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Game of Thrones

'Game of Thrones' feiert seine Fuckbois wie Helden

Die Frauen von Westeros haben Besseres verdient als Typen, die ihren Scheiß nicht auf die Reihe kriegen. (Achtung, Spoiler.)

von Lisa Ludwig
07 Mai 2019, 10:33am

Jaime Lannister in 'Game of Thrones' | Foto: Imago Images/Cinema Publishers Collection/Helen Sloan

Es ist Nacht in Winterfell. Alle, die nicht auf dem Weg nach King’s Landing sind, um Cersei Lannister vom Iron Throne zu stoßen, schlafen. Alle bis auf Jaime Lannister. Er sitzt im Dunkeln, starrt angestrengt ins Nichts, blickt schließlich nachdenklich über seine Schulter. Hinter ihm auf dem Bett liegt Brienne of Tarth. Der Kingslayer und die erste Ritterin von Westeros hatten nach mehreren Staffeln voller sexueller Spannung und echter Freundschaft endlich Sex. Das könnte jetzt das Happy End sein. Aber wie sagte schon Ramsay Bolton: "If you think this has a happy ending, you haven’t been paying attention."

Als Brienne wenig später aufwacht, ist Jaime fort. Sie läuft in den Hof, wo er gerade sein Pferd sattelt. Es ist offensichtlich, wo er hinwill: Nach King’s Landing. Zu Cersei. Vielleicht, weil er sie immer noch liebt, wie Briennes emotionaler Zusammenbruch nahelegt. Wahrscheinlicher ist allerdings, dass er Daenerys Targaryen und Jon Snow unterstützen will, damit der Konflikt nicht komplett eskaliert. Schließlich kennt niemand Cersei besser als ihr eigener Bruder. Es ist denkbar, dass Jaime seine neuen Freunde aus dem Norden beschützen will, indem er Cerseis Schicksal in die eigene Hand nimmt.

Das alles könnte Jaime natürlich mit Brienne besprechen, die er, das wollte uns Game of Thrones bisher zumindest weismachen, zutiefst respektiert. Und die ihm ganz nebenbei schon mehrfach das Leben gerettet hat. Doch Jaime entscheidet sich anders.

Als Brienne ihn im Hof konfrontiert, wendet er den ältesten Fuckboi-Trick aller Zeiten an, um sein Verschwinden zu rechtfertigen und sich trotzdem noch heldenhaft fühlen zu können: Er verhält sich wie ein absolutes Arschloch, damit Brienne ihm nicht folgt. Und das tut er, indem er die schrecklichen Dinge aufzählt, die er aus Liebe für seine Schwester getan hat, während Brienne ihn schluchzend bittet, bei ihr in Winterfell zu bleiben. Jaime bricht der Frau, die er angeblich so liebt, also das Herz, weil er sie beschützen will. Ja, klar.

Wundert euch nicht, wenn euch diese Szene irgendwie bekannt vorkommt. Der heroische Mann, der seine Liebe verletzt, um sie eigentlich zu schützen, ist ein weit verbreitetes Popkultur-Klischee. Walt aus Breaking Bad tut es, um seine Frau Skyler vor der Polizei zu schützen. Edward tut es in Twilight: New Moon, um Bella vor anderen Vampiren, vor allem aber auch vor sich selbst zu schützen. Und selbst Jaime Lannisters Bruder hat es schon getan.

In der zweiten Folge der vierten Staffel von Game of Thrones will Tyrion seine Geliebte Shae wegschicken, um sie vor seiner Familie zu schützen. Als sie sich weigert ihn zu verlassen, beleidigt er sie. Er habe sie nie geliebt, gar nicht lieben können, schließlich sei sie nur eine Hure, sagt Tyrion. Wir als Zuschauende wissen, dass das eine Lüge ist. Shae weiß es nicht und ist dementsprechend am Boden zerstört. Wem damit geholfen sein soll? Unklar.

Auch die Seite tvtropes.org, die popkulturelle Klischees listet, warnt vor dem "Brich ihr das Herz, um sie zu retten"-Trope. Oft gebe es schließlich eine offensichtliche Lösung, die einen derart drastischen Schritt nicht erfordere. Außerdem sei es häufig gerade das Anlügen, dass die geliebte Person erst recht in Gefahr bringe.

Brienne of Tarth ist eine Frau, die daran glaubt, das Richtige zu tun. Die Jaime auch dann versuchen würde das Leben zu retten, wenn sie glaubt, dass er sie für eine andere, sogar für seine Schwester, verlassen hat. Insbesondere weil sie der festen Überzeugung ist, dass er nicht der schlechte Mensch ist, als der er sich ihr gegenüber ausgegeben hat. Hätte er ihr einfach seinen Plan mitgeteilt, wäre sie wahrscheinlich trotzdem in Winterfell geblieben. Schließlich hat sie geschworen, Sansa Stark zu beschützen. Sie hätte aber zumindest selbst entscheiden können, wie sie mit dieser Information umgeht.

Das wirklich große Problem an diesem Storytelling-Klischee ist nämlich gar nicht unbedingt das gebrochene Herz. Es ist die Übergriffigkeit, die es impliziert. Die Macht über die Situation liegt bei der Person, die lügt, um die andere zu "schützen". Entscheiden, was denn nun richtig und was falsch für einen ist, darf man in diesen Situationen nie selbst.


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Der Mann, und meistens sind es in Film und Fernsehen Männer, die diese Taktik anwenden, weiß es nämlich besser. Und weil er ein Mann ist und sein Gegenüber eine Frau und er als Mann natürlich die Frau beschützen muss, beschützt er sie vor ihren potenziell dummen, in jedem Fall aber emotionalen Entscheidungen. Das ist im Fall von Jaime und Brienne besonders deswegen so absurd, weil die Serie wiederholt deutlich gemacht haben, dass sich die beiden auf Augenhöhe befinden.

In welcher Welt muss ein einarmiger Inzest-Adliger eine Badass-Super-Kriegerin und erste Ritterin einer patriarchalen Fantasywelt anlügen, um sie vor der Information zu schützen, dass er wahrscheinlich versuchen wird, seine Schwester auszuschalten – wobei er aller Voraussicht nach scheitern wird? Denn seit mehreren Folgen, wenn nicht sogar Staffeln sind in Game of Thrones die einzigen, die irgendetwas erfolgreich zu Ende bringen können, Frauen. Was die Showrunner trotzdem nicht davon abhält, so zu tun, als wäre Jon Snow der Dumpfbacken-Jesus von Westeros.

Als wäre Jaimes Move nicht schon ärgerlich genug, wendet er eine weitere Taktik an: Der "Ich bin nicht gut genug für dich, liebe dich aber natürlich total doll und weil ich dich so sehr liebe, hast du jemand besseren verdient"-Trick. Auch bekannt aus frustrierenden Gesprächen mit Sexfreunden, die sich auch nach jahrelanger Affäre noch nicht so richtig auf einen festlegen wollen, aber trotzdem nach einem Weg suchen, wie sie aus dieser Nummer als "der Gute" rauskommen. Sie sind kein Arschloch, sie wollen nur das Beste für einen. Und selbst wenn du jetzt weinst, du emotionale, irrationale Frau, denkt sich der heroische Typ, irgendwann wirst du verstehen, dass ich Recht hatte. Denn wahre Liebe ist, wenn andere für einen die Entscheidungen treffen.

Das hat Brienne of Tarth nicht verdient, vor allem aber hat die Beziehung zwischen ihr und Jaime Lannister das nicht verdient. Die gehörte schließlich zum Spannendsten und Rührendsten, was in Game of Thrones jemals zwischenmenschlich passiert ist. Ganz ohne grundlose Titten- und 08/15-Liebesszenen aus der dramaturgischen Klischeeklitsche. Jaime Lannister wird den Krieg um den Iron Throne wahrscheinlich nicht überleben, das hat sein melodramatischer Abschied recht deutlich gemacht. Da er gerade eine der vielschichtigsten Frauen der Serie zum hilflos schluchzenden Love Interest degradiert hat, hat er es wahrscheinlich auch nicht anders verdient.

Eins ist nach der vierten Folge der letzten Staffel einmal mehr deutlich geworden: Game of Thrones hätte insgesamt davon profitiert, wenn es mehr Autorinnen hätte. Wären Frauen am Script beteiligt gewesen, hätte Brienne Jaime nicht angebettelt, sie bitte, bitte nicht zu verlassen. Sie hätte ihm mit seiner eigenen goldenen Hand eine Schelle verpasst. Und fassungslos gefragt: "Willst du mich eigentlich verarschen?"

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