New Level Real Talk: Ein Tag mit Soufian, LGoony und Crack Ignaz

"Hört sich ziemlich schmodder an…" – Wir haben Soufian, LGoony & Crack Ignaz bei ihrem Videodreh zum Red Bull Soundclash begleitet und sie alte Videos ihrer Gegner Samy Deluxe, Afrob und Eko Fresh bewerten lassen.

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15 September 2017, 2:52pm

Alle Fotos: Jen Krause

Was wäre Rap ohne Competition? Der Red Bull Soundclash zelebriert diese Tradition leidenschaftlich gern auf der großen Bühne: K.I.Z vs. Kraftklub, Sido vs. Haftbefehl, – wir kennen das Prinzip: Zwei erfolgreiche Premium-Deutschrap-Welten werden im Kampf um die Krone aufeinander losgelassen. Der nächste Soundclash ist bereits angekündigt und es wird ein Battle, das ihr so noch nicht gesehen habt: Am 13. Dezember 2017 treten in der Sporthalle Hamburg Samy Deluxe, Afrob und Eko Fresh als Team "Reality Check" gegen das Team "New Level" an, bestehend aus LGoony, Crack Ignaz und Soufian. 2000 vs. 2017, Oldschool gegen Newschool – und wie die Newschool klingt, das illustrieren die Jungs von New Level direkt auf einer eigenen EP. Zum Videodreh der ersten Single habe ich Soufian, LGoony und Crack Ignaz einen Tag lang durch Kreuzberg begleitet.

Wir sind verabredet vor der Kulisse, die sich den meisten wohl durch die eindrucksvolle Eröffnungsszene der Serie 4 Blocks eingeprägt hat: die berüchtigte High-Deck-Siedlung in Neukölln. LGoony, Crack Ignaz und Soufian wirken noch verschlafen, auch den restlichen Tag über werden die Jungs vor allem unaufgeregt und zurückhaltend bleiben. Bei der Blockvisite wird das Filmteam jedoch aufgefordert, das Gelände zu verlassen und wir machen uns auf die Suche nach einer neuen Location. Wo gibt's noch beeindruckende Plattenbauten? Kotti oder Marzahn. Also steigen wir ins Taxi und fahren über die Neuköllner Sonnenallee Richtung Kreuzberg.

Ich sitze zwischen LGoony und Crack Ignaz und kann mir nicht verkneifen, die Frage zu stellen, die mich schon den ganzen Morgen beschäftigte: "Wie soll diese EP denn klingen?" Also, klar: Die beiden sind ein eingespieltes Team, machen schon eine Zeit lang Musik zusammen und stehen gemeinsam auf der Bühne, aber mein musikalisches Vorstellungsvermögen reicht nicht aus, um sich Haftbefehls Schützling Soufian dazuzuträumen. "Das passt erstaunlich gut", erklärt LGoony. "Uns alle verbindet Energie, Tempo und wie aggressiv wir auf die Beats gehen." LGoony redet nicht gern über Musik, er lässt sie lieber für sich sprechen. Umso besser, dass mir, in Kreuzberg 61 angekommen, endlich ein Handy mit einer ungemasterten Song-Version in die Hand gedrückt wird. Beim Hören muss ich mir ein Grinsen verkneifen: Die Mischung der musikalischen Charaktere funktioniert nämlich beeindruckend gut. LGoonys drückende Melancholie und Ignaz' psychedelischer Kiffer-Swag verbinden sich mit Soufians Azzlack-Trap zu einem überraschend stimmigen Vibe, der irgendwo zwischen Aggression und Frustration liegt.

Während ich mit Kopfhörern in den Ohren zum Song nicke, beobachten Crack Ignaz und LGoony mit kindlicher Freude, wie Soufians Gang mit einem schwarzen Ferrari durch die Seitenstraße brettert, darüber eine Drohne, die Video-Schnittbilder macht. In den umliegenden Wohnhäusern schauen kleine, neugierige Gesichter aus den Fenstern und beobachten das außergewöhnliche Geschehen vor der Haustür. Doch der Dreh muss leider noch ein bisschen weiter nach hinten verschoben werden: Soufian braucht ein anderes Outfit. Seine Jungs fahren also für ihn einkaufen und ich nutze den Moment der Ruhe, um mich mit dem New-Level-Trio hinzusetzen.

Das Sausen des Ferraris im Ohr, versammeln wir uns vor meinem Laptop und schauen uns alte Musikvideos des gegnerischen Teams an: 1997, die Beginner mit "Füchse" und Samys erstem offiziellen Auftritt. Wo letztes Jahr noch ein Riesenwirbel um die Bedeutung des Beginner-Comebacks gemacht wurde, erweckt der Song bei keinem in der Runde auch nur ansatzweise nostalgische Romantik. Samy steht mit zu großen Klamotten in einem Gebüsch und erzählt von Flows, "pur Natur wie Sensi".

"Was kannst du mit dem Beginner-Samy-Song hier anfangen?", frage ich Soufian. Er schreckt wie ein ertappter Schuljunge von seinem Handy auf: "Beginner?", fragt er irritiert. "Gzuz – was?" Crack Ignaz nuschelt aus dem Hintergrund: "Das war schon geil damals." "Nö, dazu habe ich keinen Bezug", antwortet Soufian nun. "Ich bin halt mit was ganz anderem aufgewachsen: Bushido, Celo, Abdi und natürlich Haftbefehl." "'Füchse' kam 1997, wann wurdest du geboren?", frage ich ihn. "1996 …", lacht er. Crack Ignaz beugt sich etwas aufmerksamer vor zum Laptop, begutachtet Samys Outfit und gluckst: "Ich finde Samy sieht aus wie LGoony!" Allgemeines Gelächter – denn es stimmt irgendwie.

Nächstes Video: Eko Fresh mit "L.O.V.E". Eko klatscht in die Hände, während er und Valezka sich auf einer Yacht sitzend verträumt in die Augen schauen.

"Kenn ich nicht", kommt von Soufian, während Eko Fresh Valezka erklärt, dass sie das Beste sei, was ihm je passiert ist. "Hört sich ziemlich schmodder an, aber ich glaube für diese Zeit war das gut oder so." "Aber da war er schon nicht mehr cool", wirft LGoony ein. "Die Royalbunker-EP war ganz geil. Das hier ist viel zu sehr auf Pop getrimmt." In diesem Moment klingelt das Handy, auf das Soufian schon die ganze Zeit hektisch schielt: "Sorry, der ruft an wegen Klamotten." Wir schauen alle auf Soufians zersplitterten Handy-Bildschirm, während sein Kumpel via FaceTime einen Rundgang durch den Adidas-Store beginnt. "Siehst du da nicht irgendwo normale Pullis?", ruft Soufian ins Telefon. "Deine Facetime-Kamera ist nicht HD, Alter. Mach mal von allem, was gut ist, Bilder, Bruder." Er legt auf und Crack Ignaz singt: "L.O.V.E." Voll der Ohrwurm, finden wir, auch wenn "schmodder".

Wir kommen zu einem weiteren Klassiker. "Reimemonster" von Afrob (feat. Ferris MC), welcher nun im weißen Nike-Sweater über meinen Bildschirm springt und uns "Damen und Herren" einen "schönen guten Abend" wünscht. Jahr 1999 übrigens – Soufian war da drei.

"Boah, das kann ich einfach nicht mehr hören", stöhnt Crack Ignaz. "Das läuft immer auf so Golden Age Partys. Voll überhört …" "Afrob wurde damals voll für seine Live-Präsenz gefeiert", erzähle ich. "Schüchtert es euch gar nicht ein, dass eure Konkurrenz schon mehr als zehn Jahre länger auf der Bühne steht als ihr?" "Auf gar keinen Fall", widerspricht Soufian. "Das ist 'ne andere Art von Rap", erwidert LGoony sachlich. "Bei denen ist es mehr so 'Hände hoch', bei uns geht's mehr darum, die Musik zu fühlen. Natürlich haben die Entertainer-Fähigkeiten, die Leute hören auf die, wenn die sagen, sie sollen alle die Arme heben – aber das kann man gar nicht mit uns vergleichen." Wir witzeln noch darüber, wie es wäre, wenn Team New Level, die Bühne mit den Worten "Wer ist alles wegen HipHop hier?" betreten würde. Team "Reality Check" dürfte dann natürlich auch dabben. Aber Soufians Outfit ist endlich da und der Dreh kann losgehen.

Wir laufen ein paar Straßen weiter zum Böcklerpark. Ein widersprüchlicher Ort: massive Plattenbauten, die unangenehm und bedrückend wirken würden, wären sie nicht rosa, orange und gelb gestrichen und wäre da nicht diese hübsche Grünanlage. Im Rücken des Parks liegen der Landwehrkanal und das Urban-Krankenhaus. Kurz vorm Videodreh wird sich nochmal zurückgezogen: Crack Ignaz konzentriert sich mit Kopfhörern auf den Track, während LGoony auf sein Handy starrt und den Text übt. "Kannst du schon deine erste Line?", frage ich ihn. "Äh, ja", lächelt er. "New Level, New Level!" "Bist du vorm Dreh nicht auch ein bisschen aufgeregt, dass du am Ende nicht so rüberkommst, wie du es möchtest?" "Ach", antwortet er, "das kommt alles durch Übung. Irgendwann weißt du, wie du dich bewegen musst, um so zu wirken, wie du cool damit bist." Soufian steht währenddessen abseits von uns und fährt sich beim Blick ins Autofenster-Spiegelbild durch die Haare. Er nestelt nochmal an seinem Pulli, setzt die Sonnenbrille auf und ist ready. Es wird also endlich geshootet: Die bunte Plattenbau-Kulisse steht, alle Künstler tragen Klamotten und können ihre Texte.

Das erste Motiv ist fix abgedreht und beim Wechsel zum Hinterhof des Plattenblocks schrecken wir wieder Anwohner auf: Die Kids aus dem Böcklerpark stehen Schlange bei Soufian, um ein Selfie zu ergattern oder zumindest aufs Gruppenfoto zu kommen. Crack Ignaz und LGoony beobachten die Szenerie mit verschmitztem Lächeln. "Ist das nicht cool für dich?", frage ich Soufian. "Dein erstes Aufeinandertreffen mit Haftbefehl war doch relativ ähnlich wie das hier heute mit den Kindern." Er schüttelt grinsend den Kopf: "Ach, die verstehen das doch gar nicht, was hier alles passiert. Bei mir war das anders. Aber ja, klar ist es schön, wenn die sich freuen." Die Kids schauen nun stolz auf ihre Handy-Bildschirme und versammeln sich aufgeregt tuschelnd und mit weit geöffneten Augen um den Ferrari. Team New Level posiert vorm Auto, zwischendrin stecken die Kids Soufian Chips zu. Der Take ist im Kasten. Mittlerweile ist es 16 Uhr und Zeit für eine Schnitzel-Pause.

Wir fahren in die Red Bull Studios Berlin. Vier der fünf Songs, die auf die gemeinsame EP kommen, sind zwar bereits fertig, aber bei einem Track mit dem Arbeitstitel "Survival of the fittest" fehlt noch Soufians Part. Er verbarrikadiert sich also mit seiner Crew im Studio und jedes Mal, wenn sich kurz dessen Tür öffnet, dröhnt der geloopte Beat mitsamt "Öy"-Adlib von LGoony zu uns rüber. Crack Ignaz zieht sich zurück, während LGoony zur aktuellen Juice greift und blättert – gähnend. Ich zeige ihm ein Foto, dass wir genau in der Sekunde von ihm gemacht haben. Er grinst: "Tja, Deutschrap halt."

Als Soufians Part steht, kommt er mit funkelnden Augen aus dem Studio. Staffelübergabe: LGoony und Crack Ignaz entern den Produktionsraum. LGoonys schmaler Körper versinkt im Studiosessel vor dem Meer aus Reglern und Knöpfen auf dem Mischpult. Die Kappe ins Gesicht gezogen, nickt er zufrieden mit, als sie den Feinschliff zum aktuellen Video-Song vornehmen.

Crack Ignaz diskutiert mit dem Produzenten über seinen Part, es wird überlegt, ob sie ihn vom Tempo nicht noch doch noch ein wenig nach rechts oder links verschieben sollten. Detailarbeit: "Egal, ich verlier mich da jetzt drin", nickt Crack Ignaz schlussendlich das Ergebnis ab. "Ich find's echt gut so", befindet LGoony. Man merkt den Jungs an, dass sie diesen Moment im Studio bisher am meisten genießen. LGoonys braune Augen strahlen und es wirkt ein bisschen so, als säße er in seinem Wohnzimmer. Mit einem zufriedenen "Geil!" springt er auf. "New Level" ist fertig produziert. Und Soufian hat noch eine Botschaft an das gegnerische Team: "Zieht euch warm an!"

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Salwa bei Instagram: @salwa.benz

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