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studentenleben

So schreibt ein Typ seinen Master, ohne eine einzige Frist einzuhalten

"Der 'Falsche Poststempel' war mein größter Coup."

von VICE Staff
29 November 2017, 1:09pm

Symbolfoto: imago | Jochen Tack 

Ein hastiger Blick auf die Uhr, kribbeln in den Fingern, Verzweiflung im Gesicht. 16 Uhr. Nur noch acht Stunden bis Abgabe. In den Tagen zuvor: Kühlschrank geplündert, Game of Thrones durchgeschaut und die Wohnung geputzt. Jetzt stehen 109 Wörter, 668 Zeichen im Dokument auf dem Laptop. Das sind 29.332 zu wenig. Während du zwanghaft Wörter ins Dokument prügelst, stellt sich irgendwann die entscheidende Frage: Schreibst du dem Professor oder nicht?

Prokrastination – also "nicht nötiges Vertagen des Arbeitsbeginns" oder auch: "sehr häufiges Unterbrechen des Arbeitens" – kennt eigentlich jeder Student. Es wirkt fast schon komisch, dass nur rund 60 Prozent der befragten Studenten in einer Studie der Pädagogischen Hochschule Freiburg angegeben haben, dass sie regelmäßig Wichtiges liegen ließen und lieber Nebensächliches erledigten. Das häufig als "Aufschieberitis" belächelte Phänomen ist nicht harmlos, sondern ein echtes Problem. Es kann zu "Verlust von Lebensglück oder der Karriere" führen, warnen Experten.

Um ihr Studium trotzdem erfolgreich zu absolvieren, greifen Studenten auch zu illegalen Mitteln. Prokrastinierende Studenten neigen besonders dazu, Plagiate zu erstellen oder falsche Atteste vorzulegen, wie eine Studie der Universität Bielefeld ergab. Auch Student Christof greift zu solchen Mitteln. Er hat sich einen anderen Namen gegeben, weil seine Zukunft "auf dem Spiel" stehe. Sein Studienabschluss und sein späterer Job. Er ist vorsichtig, aber er will aufklären. "Ich bin alles andere als stolz auf meine Tricksereien, aber ich glaube, vielen geht es so wie mir", sagt er. Er sagt, dass er bis auf zwei Abgaben in den letzten fünf Jahren bei jeder Arbeit die Deadline gerissen hat. Wir haben ihn gefragt, wie er das macht und vor allem: warum.


VICE: Viele Studenten melden sich krank, um eine Verlängerung für eine Abgabe zu bekommen. Warum machst du das nicht?
Christof: Ich habe im Master keine einzige Arbeit pünktlich abgegeben, im Bachelor habe ich auch bis auf zwei Hausarbeiten immer einen Aufschub bekommen. Mein Hausarzt hat mich schon das ein oder andere Mal befreit, aber irgendwann wollte ich ihn nicht mehr fragen. Er ist gut mit meinen Eltern befreundet – ich habe mich irgendwann einfach geschämt und wollte nicht, dass meine Eltern etwas mitbekommen. Also habe ich mir andere Tricks überlegt.

Wie betrügst du deine Professoren?
Der Klassiker ist eigentlich die "aufrichtige Mail". Ich habe relativ schnell gemerkt: Es funktioniert immer. Beim ersten Mal war ich noch richtig aufgeregt und hatte Angst, weil die Frist immer näher auf mich zukam und ich noch immer nichts aufs Papier gebracht hatte. Also wollte ich mal den Professor fragen, ob ich eine Verlängerung bekomme. Seitdem habe ich teilweise ganze Romane an Dozenten verschickt mit meinen Ausreden, und es kam immer nur freundlich zurück: "Aufschub gewährt". Seitdem glaube ich, dass das fast allen Professoren egal ist, und ich bin von Mal zu Mal entspannter geworden. Mittlerweile hat sich da eine Routine eingeschlichen.

Was schreibst du in so einem Roman?
Ich habe mir überlegt, was ich als Professor gerne hören würde. Dass ich keine Zeit hätte und Opfer meines vollen Terminkalenders wäre, schreibe ich nie. Das wäre ja lächerlich und gelogen. Ich räume meine Schuld immer total ein. Ich sage so etwas wie: "Der Grund ist mein katastrophales Zeitmanagement und ich weiß, dass ich selber schuld bin, weil die Termine schon lange bekannt gewesen sind." Dann schreibe ich, dass ich ein Praktikum in den Semesterferien gemacht habe – was sogar immer gestimmt hat –, aber auch das eigentlich keine Ausrede sein dürfe. Und dann sage ich, dass ich die Hausarbeit trotzdem anständig abgeben und sie nicht hinrotzen will. Und dann bitte ich um einen Aufschub.


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Welche Tricks gibt es neben Krankschreibung und aufrichtigen Mails?
Mein größter Coup war eigentlich der "falsche Poststempel". Eine Nacht vor Abgabe hatte ich schon drei Tage durchgeschrieben und wusste, dass ich das niemals schaffen konnte. Den Rest einfach hinrotzen für eine 4,0 war keine Option, weil ich schon zu viel Arbeit investiert hatte. Ich hatte den Abgabetermin sowieso schon verlängern lassen, da konnte ich meinen Professor nicht nochmal um Aufschub bitten. Also musste ich irgendwie an einen Poststempel rankommen. Fälschen war mir zu kriminell, und es ist auch aussichtslos, die Postbeamten anzulabern – die hatten mich schon mal abgewiesen.

Weil das Urkundenfälschung ist und sogar einer Freiheitsstrafe von bis zu fünf Jahren für den Mitarbeiter und dich drohen ...
Ja, die würden sich strafbar machen – und ich hab mich ja eigentlich auch schon strafbar gemacht. Krass: Wenn ich das so erzähle, wird mir erst bewusst, wie heftig das eigentlich ist.

Wie funktioniert der "falsche Poststempel"?
Ich habe am Abgabetag meiner Arbeit ein Einschreiben an meine eigene Adresse geschickt. Dafür habe ich einen Umschlag mit Adressfenster genutzt, nur ein Papier mit meiner Adresse reingelegt und es mit leicht ablösbarem Malerband zugeklebt. Dann habe ich geschlafen wie ein Baby, in aller Ruhe meine Hausarbeit zu Ende geschrieben und sie in den Umschlag gesteckt – diesmal mit Adresse der Uni im Fenster. Etwa fünf Tage nach eigentlichem Abgabetermin bin ich in der Nacht zur Uni geradelt und habe den Umschlag eingeworfen. Weil ich es auch noch digital abgeben musste, habe ich statt einer Mail eine CD mit in den Umschlag gelegt. Weil man da am PC den Zeitstempel nachverfolgen kann, habe ich einfach beim Brennen die Datumseinstellung meines Computers um einige Tage vordatiert. Das war alles keine Raketenwissenschaft.

Wieso wirst du kriminell, statt "einfach" früher anzufangen?
Ich kann das nur mit meiner Faulheit erklären. Jedes Mal ist der Schweinehund so groß, dass ich lieber Serien schaue, bis es zeitlich nicht mehr geht. Oft fange ich sogar pünktlich an, aber bin dann sehr unproduktiv. Erst wenn es knapp wird, kommt der Druck, mit dem ich funktioniere. Ich weiß nicht, wie ich das in den Griff bekommen soll.

Jetzt musst du nur noch deine Masterarbeit schreiben: Was tust du, damit du die pünktlich abgibst?
Ich hoffe ein wenig, dass ich besser eingespannt werde vom Professor und nebenbei gar nichts zu tun habe. Aber ich denke mir ja jedes Mal, dass sich was ändert. Ich weiß, was das für ein Stress ist, gehetzt zu schreiben, immer auf die Uhr zu gucken, schlecht zu schlafen und zu lügen. Das Gefühl ist erdrückend. Selbst wenn ich Aufschub bekomme, habe ich die Mail oft erst um 23.59 Uhr abgeschickt. Oder ich habe gefragt, ob ich morgens nochmal drübergehen könne, weil ich den Text noch nicht redigiert hätte. Schon bei meiner Bachelorarbeit wollte ich rechtzeitig beginnen, aber am Ende hatte ich bis kurz vor Abgabe nichts geschrieben und dann vier Wochen Aufschub bekommen. Dann war ich noch neun Tage im Urlaub und habe die Arbeit in etwa zwei Wochen geschrieben – Tag und Nacht. Meine Eltern hatten echt Angst um mich, weil ich leichenblass war und rot unterlaufene Augen hatte.


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Wie reagieren deine Kommilitonen und Freunde darauf, dass du dir immer einen Vorteil verschaffst?
Viele schmunzeln darüber oder lachen das weg. Wütend ist keiner, obwohl ich ja effektiv einen Vorteil daraus ziehe. Einige Freunde fragen mich, wieso ich das jedes Mal so mache. Sie können nicht nachvollziehen, dass das mit dem Aufschieben fast schon zwanghaft ist. Viele fragen auch, was für eine Note ich denn bekommen habe, und sind erstaunt, dass die dann meistens ganz gut ist. Bei dem Poststempel-Trick war es aber leider nur eine 2,0.

Nur? Eine 2,0 ist doch nicht schlecht – wenn man in einer solchen Krise steckt wie du.
Das ist ein zweischneidiges Schwert. Ich bin übelst faul auf der einen Seite und trotzdem sehr ehrgeizig auf der anderen. Ich könnte die Arbeit ja in drei Tagen locker hinrotzen, aber die Tricks nutze ich dafür, um ein gutes Studium abzuschließen – trotz meiner Faulheit.

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