Engel, natürlich.

Tag 6

Am Morgen erhalte ich eine Nachricht mit sechs Emojis.

Die Auswahl ist etwas kryptisch, aber ich kann sie problemlos entziffern: Sie hat es verdammt noch mal getan. Allerdings bemerke ich, dass kein Engel-Emoji dabei ist.

"Wie fühlst du dich?", frage ich. "Eigentlich ungefähr so wie vorher", sagt sie. "Ich schätze, ich bin glücklich, weil ich jetzt weiß, dass ich es hinkriege." Sie ist so ungerührt von der ganzen Sache! Ich habe gehofft, einen Absatz von ihr zu lesen, der an die überschäumenden Beschreibungen aus meiner ehemals so geliebten Fanfiction erinnert. Dort "erzittern" ständig Personen und Dinge, und andere "erschaudern" und "pulsieren". "Es hat sich gut angefühlt", sagt sie. "Es war ein neues Gefühl – sehr schwierig zu beschreiben." Die vielen Erotik-Storys haben sie offenbar nicht zu poetischen Ergüssen inspiriert, aber ich schätze, ich würde mich auch schwertun, das Gefühl eines Orgasmus ordentlich zu beschreiben. "Jetzt ergibt alles mehr Sinn, weil ich weiß, wohin die Erregung am Ende führt", fährt sie fort. "Jetzt will ich einfach gut darin werden." Das klingt doch nach einem sehr vernünftigen Vorsatz für 2018.

"Diese ganze Sache hat mich über meine eigene Lust nachdenken lassen. Darüber konnte ich vorher nicht reden, und jetzt kann ich das. Ich wünschte, ich hätte das hier schon früher erlebt."

Und was ist die Lektion dieser Geschichte? Einerseits demonstriert sie, dass man mit genug Durchhaltevermögen so einiges erreichen kann. Hattie hat sechs Tage lang jeden Abend eine Stunde lang versucht, einen Orgasmus zu haben, und am Ende ist es ihr gelungen. Doch selbst wenn es nicht geklappt hätte, wäre sie dankbar für die Erfahrung gewesen, sagt sie: "Diese ganze Sache hat mich über meine eigene Lust nachdenken lassen. Darüber konnte ich vorher nicht reden, und jetzt kann ich das. Ich wünschte, ich hätte das hier schon früher erlebt." Wir sind am Telefon, aber ein verbales High-Five muss sein.

Das Ziel beim Sex sollte sein, sich gut zu fühlen. Ein Orgasmus muss dabei auch gar nicht sein. Aber ich freue mich sehr für Hattie, dass sie langsam herausfindet, was ihr ein gutes Gefühl gibt. Sie kann inzwischen einen ganzen Abend entspannt mit sich selbst, ihrem pinken Vibrator und den Sex-Engeln verbringen. 28 Jahre der sexuellen Verklemmtheit sind zum Großteil von ihr abgefallen – in nur einer Woche. Nicht schlecht.

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