Politik

Fotos: Wenn sich chinesische Hausbesitzer weigern, ihre vier Wände zum Abriss freizugeben

Mit sogenannten "Nägelhäusern" bieten Chinesen seit den 90er Jahren übermächtigen Baulöwen und korrupten Behörden die Stirn. Diese Taktik ist aber auch sehr gefährlich.

von Talia Slonim
11 September 2019, 3:30am

Ein Nagelhaus in der chinesischen Provinz Zhejiang | Foto: Reuters/Aly Song

Im Volksmund werden sie Dingzihu genannt, übersetzt so viel wie "Nagelhäuser". Und sie sind ein Zeichen des Widerstands. In China sollen immer wieder Gebäude und Wohnhäuser abgerissen werden, um Platz für Schnellstraßen, Einkaufszentren oder andere private Bauvorhaben zu machen. Viele der Hausbesitzer machen da allerdings nicht mehr mit: Sie weigern sich, ihre Häuser zu verkaufen oder gar erst zu räumen.

Deswegen vergleicht man diese Häuser mit herausstehenden Nägeln, die sich nicht ins Holz schlagen lassen. Die Bauunternehmen müssen um sie herum arbeiten. Letztendlich sind die sturen Bewohner von riesigen Parkplätzen oder Straßen umgeben, aber sie haben immerhin weiter ein Dach über dem Kopf.

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April 2007: Ein sechsstöckiges Wohnhaus auf einer Baustelle im Hauptgeschäftsviertel von Shenzhen. Der Besitzer Choi Chu Cheung und seine Frau Zhang Lian weigerten sich, die Entschädigungszahlung des Bauunternehmens anzunehmen | Foto: Reuters/Paul Yeung

"Die Häuser stoßen in China auf großes Interesse, weil sie eine Art 'David gegen Goliath'-Kampf darstellen", sagt Steve Hesse, ein Assistenzprofessor im Fach Politikwissenschaften an der Transylvania University im US-Bundesstaat Kentucky. Hesse beschäftigt sich schon viele Jahre mit dem Phänomen der Nagelhäuser. 2010 veröffentlichte er auch eine wissenschaftliche Arbeit mit dem Titel Nail-Houses, Land Rights, and Frames of Injustice on China's Protest Landscape.

"Das Phänomen entstand Mitte der 90er Jahre", schreibt Hesse in einer E-Mail. "1994 sorgte eine Reform dafür, dass ein Großteil der Steuererträge nicht mehr an die örtlichen Regierungen, sondern an die Zentralregierung überging."

Eine Konsequenz dieser Entwicklung: Die lokalen Regierungen gerieten schnell in Geldnot. Also fingen die einzelnen Behörden an, Land aus ihrem Zuständigkeitsbereich an Bauunternehmen zu verkaufen. Und da sie nicht verpflichtet waren, den Leuten, die auf diesem Land wohnten, angemessene Entschädigungen zu zahlen, machten sie durch den Verkauf viel Profit. Mit der Zeit entwickelte sich diese Gesetzeslücke zur offiziellen Masche – einer Masche, der sich die Leute heutzutage bewusst sind.

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März 2016: Tao Weiren sitzt vor seinem Haus im Shanghaier Viertel Guangfuli. Durch die Lage mitten in einem der teuersten und am schnellsten wachsenden Immobilienmärkte der Welt ist dieses Viertel zumindest auf dem Papier der feuchte Traum eines jeden Investors. Die Realität ist allerdings eher die Horrorvorstellung der Investoren – dank Hunderten Menschen, die nicht aus ihren kleinen Häusern ausziehen wollen | Foto: Reuters/Aly Song

Alle Menschen, die sich weigern, ihre vier Wände aufzugeben, werden zu chinesischen Staatsfeinden. Gleichzeitig gelten sie in den Augen der Öffentlichkeit immer mehr als Heldinnen und Helden.

"Die Nagelhaus-Proteste kommen bei der chinesischen Bevölkerung richtig gut an, weil die lokalen Behörden allgemein als korrupt gelten und mit den Bauunternehmen unter einer Decke stecken sollen", sagt Hesse. "Die Proteste symbolisieren inzwischen das immer stärker werdende Bewusstsein der Chinesen für das, was richtig ist. Mehr und mehr Bürger und Bürgerinnen lehnen sich gegen die Lokalpolitiker auf, die ihr Amt missbrauchen."

Natürlich ist dieser Protest gegen die chinesischen Behörden sehr gefährlich: Viele Menschen, die nicht gehen wollten, sind schon im Gefängnis gelandet. Deswegen nutzen die Betroffenen Hesse zufolge häufig ausländische Nachrichtensender oder die sozialen Medien, um sich mit der Publicity zu schützen. Diese Taktik ist relativ neu. Während der 90er und frühen 00er Jahre dekorierten die Protestierenden ihre Häuser noch mit Schildern und Plakaten. Manchmal ketteten sie sich sogar an ihren Grundstücken fest, um die Abrissunternehmen aufzuhalten.

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Februar 2010: Ein teilweise abgerissenes Haus auf einer Baustelle in der Stadt Hefei. Der Besitzer des Nagelhauses verlangte mehr Entschädigung, einige Tage später kam es zur Einigung und das Gebäude wurde komplett abgerissen | Foto: Reuters/Stringer

"Es gab auch schon Extremfälle, bei denen die Hausbewohner die Bauarbeiter angegriffen und mit Molotowcocktails beworfen haben", sagt Hesse. Damit bezieht er sich auf einen Zwischenfall aus dem Jahr 2008, bei dem eine Frau im Shanghaier Viertel Minhang mit den Benzinbomben um sich schmiss. Natürlich wurde sie verhaftet, aber im Internet feierte man sie als Heldin.

Warum gehen die Chinesen überhaupt so ein Risiko ein, wenn ja "nur" ein Haus auf dem Spiel steht, das zu einer Verkehrsinsel verkommen würde? Das hat finanzielle und emotionale Gründe. Wie bereits erwähnt, zahlen die Behörden den Hausbesitzern normalerweise nur eine unzureichende Entschädigung, mit der man sich kein gleich großes Ersatzhaus in der Gegend kaufen kann. Und inzwischen ist den Leuten klar, dass sie durch ihre Proteste eine größere Entschädigungssumme erreichen können.

Hesse stellt jedoch auch klar, dass die Nagelhäuser keine richtige Bewegung darstellen. Die chinesische Bevölkerung bekomme durch die sozialen Medien jetzt nur viel mehr von den erfolgreichen Protesten mit. Zudem wurde 2007 ein Gesetz erlassen, das die Eigentumsrechte der Bürger stärke und daher viele Menschen zum "rechtmäßigen Widerstand" motiviere. Durch diese Entwicklungen werden Nagelhäuser immer geläufiger.

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Oktober 2008: Ein Nagelhaus am Stadtrand von Nanjing. Auch hier pochten die Besitzer auf eine größere Entschädigungssumme, bevor sie dem Abriss zustimmten | Foto: Reuters/Sean Yong

"Das ganze Phänomen ist auch heute noch sehr relevant", sagt Hesse. "Die Wohnkosten sind vor allem in den urbanen Zentren nach oben geschnellt, wo die Leute den lokalen Behörden besonders zynisch gegenüberstehen – gerade jetzt, inmitten von Staatspräsident Xi Jinpings Anti-Korruptionskampagne."

In diesen Gegenden weigern sich laut Hesse immer mehr Menschen, ihre Häuser und Wohnungen für zu wenig Geld an die Bauunternehmen abzutreten.

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Ein Arbeiter sammelt vor einem Nagelhaus Ziegelsteine ein. Auf dem Grundstück in Hefei soll ein neuer Wohnkomplex entstehen | Foto: Reuters/Jianan Yu
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Januar 2008: Ein Nagelhaus auf einem Grundstück in Hefei, wo ein neuer Apartmentkomplex gebaut werden soll. Auf dem Spruchband steht, dass die Regierung das Bauunternehmen bestrafen und dem Besitzer sein Haus zurückgeben solle | Foto: Reuters/Jianan Yu
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Januar 2008: Einsam steht ein Nagelhaus auf einer Baustelle in Guangzhou. Kurze Zeit später wurde es dem Erdboden gleichgemacht | Foto: Reuters/Joe Tan
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Ein älteres Ehepaar weigerte sich lange, die eigenen vier Wände zum Abriss freizugeben. So endete das Haus mitten auf einer Straße durch ihr Heimatdorf in der Provinz Zhejiang. 2012 wurde es schließlich doch abgerissen | Fotos: Reuters/Aly Song