Thump

Warum zur Hölle gibt es so viele Electro-Festivals auf Kreuzfahrtschiffen?

Kreuzfahrt-Raves sind seit einigen Jahren eine große Sache – unser Autor kann sich nichts Schlimmeres vorstellen.
13.4.17

Wir haben kein Problem damit, uns zusammen mit den immer gleichen Leuten die immer gleichen DJs anzusehen. Der Ort, an dem dies stattfindet – traditionellerweise ein Club – scheint uns mittlerweile jedoch zu langweilen. Partylocations müssen also immer ausgefallener werden – wir hatten da zuletzt einige erstklassige Vorschläge. Ich verstehe, dass es durchaus seinen Reiz haben kann, in einer Höhle oder in einem Schwimmbad Party zu machen. Warum man aber gerade auf die Idee kommt, ein Kreuzfahrtschiff zu mieten, um mehrere Tage mit einer Mischung aus Salzwasser, Möwenscheiße und Plastikliegen zu verbringen, verstehe ich nicht.

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Der Reiz von Kreuzfahrten erschließt sich mir schon generell nicht. Warum sollte jemand Unmengen an Geld ausgeben, um mitten auf dem Indischen Ozean seekrank zu werden, nur mit der Aussicht auf ein Abendessen aus Krabbenocktails samt anschließendem, furchtbarem Unterhaltungsprogramm. Was treibt ein Pärchen – und es sind fast ausschließlich ungesund gebräunte Pärchen älteren Semesters, die auf solchen Fahrten anzutreffen sind – dazu, einen Großteil seiner Rente dafür rauszuhauen, nur um nach sechs Stunden Bridge vielleicht am Tisch des Kapitäns sitzen zu dürfen?

Es ist für mich also schon schwer genug, zu verstehen, warum ich mit 60 plus dieser Art des Freizeitvergnügens nachgehen sollte. Und so will es mir absolut nicht in den Kopf, dass auch junge Leute – also wirklich junge Leute unter 30 – freiwillig auf eine Kreuzfahrt gehen. Habe ich einfach nicht mitbekommen, wie sich seebegeisterte Partygänger im Raucherbereich von Clubs über Backbord und Steuerbord, Kajüten und Tiefgang unterhalten? Gibt es da eine App für? Bin ich einfach nicht in der Lage, die Signale auf dem Dancefloor richtig zu deuten? Die Antwort ist leider ein wenig offensichtlicher.

Foto: Frank Jania / Flickr / CC By 2.0

Doch bevor ich diese Frage beantworte noch eine kurze Geschichte der Rave-Kreuzfahrt. Das Konzept hat bereits ein paar Jahre auf dem Buckel, bereits im Jahr 2012 fand die erste Ausgabe von Holy Ship mit Fatboy Slim, Boys Noize, Laidback Luke, Rusko, Diplo, A-Trak, Steve Aoki, Skrillex und einer Menge weiterer DJs statt. Damals war es merkwürdig revolutionär. In den nachfolgenden Jahren haben Veranstalter erkannt, dass sie alle Register ziehen müssen, um einer partysüchtigen Generation das Geld aus den Taschen zu ziehen.

Es reichte nicht länger, ein paar Bühnen in einem Park zu errichten und zu hoffen, dass genug Leute aufkreuzen, die überteuertes, warmes Bier aus Plastikbechern trinken. Nein, du musstest mittlerweile schon Clubmusik in der Schwerelosigkeit anbieten, ganze Skipisten mit Soundsystemen eindecken oder eine eigene kroatische Insel kaufen, um genug Instagram-Hashtags abzugreifen und dir die Taschen vollzumachen. Und komischerweise gibt es Unmengen an Leuten, die tatsächlich Geld dafür bezahlen. So sieht das Geschäft im Jahr 2017 aus: Die Erfahrung ist das wichtigste.

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Und genau dieses Verlangen nach der Erfahrung – irgendeiner Art von Erfahrung, wirklich alles, mit dem wir in der Kneipe oder im Büro oder in unseren WhatsApp-Unterhaltungen prahlen können – erklärt, warum Partywütige in diesem Sommer unzählige Möglichkeiten haben werden, an Deck einer Kreuzfahrt mit elektronischer Tanzmusik zu gehen. Egal, ob sie Shipsomania: The Tale Of The Kraken oder World Club Cruise oder The Ark oder sonst wie heißt.

Natürlich ist nichts verwerflich daran, etwas erleben zu wollen, oder die Clubnacht zu einem ganzen Urlaub auszudehnen. Aber ich bin immer noch ratlos, warum dies immer häufiger auf einem Kreuzfahrtschiff passiert.

Zunächst einmal gibt es keine Möglichkeit zur Flucht. Halt mich ruhig für sensibel, aber ich mag irgendwie den Gedanken daran, dass ich einfach irgendwas anderes machen kann, wenn ich von den vertrackten Klängen von Eats Everything oder Ben UFOs berauschenden Krachern gelangweilt bin. Auf diesen Fahrten ist das nicht möglich. Ich muss entweder eine weitere Stunde zuhören, über springen oder aber den Küchenchef entführen, seine Uniform stehlen, ihn im Kühlraum einsperren und das Abendessen vorbereiten. Das sind meine einzigen Optionen und keine davon ist besonders ansprechend.

Dann solltest du dir außerdem vorstellen, was für eine Art von Mensch freiwillig so viel Geld dafür ausgibt, überteuerte Cocktails zu EDM-DJs zu schlürfen. Multipliziere das mal hundert wenn nicht gar tausend und du weißt, welches Klientel dich in Massen an Bord erwartet. Stell dir vor, wie diese vor Testosteron triefenden Machos sich lautstark abklatschen, während der Gestank von Kreatin und sexueller Erwartungshaltung in der Luft liegt. Nicht unwahrscheinlich, dass du am Ende deiner Reise mit ansehen musstest, wie mindestens sechs Typen sich an Möwen vergangen haben. Die andere Sorge dürfte in dieser Hinsicht sein, dass du mit der Art von Mensch zusammengepfercht bist, die sich selbst "als ziemlichen Partytiger, um ehrlich zu sein, Kumpel" beschreibt, ein weit aufgeknüpftes Hawaiihemd trägt und dem aufblasbaren Krokodil einen Namen gegeben hat, das sie die ganze Zeit mit sich rumschleppt.

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Und zu guter Letzt wissen wir alle, dass sich das Wetter von einer Sekunde auf die andere ändern kann. Und willst du wirklich auf irgendeinem durchnässten Partyboot feststecken, umgeben von durchweichten Papierbechern, die eine gigantische, mit altem Zucker überzogene Rutschbahn bilden? Nein, willst du nicht.

Halt mich für einen Idioten, nenn mich Spaßbremse, vielleicht bin ich sogar ein mürrischer alter Sack, aber ein Wochenende auf hoher See zu verbringen, umgeben von BWL-Studenten, die sich mit ekelhaft süßen Cocktails abschießen, klingt ungefähr so spaßig wie … na ja, das was ich eben beschrieben habe.

Dieser Artikel ist zuerst bei THUMP erschienen.

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