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Politik

Amazonas: Wir allein sind schuld daran, dass der Regenwald brennt

Eigentlich sind Regenwälder viel zu nass für Feuer – es sei denn, Menschen haben sie gelegt. Dann beginnt ein Teufelskreis.

von Madeleine Gregory
23 August 2019, 10:37am

Links: Die Rauchwolken über Brasilien | Foto: NASA; rechts: Präsident Bolsonaro | Foto: Palácio do Planalto | Flickr | CC BY 2.0

Der Regenwald im Amazonasbecken brennt seit Wochen. Die Rauchwolken sind bis ins Tausende Kilometer weit entfernte São Paulo gezogen, haben die Metropole in Dunkelheit getaucht und sind sogar vom Weltall aus zu sehen.

Tropische Regenwälder gehören zu den feuchtesten Ökosystemen der Erde. Wie kann es sein, dass der weltweit größte Regenwald dennoch abfackelt wie trockenes Kaminholz? Laut Experten liegt die Antwort nicht in den dort herrschenden Temperaturen oder Windbedingungen. Nein. Wir sind Schuld. Die Menschen.

"Menschen treiben diese Brände voran – entweder wortwörtlich oder in einem globalen Umfang, indem sie das Ökosystem verändern", sagt Ruth DeFries, Professorin für Ökologie an der Columbia University.


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Anders als zum Beispiel im Westen der USA ist Feuer kein Bestandteil des Ökosystems im Amazonasbecken. DeFries zufolge herrschen dort – wie in allen tropischen Regenwäldern – normalerweise zu feuchte Bedingungen: Hier überlebt kein Brand lange. Durch Abholzung und bewusste Brandlegung haben Menschen das Ökosystem jedoch so stark verändert, dass die Region immer feueranfälliger wird. Ein Teufelskreis.

Ein Problem ist die Landwirtschaft. Viele Farmer und Grundbesitzer nutzten Feuer, um ihr Land zu roden. "Brände gehören bei der Waldrodung zu den beliebtesten Werkzeugen", sagt DeFries, "weil sie eine billige, einfache und schnelle Möglichkeit bieten, eine große Fläche ohne viel Rückstände dem Erdboden gleichzumachen." Bei Trockenheit gerät das allerdings schnell außer Kontrolle. Besonders während der Brandsaison von August bis Oktober, wenn im Amazonasbecken die trockensten Bedingungen herrschen.

"So ziemlich alles geht von Menschen aus."

"Im Amazonas-Regenwald entzünden sich nur wenige Brände einfach so, das darf man nie vergessen", sagt Mikaela Weisse, die für das "Global Forest Watch"-Projekt vom World Resources Institute Abholzung und Brände dokumentiert. "So ziemlich alles geht von Menschen aus."

Das Projektteam hat auch Brände in indigenen Gebieten des Amazonasbeckens registriert. Laut Weisse wird jetzt auch in den Karipuna- und Ituna-Itata-Reservaten im Norden Brasiliens immer mehr Wald gerodet. Dort ist auch ein Volksstamm beheimatet, der ohne Kontakt zur Außenwelt lebt.

Letzte Woche sind indigene Frauen auf die Straße gegangen, um gegen den rechtspopulistischen brasilianischen Präsidenten Jair Bolsonaro und seine Befürwortung von Abholzung zu demonstrieren. Die Non-Profit-Organisation Amazon Watch setzt sich für die Rechte indigener Völker im Amazonasbecken ein. In einer ihrer Pressemitteilungen heißt es, dass sich Farmer und Viehzüchter unter Bolsonaro bestärkt darin fühlten, Brände im Regenwald zu legen, um ihr Land zu erweitern.

Laut der brasilianischen Zeitung Brasil de Fato haben Viehzüchter und Farmer im brasilianischen Bundesstaat Pará vor Kurzem einen "Tag des Feuers" abgehalten und dabei eine große Anzahl an Bäumen abgefackelt, um ihre Unterstützung für die Regierung zu zeigen. Einer Lokalzeitung zufolge fand das Ganze am 10. August statt.

Teufelskreis: Je mehr Bäume verlorengehen, desto trockener wird der Regenwald und desto mehr Feuer wird es geben

Waldbrände und Abholzung begünstigen sich gegenseitig und tragen zum weltweiten Klimawandel bei. "Genau deswegen betrifft dieser Teufelskreis uns alle", sagt DeFries.

Bäume speichern viel Wasser. Darum herrschen im Ökosystem des Amazonasbeckens auch so feuchte Bedingungen. Doch je mehr Bäume verlorengehen, desto trockener wird der Regenwald und desto mehr Feuer wird es geben. Durch diesen Teufelskreis wird dazu noch das von den Bäumen gebundene CO2 freigesetzt.

"Der Amazonas-Regenwald ist ein wichtiger CO2-Speicher. Wenn die Bäume verbrannt werden und das CO2 in die Atmosphäre gelangt, treibt das die Erderwärmung voran", so DeFries. Einige Wissenschaftler befürchten, dass das Amazonasbecken bald seinen Umkehrpunkt überschritten hat und für immer zu einem viel trockeneren und offeneren Ökosystem wird.

Seitdem Bolsonaro an der Macht ist, nimmt die Waldrodung wieder zu

Anfang der 2000er hat Brasilien den Teufelskreis schon einmal durchbrochen. Nachdem viel Regenwald abgeholzt worden war, waren die Brände besonders übel. Ab 2005 nahm die Abholzung dank Erhaltungsmaßnahmen aber wieder rapide ab.

Seitdem Bolsonaro an der Macht ist, nimmt die Waldrodung jedoch wieder zu. Viele Leute machen das an der Unterstützung des Präsidenten für die Landwirtschaft und an den fehlenden Maßnahmen gegen illegale Abholzung fest. Vor Kurzem hat Bolsonaro zudem Ricardo Galvão, den Leiter der Behörde zur Überwachung der Waldzerstörung, gefeuert. Der hatte zuvor vor der rapiden Abholzung für Profit gewarnt.

Am 21. August warf Bolsonaro dann verschiedenen NGOs vor, die Brände gelegt zu haben, um seine Regierung schlecht dastehen zu lassen. Beweise für diese Behauptungen gibt es nicht.

"Er kann NGOs die Schuld in die Schuhe schieben, so viel er will. Das ändert nichts daran, dass die Rauchwolken der Brände bis nach São Paulo ziehen", sagt DeFries.

Mehrere Organisationen versuchen derweilen, die Feuer im Amazonasbecken zu tracken, aber ohne eine Eindämmung der Abholzung könnten die Brände das brasilianische Ökosystem unwiderruflich beschädigen. Und wenn der Amazonas-Regenwald mit seiner biologischen Vielfalt, seiner Sauerstoffproduktion und seiner CO2-Speicherkraft irgendwann nicht mehr da ist, sind daran allein wir Menschen schuld.

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