Pekinger Taxifahrer haben ihre eigenen Fast Food-Restaurants

FYI.

This story is over 5 years old.

Pekinger Taxifahrer haben ihre eigenen Fast Food-Restaurants

In den Restaurants der Baiziwan Road in Peking sind der Großteil der Gäste Männer in gelben T-Shirts—die Taxifahrer der Stadt. Einiges spricht für diese Lokale: Dort bekommen sie immer einen Parkplatz und nie Dünnpfiff.
9.6.15

„Es ist nicht professionell, das Auto irgendwo abzustellen und eine Toilette zu suchen, wenn man Diarrhö hat, während ein Kunde im Auto sitzt", erklärt Herr Li zwischen zwei Bissen Schweinefleisch und Reis. „Die Restaurants hier sind alle sehr sauber und so bekommt man keine Diarrhö. Daran muss ich sehr oft denken."

Li ist einer der geschätzten 60.000 bis 70.000 Taxifahrer, die in Peking arbeiten. In einem schäbigen kleinen Lokal mit dem Namen Shaanxi Handmade Noodles am westlichen Ende der Baiziwan Road füllt er seine Energiespeicher wieder auf. Die Restaurants, die sich an diesem Straßenabschnitt befinden, werden fast nur von Männern in gelben T-Shirts besucht—Taxifahrern. Einiges spricht für diese Lokale: die großzügigen Parkmöglichkeiten, es gibt in der Gegend vergleichsweise wenige Polizisten, die Strafzettel verteilen, und man bekommt von dem Essen dort keinen Durchfall.

Lu-Hui-final

Taxifahrer Li im Pekinger Restaurant Shaanxi Handmade Noodles. Alle Fotos von Liz Phung.

Viele der Fahrer arbeiten 12 Stunden pro Tag, entweder von sechs Uhr morgens bis sechs Uhr abends oder umgekehrt. Eine ganze Reihe von Lokalen wie die auf der Baiziwan Road haben sich auf deren Bedürfnisse eingestellt und sind zu geschäftigen Treffpunkten geworden.

Weil ich wissen will, wie sich die Männer, mit denen ich noch nie mehr als ein „bitte hier links" gewechselt habe, zwischen Taxifahrten stärken, bestelle ich eine Schüssel Nudeln für 10 Yuan (1,40 Euro). Wie der Name des Restaurants bereits verrät, werden viele der Nudelgerichte im Stil der Shaanxi-Küche angeboten. Das bekannteste Gericht sind wohl die Biangbiang-Nudeln, die eigentlich sehr dick sind. Ich bekomme aber dünnere Nudeln aus der Maschine, die auf dem Bild weiter unten zu sehen ist. Leider ist das das Salzigste, was ich je gegessen habe, seit ich mit 12 Jahren einmal aus Neugier an einem Salzleckstein eines Pferdes geleckt habe.

Anzeige

Li lässt mich seinen Haufen Reis, Schweinefleisch und Nudeln probieren, der genießbarer und mit 15 Yuan (2,15 Euro) auch ein bisschen teurer ist. Weil Apps wie Uber es für Taxifahrer in China immer schwieriger machen, einen anständigen Lohn zu verdienen, ist es für viele Gäste hier zur Priorität geworden, sehr günstiges, aber gleichzeitig sättigendes Essen zu bekommen.

Noodles-close-up-final

Selbst gemachte Nudeln auf der Baiziwan Road in Peking. Die Nudelmaschine vor Shaanxi Handmade Noodles.

Ein paar Türen weiter stellt das nächste Restaurant bereits Lis Aussage über die Sauberkeit der Lokale auf diesem Straßenabschnitt infrage. Ich würde mein Mittagessen ganz sicher nicht von diesem Boden essen.

Fast-Taxi-inside-final

Im Fast Taxi-Restaurant. Rush Hour am Mittag im Fast Taxi auf der Baiziwan Road.

Das Mittagsangebot ist aber ziemlich überzeugend: 14 Yuan (2 Euro) für einen riesigen Haufen Schweinefleisch, Tofu, Kohl und einen Hühnerschenkel, dazu so viel Reis, wie man möchte. Die fade, beige Erscheinung des Gerichts steht im Kontrast zur ausgezeichneten Würze und dem Geschmack. Musik trällert aus einem kleinen Radio in der Ecke und obwohl mich der Raum zuerst an eine Folterkammer aus Hostel erinnert hat, gefällt es mir langsam. Herr Wang, der Fahrer, der sich bereit erklärt hat, mir die Gegend zu zeigen, scheint sowohl mit seinem Mittagessen als auch seinem Leben zufrieden zu sein.

„Früher arbeitete ich im Straßenbau und fuhr Bagger, aber dann beschloss ich, Taxifahrer zu werden", sagt er. „Ich fühle mich viel freier. Ich kann mir immer einen Tag frei nehmen, wenn ich möchte. Es geht mir nicht darum, viel Geld zu verdienen. Ich würde nicht gerade sagen, dass es mir Spaß macht, es ist nämlich sehr anstrengend. Aber ich bin sehr flexibel und im Vergleich zu anderen Jobs ist es gar nicht so übel."

Baiziwan-Road-final

Baiziwan Road in Peking, das Zuhause von einer Reihe von Lokalen, die fast ausschließlich von Taxifahrern besucht werden.

Wir gehen weiter zu Delicious Stone Pot, noch einmal ein paar Türen weiter. Hier kümmert sich der Besitzer Herr Zhang um die kochenden Töpfe mit scharfer Suppe und serviert uns Schaffleisch mit Kohl und Glasnudeln. Er erklärt uns, dass er seine Speisen in Metall- statt Steingefäßen serviert, weil sie so schneller abkühlen und sie die Taxifahrer schneller verzehren können, um weniger Arbeitszeit einbüßen zu müssen.

Delicious Stone Pot ist das freundlichste der Lokale, die ich auf der Baiziwan Road besuche. Es gibt einen netten Speiseraum, in dem sich die Taxifahrer in lachendem und gleichzeitig jammerndem Ton über ihre Erlebnisse mit eigenartigen Fahrgästen austauschen.

Stone-pot-inside-final

Delicious Stone Pot, wo das Essen in Metallschüsseln serviert wird, damit es schneller abkühlt. Schaffleisch und Kohl, darunter Glasnudeln im Delicious Stone Pot.

„Manchmal trinke ich Red Bull oder Chrysanthemen-Tee, um während der Schicht wach zu bleiben", erzählt Wang. „Meine längste Schicht dauerte 14 Stunden, aber normalerweise arbeite ich um die 10 und lege mich einfach kurz aufs Ohr, wenn es sein muss. Und ich achte darauf, dass ich nicht zu viel esse." Er deutet mit seinem Blick auf einen Fahrer vor uns, der zwei volle Schüsseln Essen vor sich stehen hat. „Scheint, als hätten alle Taxifahrer—außer ich—einen großen Bauch, weil sie sich zu wenig bewegen."

Ein weiteres beliebtes Lokal ist ein riesiges Buffet-Restaurant, das übersetzt in etwa „fettiges Fast Food-Restaurant" heißt und sich auf der Jiangtai Street befindet. Kurz nachdem wir unser Teller leergegessen haben, schmeißen uns die misstrauischen Besitzer förmlich aus dem Laden. Ob man eine große Kamera oder eine Uzi mit sich trägt, macht in China manchmal keinen Unterschied.

Anzeige

Während unseres kurzen Zwischenstopps im fettigen Fast Food-Restaurant frage ich Wang, über welche Aspekte der Arbeit er und seine Freunde sich beim Essen unterhalten. Taxiunternehmen in Peking wurden von Kritikern beschuldigt, auf einer monopolisierten Branche zu sitzen und die Regierung kontrolliert streng, wie viele Lizenzen ausgestellt werden. Wangs Abkommen ist recht typisch in Peking: Er bezahlt 5000 Yuan (ca. 715 Euro) pro Monat für die Lizenz, darf alle Einnahmen behalten, muss aber auch den Treibstoff sowie jeglichen Wartungskosten aus eigener Tasche bezahlen.

Fatty-Fat-Restaurant-final

Das „fettige Fast Food-Restaurant".

Wang sagt, er verdiene pro Monat um die 5000 Yuan, aber aufgrund der steigenden Popularität von Taxiapps wie Uber oder Didi Dache musste er Profit einbüßen. Bevor sich die Apps verbreitet hatten, verdiente Wang um die 700 Yuan (100 Euro) pro Nachtschicht, mittlerweile sind es nur noch um die 500 Yuan (70 Euro). „Wenn diese Apps weiterhin so beliebt sind und die Linzenzgebühren nicht gesenkt werden, werden viele aufhören", befürchtet er.

Einige chinesische Taxifahrer haben relativ extreme Maßnahmen als Protest gegen die Leasing-Regelungen ergriffen. Vergangenen April reisten über 30 Fahrer von der nördlichen Stadt Suifenhe nach Peking, um als scheinbaren Massenselbstmordversuch auf einer viel beschäftigten Einkaufsstraße Pestizide einzunehmen. Schon seit Januar fanden in mehreren Städten Proteste gegen die hohen Lizenzgebühren statt.

Fatty-meal-final

Eine Mahlzeit vom Buffet des „fettigen Fast Food-Restaurants".

Wang wird sich den Protesten in nächster Zeit jedoch nicht anschließen. Er sagt, wenn die finanziellen Probleme akuter werden, werde er sich einfach einen anderen Job suchen. „Ich finde es nicht notwendig, so einen Aufstand zu machen", sagt er. „Die Sache ist ganz simpel: Man nimmt die Dinge an, wie sie sind, oder man hört auf. Wir sind hier nicht in den USA. In China ist es schwierig, sich mit Beamten zu streiten. Man zieht immer den Kürzeren."

Er deutet auf sein Metalltablett, das genauso gut auch aus einem Gefängnis oder einer Schulkantine wie aus einem Buffet-Restaurant stammen könnte, und das mit Schweinefleisch mit reichlich Knoblauch, Hühnerfleisch und geriebenen Kartoffeln gefüllt ist. „Etwas Anständiges zu essen zu haben, ist genug", sagt er.

Zusätzliche Berichterstattung von Cissy Young.