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Wie ich beinahe Weltmeister im Flunkyball wurde

Flunkyball ist mehr als nur ein Trinkspiel, es ist ein Sport und der einzige Grund, warum ich gerne in meine Heimat zurückkehre.

von Frederik Seeler
21 Juni 2019, 3:30am

Fotos: Dennis Metzger

Wenn Männer jenseits der 50 ein Bierglas in der Hand halten und so richtig lustig sein wollen, dann reiben sie ihre Bierbäuche, trinken einen Schluck aus dem Glas und sagen: "Trinken ist auch Sport." Ich bin ein Mann Mitte zwanzig und einmal im Jahr werfe ich mit einem Tennisball auf eine leere Flasche, exe so schnell wie möglich ein Astra und gebe ihnen Recht, den Bierbauch-Männern. Trinken ist ein Sport und ich bin Trinksportler.

Immer im Mai steige ich in einen ICE nach Hamburg und fahre dann im Regionalexpress weiter nach Elmshorn, um bei Deutschlands größtem Flunkyball-Turnier mitzuspielen. Mein Team und ich gehören zu den besten. Auf der Weltrangliste stehen wir auf Platz zwei. Um ein Bier zu exen, brauchen wir nur wenige Sekunden.

Menschen, die auf nichts stolz sein können, sind stolz darauf, auf welchem Teil der Erde sie geboren wurden oder auf die Menge Alkohol, die sie trinken können, ohne zu kotzen. Herkunft ist zufällig, über das andere entscheidet, wie regelmäßig man seinen Körper freiwillig vergiftet. Aber einmal im Jahr stecke ich diesen Gedanken zurück, bin stolz, wenn meine Freunde mich "Jesus Exus" rufen und sogar ein wenig stolz darauf, aus dem norddeutschen Kaff zu kommen, das die Sporthistoriker irgendwann das "Leistungszentrum des bundesdeutschen Flunkyball" nennen werden.

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Wer Flunkyball nicht kennt, der war entweder noch nie im Sommer in einem Park, oder kam in Berlin zur Welt. Dort nennt man es naturalistisch "Bierball". Was "flunky" bedeuten soll, habe ich auch nach dreißig Minuten Recherche nicht herausgefunden. Mit viel gutem Willen lässt sich Flunkyball auf das antike "Kottabos" zurückführen, das sogenannte Weinschleudern. Die alten Griechen dämmerten 400 v. Christus auf ihren Liegen, tranken Wein und versuchten den Restschluck mit der Trinkschale so zu katapultieren, dass der Wein auf eine Tonfigur klatsche und sie umstoße. Was meist dazu führte, dass man Togas und Marmorböden mit Wein bespritzte und Sklaven die Dekadenz aufwischen mussten.

Alkohol betäubt zwar die Awkwardness, die entsteht, wenn Menschen sich treffen und nicht wissen, was sie miteinander anfangen sollen, aber er wirkt nicht sofort. Die Griechen erfanden mit dem Weinschleudern eine Aktivität, um die Wartezeit zu überbrücken, die der Alkohol braucht, um alle zu entspannen, und um Teilnehmer mit ihrem eigenen Ehrgeiz abzufüllen. Das erste Trinkspiel der Geschichte.

Etwa 2.400 Jahre später stehen meine vier Freunde und ich auf einer Wiese in Elmshorn und dehnen unsere Waden. Wir stehen zum sechsten Mal bei einer Weltmeisterschaft nebeneinander auf dem Platz. Man kennt uns als das Team "Christliche Jugend gegen den Konsum von Marihuana", benannt nach einer Facebook-Seite, die wir mit 17 lustig fanden, als wir nichts zu tun hatten, außer Bong auf dem Bolzplatz zu rauchen und uns Memes zu zeigen.

Flunkyball WM
Hier ist das Flunkyball-Team "Christliche Jugend gegen den Konsum von Marihuana" noch frisch. Autor Frederik Seeler (2. v. l.) hatte Rührei und zwei Bier zum Frühstück

Menschen, die auf nichts stolz sein können, sind stolz darauf, auf welchem Teil der Erde sie geboren wurden oder auf die Menge Alkohol, die sie trinken können, ohne zu kotzen.

Das gegnerische Team auf der anderen Seite des Spielfelds öffnet Astra-Biere mit einem Feuerzeug. Etwa zweitausend Besucher sind zur WM gekommen, sitzen auf Picknickdecken um uns herum, essen gegrillte Burger, trinken Fanta-Korn. Es ist 11 Uhr morgens.

Die Flunkyball-WM hat einen strengen Regelkatalog. Wir werfen mit genormten Tennisbällen auf Astra-Flaschen und zwar aus genau 3,8 Metern Entfernung. Wer mit einem Handball oder einem Schuh auf eine PET-Flasche schleudern möchte, wird des Platzes verwiesen. Das verwendete Bier muss nach dem Reinheitsgebot gebraut und in 0,33 Literflaschen abgefüllt sein. Beim Flunkyball muss man rennen, präzise werfen und schnell reagieren. Man kann es Trinkspiel nennen, aber es ist Trinksport. Dass man sich dabei besaufen muss, ist der notwendige, nicht ganz unangenehme Tribut, den dieser Sport von seinen Sportlern fordert.

Der Schiedsrichter pfeift an. Unser Linksaußen wirft auf die Astra-Flasche, seine Hand zittert, der Ball springt neben der Flasche auf. Noch sind wir zu nüchtern und zu nervös. Wir haben Rührei gefrühstückt und dazu nur zwei Biere getrunken. Wer vorher zu viel trinkt, kann irgendwann nicht mehr präzise werfen. Als Flunkyball-Veteran kenne ich alle Tricks: Man sollte die Flasche immer so treffen, dass der Ball in die eigene Hälfte zurück rollt. Dann muss der Gegner mehr Strecke machen. Beim Exen empfiehlt es sich, die Bierflasche im 45-Grad-Winkel zum Mund zu halten – das erzeugt maximalen Bierfluss bei minimaler Schaumbildung. Im Grunde ist Flunkyball wie Schach, nur taktischer. Mein Nebenmann schmettert die Flasche um, wir setzen an und das Bier rauscht meine Kehle herunter, als wäre sie eine Wasserrutsche. Wir gewinnen die nächsten zwei Spiele und erreichen die Playoffs.

Der Austragungsort Elmshorn ist eine Kleinstadt im Hamburger Umland, dessen einziger Trost es ist, nicht ganz so hässlich zu sein wie die Nachbarstadt Pinneberg. In Elmshorn wurde ich geboren und verbrachte eine okaye Jugend. Man kann sich zwischen zwei Diskos entscheiden und im Sommer ins Freibad gehen. Aus solchen Orten ziehen junge Leute entweder irgendwann weg oder sorgen selbst dafür, dass es etwas zu tun gibt. Ein paar Typen, die gerne Flunkyball spielten, organisierten 2013 das erste Turnier in einem Park. Schon damals nannten sie es Weltmeisterschaft, obwohl nur hundert Leute kamen.

Im Grunde ist Flunkyball wie Schach, nur taktischer.

Ich machte damals Abi und fuhr jeden Tag mit ein paar Freunden im Citroën-Caddy aus meinem Heimatdorf nach Elmshorn zur Schule. Zwei aus meiner Fahrgemeinschaft spielten Handball im Verein und als wir bei der WM antraten, trafen sie die Flasche mit fast jedem Wurf. Zweimal hintereinander erreichten wir das WM-Finale. Im zweiten Jahr verlor ich gegen meine beste Freundin, die ihr Bier doppelt so schnell exen konnte wie ihre männlichen Gegner. Die Flunkyball-WM kennt im Gegensatz zum Fußball keine Geschlechtertrennung.

Noch heute fang ich ein halbes Jahr vor der WM mit dem Wurftraining an. Wenn es draußen schneit, stelle ich eine Deo-Sprühdose in dem Flur meiner Berliner WG auf, messe drei Meter und 80 Zentimeter ab, werfe auf die Dose, sie scheppert um, ich stelle sie wieder auf. Solange bis meine Nachbarin von unten gegen die Decke hämmert. Manchmal frage ich mich, warum Flunkyball mich so begeistert. Aber jedes Jahr, wenn ich von Berlin nach Elmshorn fahre, mir das Trikot überziehe und neben meinen Teamfreunden stehe, erinnere ich mich.

Wenn man alte Freunde trifft, erzählt man sich Geschichten von früher, weil man nichts Neues mehr zusammen erlebt. Weißt du noch damals, als Carsten seinen Hoden im Sportunterricht bis zum Bauch zog? Oder als wir bei Burger King herumgammelten und das Restgeld in der Spielo verzockten? Ja, wissen wir noch.

Aber durch Flunkyball haben wir etwas, das uns das ganze Jahr lang verbindet, egal wo wir jetzt leben, studieren oder arbeiten. Auf welcher Position spielst du dieses Jahr? Wie ist deine Trefferquote? Welches Bier trinken wir? Und wenn wir dann bei der Flunkyball-WM nebeneinander auf der Linie stehen, ist es so, als würden wir noch immer jeden Morgen zusammen zur Schule fahren.

Eine Nonne und ein Pokal
Die Nonne ist der größte Fan des Teams, dem auch unser Autor angehört. Den Pokal hatte sie allerdings noch nie in den Händen

Nach zwei Vize-Titeln wollen wir in diesem Jahr endlich Weltmeister werden. Und es läuft gut: Im Viertelfinale trifft unser Gegner kein einziges Mal die Flasche, mein Bier ist schon nach zwei Treffern leer. Unser Teamarzt, er studiert Medizin im zehnten Semester, empfiehlt uns, Wasser zu trinken, damit wir fit bleiben bis zum Finale. Er selbst trinkt Martini-Eistee aus einer Thermosflasche und kann kaum noch stehen.

Jede Stadt oder Uni-Fachschaft richtet Flunkyball-Turniere aus, aber bis jetzt konnte uns niemand beweisen, dass sich irgendwo mehr Leute treffen als bei uns. Etwa 2.000 Leute kommen mittlerweile. Vergangenes Jahr war die Weltmeisterschaft so groß geworden, dass die Stadt sie verbieten wollte. Ein Spieler schrieb auf Facebook: "Die WM ist der einzige Grund, Freunde von außerhalb nach Elmshorn einzuladen." Die Organisatoren zogen zum Rathaus, sprachen mit dem Ordnungsamt. Die Stadt lenkte ein und stellte eine größere Wiese zur Verfügung. Auch Teams aus Dänemark, Baden-Württemberg und Frankreich nehmen teil und legitimieren unseren Anspruch, eine Weltmeisterschaft auszutragen. Die leeren Flaschen und Bierkästen werden nach dem Turnier auf einem LKW geladen und das Pfand einem Kinderhospiz oder dem Tierheim gespendet. Etwa 6.000 Euro hat die Flunkyball-WM so schon ertrunken.

Wir stehen im Halbfinale. Noch zwei Spiele, noch zwei Biere, und wir stehen ganz oben auf dem Treppchen, werden in Bierschaum geduscht, fahren den Weltmeister-Pokal im Autokorso durch die Stadt, grüßen die Fans vom Balkon des Elmshorner Rathauses, Sponsoring-Verträge, Villa am Stadtrand, Karriereende durch Leberzirrhose.

Aus den Boxen singt Freddie Mercury "We are the Champions“, aber er meint nicht uns.

Aber die zehn Biere, die wir im Turnierverlauf getrunken haben, beschweren unsere Arme, die Augen schauen ins Nichts. Mein Nebenmann wirft, aber der Ball landet im Gras. Eine gegnerische Spielerin haut die Flasche um und setzt ihr Bier an. Ich muss laufen, um die Flasche aufzustellen. Mein Gehirn sendet das Signal zum Loslaufen verzweifelt, wie ein Leuchtturm seinen Lichtstrahl durch dichten Küstennebel.

Frederik Seeler im Biertaumel
Im Biertaumel, aber nicht im Siegesrausch: Autor Frederik Seeler, nachdem er zum sechsten Mal nicht Flunkyball-Weltmeister geworden ist

Bei der Siegerehrung blicken wir zu Boden, Vierter von 64 Teams. Aus den Boxen singt Freddie Mercury "We are the Champions", aber er meint nicht uns. Das Gewinnerteam reißt den Pokal hoch. Wir öffnen noch ein Bier, tun so, als würden wir uns für sie freuen. Dann torkeln wir in die Innenstadt. Am Rathaus kaufe ich mir einen Döner, öffne ein weiteres Bier. Wenig später kommt alles wieder hoch und klatscht auf den Asphalt. Alles wie früher.

Als ich einige Tage später zurück in Berlin bin, stelle ich im WG-Flur die Deo-Dose auf, messe 3,80 Meter Abstand mit einem Zollstock ab und trete an die Linie. Nächstes Jahr werden wir Weltmeister.

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