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Kartoffeln

Fragen, die eine Kellnerin aufwirft, die mit Pommes geworfen hat

Warum zur Hölle sollte man eine Stunde lang auf Pommes warten? Ist es ein Arschloch-Move, ein Restaurant ohne Essen zu verlassen?

von Vania Singer
30 April 2019, 1:12pm

Foto: Frittenhand | imago | CTK Photo || Bedienung | imago | Westend61 || Collage: VICE

Es ist vielleicht eines der deutschesten Dramen aller Zeiten, das sich am vergangenen Freitagabend in Müllheim in Baden-Württemberg zugetragen hat: Es ist etwa 22 Uhr, als eine hungrige 22-Jährige in eine Gaststätte geht und Pommes bestellt, einen Teller voll, mit Ketchup. Sie wartet, es vergeht eine Stunde, die küchenschwammgelben Fettspalten sind noch immer nicht da. Die Frau fragt bei der Bedienung nach: Wo denn ihr Essen bleibe? Es folgt die Botschaft, die die Tragödie zum Laufen bringt: Pommes sind aus.

Die Frau hält sich zunächst tapfer, verlässt das Lokal, "um sich anderen Ortes zu verköstigen", wie die Freiburger Polizei schreibt. Bald kehrt sie jedoch in die frittenlose Frittenbude zurück, warum, das sagen wir euch später, und bekommt – man nennt es heute das Wunder von Müllheim – 90 Minuten nach ihrer Bestellung doch noch ihre Pommes. Die Geschichte endet allerdings nicht mit einer schlechten Google-Bewertung und einem ranzigen Teller Fritten. Sondern mit Gewalt.

Wie die Polizei mitteilt, wollte die 22-Jährige die Pommes nicht mehr haben. Verständlich, immerhin war die Wartezeit dafür so lang wie ein Spielfilm in den 90er Jahren. Doch sie hatte die Rechnung ohne die Bedienung gemacht, einer Frau, die für frittierte Kartoffeln alles aufs Spiel setzte: "Wütend darüber schleuderte die Bedienung die heißen Pommes samt Ketchup und Teller ins Gesicht der jungen Frau", so die Polizei. Die Kundin sei leicht verletzt gewesen und habe daraufhin Strafanzeige erstattet. Bevor der Vorhang für das Fritten-Fiasko fällt, haben wir allerdings noch ein paar Fragen.

Warum zur Hölle sollte man eine Stunde lang auf Pommes warten?

Stellt euch vor, ihr habt eine lange Woche auf der Arbeit hinter euch und eventuell schon das erste Feierabendbier intus, vielleicht auch das zweite oder das dritte. Was macht ihr: euch nach Hause verziehen und eine Serie über Innenarchitektur auf Netflix gucken, bis ihr wegpennt und Spuckefäden aufs Kopfkissen sabbert? Wahrscheinlich! Viel spannender kann die Abendplanung der 22-Jährigen Pommesbestellerin nicht gewesen sein. Immerhin wartete sie eine Stunde lang auf das vielleicht überbewertetste Gericht dieses Kulturkreises: Pommes. Diese labberigen, pissgelben, in Fett ertränkten Kartoffelüberreste, die selbst Fritten-Freunden nur mit Sauce schmecken. Ihr könnt uns für diesen Rant ruhig hassen. Aber fragt euch auch: Wenn ihr euch diese geschmacklosen Fettstängel einverleibt und sogar bereit seid, eine Stunde dafür zu warten: Hasst ihr euch dann vielleicht nicht auch ein bisschen selbst?


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Ist es ein Arschloch-Move, ein Restaurant ohne Essen zu verlassen?

Ist es OK, ohne Essen aus dem Lokal zu verschwinden oder dieses sogar zu verweigern? Das scheint große Teile der deutschsprachigen Gesellschaft zu beschäftigen, denn allein für die Frage: "Wie lange muss ich im Restaurant auf mein Essen warten?", findet Google über 19 Millionen passende Ergebnisse. Die Verbraucherzentrale beruft sich zum Beispiel auf ein Gerichtsurteil und schreibt, Restaurantgäste dürften den Preis für ihr Essen um 30 Prozent kürzen, wenn es über 90 Minuten zu spät käme. Eine Online-Rechtsberatung schreibt sogar, man könne der Bedienung eine angemessene Frist setzen und, wenn diese verstrichen ist und DIE POMMES IMMER NOCH NICHT DA SIND, das Essen verweigern. Der Pommes-Protest der 22-Jährigen dürfte aber unabhängig davon keine Konsequenzen nach sich ziehen: Die Fritten waren der Polizei zufolge bereits aus, als die Frau das Lokal verließ.

Wieso ging die Frau zurück, nachdem sie woanders gegessen hatte?

Die wichtigste Frage dieses Falls bleibt: Wenn es keine Pommes mehr gab, die Geduld der Lokalbesucherin bis ins Unermessliche ausgereizt, und der Magen der Frau woanders gefüllt wurde – warum in aller Welt kehrte sie 90 Minuten nach der Bestellung doch ins erste Lokal zurück? Hatte sie ihr Handy unterm Bartisch aufgeladen, weil der Akku nach einer Stunde Warten und Candy-Crush-Spielen leer war, und das Teil vergessen? Sind ihr Pommes so wichtig, dass sie selbst mit vollem Magen und einem Herzen voller Hoffnung zurückkehrte, um sich doch noch ein paar Fritten einzuverleiben? Nichts von alledem, wie ein Sprecher der Polizei gegenüber VICE erklärte: "Freunde der Frau befanden sich noch im Lokal und hatten diese per Handy informiert, dass nun doch die Pommes geliefert wurden." Die Frau sei zurückgegangen, um "das zu klären".

Der Polizeisprecher meinte damit wahrscheinlich die Sache mit den Pommes. Uns fallen aber noch andere Dinge ein, die man an der Stelle hätte klären können. Unter anderem die Freundschaft mit den treulosen Tomaten, die sich nicht mit der 22-Jährigen solidarisiert haben und im Lokal blieben, als ihre Freundin ohne Essen davonzog. Selbst Netflix fragt öfter nach dem Befinden als ihr!

Wo kam so kurz vor Mitternacht der Pommes-Nachschub her?

Wo kriegt ein Restaurant in Müllheim so kurz vor Mitternacht noch neue Pommes her? In einer Großstadt wie Berlin gibt es von Drogen bis stacheligen Rosensträußen wahrscheinlich kaum etwas, das man nicht rund um die Uhr besorgen kann. Die rund 18.000 Bewohnenden Müllheims dürften dieses Glück nicht haben. Und dennoch: Selbst als dem Lokal offenbar die Pommes ausgingen, schafften es die Betreibenden – wenn auch anderthalb Stunden später – das gewünschte Gericht irgendwie auf den Teller zu bekommen. Von der Tankstelle an der Autobahn etwa, der einzigen, der um die Zeit noch geöffnet hat? Oder doch eher mühevoll zusammengekratzt aus den vereisten Ritzen der Tiefkühltruhe?

Wir können uns jedenfalls lebhaft vorstellen, wie die gestresste Kellnerin am Freitagabend einen weiteren gelben Zettel mit Pommes-Bestellungen über die Küchentheke gepfeffert hat. Draußen wartete die hungrige Meute, besoffen, die Gläser auf den Tisch polternd. Dann schaut der Koch die Küchenhilfe, wir nennen ihn Jonas, an: "Jonas, hast du die Frittensäcke heute Nachmittag aus dem Großhandel abgeholt?" Jonas, das Gesicht von den Fettdämpfen der Fritteuse errötet: "Ich dachte, du wolltest das machen?" Während sie streiten, kommt immer wieder die Kellnerin in die Küche und krächzt: "Wo bleiben die Fritten??? HALLO???" Eine halbe Stunde lang sucht Jonas die gesamte Küche nach heruntergefallenen Pommes ab, bis er der Bedienung endlich den dampfenden Teller hinstellt, sie ihn der 22-Jährigen bringt – und alle herausfinden, dass ihre Mühen umsonst waren.

Damit wäre der Gewaltausbruch der Kellnerin sicher trotzdem nicht gerechtfertigt. Aber vielleicht denkt ihr nächstes Mal an unsere erfundene Küchengeschichte, wenn ihr ein Restaurant ohne Essen verlassen wollt.

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