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"Wir sind keine EDM-DJs" – Linkin Park stellen sich ihren Hatern

Linkin Park machen jetzt Elektro-Pop und haben es sich damit bei vielen Fans versaut. Wir haben Mike Shinoda zu einigen kritischen Facebook-Kommentaren Stellung beziehen lassen.
6.4.17

Mit dem Crossover-Giganten Hybrid Theory haben Linkin Park im Milleniumsjahr der Rockwelt eine Heldentat hinterlassen. Unkonventioneller Rap über stark verzerrte Nu Metal-Gitarren, dazu die vor Selbstzweifel explodierende Stimme von Chester Bennington. Mit dem Nachfolger Meteora und Brechern wie "Faint" konnten sie ihre Schmetterlingsflügel-Soldaten-Flagge hochhalten. Schiff in Sicherheit gebracht. Jetzt standen die erfolgreichen Jungunternehmer aber vor einer ernsten Entscheidung: Weitermachen wie gehabt und Gefahr laufen, mit dem Nu Metal ins Grab zu wandern? Oder doch lieber den verlockenden Boden der Massentauglichkeit betreten?

Ihr wisst, was kommt: Linkin Park gingen auf Konfrontationskurs mit ihren harten Wurzeln. Durch die Hitsingle "What I've Done" von Minutes To Midnight wurden die Synthesizerflächen und Hooks stadionfähig. Songs wie "Bleed It Out" und "Given Up" blieben weit einfacher gestrickt: Mike Shinodas Rap zurückgefahren, die Instrumente im Mix nach unten geregelt und elektronische Strophen drängen zur leicht verständlichen Hook. Alles erstklassig konstruiert, aber spätestens die Ballade "Shadow Of The Day" eröffnete ein neues, beängstigend unbekanntes Universum von Linkin Park. Eins, in dem sich die top gestylten Jungs aus Los Angeles erschreckend wohlfühlen. Wie in "Waiting For The End" vom Album A Thousands Sun, wo nach diesem abgefahren mitreißendem Rap am Anfang Chester in einen schwanengleichen Schlagergesang abdriftet. Schließlich macht die Pop-Schnulze "Final Masquerade" von der letzten Platte The Hunting Party den Sack mit Ambient-artiger Glattheit zu.

Mit der Scheibe wollten Linkin Park eigentlich allen Hatern die Mittelfinger frontal bis zum Gaumen hochstoßen und eine Art Anti-Radio-Kampagne abliefern. Es sollte brutal, ranzig und roh werden. Damit alle sehen: Linkin Park geben einen Fick auf ihr Pop-Image. Sie waren genervt von dem generischen Müll, der da im Radio läuft, erklärte Mike Shinoda in zahllosen Interviews. Leider war auch The Hunting Party nur mittelmäßiger Garagen-Riff-Kauderwelsch, bei dem selbst jede Jugendklub-Band mit Songs wie "Freibier für alle" mehr Dramaturgie besitzt.

Nun ist die brandneue Single "Heavy" des am 19. Mai erscheinenden Albums One More Light da und Linkin Park dürfen sich erneut breiter Kritik aussetzen. Eine weichgenudelte Radio-Rotation mit der zartbesaiteten Sängerin Kiiara und ähnlich sanftmütigen Synthesizern, die auch Justin Bieber auf Purpose streichelt. Zufall? So gar nicht. Linkin Park haben sich für "Heavy" Biebers Produzenten Julia Michaels und Justin Tranter mit ins Boot geholt. Fans kriegen sowas schneller spitz als man seine Hybrid Theory aus dem Plattenschrank holen kann. Deshalb zieren Linkin Parks Facebook-Account jetzt allerlei verbale Ausfälle, aber auch ein paar konstruktive Kritiken und besorgte Nachfragen. Wir haben ein paar Kommentare gesammelt und Linkin Parks Rapper und Gitarristen Mike Shinoda vorgelegt.

Foto: Vincent Grundke

Noisey: Du bist sehr aktiv in den sozialen Medien. Wie gehst du mit ihnen um?
Mike Shinoda: Um das ins rechte Licht zu rücken: Unseren ersten Song vorm ersten Album haben wir auf Kassette gepresst. Wir haben also die Anfänge von Social Media miterlebt. Manche Künstler sind aktiv auf Social Media, weil es ihr Job ist. Ich liebe es einfach, mich mit Leuten zu vernetzen.

Habt ihr einen Social Media Manager für Facebook?
Nicht wirklich. Wir haben Lorenzo, der das Marketing unserer Social Media betreut. Er war vor Jahren bezahlendes Mitglied unseres Fanclubs und da immer voll aktiv und smart. Dann haben wir ihn angeheuert. Aber wir posten alles selbst, zu hundert Prozent.

Nimmst du dir auch Zeit, die Kommentare zu lesen?
Oh ja, ich weiß, was die Leute sagen. Es gab Zeiten, wo ich das etwas vermieden habe, weil es zu negativ wurde. Nicht mal wegen unserer Musik: Als ich etwas über den Women's March in Los Angeles gepostet hatte, waren die Reaktionen sehr emotional in Bezug auf die amerikanische Politik. Das war heftig. Davon musste ich mich distanzieren. Das belastet, wenn Leute so wütend sind.

Aber du fragst sicher wegen unserer Musik: Wir machen seit zehn Jahren Alben, die für unsere Fanbase kontrovers sind. Für unsere letzten vier Alben haben wir polarisierende Reaktionen bekommen. Ein-Stern-Reviews und Fünf-Stern-Reviews, aber kaum in der Mitte.

Nimmst du wahr, wie viele negative Kommentare ihr für eure neue Single "Heavy" bekommt?
Ja, das kann man so sehen, dass es viele negative Kommentare sind. Aber man muss bedenken: Das ist die lautstarke Minderheit. Eine kleine Gruppe von Menschen von den über 60 Millionen Followern, die wir auf Facebook haben. 20.000, die sehr viel kommentieren, sind nicht mal ein Prozent. Jedenfalls sind die laut und verschaffen sich Gehör. Eben diese Art von Menschen, die alles kommentieren müssen. Ich kommentiere gar nichts. Keiner meiner Freunde tut das, meine Frau auch nicht. Ich mache das nur, wenn ich in ein Restaurant gehe und es echt scheiße schrecklich war. Dann verfasse ich den Kommentar aber nicht als Mike Shinoda, sondern unter einem falschen Namen und gebe eine Ein-Stern-Review über diese fürchterliche Erfahrung. Wenn es aber um Musik geht, dann mache ich das nicht. Ich kann mich diesen Leuten also nicht identifizieren.

Ein negatives Kommentar stört mich nicht, wenn es einfühlsam und respektvoll ist. Zum Beispiel "Ich mag euer letztes Album." Ein vernünftiger, ichbewusster Kommentar. Chester [Anm.: Bennington, Sänger] hat mir von einem Kid erzählt, das einen richtigen Wutanfall bekommen hat. Er hat der ganzen Welt die Karriere von Linkin Park erklärt: "Hier, was die Band nicht versteht, hier, was ihr Motherfucker nicht versteht. Ihr wisst gar nicht, worüber ihr redet." Dann gingen die Streitereien los. Chester wollte dann wissen, wer dieser leidenschaftliche Typ ist, der den Thread entfacht hat. Er war 14 Jahre alt. Er war NOCH NICHT MAL AM LEBEN (!!!), als Hybrid Theory rauskam. Das ist witzig und interessant, wie ein junger Mensch so großtuerisch sein kann.

Wir wollen dir ein paar Kommentare zeigen, angefangen mit dem hier:

Wenn ich einen Kommentar sehe, den ich interessant finde, dann schaue ich auf das Profil. Wenn das Profilbild eine Black-Metal-Band zeigt und das alles ist, was sie hören, dann ist das OK. Dann erwarte ich auch keinen anderen Kommentar. Jemand anderes hat gesagt: "Diese Musik ist so simpel. Mein kleiner Bruder hätte das schreiben können. Wo ist das musikalische Handwerk, die Kreativität?" Ich höre sehr viele Arten von Musik. Was ich vom Musikmachen weiß: Wenn man wirklich tief in einem Genre feststeckt, kennt man die Feinheiten haargenau. Wenn du also Metalfan bist, kennst du die Unterschiede zwischen Black Metal, Prog Metal und Nu Metal. Du sagst dann: "Das ist etwas zu Emo für meinen Geschmack." Oder ähm … Wie heißt das Wort? So etwas wie Meshuggah…

Djent?
Djent! Genau, du kennst direkt das Wort. Ich kannte das nicht mal. Jetzt weiß ich sofort, dass du echt tief in dem Genre bist. Wenn jemand also aus einem Genre kommt und über ein anderes spricht, dann wollen sie indirekt sagen: Der ganze andere Scheiß klingt für mich gleich. Spiele einem HipHop-Fan Mastodon, Meshuggah und Gojira vor. Er wird dich fragen, was der Unterschied ist. Der, der den Kommentar mit dem fehlenden Handwerk verfasst hat, weiß nicht viel übers Programmieren, über Keyboards und Samples. Sonst wüsste er, wie schwierig das ist, so einen Track zu bauen, der einzigartig ist. Es gibt einen verdammt riesigen Unterschied zwischen Avicii und Flume. Avicii kann sich wie jeder andere Stock-Sounds besorgen…

Macht er das?
Ich denke ja. Ich weiß es nicht, aber für mein Gehör zumindest. Sounds, die einfach zu besorgen sind. Flume macht seinen Scheiß selber. Amon Tobin nutzt Software, die kein anderer bedienen kann. Deswegen klingt sein Scheiß so dope.

Ja, die allgemeine Wahrnehmung ist: Am Computer sei es viel einfacher, Musik zu machen, als wenn man erst ein "richtiges" Instrument erlernen müsste.
Sind wir die technischten Musiker? Fuck nein, die sehe ich seit 15 Jahren auf den Bühnen der Welt. Das bewundere ich, es wäre wundervoll, wenn ich so präzise mit meinem Instrument wäre. Ich habe Tool gesehen. Wir sind so nicht. Aber in unserer neuen Musik ist das Keyboard auch wirklich ein Piano, da läuft kein Backing-Track ab, wir drücken keine Leertasten, sind keine EDM-DJs.

Wer sind "die Beiden"?

Chester Bennington und du. Oft meinen die Fans auch Gitarrist Brad Delson und dich.
Wirklich? Das sind seltsame Kommentare. Ah, sie haben ja nur "Heavy" gehört. Das macht Sinn. Sie wissen vielleicht nicht, dass in der zweiten Hälfte der Songs Live-Drums sind, weil die mehr nach Samples klingen. Ob da ein Live-Bass drauf ist? Ich glaube ja, aber es ist mehr in den Unterton gemischt.

Live-Gitarren?
Ja, aber clean wie bei The Cure. Auf Kopfhörern hört man die, sie sind aber etwas heruntergemischt. Wenn du in "Numb" die Gitarren, den Bass und die Drums halb so laut regeln würdest, wird es automatisch zu der Version mit Jay Z. All das bleibt im Song. Wenn es in Songs nur vier Elemente gibt, hörst du sie alle direkt. Bei uns sind es 30. Die kannst du nicht alle hochziehen. Dann wäre es nur Krach. Man muss eine Hierarchie erschaffen.

Als Musiker versteht man etwas von dem, was man da tut. Das wird für einen nicht ersichtlich, der es nicht besser weiß. Als "Heavy" gerade rauskam, hörten wir von drei, vier wirklich harten Bands, mit denen wir getourt sind: "Yo, diese neue Single ist so großartig." Und ich so: "Ihr wisst, dass wir dafür gekillt werden. Unsere gemeinsamen Fans werden sehr lautstark werden." "Jaja, fick auf die. Wir lieben es." Aber es geht auch um die anderen Fans, die sehr glücklich sein werden. Und vielleicht gewinnen wir auch neue Fans.

Was ist für dich ein Künstler?
Ich bin nicht gerade der größte Tool-Fan der Welt, aber es gibt einen Song darüber, wie sich ihre Band ausverkauft. Der war auf Aenima ["Hooker With A Penis"]. Maynard [James Keenan, Tool-Sänger] spielt mit dem Gedanken: Wenn du dein Album verkaufst, deine Musik oder ein Shirt, dann bist du bereits eine Handelsware. Also auf was verdammt zeigst du deinen Finger? Zeige ihn nicht auf andere und nenne ihn mehr oder weniger Künstler oder Produkt. Ihr seid alle nur ein Produkt. Wer der Künstler ist? Der, der was erschafft und es einfach so weggibt. Oder ein Sprayer, der an eine Backsteinwand sprüht, ohne etwas zu verkaufen. Das ist unverfälschte Kunst. Aber selbst dann handeln sie ihre Kunst mit Aufmerksamkeit.

Ich ging deswegen zur Hochschule, habe einen Bachelor in Illustration und das der Kunstwissenschaft vorgezogen. Ich habe das gewählt, weil ich kollaborativ und praktisch veranlagt bin. Wenn ich weiter der Kunst nachgegangen wäre, würde ich heute Jobs erledigen: Album-Cover-Artworks, Bücher-Designs, Filmposter oder Animation. Das macht man mit und für ein Team, für einen Regisseur, dessen Idee das war, ein Filmstudio oder ein Plattenlabel, das dir am Ende sagt, wie du es abändern musst. Vielleicht alles. OK, solange ich stolz auf das sein kann, was ich mache, habe ich damit kein Problem. Dann profitieren beide.

In der Musik muss ich mich mit der Balance aus Kunstfertigkeit und Kommerz wohlfühlen und damit glücklich sein. Wenn es sich je so anfühlen sollte, dass ich daran nicht mehr glaube, dann ist es falsch. Das würde ich nicht tun. Wenn wir ein Album rausbringen und die Leute es hassen – selbst wenn es 100 Prozent sein sollten – solange ich es mochte, als es herauskam, ist das ok. Ich kann das nicht kontrollieren. Deswegen ist es ja gut, dass die Ordnung so läuft: Erst macht man das Album, dann hören es die Leute.

Vielleicht ändert sich das ja in der Zukunft via Facebook live?
Ich würde das nicht wollen. Was würde passieren, wenn man eine Testgruppe ins Studio bringen würde? Filme machen das. Und weißt du was passiert? Sie machen müllige Blockbuster-Pop-Bullshit-Filme. Weil sie mit etwas anfingen, an das sie geglaubt haben, und dann kommt die Testgruppe. Der 14-Jährige: "Ich glaube nicht, dass das cool ist." Und der 60-Jährige: "Das ist zu gewalttätig, ich mag die Sprache nicht." Dann ändert sich der ganze Film und wenn er in die Kinos kommt, ist er Scheiße. Wir machen keine Big-Mac-Cheeseburgers.

Bei vielen Künstlern wirken sich Marketingspiele auf den Prozess des Musikmachens aus. Dass das überhaupt exisitiert in dieser Welt, lässt manche Fans grübeln, wann und wo das passiert. Flo Rida macht das, mit der Intention, Songs in coole Werbungen oder Filme zu bekommen und Geld zu machen. Das ist sein Ding: Geld machen. Wir fragen uns nicht, womit wir das meiste Geld verdienen würden. Wenn wir das denken würden, wäre unser drittes Album "Hybrid Theorie Part III" gewesen. So gesehen wäre das klug gewesen. Wir dachten damals: Wenn wir den Style nicht jetzt verändern, dann werden wir es nie tun. Weil alle genau das dann von uns erwarten würden. Deswegen wollte wir gleich aus der Schusslinie treten und tun das seitdem.

Das stimmt so nicht ganz mit den vier Leuten…
Das ist nicht wahr.

Nicht ganz, aber ihr hattet Julia Michaels und Justin Tranter im Studio, die für Justin Bieber, Britney Spears and Gwen Stefani schreiben. Wie kam das?
Wir haben bis The Hunting Party noch nie mit Co-Writern Musik geschrieben. Da war ein Instrumental mit Tom Morello und "Rebellion", den ich zum Großteil mit Daron Malakian von System Of A Down und Scars on Broadway schrieb. Ich liebe sein Songwriting. Ich habe gemerkt, wie viel Spaß es machen kann, mit jemand anderem zu schreiben. Es macht keinen Unterschied, nur weil er nicht in der Band ist wie Brad, mit dem ich sonst alles schreibe. Es gibt ein ganzes Universum an Menschen, die mit anderen Menschen Songs schreiben. Beruflich, und zwar nur mit anderen. Es gibt Künstler, die nicht mal selbst Musik aufnehmen. So wie Justin, der keine Justin Tranter-Platte rausbringt. Er schreibt für andere, sie singen dann seine Songs. Aber mir wurde noch nie etwas rangereicht, bei dem ich dachte, dass das besser wäre als das, was ich machen wollte. Das bin eben ich: Das ist mein Album, ich will mich selbst verwirklichen.

Ich denke auch, dass ich schreiben kann. Also will ich das. Mich ausdrücken. Andere Leute haben aber andere Erfahrungen gesammelt, vertreten einen anderen Standpunkt und sind talentiert. Wenn ich sie also mit ins Boot hole, entwickeln sich die Songs schneller und verpassen ihm Farben, von denen ich nicht mal geträumt hätte. Aber um das festzuhalten: Es geht hier nicht um die Sounds, worüber sich die Leute aufregen. Klingt "Heavy" mehr wie ein Pop-Song wegen Justin und Julia? Nein, ich habe all diese Klänge erschaffen. Das ist meine Schuld, haha. Sie haben sich zusammen mit Brad, Chester und mir um die Melodien der Worte gekümmert.

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