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Festival Guide

Was macht ihr eigentlich gegen den ganzen Müll, liebe Festivals?

Umweltschutz und Nachhaltigkeit sind wichtiger denn je – nur an Festivals scheinen alle die Natur zu vergessen. Dabei ist die Menge des Mülls gar nicht unbedingt das Problem.

von Julian Riegel und Noisey Staff
25 September 2018, 8:22am

Foto: imago

Dieser Artikel wird präsentiert von SEAT Sounds. Er ist Teil des VICE Guides für Festivals , alle Texte findet ihr hier.

Die Festivalsaison ist vorbei, ein unschöner Nachgeschmack bleibt aber: Von diversen Festivals haben dieses Jahr Videos die Runde gemacht, die Müllmassen auf den Geländen zeigen. Besucher des EDM-Festivals Parookaville bei Düsseldorf etwa filmten, wie eine Windhose am Abreisetag Plastik, zurückgelassene Zelte und Pavillons durch den Himmel wirbelte, ein Drohnen-Video hielt das Ausmaß des Liegengebliebenen beim Schweizer HipHop-Festival Openair Frauenfeld fest. Kein Wunder, dass der Rest der Bevölkerung sich bei solchen Bildern über Festivalbesucher und -macherinnen aufregt. Überraschend ist eher, dass das Thema durch solche Bilder jedes Jahr aufs Neue medial aufkommt und negative Berichterstattung mit sich zieht.

Wir sprechen mit jeweils zwei Festivals aus Deutschland, Österreich und der Schweiz und stellen fest: Umweltbewusstsein und die Verringerung von Abfall sind bei Veranstaltern und Veranstalterinnen durchaus ein Thema – wenn auch mit verschiedenen Hintergründen und Gewichtungen. Spaß am Müll hat natürlich niemand. "Unsere Gäste sind, wenn es um das Thema geht, leider Schweindln unterm Herrn", sagt Manuel Reifenauer, CEO des Electric Love Festival in Österreich. "Ein Festival wird ökologisch gesehen nie im Leben die Umwelt besser machen."

Viele Festivals sehen sich aber in der Pflicht, umweltbewusst zu arbeiten, und haben Nachhaltigkeit als Fixpunkt in die Organisation eingebaut. "Auf dem Donauinselfest wird Müllvermeidung groß geschrieben", sagt Maurizia Maurer Presse-Verantwortliche des Donauinselfest in Wien. Man arbeite eng mit der lokalen Müllentsorgung und der Umweltinitiative "Reinwerfen statt Wegwerfen" zusammen, die mit Gewinnspielen und Aufklärung gegen die Vermüllung ankämpft.

"Wir sind darauf angewiesen, dass wir vor Ort auch im kommenden Jahr willkommen sind", sagt ein Sprecher von FKP Scorpio, die Veranstaltungsfirma der Festivals Hurricane, Southside und Greenfield. "Das ist aber nur der Fall, wenn wir den Platz genauso wieder verlassen, wie wir ihn vorgefunden haben." Nachhaltigkeit sei für die Firma keine Rand- oder Trenderscheinung, sondern ein ständig wachsender Bestandteil ihrer Arbeit. Deshalb habe man in den letzten Jahren auch die Vorab-Kommunikation mit den Gästen intensiviert. Ausserdem arbeite FKP Scorpio mit Foodsharing und der Tafel, den Vereinten Nationen, dem Blauen Engel, Viva con Agua und Hanseatic Help zusammen.


Video: Wir waren auf dem größtem Musikfestival für Christen:


Der Großteil aller Festivals im deutschsprachigen Raum bekämpft den inneren Schweinehund ihrer Besucher und Besucherinnen mit Pfand. Der Klassiker ist dabei das Becherpfand. "Ein Mehrwegbecher ersetzt während seiner Lebensdauer bis zu 300 Einwegbecher", sagt Maurer vom Donauinselfest. Die waschbaren Mehrwegbecher würden sich auf der Insel seit vielen Jahren bewähren. Seit 2005 habe man so fast 50 Tonnen Restmüll vermieden.

Reifenauer vom Electric Love ist den Mehrwegbechern gegenüber jedoch negativ eingestellt: "Bei einer Rücklaufquote von 80 Prozent würde das bedeuten, dass wir mit unseren Einwegbechern vom Gewicht her weniger Müll produzieren als mit Mehrwegbechern, da die um ein Vielfaches schwerer sind."

Erzieht man seine Gäste richtig, scheint der Ansatz aber zu fruchten: Das OpenAir St. Gallen in der Schweiz hat 2004 den Becherpfand eingeführt, 2010 entschieden die Veranstalter sich außerdem für Mehrwegbecher. Dieses Jahr sei der Rücklauf der Mehrwegbecher auf 95 Prozent gestiegen, im Vorjahr seien es auch schon beachtliche 93 Prozent gewesen, sagt Presseverantwortliche Sabine Bianchi.

Eine andere Pfand-Variante hat FKP Scorpio auf zwei Festivals eingeführt: Im Ticketpreis für das Southside und Greenfield sind 10 Euro Pfand inbegriffen. Diese erhält man nur zurück, wenn man bei der Abreise einen vollen Müllsack abgibt.

Das OpenAir St. Gallen und das Openair Frauenfeld haben ein ähnliches System: Wer auf die zwei Festivals ein Zelt mitnehmen möchte, muss 20 Franken beziehungsweise 17 Euro zahlen. Das Geld erhält man zurück, wenn man sein Zelt wieder mitnimmt oder in einen Container beim Ausgang schmeißt. Die Zelt-Rücklaufquote liege sowohl beim Openair Frauenfeld wie auch beim OpenAir St. Gallen bei 90 Prozent, heißt es auf Anfrage. Beim OpenAir St. Gallen habe man so auch seit 2005 den Müll, der in die Verbrennungsanlage kommt, um 40 Prozent verringert.

Doch es müssen nicht immer Aufräum-Pflichten mit Geld-Anreiz sein. Green Camping ist mittlerweile bei mehreren großen Festivals wie dem Melt!, Rock im Park, dem Southside oder dem Frequency Festival in Österreich ein fixer und beliebter Bestandteil. Bei diesen speziellen Camping-Bereichen verpflichten sich die Besucherinnen und Besucher selbst, auf ein sauberes und auch ruhiges Umfeld zu achten. "Auf all unseren Festivals ist zu beobachten, dass unsere Gäste auf den 'Grüner Wohnen'-Campingflächen umsichtiger mit Abfällen umgehen", sagt der Sprecher der FKP Scorpio. Für die Firma sei Green Camping daher ein vielversprechendes Instrument, immer mehr Festival-Fans für das Thema zu begeistern.

Weshalb verwandeln sich nach den Festivals die Campingplätze trotzdem in Müllwiesen? Ein massives Problem seien hier noch die Pavillons, sagt Joachim Bodmer vom Openair Frauenfeld – diese verursachen besonders viel sperrigen Müll. "Wir überlegen uns, künftig diese Zelte zu verbieten oder massiv Depot darauf zu schlagen."

Trotz berechtigter Kritik haben viele womöglich ein falsches Bild von Festivals als Sodom und Gomorrha der Müllwirtschaft: In den letzten Jahren habe es auf dem Frauenfeld und St. Gallen pro Person und Tag etwa so viel Müll gegeben wie in einer durchschnittlichen Schweizer Siedlung, erklärt Sabine Bianchi: 1,9 Kilo. "Der Unterschied zum Alltag ist einfach der, dass es hier mehr auffällt, da mehr Leute auf kleinem Raum zusammenleben."

Manuel Reifenauer vom Electric Love sieht es schlussendlich als ein Problem der westlichen Konsumgesellschaft, dass der Abfall häufig nicht in bereitgestellten Behältern landet. Er könne sich gut in einen Festivalbesucher hineinversetzen, der nach drei Tagen feiern sein durchnässtes Zelt liegen lässt, auch wenn er das nicht gutheiße. "Wenn ich aber sehe, dass die japanischen Fans bei der WM in Russland nach einem Spiel ihrer Mannschaft ihren Sektor selbst säubern, werde ich fast ein bisschen wehmütig." Es wäre also gar nicht so schwer, wenn alle den Willen dazu hätten, umsichtiger mit Müll umzugehen – das zeigt auch Green Camping als Vorreiter.

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