Sex

Frauen erzählen, warum sie nicht mehr die Pille nehmen

"Mit der Pille war Sex oft eine Pflichtveranstaltung. Einmal die Woche hätte mir vollkommen gereicht. Jetzt hätte ich am liebsten jeden Tag Sex, oder zumindest jeden zweiten."

von Wlada Kolosowa
18 April 2017, 2:17pm

Foto: Imago | Blickwinkel

Frauen haben der Antibaby-Pille viel zu verdanken: Sex ohne die Angst, schwanger zu werden. Die Kontrolle darüber, ob und wann sie Kinder haben. Manche Wissenschaftler argumentieren, die Emanzipation wäre ohne die Pille gar nicht möglich gewesen.

Die Pille gilt als sicheres Verhütungsmittel: Maximal eine von 100 Frauen wird trotz Pille schwanger. Das führt dazu, dass die meisten Frauen in Deutschland anfangen, die Pille zu nehmen, sobald sie regelmäßig Sex haben. Vier von fünf 19-jährigen Frauen lassen sie sich verschreiben. Für viele gehört die Pille selbstverständlich zum Erwachsenwerden dazu. Die Pillenpackung im Portemonnaie und das Klingeln des Handyweckers zur Pillenzeit ist ein Zeichen für: "Ich bin jetzt eine Frau! Ich habe Sex!"

Die Ärzte verschreiben die Pille auch gegen Akne, für einen regelmäßigeren Zyklus und gegen Menstruationsbeschwerden. Studien legen außerdem nahe, dass die Pille das Risiko für Gebärmutter- und Dickdarmkrebs senkt. Über die negativen Nebenwirkungen sprechen die Ärzte aber deutlich seltener. Meine Verhütungsberatung damals mit 17 dauerte nicht einmal zehn Minuten. Wie wohl die meisten Frauen habe ich die Packungsbeilage nicht gelesen und erst Jahre später von Nebenwirkungen erfahren: Frauen, die rauchen und die Pille nehmen, haben laut der Deutschen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe ein 20- bis zu 87-mal so hohes Risiko für Gefäßerkrankungen wie Frauen, die weder rauchen noch die Pille nehmen. Und in sehr seltenen Fällen können hormonelle Verhütungsmittel sogar zu Thrombosen führen. Pro Jahr bildet sich bei 11 bis 14 von 10.000 Pillenanwenderinnen ein gefährliches Blutgerinnsel, das zum Tod führen kann. Und einige Frauen haben durch die Pille weniger Lust auf Sex. Laut dem Österreichischen Verhütungsreport benutzten im Jahr 2015 sieben Prozent weniger Frauen die Pille als 2012, Zahlen aus Deutschland gibt es dazu nicht. Als Grund für die Absetzung gab ein Drittel der Befragten Lustlosigkeit an.

Für viele Frauen ist die Pille ein Segen – aber nicht für jede und nicht in jeder Lebensphase. Wir haben mit Frauen gesprochen, die nicht mehr die Pille nehmen – und sie nach ihren Gründen gefragt.


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Susanne, 31

Vor ein paar Jahren habe ich eine Unterhaltung zwischen zwei Männern auf einer Party mitgehört. Ein Kerl sagte: "Ich habe gerade meine Doktorarbeit zu Ende geschrieben." Daraufhin der andere: "Also hast du in den letzten Monaten viel masturbiert." Dann lachten sie.

Was die beiden damit meinten, habe ich erst richtig verstanden, nachdem ich die Pille abgesetzt habe: dieses Geil-Werden ohne Anlass, wenn man arbeitet und die Gedanken woanders hinwandern. Vorher war Sex oft eine Pflichtveranstaltung. Einmal die Woche hätte mir vollkommen gereicht. Erst seitdem ich nicht mehr hormonell verhüte, habe ich Männer verstanden, die sagen: Ich muss ständig an Sex denken. Jetzt hätte ich am liebsten jeden Tag Sex, oder zumindest jeden zweiten.

Ich habe mit 16 angefangen, die Pille zu nehmen, und sie vor zwei Jahren abgesetzt. Ich kann nicht fassen, dass ich fast die Hälfte meines Lebens nicht wusste, wie Sex sein kann. Es ist eine Frechheit, dass Frauen sich meistens um Verhütung kümmern müssen. Die Forschung an der Männerpille wurde gestoppt, weil die Männer sich über Nebenwirkungen beschwerten: Stimmungsschwankungen und Gewichtszunahme. Aber genau darüber klagen Frauen doch auch! Ich finde es erschreckend, wie viele Männer selbst bei einem One-Night-Stand kein Kondom benutzen wollen. Ich war zwar schon mit Männern im Bett, für die es selbstverständlich ist – aber leider noch viel mehr mit solchen, die ich regelrecht überreden musste, ein Kondom zu benutzen. Und dann taten sie so, als würden sie mir einen Riesengefallen tun.

Erklärung: Die Pille gaukelt dem Körper vor, schwanger zu sein, und unterbindet so den Eisprung in den Eierstöcken. Sie produzieren unter anderen aber auch Testosteron – ein Hormon, das unter anderem für den Sexualtrieb verantwortlich ist. Eine Metastudie, die 36 Untersuchungen zum Thema auswertete, kam zum Schluss, dass 15 Prozent der Frauen eine geringere Libido während der Zeit hatten, in der sie die Pille einnahmen.

Maria, 32

In den fünf Jahren, in denen ich die Pille genommen habe, habe ich 20 Kilo zugenommen – und es schien unmöglich, sie wieder runterzubekommen. Was ich durch Diäten und Fitnessstudio abnahm, hatte ich durch Heißhungerattacken wieder drauf. Außerdem fühlten sich meine Beine ständig angeschwollen an. Als ich meinem Frauenarzt sagte, dass ich darüber nachdenke, nicht mehr hormonell zu verhüten, sagte er, ich sei verantwortungslos. Der Frauenarzt empfahl eine andere Pille, meine Freundinnen empfahlen einen anderen Frauenarzt. Das Rezept für das neue Medikament habe ich nie eingelöst und bereue es auch nicht.

Innerhalb eines Jahres habe ich wie von allein 15 Kilo abgenommen. Ich hatte Angst, dass meine Haare und Haut schlechter werden, aber es war eher das Gegenteil der Fall. Ich habe das Glück, dass ich zu den Frauen gehöre, die einen regelmäßigen Zyklus haben. Jetzt verhüte ich dadurch, dass ich meine fruchtbaren Tage ausrechne. Als ich jung war, wäre mir das zu gefährlich gewesen. Jetzt bin ich verheiratet und habe ohnehin vor, in den nächsten Jahren Kinder zu kriegen. Aber selbst wenn ich auf keinen Fall Babys wollen würde, würde ich nicht mehr mit der Pille verhüten, sondern die Spirale nehmen.

Erklärung: Ob die Pille tatsächlich dick macht, lässt sich mit Studien weder eindeutig belegen noch widerlegen. Die Beipackzettel nennen sowohl Gewichtszunahme als auch Gewichtsverlust als mögliche Nebenwirkung. Eine Forschergruppe, die mehrere Studien ausgewertet hat, zog insgesamt den Schluss, dass hormonelle Verhütungsmittel mit großer Wahrscheinlichkeit nicht zu einer starken Gewichtszunahme führen. Was aber nicht heißt, dass einzelne Frauen nicht durch bestimmte hormonelle Verhütungsmittel zunehmen.

Verhütungs-App Clue | Collage: VICE | Foto: Death To Stock

Barbara, 26

Sobald ich mit 17 einen festen Freund hatte, habe ich mir von der Frauenärztin die Pille verschreiben lassen. Mädchenmagazine vermittelten den Eindruck, dass Kondome so gut wie immer reißen, Teenager ständig ungewollt schwanger werden und ihr ganzes Leben dann kaputt ist. Vielen meiner Freundinnen schien sogar nur die doppelte Variante sicher genug: Pille plus Kondom.

Inzwischen kenne ich meinen Körper besser, weiß um fruchtbare und unfruchtbare Tage – und dass nicht jeder Kondomunfall bedeutet, dass man sofort schwanger wird. Den Freund von damals habe ich bis heute. Die Pille habe ich vor drei Jahren abgesetzt und rechne inzwischen fruchtbare und unfruchtbare Tage aus.

Ich habe seitdem ein viel besseres Gefühl für meinen Körper bekommen. Ich merke richtig, dass meine Geschlechtsorgane während der fruchtbaren Tage "Juppie" machen und ich über meinen Freund herfallen will. Ich weiß, wo Stimmungsschwankungen herkommen, wann die Brüste größer werden, warum ich an manchen Tagen richtig energiegeladen bin. Ich liebe meinen Körper mehr, seitdem ich ihn besser kenne. Aber als ich jünger war, war die Pille schon das Richtige für mich – damals wollte ich absolut kein Risiko eingehen, schwanger zu werden, und hatte auch keinen regelmäßigen Zyklus, um fruchtbare Tage ausrechnen zu können.

Erklärung: Die Antibabypille hält den Hormonspiegel über den ganzen Zyklus stabil. Die hormonbedingten Höhen und Tiefen der Stimmung und des Sextriebs fallen dadurch aus. Nicht jede Frau, die keine Pille nimmt, spürt diese. Aber einige von ihnen berichten, dass sie um den Eisprung herum besonders energiegeladen und geil sind. Dafür kann hormonelle Verhütung PMS lindern – die hormonbedingte bedrückte Stimmung kurz vor der Periode.

Yvonne, 28

Wenn ich die Pille nehme, bin ich träger, wiege mehr, habe weniger Lust auf Sex. Deswegen nehme ich die Pille eigentlich nur, wenn ich einen festen Freund habe. Eigentlich ist das absurd: Endlich habe ich jemanden, mit dem ich ständig Sex haben könnte – und habe dann weniger Bock drauf. Es ist nicht so, dass meine Libido tot ist. Wenn mein Freund anfängt, komme ich schon in Fahrt. Aber ich denke nicht von allein: Den muss ich ausziehen.

Ich habe die Pille deshalb schon paar Mal abgesetzt – aber immer wieder damit angefangen, sobald ich einen festen Partner hatte, weil ich einfach keine gute Alternative für mich gefunden habe. Kondome mag ich nicht. Ich fühle mich wie ein Teenager, wenn ich das sage: Aber für mich zerstört es den Moment, wenn der Kerl ein Kondom überziehen muss. Der Gedanke an die Spirale gefällt mir ganz gut – aber dann bin ich doch zu geizig, so einen Batzen Geld auf einmal hinzublättern, wenn die Pille so günstig ist. Alles andere ist mir zu unsicher, weil ich momentan einfach keine Kinder will. Deswegen nehme ich die Nebenwirkungen der Pille in Kauf. Sobald ich sie wieder nehme, habe ich Schmierblutungen und häufiger Intiminfektionen. Jedes Mal nehme ich mir vor, dass ich etwas Besseres suche. Aber dann mache ich doch seufzend die nächste Pillenpackung auf.

Erklärung: Wenn Frauen anfangen (nach einer Pause), die Pille zu nehmen, muss sich der Körper erst an die Hormone gewöhnen, schreibt die Techniker Krankenkasse: "Es kann zu Zwischenblutungen, Brustspannen oder Übelkeit kommen. Auch Stimmungsschwankungen und Kopfschmerzen sind möglich." Das Östrogen in der Pille kann außerdem dazu führen, dass die Vaginalflora sich verändert – manche Benutzerinnen klagen dann über Pilzinfektionen.

Grace, 29

Nachdem ich das erste Mal Sex hatte, war ich überzeugt, schwanger zu sein – obwohl wir mit Kondom verhütet hatten. Ein paar Tage später machte ich einen Schwangerschaftstest und rannte zum Frauenarzt und ließ mir die Pille verschreiben, damit ich nie wieder solche Angst haben muss.

Ich war 15 und ich wusste: Wenn ich schwanger werde, ist zu Hause die Hölle los.

Ein Jahr später ging meine Neurodermitis los. Zuerst an Handgelenken, dann an Armen, später am Hals und um die Augen herum. Wenn ich einen Schub hatte, trieb mich der Juckreiz in den Wahnsinn. Ich kratzte mich im Schlaf wund und lief selbst an heißesten Tagen mit langen Ärmeln herum.

Ob die Pille daran schuld war, kann ich nicht sagen. Aber die Neurodermitis wurde erst besser, als ich sie mit 25 Jahren abgesetzt habe – und angefangen habe, vegan zu leben. Es ist absurd: Erst als ich darüber nachdachte, welche Hormone und Antibiotika ich meinem Körper durch das Essen zuführe, wurde mir richtig bewusst, dass ich zehn Jahre lang Tabletten schlucke, die meinem Körper vorgaukeln, schwanger zu sein.

Ich verhüte inzwischen mit Kondomen und habe seit drei Jahren keine Neurodermitis-Schübe mehr. Generell finde ich, dass bei der Verhütung mehr Gleichberechtigung herrschen sollte. Mein Freund und ich haben alternative Methoden recherchiert, wie Männer verhüten könnten – mit Papayasamen zum Beispiel. Durchgezogen haben wir das nicht, aber ich schätze seine Bereitschaft.

Erklärung: Eine Studie mit über 17.000 britischen Frauen zeigte, dass eine hormonelle Verhütungsmittel das Risiko für Neurodermitis leicht erhöht. Und was alternative Verhütung für Männer angeht: Einige Völkerstämme in Sri Lanka und Indien essen täglich einen Löffel Papayasamen, damit sie für eine zeitlang unfruchtbar werden. Studien an Ratten legen nahe, dass es klappen kann. Weil es aber keine repräsentativen Studien mit Menschen gibt, solltet ihr euch nicht auf Papayasamen verlassen.

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