Wie mich meine Depressionen fast umgebracht hätten

Und wie ihr verhindern könnt, dass es bei euch oder euren Freunden soweit kommt.

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13 April 2017, 9:30am

Foto: Keng Susumpow | Flickr | CC BY 2.0

Ich sitze am Küchentisch und schaue auf meine linke Hand: Blut bahnt sich seinen Weg zu meinem Handgelenk und verläuft schließlich in der Maserung der Holzplatte. Meine Depressionen haben mich diesmal so verzweifelt werden lassen, dass ich mein Leben beenden will.

Mit der anderen Hand greife ich das halbleere Bier neben mir – keine Ahnung, die wievielte Flasche es schon ist. Ich habe Angst. Und aus dem Wohnzimmer dröhnt die Musik irgendeiner Rockband.

Seit sechs Jahren weiß ich, dass ich Depressionen habe. "Wissen Sie, es gibt wirklich Schlimmeres", hatte mein Therapeut damals gesagt, während er in seiner Schreibtischschublade nach Broschüren für Medikamente kramte. "Schaffen Sie sich ein stabiles Umfeld und regelmäßige Rituale, die ihren Alltag strukturieren. Dann wird das schon!"

Etwa 5,3 Millionen Menschen lassen sich in Deutschland jedes Jahr wegen Depressionen behandeln. Viele von ihnen werden sich irgendwann im Laufe ihres Lebens selbst verletzen oder sogar versuchen, sich das Leben zu nehmen. Fast die Hälfte der Suizidopfer hierzulande litt zuvor unter Depressionen.

Umbringen wollte ich mich eigentlich nicht. Meine Krankheit kennenlernen, mich bei depressiven Episoden zurückziehen, verständnisvolle Freunde finden – das war mein Plan. Ich wollte in eine neue Stadt ziehen und war fest entschlossen, trotz meiner Diagnose fest auf beiden Beinen zu stehen.

Ich stehe auf, stütze mich dabei auf der Tischplatte ab. Eine Gefühl der Schwere breitet sich in meinem Hinterkopf aus, meine Beine sind wie taub. Ich wanke zum Kühlschrank und ziehe das nächste Bier heraus.

Meine letzte depressive Phase hatte etwa eine Woche vorher begonnen, völlig grundlos, wie immer. Durch diese Tiefphasen schlage ich mich meist ohne Antidepressiva, weil ich davon Orientierungsprobleme und Schwindelanfälle bekomme. Mir helfen dann lange Spaziergänge und viel Ruhe.

Doch dieses Mal konnte ich mich einfach nicht aus meiner Abwärtsspirale befreien. Ich schlief wenig und verstrickte mich immer mehr in meinen Ängsten und Sorgen, die aus dem Nichts gekommen waren und mich an jeder Entscheidung der letzten Jahre zweifeln ließen: Hatte ich den richtigen Beruf gewählt? Habe ich mich richtig entschieden, als ich nach Berlin gezogen bin? Würden mir meine Freunde bei meinem nächsten Umzug noch helfen? Habe ich überhaupt Freunde oder sind das alles nur lose Bekannte, denen ich eigentlich nur auf die Nerven gehe? Kann ich nicht noch mal neu anfangen? Mit allem?

Doch ich hatte keine Zeit für all das. Ich arbeite in einem Berliner Medienunternehmen mit einem sehr jungen Team, kaum jemand ist älter als 30. Jeder brennt für die Arbeit und oft sind wir bis in die Nacht im Büro.

Ein wichtiges Projekt stand bevor, ich konnte es mir nicht leisten, tagelang zu fehlen – und genau da traf mich nun meine Depression. Sie übernahm die Kontrolle, ich konnte mich kaum konzentrieren und bei Gesprächen mit Kollegen bloß noch mit dem Kopf nicken. Es mag komisch klingen, aber die Menschen um mich herum dabei zu beobachten, wie sie ganz normal ihrem Alltag nachgingen, machte mich noch verzweifelter. Bei ihnen war alles in Ordnung, bei mir gar nichts.

Schließlich begann ich, um Hilfe zu rufen. Es waren nur kleine Gesten, Bemerkungen, Hinweise. Ich erwähnte, dass ich schlecht schlief. Ich machte Witze über meine Albträume. Ich teilte auf Twitter Liedtexte von Tom Waits und Buchzitate von Bukowski. Ich ersetzte mein Profilbild auf Facebook durch ein schwarzes Rechteck – zwölf Likes, ein Herz, ein Kommentar: "Haha, vergessen, das Licht einzuschalten? ;)".

Obwohl meine Kollegen von meiner Depression wussten, half niemand. Keine Nachfragen, kein Angebot für ein Gespräch nach Feierabend. Es fühlte sich an, als würde ich in ein Vakuum hineinschreien. Aber von außen wirkten diese Schreie ehrlich gesagt wohl mehr wie ein Flüstern. Denn mein Selbstvertrauen war mittlerweile so zerfressen, dass ich es nicht schaffte, mit deutlichen Worten um Hilfe zu bitten.

Als ich eines Morgens mit Schnitten auf dem Handrücken zur Arbeit erschien, fragte mein Vorgesetzter, ob ich nun ein Emo geworden sei. Er lachte, ich grinste verkrampft und das schwarze Loch in meinem Kopf wurde größer. Das hatte ich beim Vorstellungsgespräch vor zwei Jahren nicht erwartet.

Mein Therapeut hatte mir geraten, bei meiner Jobsuche offen mit meiner Depression umzugehen und es dem zukünftigen Arbeitgeber mitzuteilen. Denn früher oder später würde ohnehin auffallen, wenn ich wegen schlimmer Tiefphasen mehr Krankheitstage als meine Kollegen beanspruchen muss oder ich mich an manchen Tagen auffällig zurückgezogen verhalte. Ein offenes Gespräch soll klare Verhältnisse schaffen und die Zusammenarbeit erleichtern – doch das ist einfacher gesagt als getan.

Zwar gibt es heute bessere Behandlungsmethoden und mittlerweile haben sich Promis wie Lady Gaga oder Sarah Connor zur Krankheit bekannt, aber der Depression haftet in unserer Gesellschaft trotzdem noch ein Stigma an. Nicht alle Tassen habe man im Schrank, man sei unzuverlässig, ein Schneeflöckchen, das keine Belastung aushalten kann. Alles Dinge, die ich selbst schon gehört habe. Wer depressiv ist, ist anders. Deshalb schreibe ich diesen Artikel auch unter einem Pseudonym.

Doch der Ratschlag meines Therapeuten überzeugte mich: Wie soll ich lernen, mit meinen Depressionen umzugehen, wenn ich sie vor meinem gesamten Lebensumfeld verbergen muss? Also nahm ich meinen Mut zusammen und offenbarte meinem zukünftigen Chef am Ende des Bewerbungsgesprächs meine Diagnose. Zu meiner Überraschung lächelte er freundlich: "Das ist gar kein Problem, wir haben hier natürlich Verständnis. Du kannst jederzeit im Home Office arbeiten, wenn dir danach ist – oder dich direkt krank melden. Und wenn du ein offenes Ohr brauchst, ich sitze nur einen Schreibtisch weiter."

Zwei Jahre später muss ich mich immer wieder für meine Krankentage rechtfertigen, die den Durchschnitt der Firma übersteigen. Und nun schleppte ich mich schon seit Tagen ins Büro, fühlte mich wertlos. Nach einer Woche ging es mir so schlecht, dass ich beschloss, mir mein Leben zu nehmen.

Mittlerweile war ich sehr betrunken und spürte kaum noch die Schnitte, von denen ich mir mehr und mehr zufügte, immer tiefer. Ich dachte an meine Kollegen, ihr Desinteresse – aber auch an die Fehler: Ich war geblendet von meinem Optimismus und hatte mir nach meinem Umzug keinen neuen Therapeuten gesucht. Dieser hätte mir sicherlich geholfen, auch diese depressive Phase zu überwinden, ohne mich selbst zu verletzen. Er hätte mir geraten, offener mit den Menschen in meiner Umgebung zu kommunizieren – darüber, wie schlecht es mir ging.

Mir wurde schwarz vor Augen. Kurz darauf kam mein Mitbewohner nach Hause, fand mich vornübergebeugt am Küchentisch – und rief den Notarzt.

Meine Arbeitskollegen wissen von alldem noch nichts. Bisher markiert nur ein weiterer Krankheitstag diesen Moment, in dem mich das Schweigen beinahe umgebracht hätte – mein Schweigen, obwohl ich Hilfe gebraucht hätte, und das Schweigen der Anderen, die meine Hilferufe nicht hörten.

Dieses Schweigen zu durchbrechen, ist schwer. Die Scham, sich zu entblößen oder die Furcht vor Unverständnis halten depressive Menschen immer wieder davon ab, auch nur ein offenes Gespräch zu beginnen.

Tut das nicht! Habt im Alltag ein offenes Auge und Ohr für eure Mitmenschen, signalisiert Bereitschaft für ein Gespräch, wenn ihr einige der von mir beschriebenen Symptome erkennt, ohne euch aufzudrängen.

Andererseits solltet ihr, wenn ihr depressiv seid, klare Signale an eure Mitmenschen senden. Macht es ihnen leichter, euch zu helfen und erwartet nicht, dass sie Bemerkungen, die ihr beiläufig fallen lasst, immer richtig deuten. Begeht nicht die gleichen Fehler wie ich.

Notrufnummern für Suizidgefährdete bieten Hilfe für Personen, die an Selbstmord denken – oder sich Sorgen um einen nahestehenden Menschen machen. Die Nummer der Telefonseelsorge in Deutschland ist: 0800 111 0 111. Hier gibt es auch einen Chat.

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