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Restaurant Confessionals

Tisch reservieren und dann nicht absagen, das gehört sich nicht

Manche Gäste haben einfach keine Ahnung davon, was sie anrichten können. Das nervt.
15.12.14

Willkommen zurück zu den Restaurant Confessionals, wo wir den Leuten aus der Gastronomie eine Stimme geben, die ansonsten viel zu selten zu Wort kommen. Hier erfährst du, was sich hinter den Kulissen in deinen Lieblingsrestaurants so alles abspielt.

Gastronomie ist auch Show—wie wenn du zu einer guten Prostituierten gehst und du denkst, sie kommt jetzt wirklich.

Eine der absurdesten Geschichten ever: Ein Gast kam ins Restaurant, hatte reserviert, wir begleiten ihn zum Tisch, servieren Apéritif. Wir bringen ihm die Karte und in dem Moment sagt er:

Könnten Sie mir einen kleinen Gefallen tun?"

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Ich: „Klar."

G: „Könnten Sie im Bandol sur Mer anrufen und einen Tisch absagen?"

Ich: „Ja klar. Gerne, mache ich. Für wann haben Sie denn reserviert?"

Gast: „Jetzt."

Ich: „Wie - Sie haben für jetzt reserviert? Wieso haben Sie denn dort einen Tisch reserviert und sitzen noch hier?"

Gast: „Ich habe in beiden Restaurants einen Tisch reserviert und vergessen, im Bandol den Tisch abzusagen. Ich wusste nicht, wo meine Begleitung lieber hingehen will und hab mir beide Optionen offen gehalten."

Ich: „Sie fragen mich jetzt, ob ICH den Tisch absagen kann bei Kollegen, die ich kenne und Sie haben um 20 Uhr reserviert und jetzt ist es 20:15 UhrAha! Ähh, ich glaub, das kann ich nicht machen. Ich bringe Ihnen gern ein Telefon, wenn Sie kein Handy dabei haben, und besorge Ihnen gern die Nummer."

Ich finde es eine Unverschämtheit, wie man in zwei Restaurants gleichzeitig reservieren kann mit dem ganz bewussten Vorsatz, ich sage vorher ab, weil es ja möglich ist. Im Theater würdest du das nie tun. Der Typ sagt vor allem nicht mal eine Stunde vorher ab, sondern dann, wenn er hier bei mir sitzt und der Tisch im Bandol schon seit 15 Minuten auf ihn reserviert ist.

Ich glaube, den meisten ist nicht klar, dass ein Restaurant, wie auch Theater, Show ist.

Die Menschen vergessen in einem Restaurant, dass sie nicht nur Gäste sind, sondern dass sie komplett dazu gehören. Dass sie mit Handschlag begrüßt werden, dass man sie kennt, dass sie Sonderbehandlung kriegen, dass sie besonders sind—dass sie bei Freunden sind.

Es gibt ja Restaurants, wo du ganz gut bekannt bist und da gehst du gar nicht unbedingt immer hin wegen des Essens oder wegen der Weine, sondern weil du die Leute kennst oder weil du magst, was die da tun. Du freust dich dann einfach, weil du dort alle kennst. Fast so wie eine Familie—wie ein erweitertes Wohnzimmer oder wie ein erweiterter Küchentisch.

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Aber dieser Typ—die Unverschämtheit und Unverfrorenheit zu haben, sich gar nicht über die Konsequenzen bewusst zu sein, was er da gerade angerichtet hat. Und dann nicht mal SELBER abzusagen, sondern MIR sagen, ich soll absagen—mit einer Gutsherrenmentalität. Unglaublich!

Im Bandol wurde der Tisch damals dann schnell wieder vergeben, aber normalerweise ist sowas ein finanzieller Verlust. Dir fehlt Geld. Das ist nämlich der Unterschied zum Theater. Stimmt, ob du kommst oder nicht, ist völlig wurscht, denn die Karten sind bezahlt. In einem Restaurant bleibt der Tisch eventuell leer. Und wenn dir das fünfmal die Woche passiert (bei einem Durchschnittsumsatz von 50-100 Euro pro Person), dann fehlen dir 500-1000 Euro (bei zwei Personen).

Du hast vielleicht auch schon Menschen abgesagt oder sie weggeschickt, weil du diesen Tisch auch freihältst. Es geht aber einfach um das Grundprinzip. Im Hotel kriegst du eine Stornierungsgebühr aufgebrummt, wenn du nicht innerhalb von 24 Stunden absagst.

Diese Attitüde, die dahinter steckt, find ich ganz, ganz schwierig. Es ist ein gewisses Werteverhalten. Das macht man einfach nicht—es gehört sich nicht. Man versetzt ja auch nicht einfach so seine Freunde. Wenn du bei Freunden eingeladen bist, dann rufst du ja auch an. Und wenn du gar nicht kommen kannst, weißt du das normalerweise schon ein bisschen vorher.

Foto: Daniel Spoerri Fallenbild für Esslokal

Das Gespräch wurde von Usha Rani aufgezeichnet.