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Ich habe versucht, im Bermudadreieck Spaß zu haben

"Nah, was wollma denn im Bermudadreieck, da is immer so arg beschissen!" Stimmt, oder? Ein Selbsttest.

von Lennart Bernsdorff
07 Juni 2017, 2:22pm

Header: flickr | Michael Pollak | CC BY 2.0 Unten: Fotos vom Autor

Das berühmt-berüchtigte Bermudadreieck – der Ort, den man eigentlich nur in seiner Pubertät besucht, in den ersten Monaten nach seinem Auszug oder als Tourist. Der Alkohol ist billig, man kann die ersten Gehschritte kleiner Baby-Räusche beobachten und über die Musikauswahl der Lokale kann man auch streiten..

Die meisten von uns sind schon einmal im Dick Macks gelandet und haben Pisse aus Longdrinkgläsern geschlürft oder sind im Kaktus geendet, um sich immer wieder zu sagen "so schlimm ist es gar nicht". Und wer hat bitte noch nie bei einer Tequila-Platte der Pizzeria del Popolo mitgesippt? Ob in dieser Pizzeria überhaupt je schon einmal eine Pizza bestellt wurde, geschweige denn, ob man dort überhaupt weiß, wie man eine Pizza zubereitet, bleibt auch weiterhin ein Fall für Galileo Mystery.

Die beste Tequilabar Wiens hat natürlich auch ein Pizzaangebot.

Dieser Ruf eilt dem Schwedenplatz und seinem Umland eigentlich schon seit jeher voraus. Und das vielleicht zu Unrecht. Beim besten Willen konnte ich mir nicht vorstellen, nach einem Abend im Bermudadreieck mit einem Grinsen auf dem Gesicht nach Hause zu gehen. Ich würde es eher als Gomorrha der Neuzeit titulieren. Mein leichter Hang zum Masochismus hat mich dann aber doch dazu verleitet, in diese Jauchegrube des Alkoholexzesses hinabzusteigen. Denn irgendwo zwischen all diesen Lokalen, die Knigge für einen exotischen Shot aus dem Travel Shack halten, bei dem sie Geld dafür zahlen, eine Watsche zu bekommen, muss doch auch ein wenig Gold zu finden sein. Also, auf in den Kampf.

Die Ankunft:

Mit leicht mulmigem Gefühl steig ich am Schwedenplatz aus und flaniere zwischen kulinarischen PopUp-Stores östlicher Herkunft und traditioneller Fusion-Kitchen der Mingh-Dynastie, an der Donaupromenade entlang. An den einladenden Sitzgelegenheiten direkt vor der pompösen Anlegestelle des Twin City Liners lasse ich mein flamboyantes Selbst nieder und versuche alle Eindrücke, die ich audiovisuell wahrnehme, in mich aufzusaugen. Und was soll ich sagen? Ich hasse es.

Peinliche Erinnerungen kommen in mir hoch und brechen aus, genauso wie der Doppler aus dem interessant riechenden Typen zwei Reihen vor mir. Es stinkt, also wechsle ich meinen Standort. Während meine Augen und ich also weiter über dieses Plateau de Plaisir wandern, streifen meine Blicke die ansässige Bourgeoisie. Die örtliche Cuisine wird hier in sich hineingeschlungen als hätte man sie in den Tränen Jesu frittiert. Vielleicht bin ich einfach ein Spießer geworden, aber wochenlang in altem Bratfett gewendetes Fleisch mit einem Genuss zu verschlingen, der an Roberto Blancos Gesichtszüge erinnert, lassen mich ein wenig aufstoßen. Was scheiße anfängt, hat extrem viel Luft nach oben. Zum Glück muss ich diese Odyssee nicht alleine antreten, denn mit einer Menge Überzeugungsarbeit und auch ein bisschen Selbstprostitution, hab ich ein paar Freunde dazu gebracht, mich auf diesem Abenteuer zu begleiten.

1. Stop – Philosoph

Zwischen vor Kreativität und Intellekt strotzenden Lokalnamen, wie "Non Plus Ultra", "Vienna Gnadenlos" und "Krah Krah", wirkt der Name "Philosoph" fast bescheiden und genau deswegen wird es der erste Stop unserer Reise. Mit dem kleinen, eisenharten Kern meines Freundeskreises, der sich das Wagnis Schwedenplatz tatsächlich antut, setzen wir uns draußen an einen Tisch. Mein Gefühl in dieser Umgebung ist schwierig zu beschreiben. So ein bisschen, wie wenn einem das Bein einschläft und man versucht smooth loszugehen. Wie man ein Bein vor das anderen setzt, ist bestehendes Wissen, aber trotzdem wirkt die Bewegung fremd und unbehaglich. Man probiert trotzdem lässig loszugehen, aber man weiß, dass es saublöd aussieht. Man selbst weiß es und der Rest weiß es auch. Macht das Sinn? Nicht wirklich, ich weiß. Jetzt wisst ihr, wie ich mich am Schwedenplatz gefühlt habe. Wie ein eingeschlafenes Bein, das keinen Sinn ergibt.

"Seinen Beitrag zum Bildungsauftrag liefert das Philosoph auf jeden Fall schon mal."

Am Tisch neben uns offenbart eine recht burschikose Frau ihrer Entourage das Geheimnis für wirklich guten Apfelkuchen. Ich meine Opfekuachn. Dea muass afoch a wengerl stengan bleim im Ofn, neeed sofoad aussietuan. Ich verbuche die Guteste in der Kategorie Kampftrinker_innen. Meine Geheimnisse vertrau ich ihr auf jeden Fall nicht an. Keine Lust, dass irgendjemand erfährt, dass ich als Teenager einem One Night Stand mal Geld geklaut habe, nachdem sie eingeschlafen war.

Mit außergewöhnlichen Angeboten lockt man die Laufkundschaft.

Der Kellner gesellt sich an unseren Tisch und bringt uns Getränkekarten. Leicht zerfleddertes Papier in blauen Plastikbriefhüllen. Fancy. Aber hinter dieser galanten Menüverpackung steckt ein tieferer Sinn, der mir nach kurzer Überlegung wie Schuppen von den Augen fällt. Wenn in der Schule deine Versetzung gefährdet war, hat das Direktorat einen blauen Brief nach Hause geschickt, um bei deinen Eltern zu petzen, dass du gerade gekonnt deine Zukunft verbaust. Die Menükarten im Philosoph bleiben ein constant reminder an alle Kids, früh genug die Heimreise anzutreten, um am nächsten Tag nicht zu verkatert im Klassenzimmer zu sitzen. Seinen Beitrag zum Bildungsauftrag liefert das Philosoph auf jeden Fall schon mal. Wer glaubt, ich interpretiere hier zu viel hinein, ist offensichtlich ignorant und sollte seinen Horizont endlich mal etwas erweitern. Ich helfe auch gerne dabei.


Ob Schlager wohl den Horizont erweitern?


Die Preise sind sehr vertretbar und der Kellner ist ziemlich lustig und das nicht unabsichtlich. Shoutout an den Typen mit dem Spreadshirt-Leiberl (das sind die mit den furchtbaren Sprüchen darauf). Ich verzeih dir deine T-Shirt-Wahl, weil du so witzig warst. Deinen trockenen Humor braucht man aber sicher auch, wenn man am Schwedenplatz als Barkellner arbeitet. Dass du dir das Rückgeld ungefragt als Trinkgeld eingezogen hast, fand ich aber eher so semi.

Fazit: Ich bin ein wenig hin und her gerissen, aber eigentlich kann man sich das Philosoph schon antun. Die Ikea-Außenbereichsitzgelegenheitenausstattung steht selbstbewusst in seiner Altstadtgasse und wenn man sich von der penetranten Hardrockbeschallung aus dem Nebenlokal nicht in den Wahnsinn treiben lässt, ist es halbwegs erträglich in (oder vor) dieser Barperle mit gewissem Charme.

2. Stop – Enrico Panigl

Kennt ihr das Gefühl, stundenlang durch eine trockene Wüste zu irren und mit sehr trockener Kehle am Horizont eine Oase zu erblicken? Nein? Ich auch nicht, aber ich glaube es ist eine akkurate Beschreibung meines Gefühls, als ich diese Bar entdecke. Das Enrico Panigl ist eine Weinbar, die sich in einer kleinen Gasse, ein wenig abseits vom ganzen bekannten Schwedenplatztrubel versteckt. Die Gäste sind ruhig und überhaupt nicht so am Arsch wie im Großteil der restlichen Lokale. Vor allem sind sie erwachsen. Also so "Ich habe Kinder und einen Job" erwachsen. Um Missverständnissen keinen Raum zu bieten: Ich meine über 35.

Ein kleines Stück italienischer Weinkeller an der Wiener Donau.

Die Bar hat den Flair eines alten Weinkellers. Tatsächlich scheint es, als wäre bei der Entstehung dieser Bar nicht ohne einen Funken Ästhetikverständnis gearbeitet worden sein. Was erst im zweiten Moment auffällt, ist, das überhaupt keine Musik gespielt wird. Es herrscht eine angenehme Stille durchzogen von Gesprächslauten vereinzelter Gruppen. Eloquente Laute, die sich weder um Apfelkuchen drehen, noch darum, wer welche Oide später noch wegmacht. Nach all den Akon- und Flo Rida-Eskapaden, die uns auf dem Weg zwischen Philosoph und Enrico Panigl begleitet haben, fühlt sich diese Ruhe so unfassbar paradiesisch an.

Die Karte besteht aus ein paar Bieren und ungefähr 55 Weinsorten, es kann also eher als Weinbar bezeichnet werden. Als absoluter Rebensaftconnaisseur kenne ich natürlich alle drei Sorten. Um nicht wie ein kompletter Laie zu wirken, bestelle ich einen Sauvignon Blanc und frage aus welchem Jahr er ist. Die Dame an der Bar meint 2015 und ich antworte selbstbewusst "Das ist ein guter Jahrgang!". Sie ist definitiv von meiner Fachkompetenz beeindruckt, man sieht das Glitzern hinter ihren ausdruckslosen Augen. Der Wein ist dort übrigens wirklich ziemlich lecker und zwar jeder.

Das in dem Glas da, ist kein Wein.

Fazit: Ja, ja, ja. Ja. Hingehen. Als ruhige Afterwork-Location sehr gut geeignet und auch einfach generell eine ziemlich angenehme Ruhezuflucht. Bin selber total überrascht gewesen, so ein Juwel gefunden zu haben. Sogar Michi Häupl feiert den Laden und wenn's um Wein geht, würd ich dem Typen das Leben meiner Mutter anvertrauen – und ich habe türkische Wurzeln.

3. Stop – Vinogin

Für alle, die Munich Mule aus Kupfertassen sippen immer noch für eine neue, kultige Trendbewegung der Barszene halten, ist das Vinogin definitiv der place to be. Was hier sofort das Auge catcht, ist die doch sehr stilvolle Einrichtung, die in diesen Breitengraden ziemlich fehl am Platz wirkt. Gut so. Nachdem es im Enrico Panigl sehr viel Wein gab, gibt es im Vinogin sehr viel Wein – überragt von einem noch größeren Gin-Angebot. Das Lokal ist mit einem glimmenden Orange beleuchtet, das perfekt ausreicht, um die aufgelisteten Wacholderspirituosen auf der Karte lesen zu können. Die Preise nicht so, aber das war sicher keine Absicht.

Verdammt witzige Sprüche wie "Soup of the Day: Gin Tonic" dürfen nicht fehlen. Das macht sich gut in jedem Touri-Instagram-Feed.

Ich versuche immer in allem etwas zu finden, an dem ich etwas aussetzen kann, frei nach dem Prinzip: Ich bin dafür, dagegen zu sein. Und eins muss ich diesem kleinen Henredon-Outlet für Arme lassen – Ahnung von Gin und Tonic haben sie schon. Die anderen Gäste, die hier sitzen leider eher weniger. Doch das fehlende Wissen wird gekonnt mit einem Mix aus Gordon und Schweppes überspült, ich meine überspielt.

Ich fühle mich sehr schnell in meine Jugendjahre in München zurückversetzt. Jahre, in denen ich Geld cool fand und eigentlich sowieso ein peinliches Häufchen Elend war, das sich über Äußerlichkeiten definiert hat. Wer Reiseziele wie Saint Tropez und Ibiza auf seiner to-Do Liste stehen hat, wird sich im Vinogin ganz schön wohl fühlen.

Fazit: Wirklich überzeugt bin ich von diesem Etablissement nicht. Es ist eine 08/15-Bar mit den ebengleichen Normalos. Das Einzige, das hier herausragend ist, sind die Preise. Denn die strapazieren das Limit meines Kontos. Als Bobo oder als Freund eines Bobos kann man sich hier sehr gekonnt mit Monkey47 und Fentimans aus dem Leben betonieren, aber auch nur, wenn du mit dem Konzept der "Münze" nicht wirklich etwas anfangen kannst und du nicht mehr weißt, womit du zahlen sollst, wenn der 500 Euro-Schein abgeschafft wird.


Wie arg es am Schwedenplatz werden kann, zeigen die Bilder von Jugo's Releaseparty im Prime:


Berühmte letzte Worte sind hin und wieder sinnvoll, vor allem bei einem so kontroversen Thema wie dem Schwedenplatz. Also Hand ins Feuer für den Ort, den alle so gerne verfluchen. Tatsächlich ist es möglich, am Schwedenplatz und seinen Ausläufern in guten Lokalen unterzukommen. Meine erste Wahl wird es zwar deswegen trotzdem nicht, aber ein bisschen zu sehr dämonisiert wird der Schwedinger dann doch. Wenn man aufhört, so ein endloser Hipsterlappen wie ich zu sein und lernt, diese Von-Oben-Herab-Form zu vermeiden, wird es echt amüsant. Profitipp für eine perfekte Ausgangslage ist ein gewisser Hang zur Selbstironie und ein angehobener Promille-Wert. Dann klappt's aber sowieso irgendwie fast überall.

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