Teile des Kollektivs mit dem ikonografischen Schriftzug in Aktion. Foto von ill

Unsere Welt ist krank, doch die Rettung heißt ill und kommt aus Hamburg

Sie haben Skrillex abblitzen lassen, wollen Trump wegbürsten und “die” Pudel retten. Und dafür tapeziert das Kollektiv jede deutsche Stadt mit ill-Stickern zu.

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09 Dezember 2016, 12:15pm

Teile des Kollektivs mit dem ikonografischen Schriftzug in Aktion. Foto von ill

Überall, in Berlin, in Hamburg, in Deutschland, kleben diese Sticker. Sticker, die dir sagen: Du bist, was du frisst, was du glotzt, was du begehrst, DU bist krank, ill. Vielleicht hast du dich auch schon mal gefragt, was das verdammt noch mal alles soll?! Auf Club-Klos, Laternenpfählen,Verkehrsschildern, wo immer eine Hand hinreicht, ill. Die Wortmarke, die keine ist, drei weiße Buchstaben auf schwarzem Grund, präsent im Stadtbild, verankert auch deinem Stammhirn, ill. Viral Marketing ad absurdum geführt, in einer Zeit in der wir alle mehr oder weniger triebgesteuerte Konsummonster sind. ill ist vor allem, was du draus machst.

Nennt es, wie ihr wollt

ill, oder: Imperialismus lähmt Liebe. Indoktrination lebenslanger Lässigkeit. Ingolf Lück lebt. I love Leggins, Inkontinente leben lassen. "Es gab die abstrusesten Ideen was ill nun wirklich ist, weil anfangs überall nur diese Sticker waren", sagt jemand, der seit Beginn des ill-Kollektives dabei ist. Die Klebefinger sind für ein großes Interview zusammengekommen. Jeder spricht für die Gesamtheit.

Hamburg, 2009. Einer erinnert sich an die Anfänge:

"Damals haben wir die Eat The Beat-Parties gemacht, mit denen wir uns konträr zu den ganzen, von vorne bis hinten gesponserten, Bullshitveranstaltungen positioniert haben, die man allerorten findet". "Proudly presented by Wodka-Marke XY" gibt es bei ill-nicht. Und wird es auch niemals geben.

Seit Jahren prägt die ill-Crew lieber das subkulturelle Programm der Hansestadt mit, eine Möglichkeit die man sich Schritt für Schritt erarbeitete—und nicht ohne Stolz einzuordnen weiß. Von illegalen Raves, über die Prinzenbar mit eben Eat The Beat, dem Golem oder dem Uebel&Gefährlich, das von Anfang an eine große Rolle spielte, dazu immer wieder Solis im Gängeviertel oder der Flora und—bis zum Closing im August—regelmäßig die Kraniche an den Elbbrücken.

Fotos einer möglichen ill-Homebase. Foto von Sami Grill

Hamburg, 2016, irgendwo in einem Wohnzimmer. Eine Runde, fünf Leute und doch nur ein winziger Ausschnitt. ill ist größer, "jeder kann ill sein, jeder kann dazu beitragen—so lange es unkommerziell ist." Joney gehört zu dem hier versammelten Quartett, die DJs Momo und Digital Norman, letzterer Resident der Skweee-Reihe, einer, der vor allem als Booker arbeitet und noch einer. Alle musikalisch, alle auch Aktivisten, alle austauschbar und ich. Wichtiger aber, als die, die sie ausfüllen: die Idee. "Einerseits war da die konzeptionelle Idee, anderseits war dieser Unterbau nicht festgelegt, die Mitglieder nicht, die Richtung nicht und auch kein Ziel das man erreichen wollte", heißt es aus der Runde.

40 Liter Kunstblut, 500 Grablichter. 2500 Leute, mindestens. Da haben wir zum ersten Mal gemerkt, dass in Hamburg in unserer Generation geradezu ein Heißhunger auf illegale Raves besteht.

Welche Eigendynamik das Ganze gewinnen kann, merkte der Kern schnell: "Irgendwann wurde es wirklich krass. So um den Dreh 2009, 2010, an Halloween, haben wir eine Party in der Nähe der Deichtorhallen veranstaltet. Da war diese riesige Vorhalle, die wir komplett mit Kerzen ausgestattet hatten, 40 Liter Kunstblut aus Rotebeete hergestellt und vergossen, 500 Grablichter verteilt. Aus einer abgebrannten Fabrik haben wir Rollstühle besorgt, auch Prothesen für Kinder, mit denen wir dann alles dekoriert hatten. Das war der Abend wo Helena Hauff und F#X zum ersten Mal zusammen gespielt haben, oder?!"

Und weiter: "Es war jedenfalls mega voll, da waren 2500 Leute, mindestens, die Bullen kamen vorbei, sind dann aber wieder abgerauscht." "Nee, 800, 900 waren das, es waren aber auf jeden Fall richtig viele Menschen da. Da haben wir zum ersten Mal gemerkt, dass in Hamburg in unserer Generation geradezu ein Heißhunger auf illegale Raves besteht und dass man auch in so einer Stadt was auf die Beine stellen kann."

DIY or die, wie es so schön heißt.

"Der eine hatte 'ne Idee, der andere 'ne Anlage, der Nächste konnte auflegen und wieder wer hatte ein großes Auto und alle hatten Bock. So konnten alle möglichen Ideen umgesetzt werden, wie zum Beispiel die, als wir im Bernhard-Nocht Quartier zwischen den Bürohäusern einen Spielplatz installiert haben, der auch von den Kindern dort genutzt wurde. Bis er schließlich eine Woche später von der Stadtreinigung entfernt wurde", so der gerne anonym bleibende Booker.

Was nicht passt, wird ill gemacht. Foto von Sami Grill

Doch Party-Hedonismus gepaart mit Konsumkritik—wie funktioniert das?

Joney sinniert: "Man weiß nicht genau, ob ill jetzt die eigenen Sachen pusht oder wir (persönlich) jetzt ill. Das finde ich schon 'ne ganz geile Symbiose, so ein bisschen wie bei Obey. Wichtig festzuhalten ist, dass wir alle damit kein Geld verdienen, abgesehen davon, dass wir Gigs spielen und dafür Gage bekommen. Alles jedoch, was unter dem Banner ill läuft, dient zur Queerfinanzierung." Die Einnahmen steckt man dann in neue Technik, in Deko, Flyer und—klar—jede Menge Sticker. Jedoch: "Der immaterielle Gewinn von ill für jeden Einzelnen ist uns dabei wichtiger."

Heal The Pudel World

Nicht nur für die Aktivitäten der Crew, sondern vor allem für ihre musikalische Entwicklung spielte ein gewisser Club eine Ausnahmerolle. "Irgendwann wurden wir vom Pudel eingeladen und saßen dann bei Ralf Köster. 'Auf Eurer Internetseite kann man ja gar nichts machen—geil!'"

Der Golden Pudel Club sollte bis zu seinem Brand Anfang 2016 Dreh- und Angelpunkt der musikalischen Aktivitäten der Crew sein. Die Pudel war für alle Ort ihrer musikalischen Sozialisation. Die Crew versucht also, etwas zurückzugeben, den Ort mitzugestalten, mit anzupacken. Und jetzt erst einmal wieder aufzubauen. Alle seien sie Pudel-Jünger seit sie Laufen können, meinen die fünf.

Hamburg, 2012.

"An dem Abend wo Skrillex in der Sporthalle spielte, haben wir im Pudel 'ne Party gemacht, 'illex' hieß die. Auf den Flyern hatten wir die ersten Ergebnisse die zu 'Goth' und 'Ugly' in der Bildersuche aufgetaucht waren, abgedruckt. Auf einmal kam ein Anruf, ob die da noch vorbeikommen können und plötzlich fuhren Skrillex, Boys Noize und ihre Entourage in ihren schwarzen SUVs vor. Skrillex wollte auch gleich auflegen, kam mit seinen USB-Sticks zum DJ-Pult, auf seiner eigenen Verarschungsparty im Pudel. Das war dann so: 'Okay Diggi, hier gibt's halt einfach nur Plattenspieler. Sorry.' Das war auf jeden Fall ein großer Moment. Aber 'nen Netter ist er schon."

Lebendig und frei in der Richtung

Musikalische Grenzen gibt es nicht, weder bei den Bookings, noch innerhalb von ill. Jeder steht auch für sich allein.

"Wir alle sind auch autark unterwegs, Joney bewegt sich musikalisch in eine ganz andere Richtung als ich", sagt Momo. "Oder eher: in mehrere." Er zählt auf: "Audiolith, Saturate Records, J248, Paradise Hippies—völlig unterschiedliche Plattformen und Projekte. Es ist egal, wen man nimmt: Fritz Holzhauer, Cindy Looper, F#X, der gerade mit Nika Son das Debüt ihres Projektes C herausgebracht hat, MVDL oder einen der vielen anderen Musiker—ohne ill, ohne den Pudel wäre vieles nicht möglich gewesen."

Eine Ausformung des Kollektivs

"ill war und ist auch immer schon Spielwiese gewesen", so Momo weiter, "musikalisch, künstlerisch, politisch. Hier konnten wir uns ausprobieren, frei von allen Zwängen, uns gegenseitig stimulieren. Unsere ersten Bookings zum Beispiel schielten sehr nach UK. Sachen machen, die sonst keiner macht, Künstler nach Hamburg holen, die sonst nicht gekommen wären, sich kleine Träume erfüllen. Auch das bedeutet ill."

Hamburg, 2016.

In zwei Tagen werden Teile von ill in Mainz auflegen. Es gibt Connections zum Institut fuer Zukunft in Leipzig, seit mehreren Jahren bespielen die Crew-Mitglieder die Tubbe-Box auf dem Fusion Festival, zwischen dem about:blank und dem Pudel gibt es schon länger einen Party-Austausch, an dem auch ill beteiligt ist.

Ich glaube, wir werden in den nächsten Jahren noch richtig viel Spaß haben. Uns einmischen, den Pudel wieder aufbauen, die Klobürsten wieder auspacken, wenn Trump nach Hamburg kommt.

Wird die Markenkritik selbst also zur Marke?

"Wir alle würden nicht machen, was wir jetzt machen, wenn wir nicht so viele positive Erfahrung gesammelt hätten, das ist klar. Aber auch wenn man uns einfach so buchen kann, die Kern-Idee, den Namen, das Logo, das alles kann man nicht kaufen. Alles läuft unter einer Creative Commons-Lizenz. Du willst 'nen Shirt?! Dann schicken wir dir gerne die Vektor-Dateien—Selbermachen, genau das ist worum es geht", so Joney.

Wie ein anonymer Künstler aus dem Iran, der seine Werke mit dem ill-Logo versieht. "Der hat verstanden worum es geht. Der benutzt es genauso, wie es benutzt werden soll."

"Ich glaube, wir werden in den nächsten Jahren noch richtig viel Spaß haben, Floors auf Festivals gestalten und so", ist sich Momo sicher, "vielleicht mal eine Platte herausbringen. Uns—was Politik und Realpolitik angeht—einmischen, den Pudel wieder aufbauen, die Klobürsten wieder auspacken, wenn Trump nach Hamburg kommt. Es gibt so viele Sachen die in dieser Stadt passieren, wo wird das Glück haben, neben diesem ganzen Party- und Fun-Aspekt, Sachen zu streuen, Leute erreichen und mobilisieren zu können. Und das ist einfach wichtig."

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