Kochen an den Grenzen der Festung Europa

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Flüchtlingskrise

Kochen an den Grenzen der Festung Europa

Dank der Arbeit des Kochkollektivs „No Border Kitchen“ bekommen Tausende Flüchtlinge auf der Insel Lesbos jeden Tag dringend benötigtes Essen. Aber vor allem können sie hier für ein paar Stunden vergessen, dass sie auf der Flucht sind.
MW
London, GB
14.1.16

In einer professionellen Küche Essen für Hunderte Gäste zuzubereiten ist sicherlich schon schwer genug. An den Grenzen der Festung Europa wird das zu einem Akt des Unmöglichen.

Das hat das Team von No Border Kitchen aber nicht abschrecken können. Sie kochen auf der Straße, in besetzten Häusern oder in alten Eisenbahnwaggons auf und versorgen täglich Tausende Flüchtlinge. Nicht selten versuchen die Polizei oder die örtlichen Behörden sie zu vertreiben.

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Die Flüchtlinge auf Lesbos werden von No Border Kitchen mit Essen versorgt. Alle Fotos von Tom Whittaker.

Auf der griechischen Insel Lesbos haben sie ihre Küche auf einer Straße aufgebaut, ungefähr anderthalb Kilometer nördlich vom Fährhafen.Es ist ein kalter Dezembernachmittag; seit mittlerweile sechs Wochen sind sie hier. Ihr Camp befindet sich in direkter Nähe zum Meer.Ab und zu kommt ein völlig überfülltes Schlauchboot nur ein paar Meter weiter entfernt am Strand an. Aus Pappe haben sie Buchstaben ausgeschnitten und an ein Geländer gehangen: „REFUGEES WELCOME"

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Als ich ankomme, diskutieren gerade ein paar Teammitglieder mit zwei Männern der Waldschutzbehörde. Die Beamten beschweren sich über die Zelte, die unerlaubterweise im kleinen Waldstück gegenüber der Straßenküche aufgestellt wurden.

Einer von ihnen fragt uns, woher wir kommen. „London", antworte ich, dann fragt er Lunte, eine der erfahrensten Mitglieder von No Border Kitchen, dasselbe. Sie seufzt und schaut ihn an: „Wie gesagt, ich bin einfach nur ein Bürger dieser Welt." Diese Antwort gefällt dem Beamten nicht. „Ich glaube einfach, Sie haben keinen Respekt", sagt er zu ihr, bevor er sich umdreht und geht.

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Das Verhältnis zwischen No Border Kitchen und der Polizei oder anderen Behörden ist angespannt. Die Behörden auf Lesbos beschweren sich zunehmen über die große Zahl nicht registrierter Freiwilliger. Dafür hat Lunte kein Verständnis.

„Sie fühlen sich von ein paar Menschen bedroht, die den Flüchtlingen lediglich eine Möglichkeit zum gemeinsamen Austausch bieten", sagt Lunte. „Wir wollen ihnen nur etwas Trockenes zum Anziehen, Essen und Wasser geben. Dann kommen die und sagen, das sei verboten."

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Beim Anblick des Camps zeigt sich schnell, was No Border Kitchen alles tut, um die Flüchtlinge zu unterstützen. Auf dem Fußweg stehen stapelweise Kisten mit Lebensmitteln mit Planen abgedeckt. Daneben sind drei große Gasflaschen, die an einen Herd angeschlossen sind, hinter dem gerade ein riesiger Mann mit Dreadlocks steht und in einem großen Topf herumrührt.

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Auf der anderen Straßenseite trocknen Schuhe auf einer Mauer in der Sonne. An einem Transporter kleben Karten von Europa, Informationen zu Grenzübergängen und ein Schild, auf dem auf Arabisch und auf Farsi steht: „Wir kochen, um euch auf eurer Reise zu unterstützen. Wir wollen eine Welt ohne Grenzen. Das Essen wird durch Spenden finanziert. Kein Mensch ist illegal!"

Bevor sie von der Krise in Lesbos gehört haben, sind zwei der Freiwilligen, Anne Gaglairdi und Micha Noordegraaf aus den Niederlanden, mit ihrem Campingbus durch Europa gereist.

„Es geht darum, Solidarität mit den Flüchtlingen zu zeigen", sagt Micha. „Es ist nicht so, dass wir kochen und ihnen einfach nur das Essen geben. Wir kochen alle gemeinsam. Es geht nicht nur um Wohltätigkeit, sondern eben auch um Solidarität. Das hat mich echt überzeugt."

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Anne erzählt mir, dass der Mann mit den Dreadlocks erst heute morgen hier angekommen ist. Er kommt eigentlich von der Elfenbeinküste, war auf dem Weg zum Fährhafen und sich kurz im Camp aufgehalten. Er stellte sich einfach hinter den Herd, um ein Gericht aus seiner Heimat zu kochen. Er schnappte sich eine Flasche Pflanzenöl und goss sie komplett in den Topf, drehte sich um und fragte die verwirrten Freiwilligen nach einer zweiten Flasche.

Trotz dieser etwas ungewöhnlichen Zubereitung—oder vielleicht gerade deswegenschmeckt das Ergebnis fantastisch. Die Basis des Gerichts sind Linsen, dazu kommen Tomaten, Gewürze und anderes Gemüse, sodass ein perfekt ausbalancierter Eintopf entsteht. Ich will den Koch nach seinem Rezept fragen, aber er ist schon auf dem Weg zur Fähre, die nächste Etappe seiner langen Reise nach Europa.

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Als ich ein paar Tage später zum Camp zurückkomme, läuft gerade ein Fußballspiel. Torpfosten wurden durch Rettungswesten vom Strand ersetzt. Lunte steckt mich in ein Team und jeder von uns bekommt Warnwesten. Einer der Spieler starrt verwundert auf den Slogan, den jemand auf die Weste gemalt hat. Lunte versucht zu erklären und liest ihm die Zahlen vor.

„1, 3, 1, 2", sagt sie lachend. „All Cops Are Bastards?" Der Mann sieht sie an, zuckt mit den Schultern und zieht die Weste an.

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Einer der Freiwilligen aus den USA zieht eine Weste an und kommt mit in mein Team. Er löst den 50-jährigen Afghanen ab, der bisher im Tor stand. Sekunden später kassieren wir ein Tor: Der schlaffe Ball schießt einfach an unserem neuen Torhüter vorbei. Ich werfe dem ausgewechselten Afghanen einen kurzen Blick zu, er schüttelt nur mit dem Kopf und reißt verzweifelt die Arme in die Luft. Als der Ami dann schnell wieder ausgewechselt wird, lachen wir uns beide kaputt.

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Während einer kurzen Spielpause setze ich mich zu Lunte. Sie erzählt mir, dass alles mit ein paar Küchengeräten angefangen hat, die sie von drei mobilen Küchen aus Deutschland bekommen haben. Seitdem reisen sie dem Flüchtlingsstrom entgegen, erst nach Ungarn, dann nach Slowenien. Dann trennten sich ihre Wege.

Einige Teammitglieder gingen nach Idomeni, eine Stadt an der griechisch-mazedonischen Grenze, wo es zu heftigen Spannungen zwischen der Polizei und den Flüchtlingen kam, die zu Tausenden nach Mazedonien wollten.Andere wie Lunte sind nach Lesbos gegangen, wo allein 2015 über 400.000 Flüchtlinge angekommen sind.

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Lunte erklärt mir, dass radikales Kochen in Deutschland Tradition hat: Um andere Aktivisten zu unterstützen, wird bei Demonstrationen oft gekocht. „Ohne Mampf, kein Kampf!", sagt Lunte.

„Für mich hat das nichts mit Wohltätigkeit zu tun, sondern damit, Verantwortung zu übernehmen. Uns geht es doch gut, wir haben alles, was wir brauchen. Aber es gibt Menschen auf der Welt, die durch unseren Wohlstand leiden", sagt sie. „Diese Menschen haben echte Probleme und ich denke, dass ich ihnen helfen kann und sollte."

Dank No Border Kitchen bekommen Tausende Flüchtlinge jeden Tag eine dringend benötigtes Essen. Aber vor allem können sie hier für ein paar Stunden vergessen, dass sie auf der Flucht sind.

Alle Fotos von Tom Whittaker.