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Ernährungspolitik

Tristram Stuart hat zwar keine Schuhe aber Ausstrahlung

Tristram Stuart ist ein international anerkannter Experte zum Thema Lebensmittelverschwendung. Mit einer Vorliebe für Barfuß-Auftritte. Vor Kurzem hielt er ganz in meiner Nähe einen Vortrag, den ich mir natürlich auf keinen Fall entgehen lassen wollte.
1.12.14

Grüne Bohnen. Man würde nicht glauben, dass man sich über grüne Bohnen groß echauffieren kann. Und dann trifft man Tristram Stuart. Dieser Mann hasst das Wegwerfen von Lebensmitteln. Und die Lebensmittelketten, die Bauern damit beauftragen, Gemüse und Obst anzubauen, zu verarbeiten und zu verpacken, sind seiner Ansicht nach die schlimmsten Übeltäter.

Tristram ist ein Brite, groß, eloquent und barfuß. Klar, man kann sich fragen, ob man wirklich ohne Schuhe einen Vortrag zu einem sehr ernsten Thema halten muss. Für manch einen Beobachter kann das schnell einen Touch von Hauptsache-auffallen-und-anecken haben. Er selber meint, seine Füße hätten heute einfach keine Schuhe mehr (er-)tragen können. Und wisst ihr was, diesen Moment kenne ich auch. Vielleicht nicht unbedingt vor Hunderten von Leuten, aber was soll's. Auf jeden Fall ist der gut gekleidete Gentleman, der barfuß und mit extrem müden Augen auf der Bühne vor mir steht, ein international anerkannter Experte zum Thema Lebensmittelverschwendung. Er ist ein Redner, ein Aktivist, ein Umweltschützer und vor allem „einfach nur" ein guter Mensch. Und dazu noch ein ziemlich gut aussehender.

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Tristram Stuart—der schon bei TED Talks auf der Bühne stand, der der Mann hinter Feedback und ihren „Feeding the 5000"-Events ist, der das Buch Für die Tonne: Wie wir unsere Lebensmittel verschwenden geschrieben hat und der sich aktuell in England dafür einsetzt, dass Schweine mit Lebensmittelabfällen gefüttert werden dürfen—ist wahrlich ein Mann, bei dem man sich vorstellen kann, dass er aufgrund seines Erfolges fleißig Vielflieger-Punkte sammelt. Weswegen ich ihm seine sagenumwobene Schuh-Allergie beim Fliegen nicht groß übelnehmen kann. Ich wollte aber eigentlich nicht über Tristrams Füße reden (obwohl…), sondern euch erzählen, warum er heute vor einem riesigen Publikum spricht.

Die Verschwendung von Lebensmitteln wird immer mehr zu einem Thema in der internationalen Gemeinschaft. Kein Wunder angesichts aktueller Studien, die erklären, dass wir ein Drittel der weltweiten Lebensmittel durch vermeidbare Ertragsverluste, das Diktat des Haltbarkeitsdatums und äußerliche Mängel vergeuden. Tristram geht schon seit längerer Zeit gegen in Großbritannien geltende Richtlinien für die „richtige" Größe und Form von Lebensmitteln vor. Denn solche Normen behindern afrikanische Bauern bei ihrer Arbeit. Erinnerst du dich noch an die grünen Bohnen, die ich zu Beginn ansprach?

Tristram erklärt uns, warum britische Supermärkte grüne Bohnen verkaufen, die schon vorgeschnitten sind. Mit Verbraucherfreundlichkeit hat das nämlich rein gar nichts zu tun. Die Bohnen sind an den oberen und unteren Enden gekürzt, damit sie in verkaufsübliche Verpackungen passen. Die ist nur 9cm lang, während die Bohnen 12cm oder länger werden. Was machen also die Bauern in Afrika? Sie greifen zum Messer. Weswegen ein Viertel der Bohnen (oder mehr) abgeschnitten wird und auf einem großen Müllhaufen landet. Wahnsinn. Gegen genau solche Praktiken richtet sich sein unermüdliches Engagement. Und das mit Erfolg. In britischen Supermärkten gelten mittlerweile weniger strenge „kosmetische" Anforderungen an Gemüse und Obst, was zu geringeren Ernteverlusten und einem Anstieg der Verdienstmöglichkeiten in der Landwirtschaft geführt hat. Sein Auftritt ist insgesamt sehr überzeugend, wenn auch etwas unstrukturiert. Ich schiebe das mal auf den Jetset. Fragen und Kommentare können, während er spricht, einfach in die Runde geworfen werden. So hat es am Ende mehr was von einer offenen Diskussion als einem echten Vortrag.

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Mir sagt der informelle Charakter trotzdem zu, weil wir Tristram so von einer sehr persönlichen Seite kennenlernen können, was bei einem einfachen Herunterrasseln von Zahlen und Fakten wohl nur schwer möglich wäre. Er spricht viele verschiedene Organisationen an, die gewisse Erfolge verzeichnen konnten. Gleichzeitig kommt vielleicht ein bisschen zu kurz, was man genau zu tun hat, wenn man wirklich etwas bewirken will. Während ich ihm zuhöre, wächst in mir die Frage, inwieweit die Entscheidung vonseiten der Wirtschaft, Essbares als Abfälle zu bezeichnen, das Thema für ein breites Publikum weniger schmackhaft machen soll. Also melde ich mich und frage: „Wie können wir es schaffen, die Ablehnung der Menschen gegenüber sogenannten Essensabfällen zu überwinden?" „Eine ziemlich gute Frage. Wir müssen den Menschen zeigen, dass das, was sie wegwerfen, mitnichten schlecht ist und noch bedenkenlos gegessen werden könnte. Wir müssen ein Umdenken einleiten. Meine eigene Familie hielt mich anfangs für verrückt. Bis ich eines Tages mit fünfzig Kisten Mangos angekommen bin, die eigentlich auf dem Müll landen sollten. Meine Mutter war sprachlos, weil an ihnen einfach nichts auszusetzen war. Sie hat dann daraus ein köstliches Chutney gemacht. Glauben Sie mir, wenn man es schafft, meine Mutter zu überzeugen, kann man echt jeden davon überzeugen."

Im Anschluss an den Vortrag bleiben noch ein paar seiner Hardcore-Fans (ja, ich also auch) stehen, um mit ihrem Idol mal Hände zu schütteln, ein Erinnerungsfoto zu schießen und im besten Fall ein bisschen zu networken. Als sich die Reihen langsam lichten, schiebe ich mich geschickt in die erste Reihe vor und baue sofort Blickkontakt auf.

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„Warten Sie auf mich, weil Sie noch eine Frage haben?" Er wirkt überrascht. Ich nicke.

- „Haben Sie schon einmal vom Zero Waste Eat-In gehört?", will ich wissen (obwohl ich die Antwort längst kenne).

- „Nein, ich glaube nicht."

- „Jetzt schon. Hallo", sage ich, strecke meine Hand aus und lächle mein schönstes Lächeln. „Ich bin Hannah und bin die Hauptverantwortliche fürs Zero Waste Eat-In." Seine Hand umschließt mein feuchtes Fingerbündel warm und fest.

- „Super, worum geht's bei euch?"

- „Wir sind eine Studentenorganisation", antworte ich und zeige supernonchalant auf mein knallgelbes T-Shirt. „Wir organisieren Eat-Ins, öffentliche Festessen für jedermann, gleich hier am Salone del Gusto. Jedes Event hat ein anderes Thema. Und meines beschäftigt sich mit Essensabfällen. Es würde mich wahnsinnig freuen, wenn Sie auch kommen würden."

- „Das hört sich echt spannend an. Wann ist denn die Veranstaltung?"

- „Sonntag Abend. Ich habe aber gehört, dass Sie da gar nicht mehr in Italien sind."

- „Das stimmt leider, ich reise morgen schon wieder ab."

- „Haben Sie vielleicht noch ein paar Tipps für mich? Wir benutzen die Reste von den letzten drei Eat-In-Veranstaltungen und klappern außerdem noch ein paar Supermärkte nach Obst und Gemüse ab, das angeblich nicht mehr verkauft werden kann."

- „Hört sich echt super an. Ihr seid auf dem richtigen Weg." Kurz vor der Ziellinie überkommt mich dann noch ein peinlicher Groupie-Moment, als ich ihn nach einem gemeinsamen Foto frage. Er hat aber nichts dagegen.

- „Sie sind ja riesig", höre ich mich zu meinem großen Entsetzen sagen.

- „Weißt du was, das denke ich auch immer, wenn ich neben meinem Bruder stehe", meint er trocken und macht meine vergeblichen Streckversuche mit einem breiten Grinsen nach. Intelligent, erfolgreich und jetzt auch noch humorvoll? Ich glaube, ich habe mich gerade verliebt.