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Die Sächsische Zeitung kürt einen AfD-Politiker zum "Menschen des Jahres 2017"

Dabei pöbelt Tino Chrupalla nicht nur gegen Geflüchtete. Er will auch die Pressefreiheit einschränken.

Philipp Sommer

Bild: imago | CTK Photo

Seit der Wende hatte nur die CDU im Wahlkreis Görlitz gewonnen, 27 Jahre lang. Dann trat Tino Chrupalla für die AfD bei der Bundestagswahl im vergangenen September an. Ein Prozent mehr Stimmen bekam er als sein Kontrahent Michael Kretschmer, damals CDU-Generalsekretär in Sachsen. Damit holte sich Chrupalla das Direktmandat für den Bundestag, das Kretschmer 15 Jahre innegehabt hatte. In fast jedem Dorf des Wahlkreises gewann Chrupalla mehr als 30 Prozent der Stimmen. Grund genug für die Sächsische Zeitung, ihn zu einem von 15 Menschen des Jahres 2017 zu machen: "Der Malermeister aus dem Norden des Kreises überzeugte die Menschen dabei vor allem damit, dass er die Sorgen und Ängste vieler direkt benannte und ihnen so das Gefühl vermittelte, verstanden zu werden." Sie nennt ihn den "Eroberer".

Das ist die Ebene, auf der die Sächsische Zeitung über Chrupalla schreibt: völlig unkritisch. Anerkennend erwähnen sie eine Veranstaltung von Chrupalla und der damaligen Parteivorsitzenden Petry in Bad Muskau im April, zu der 400 Menschen erschienen seien, die viel besser besucht gewesen sei als andere Wahlkampfveranstaltungen. Das komme auch davon, dass er bei der Wahl den Vorteil gehabt habe, politisch eine "weiße Weste" zu haben. Schließlich sei er nicht durch "geschichtsklitternde, fremdenfeindliche oder rassistische Äußerungen aufgefallen", schreibt die Sächsische Zeitung weiter. Als wäre das genug, um sich als "Mensch des Jahres" zu qualifizieren. Ausgerechnet auf genau dieser Veranstaltung, die die Zeitung erwähnt, hatte Chrupalla der Presse gedroht. Er kündigte an, dafür zu Sorgen, dass die Redaktionen "in die Schranken gewiesen werden", sobald er im Parlament sei. Wenn es sein müsse, dann mit Gesetzesänderungen, auch das "Grundgesetz ist nicht in Stein gemeißelt".


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Wer Chrupalla noch weiter zuhört, dem könnten noch andere Aussagen auffallen. In einer Rede zum Beispiel, wieder in Bad Muskau, dieses Mal wenige Tage vor der Bundestagswahl im September. Er lobt die Rolle Russlands im Syrienkrieg, behauptet, Deutschland solle "gezielt verdummt" werden (vor allem mit Hilfe des Fernsehens), redet von "psychologischer Kriegsführung" gegen die Deutschen und einer "Herrscherkaste", die dem "deutschen Volk" in den Rücken falle. Die deutsche Wirtschaft würde besser dargestellt, als sie sei, was dazu führe, dass Geflüchtete "dann noch weniger Skrupel haben, uns auszunehmen wie eine Weihnachtsgans". Die schlechte Lage des Durchschnittsdeutschen sei die Schuld einer "völkervernichtenden Politikmafia". Die taz nannte Chrupalla jemanden, der mit der AfD "auf dem Volkszorn reitet". Nichts davon findet sich in dem Artikel über ihn in der Sächsischen Zeitung. Einer Zeitung, die jeden Tag eine halbe Millionen Menschen erreicht.

In den frühen 90ern war Tino Chrupalla selber in der CDU, unzufrieden trat er aus und 2015 schließlich bei der AfD ein. Die CDU wusste, dass die AfD bei der Bundestagswahl für sie ein Problem werden könnte, zu groß war das Gefühl der Menschen in Sachsen, dass die Region zu kurz komme. Landrat Bernd Lange (CDU) kommentierte den Wahlsieg von Chrupalla so: "Man hätte einen Besenstiel hinstellen können, der wäre auch gewählt worden."

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