Wir haben eine AfD-Aussteigerin gefragt, wie wir die AfD bekämpfen können

"Wenn die Leute mir sagen, ihr Problem seien die Flüchtlinge, frage ich immer: Was hattest du denn für Probleme vor 2015?"

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25 September 2018, 10:21am

Wäre am Sonntag Bundestagswahl gewesen, die AfD wäre zweitstärkste Kraft geworden. Noch vor der SPD. Das ergeben zumindest die Zahlen des ARD-Deutschlandtrends vom Freitag. 18 Prozent hätte die rechtspopulistische Partei danach bekommen. 18 Prozent!

Das Ergebnis macht ratlos. Vor allem nach Chemnitz. Wie konnte das passieren? Was können wir tun?

Jenny Günther, 33, war ein Jahr lang stellvertretende Vorsitzende der Jungen Alternative Brandenburg und AfD-Mitglied. Dann ist sie ausgetreten. Günther kann erklären, warum Menschen sich der AfD anschließen, schließlich hat sie es selbst einmal getan. Wir haben sie gefragt, woher die AfD ihren Zulauf bekommt – und was passieren müsste, um den Rechtsruck zu stoppen.

VICE: Jenny, was ist die größte Schwäche der AfD?
Jenny Günther: Sie hat inhaltlich keine Kompetenz. Immer, wenn über die AfD gesprochen wird, wird über Flüchtlinge gesprochen. Aber wenn man mal nach anderen Themen fragt, dann wird es plötzlich super schwammig.

Trotzdem warst du ein Jahr lang stellvertretende Landesvorsitzende der Jungen Alternative in Brandenburg.
Das stimmt. Wobei mein Eintritt in die Partei eigentlich weniger mit der AfD zu tun hatte, als mit meiner Enttäuschung über die CDU. Ich war sechs Jahre lang in der CDU und der Jungen Union aktiv und die letzten ein, zwei Jahre vor meinem Übertritt waren einfach nur schlimm. Ich habe damals Plakate geklebt, Flyer verteilt, Veranstaltungen ausgerichtet. Aber bedankt hat sich nie jemand. Im Gegenteil: Nach den Landtagswahlen musste ich die Kandidaten anrufen und ihnen gratulieren. Mein Beitrag als Mitglied galt nichts.

Ich war also schwer angepisst von der CDU – und dann kam noch die Flüchtlingskrise dazu. In der hat auch einfach keine Kommunikation mit uns, der Basis, stattgefunden. Da bin ich in einer Kurzschlussreaktion aus der CDU aus- und in die AfD eingetreten.

Was hast du dir von der AfD erhofft?
Bei der AfD, so haben sie mir das verkauft, könne jedes Mitglied sich wirklich einbringen. Jede Meinung zähle etwas. Die einfachen Mitglieder könnten sogar das Programm mitschreiben. Als ich dann aber AfD-Mitglied war, habe ich gemerkt: Die Stimmung ist sehr aggressiv. Wer eine abweichende Meinung vertreten hat, wurde sofort angegangen. Und zwar nicht auf der argumentativen Ebene, sondern immer persönlich.

Warum schreckt der Hass nicht mehr Menschen ab?
Schwer zu sagen. Ich selber bin jetzt kein Mensch, der groß Hass empfindet. Der Hass auf alles Fremde, der war für mich immer unbegreiflich.

Ich glaube aber, gerade diese Explosionen des Hasses, wie wir sie in Chemnitz gesehen haben, sind auch eine Chance, um zu sehen, was dahinter steht. Ich habe mir einige Videos aus Chemnitz angesehen. Und neben den Jagdszenen – denn das waren definitiv Jagdszenen – gab es auch einige Videos, in denen klar geworden ist, was viele von den Menschen antreibt, und dass das nicht die Flüchtlinge sind.


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Sondern?
Ich habe zum Beispiel ein Video gesehen von einer Frau, die auch in Chemnitz demonstriert hat. Die hat gesagt, sie sei hier auf die Straße gegangen, weil am vorherigen Tag ihrer Kita das Geld gestrichen wurde. Und weil für Integration Geld da sei, aber nicht für sie und ihre Kita.

Und was man auch gesehen hat, war, dass der Hass gegen die Medien wahnsinnig groß war. Weil die Leute den Eindruck haben, dass das, was sie beschäftigt, findet in den Medien keinen Platz: warum das Geld so ungerecht verteilt ist, warum es keine Vermögenssteuer gibt. Die Leute haben das Gefühl, über all das gibt es vielleicht mal drei Minuten in der Tagesschau und danach wird darüber nicht mehr gesprochen.

"Viele wissen, dass die AfD ihr Leben nicht verbessern wird"

Warum hat die AfD aktuell so einen Zulauf?
Ich würde sagen, das hat weniger mit der AfD zu tun als mit den etablierten Parteien. Gerade der Fall Maaßen ist wieder so ein Beispiel dafür, wie man den Leuten den Spaß an der Politik nimmt. Der Typ baut Scheiße, dann wird er befördert, dann doch wieder nicht. Da ist es doch kein Wunder, wenn die Leute sich verarscht vorkommen. Ich glaube: Die Menschen sind nicht enttäuscht von der Politik, sondern von den Politikern.

Was müssten die Regierungsparteien tun, um AfD-Mitglieder und AfD-Wähler wieder zurückzugewinnen?
Die Politik müsste einfach mal liefern. Die Wähler der AfD sind enttäuscht. Enttäuscht, weil die soziale Situation schlecht ist, weil sie das Gefühl haben, nicht mitreden zu können und dass die Politik sich nicht für sie interessiert. Es gibt so viele Bereiche, in denen etwas gemacht werden müsste: Rente, Wohnen, Arbeitsmarkt. Viele von denen, die die AfD wählen, wissen eigentlich, dass die AfD neoliberal ist, dass sie ihr Leben nicht verbessern wird. Aber es ist ihnen egal, solange sie nur den großen Parteien eine reinwürgen können.

Glaubst du, das ist so einfach? Eine funktionierende Mietpreisbremse, ein bisschen mehr Sozialwohnungen und schon ist der Rechtsruck gestoppt?
Nicht "ein bisschen". "Ein bisschen" ist das, was wir jetzt haben. "Ein bisschen" kam auch beim Wohngipfel raus. Aber das ist zu wenig. Ich bin jetzt 33 Jahre alt und ich kenne Leute, die sind halb so alt wie ich, die machen sich Sorgen um ihre Rente. Das ist doch ein Problem, wenn man sich permanent Sorgen um die Zukunft machen muss. In Österreich, da bekommen die Menschen eine Mindestrente von 1.200 Euro. Veränderungen in dieser Größenordnung, die könnten etwas bewirken.

Statistisch gesehen sind aber doch zumindest die Mitglieder der AfD eigentlich eher Gutverdiener.
Ich kenne die Untersuchung. Aber es gibt auch andere Studien, zum Beispiel über Westdeutschland, die zeigen, dass die Leute in erster Linie Angst haben. Angst vor der Zukunft. Was passiert mit der Digitalisierung? Was passiert mit meinem Job?

Das ist eine nachvollziehbare Angst und es wäre die Aufgabe von SPD und CDU, den Leuten diese Angst zu nehmen. Ich glaube, es hängt viel daran, dass die Menschen einfach das Vertrauen verloren haben, dass sich die Politik um sie kümmert, wenn sie einmal Pech haben. Wenn sie ihren Job verlieren, wenn sie krank werden.

Gibt es einen Unterschied zwischen den AfD-Wählern und ihren Mitgliedern?
Ja. Die AfD-Mitglieder, die verdienen gut, aber viele Wähler, die haben einfach Angst. Die Mitglieder in meiner Sektion, davon waren viele selbstständig, Unternehmer, Rentner und Handwerker. Das waren hauptsächlich Ideologen. Sie hatten ganz unterschiedliche Gründe, bei der AfD mitzumachen: Es gab Leute, die hatten generell ein Problem mit dem Islam; es gab Rassisten und NPDler, enttäuschte Liberale und Verschwörungstheoretiker.

Die Wähler dagegen, das sind vor allem die Enttäuschten, die den regierenden Parteien eins reinwürgen wollen aus Frust.

"Einzelne kann man immer erreichen"

"Mit Rechten reden": Ist das sinnvoll?
Darüber habe ich schon viel nachgedacht. Es gibt Leute, die sagen, mit AfDlern muss man nicht reden, die seien dumm und Nazis. Das finde ich falsch, so erreicht man die Leute nicht. Und Einzelne kann man immer erreichen. Wenn das nicht so wäre, gäbe es ja keine Aussteiger. Natürlich gibt es reine Ideologen, die man nicht überzeugen können wird. Aber man weiß das vorher nicht und es lohnt sich immer, es zu versuchen.

Worüber würdest du reden?
Ich würde Fragen stellen: Warum wählst du die AfD? Wovor hast du Angst? Oder zum Beispiel die Frau aus dem Chemnitz-Video, deren Kita das Geld gestrichen wurde: Mit der würde ich dann darüber sprechen, warum das passiert ist und wie man das ändern kann. Man muss sich halt für die Leute interessieren, normal mit ihnen sprechen, das sind ja genauso Menschen, Väter, Mütter, Pfleger.

Würdest du auch über die Frage diskutieren, ob Flüchtlinge nun kriminell sind?
Bloß nicht! Da machen die Leute sofort zu. Das wirkt total belehrend, darüber kriegt man niemanden. Wenn die Leute mir sagen, ihr Problem seien die Flüchtlinge, dann frage ich immer: Was hattest du denn für Probleme vor 2015? Denn die Unzufriedenheit ist ja bei den meisten nicht plötzlich aufgetaucht. Und wenn sie dann sagen: "Mein einziges Problem sind die Neubürger", dann kann man das Gespräch auch beenden, dann redet man mit einem Rassisten, der nicht zu überzeugen ist.

"Es gibt einige Leute in der AfD, die sich an Protesten gegen sie so richtig aufgeilen"

Auf Demos läuft die AfD Seite an Seite neben Neonazis. Meinst du, dass die Proteste gegen solche Veranstaltungen etwas bringen?
Das kann ich schwer sagen. Es gibt einige Leute in der AfD, die sich an solchen Protesten so richtig aufgeilen. Das ist so ein Gefühl von: Wir sind Underdogs, eine verschworene Gemeinschaft. Aber es gab auch Leute, die das verunsichert hat.

Was hat dich am Ende davon überzeugt, aus der AfD auszutreten?
Es gab nicht den einen Moment, der alles verändert hat. Das war mehr so ein Prozess. Ich habe Stückchen für Stückchen mitgekriegt, was das eigentlich für ein Haufen ist. Den Ausschlag hat eine Szene auf einer Höcke-Veranstaltung gegeben. Ein Mann aus dem Publikum hat Höcke ausgebuht – und wurde daraufhin von einer Zuschauerin geschlagen. Kurz darauf bin ich ausgetreten.

Was wählst du heute?
Bei der letzten Wahl habe ich unabhängige Kandidaten gewählt und das werde ich wohl auch wieder machen. Bei uns in Brandenburg ist nämlich leider "die Partei" nicht auf der Liste. Sonst würde ich die wählen – der Martin Sonneborn hält immer großartige Reden im Europaparlament.

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