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Syrien

Ich habe mit syrischen Rebellen gegessen

Als ich für den Dreh einer Dokumentation in Aleppo war, wurden meine Crew und ich in das Hotel einer Gruppe von al-Nusra-Kämpfern eingeladen. So höflich wie wir waren, nahmen wir die Einladung zum Abendessen an.

von Anonym
11 Mai 2015, 8:05am

Foto: Christina Kadluba via Flickr

Vor ungefähr einem Jahr war ich in Aleppo in Syrien, um eine Dokumentation zu filmen. Wir hatten eine winzige Crew: nur ich, der Korrespondent und ein syrischer Produzent und Dolmetscher, der gleichzeitig auch unser Fixer war.

Wir waren unter dem Schutz von Liwa al-Tawhid, einer moderaten Rebellengruppe, die Teil der Islamischen Front ist. Sie will einen islamischen Staat, aber verfolgt keinen so harten Kurs wie al-Nusra und sie ist auf keinen Fall der IS. Für die meisten Leuten gelten die Mitglieder der Gruppe als „furchterregende Rebellen", aber zu uns waren sie ganz nett.

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Damals hatte Liwa Al-Tawhid ein Übereinkommen mit der al-Nusra-Front—die dort ebenfalls im kleineren Rahmen agierten—, um zusammen gegen das syrische Regime zu kämpfen, also bereitete uns die Anwesenheit von al-Nusra-Mitgliedern nicht allzu viele Sorgen. Es war klar, dass wir unter dem Schutz des Islamischen Front standen, aber wir wussten, dass wir umsichtig sein müssen, weil sie bereits in der Vergangenheit Journalisten gekidnappt und an den IS verkauft hatten.

Dass wir ihnen aber bald schon durch Aleppos alte Gassen auf dem Weg zum eigenartigsten Abendessen unseres Lebens folgen würden, war uns zu diesem Zeitpunkt noch nicht klar.

Die al-Nusra kamen immer zu unserem geheimen Unterschlupf, um unseren Internetanschluss zu verwenden und Tee zu trinken. Den Pressesprecher hatten wir schon einige Male bei uns gesehen. Es war recht jung und sehr entspannt, man könnte sagen freundlich.

Eines Tages kamen wir erschöpft vom Dreh zurück und trafen auf einen al-Nusra-Kämpfer, der in einem Sprengstoffgürtel da saß und Tee trank.

Meine Kollegen und ich sahen uns mit vielsagenden Blicken an: Ist das das, nach dem es aussieht? Ich meine, wir hatten davor noch nie einen gesehen und es fühlte sich merkwürdig an. Es sah genauso aus, wie es klingt: ein gefährlicher Gürtel mit Sprengstoff daran befestigt, von dem überall Kabel wegstehen und an dem sich ein sichtbarer Schalter befindet. Er trug den Gürtel, falls er vom Regime gefangen genommen werden sollte, aber nichts macht einen mehr nervös als etwas Hochexplosives.

Eines Tages kamen wir erschöpft vom Dreh zurück in unseren Unterschlupf und trafen auf einen al-Nusra-Kämpfer, der in einem Sprengstoffgürtel da saß und Tee trank.

Der Mann mit dem Gürtel und der Pressesprecher unterhielten sich mit einigen anderen Kommandanten und einem palästinensischen Fotografen, den wir schon länger kannten. Wir wollten sie nicht im gleichen Raum haben, während wir unser Material schneiden, also versuchten wir, die Situation so gut wie möglich einzuschätzen. Ich deckte ganz diskret meine Tätowierungen ab, um nicht den Anschein zu erwecken, respektlos oder unhöflich zu sein.

Unser Fixer, der es auf wunderbare Weise schafft, dass sein Gegenüber sich entspannt, begann ein Gespräch mit dem Pressesprecher an. Anscheinend wollten die al-Nusra-Kämpfer, dass wir auch einen Film über sie drehen, also fingen wir an, uns darüber zu unterhalten. Sie stellten uns Fragen über das Filmemachen wie „Wie groß ist die Range einer GoPro?"

Ich erklärte ihnen, dass es darauf ankommt, was man filmen möchte.

Darauf antwortete einer von ihnen: „Glaubst du, ihr könntet uns nächste Woche bei einem Selbstmordanschlag filmen?"

Wir mussten uns offen zeigen und konnten nicht sofort „Nein!" rufen, obwohl es allerlei moralische Gründe gibt, warum wir das nie machen würden. Dann erzählte unser Fixer, dass die al-Nusra-Kämpfer uns zu ihnen nach Hause eingeladen hatten. Sie verstanden überhaupt kein Englisch, also fragten wie ihn: „Ist das cool, Mann? Wir finden das nicht cool."

„Ich glaube, es wäre ein bisschen unhöflich, nein zu sagen", erklärte er. „Keine Sorge, es wird nichts passieren."

Wir nahmen also die Einladung an und gingen mit ihnen zu ihrer Unterkunft. Damals waren die meisten Soldaten in Aleppo im ältesten Teil der Stadt und natürlich absichtlich in der Nähe des Regimes, um die Wahrscheinlichkeit zu verringern, von den Fassbomben Assads getroffen zu werden. Der sicherste Ort war direkt neben dem Feind.

Wir folgten der Gruppe durch das mittelalterliche Gewirr der winzigen, kurvigen Straßen, bis wir an einem der schönsten Hotels, das ich je gesehen habe, ankamen. Wie in Marrakesch, nur viel, viel schicker.

Als wir das Hotel betraten, sahen wir ein Kind, es war vielleicht 14, das vor einem Fernseher saß und Tom & Jerry ansah. Alles kam mir so surreal vor: Wir befanden uns in diesem fast ausgestorbenen Luxushotel, während ein Mann nebenan sich gerade einen Sprengstoffgürtel auszieht und ein Kind Cartoons im Fernsehen ansieht. Im Hinterkopf dachte ich mir: Sollten wir vielleicht doch ein bisschen Angst vor diesen Typen haben? Aber sie sind alle so jung und gastfreundlich. Ist das eine Falle?

Einer der Kämpfer schaltete schnell die Nachrichten von BBC ein, wo Briten zu sehen waren, die gegen die Taliban kämpften. Um jegliche kontroverse Themen zu vermeiden, baten wir sie, einen anderen Sender auszuwählen.

Die al-Nusra-Kämpfer unterhielten sich hauptsächlich untereinander, aber boten uns bald etwas zu essen an. Wir waren alle sehr hungrig. Es wurde kurz darüber diskutiert, was alle essen möchten und um so höflich wie möglich zu sein, sagten wir natürlich, dass wir keine besonderen Wünsche hätten. Dann gingen der nette Pressetyp und der Fotograf das Essen holen.

Sie kamen mit Cheeseburgern zurück. Ich habe keine Ahnung, ob sie aus ihrer Militärküche stammten oder ob sie sie in einem der letzten übrig gebliebenen Cafés gekauft hatten, aber sie waren richtig, richtig gut.

Das Brot war lecker. Sie waren mit Salat, einer Art Burgersauce und Pommes belegt. Das würde ich sonst vielleicht nicht unbedingt bestellen, aber die Pommes waren knusprig, also passte es ganz gut zusammen. Sie hatten auch für alle Cola mitgebracht und ich nahm dankend einen halben Burger Nachschub an.

Unsere Gastgeber waren extrem großzügig mit ihrem Essen und fragten immer wieder nach, ob es uns schmeckte und ob wir auch genug hatten, was typisch Nahöstlich ist. Außerdem wird nur vor und nach, aber niemals während des Essens gesprochen—zumindest nach meinen Erfahrungen.

Ganz ohne Worte war es offensichtlich, dass diese Burger die Anspannung aus der Situation nahmen, wie es nur Essen schafft. Ich hatte mich in keinem Moment entspannter gefühlt.

Ich war überrascht, wie gut das meiste Essen in Aleppo schmeckte, wenn man das Problem der Nahrungsmittelknappheit bedenkt. Vieles wird immer noch in der Umgebung auf dem Land produziert und die verschiedenen bewaffneten Gruppen haben scheinbar irgendwelche Vereinbarungen mit den Bauern, damit sie an die Lebensmittel kommen. Den Einheimischen fehlt es dazu leider an den finanziellen Mitteln.

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Nachdem wir gegessen hatten, bekamen wir eine Führung durch das Hotel und sie zeigten uns die Hamam-Bäder, in denen sie beteten und schliefen. Sie zeigten uns ihren Swimming Pool und fragten, ob wir schwimmen gehen wollten. Zu diesem Zeitpunkt dachten wir uns langsam alle: OK, wir waren höflich. Wir hatten unser Essen. Gehen wir lieber zurück, bevor irgendwelche politischen Themen aufkommen.

Ich Nachhinein denke ich, dass wir einfach junge Typen aus dem Westen waren und sie junge Syrer und sie fanden uns einfach interessant. Sie saßen dort fest, verloren ständig Freunde und sahen in uns eine Abwechslung, ein bisschen Spaß.

Ihr Führungsstab hätte vielleicht eine andere Einstellung gehabt, aber ich habe schon von ähnlichen Situationen im Iran gehört. Dort drehte sich ein Einheimischer in einer Menge, die Anti-US-Slogans rief, zu einem amerikanischen Journalisten um und fragte: „Du kommst aus New York? Das ist so cool. Wie ist das so? Ich wollte da schon so lange mal hin."

Ich schätze, wir waren einfach eine willkommene Ablenkung von der Monotonie des Kriegs, zumindest für die Länge einer Mahlzeit. Und wir gingen sogar mit einem Paar Hotelpantoffeln nach Hause.

Aufgezeichnet von Suze Olbrich.