Clubkultur

Warum wir Trash-Partys lieben und hassen

Manche brauchen Queen Beyoncé doch nicht jedes Wochenende. Wir sagen euch, was wir von Trash-Partys halten.

von Franz Lichtenegger und Benji Agostini
26 Februar 2016, 4:05pm

Die wichtigsten Entscheidungen des Lebens trifft man freitags. Man stellt sich Fragen wie „In welchem Club werfe ich meine Würde dieses Wochenende über den Haufen?" oder „Kann ich wirklich so gut zu ‚All the Single Ladies' tanzen, wie alle meine Freunde seit dem letzten Wochenende sagen?". Die Antworten findet man auf Trash Partys. Dort spielen sie alle Hits, die während der Woche auf Hitradio RTL laufen oder in den 90ern gelaufen sind und deren Texte jeder auswendig kann. Das hat zugegeben etwas Verbindendes. Trotzdem steht da nicht jeder drauf. Zwei unserer Autoren sagen uns, warum sie Trash Partys hassen oder lieben.

Foto von Enemene Marlene Miaux

Warum ich Trash-Partys liebe (Franz)

„Da wird mehr so Trash gespielt, Destiny's Child und so", hat mir mal ein Freund über eine Veranstaltung gesagt. Noch bevor ich auf besagte Party gehen konnte, empfand ich es als meine Pflicht, diesem Freund mal gehörig die Avril Leviten zu lesen. Ich hasse es, wenn alles, was auch nur annähernd Pop ist, von der Allgemeinheit pauschal als Müll bezeichnet wird, als wäre Eingängigkeit und Spaß gleichzusetzen mit fehlender Qualität. Was genau an „Say My Name" Trash sein soll und was ein Techno-Set ohne Vocals so viel hochwertiger macht, erschließt sich mir nicht.

So viel zur Begrifflichkeit. Eine gute Party steht und fällt für mich persönlich mit gutem Pop. Ich hab schon viele Veranstaltungen vorzeitig verlassen, weil die Musik einfach nichts mit mir gemacht hat. Techno- und House-DJs haben meinen größten Respekt, die brennen für ihre Kunst, aber sie erreicht mich nun mal nicht. Ich muss mitsingen können, meinen inneren Waldorfschüler channeln und möglichst peinlich die Lyrics austanzen. Bussis in die Luft werfen bei „Lean On" („Blow a Kiss"), Handtelefon bei „Call Me Maybe", sogar die Mittelfinger bei der „Red Lobster"-Stelle in „Formation" mache ich mit. Und das mache ich nicht mit ironischer Distanz, sondern aufrichtig. Guilty Pleasure mein Arsch. Warum soll ich auch etwas feiern, wenn ich es in Wahrheit total peinlich finde? Das ergibt keinen Sinn.

Es stimmt schon, dass diese „Trash"-Partys sich oft anfühlen wie ein Déjà Vu. „Toxic" und „Blank Space" muss ich auch nicht mehr hören. Trotzdem sind das einfach verdammt großartige Popsongs, und dabei ist es völlig wurscht, ob es Nostalgie mit Missy Elliott ist oder eben die neue Bieber-Single. Sie machen Spaß. Und ich höre lieber zum drölfzigsten Mal „No Scrubs" und pendle meinen Zeigefinger an der „No, I don't want your number"-Stelle, als völlig unauthentisch zu hartem Techno zu wippen, nur weil es vermeintlich gehaltvoller ist. Und ich glaube, die Techno-Veranstalter sind da genau so froh darüber wie ich.

Foto von Daniel Gottschling

Warum ich Trash-Partys hasse (Benji)

Es hat so harmlos angefangen. Freunde von mir wollten unbedingt in den Club-U zum Rhinoplasty. Das war 2011 oder 2012, ich war noch nicht so lange in Wien und meine Cluberfahrung beschränkte sich aufs Flex und Fluc. Ich hab damals die Clubszene noch gar nicht gecheckt. Geil, dachte ich mir, neuer Club, gratis Eintritt und alles voll Underground und cool. Ich wusste nicht, dass damit eine schreckliche Zeit begann, die bis heute anhält und ich immer mehr zu hassen lernte: meine Zeit der Trash-Partys. Die ersten paar Mal Rhinoplasty und Malefiz waren dabei echt lustig. Jeder zuckte zu allen meinen peinlichen Jugendhits völlig aus und fand das voll OK, weil wir das ja nur ironisch meinten. Wie Internet im echten Leben. So richtig Spaß kam halt erst nach dem zweiten Long Island (inklusive Vorglühen) auf, dann war es aber auch schon egal, welche Musik lief.

Die Partys liefen immer gleich ab. Vorglühen zu den gleich Songs, die man im Club dann auch hört, eventuell zuhause schon die Gesangsstimmen austesten, am besten so laut wie möglich, damit die Nachbarn auch was davon haben. Wenn ich beim Beispiel Club-U bleibe, ist es beim Ankommen schon gesteckt voll. Die Jacke wird auf einen Haufen beim Eingang geworfen, in der Hoffnung, sie am Ende des Abends dort auch wieder zu finden. Ein paar Stunden lang muss ich dann so tun, als wär es der beste Abend meines Lebens, weil ich sonst gefragt werde, ob etwas nicht stimmt. Das ist das Schlimmste daran. Denk kurz an die Musik, die du am wenigsten ausstehen kannst. Falls dir das schwer fällt, denk an irgendeine Reggae-Nummer oder an alles von Xavier Naidoo. Jetzt stell dir vor, du musst jedes Wochenende so tun, als würdest du diese Musik so richtig feiern. So geht es mir auf jeder Trash Party. Dabei will ich doch einfach nur betrunken sein und zu „Telephone" von Lady Gaga tanzen, dem einzig akzeptablen Trash-Song.

Ich brauchte ein paar Wochenenden mit Destiny's Child und Britney Spears, um zu bemerken, wie sich diese Abende immer mehr glichen und ich immer weniger Lust auf sie hatte. Ansaufen, bis ich genug Spaß hatte und es mir nicht mehr peinlich war alle Texte mitzukreischen, wurde einfach fad. Leider ging es meinen Freunden gar nicht so. Ich merkte viel mehr, wie schon beim Vorglühen jeder Versuch aktuelle Musik anzumachen, mit den Worten „leg mal was Gscheites auf", abgestraft wurde. Meine Freunde entwickelten sich langsam zu Nostalgiefanatikern und ich wollte einfach nicht Teil davon sein. Ich merkte, wie ihre iPods mit Nelly Furtado und Christina Aguilera gefüllt wurden und sich daran sehr lange nichts änderte. So etwas konnte ich einfach nicht und es schreckte mich bloß ab. Ich musste mitansehen, wie meine Freunde vergaßen, dass wir das alles nur ironisch meinten und sie sich langsam musikalisch wieder zu 90s-Teens zurückbildeten. Schuld gab ich den Trash-Partys.

Da ich immer noch gerne fortgehe und dabei nicht auf meine Freunde verzichten will, bleibt mir oft nichts anderes übrig, als mich manchmal zu ergeben und mit ihnen ihrer unersättlichen Trash-Lust zu frönen. Das letzte Mal endete ein solcher Abend mit mir crowdsurfend im Club-U. Ich muss auch beichten, dass ich am selben Abend mehrere Shot-Gläser mitgehen lassen hab, die ich allerdings am Weg zur Afterhour zersplittert der Erde zurückgab. Klingt nach einem geilen Abend, war es auch, nur brauche ich das nicht jedes Wochenende. Einmal alle paar Monate kann ich gerne auf alles scheißen, was mir heilig ist und so eine Eskalation zulassen. Ansonsten fühl ich mich wohler, wenn ich merke, die Musik stimmt und ich bin nicht dazu gezwungen so zu tun, als würde ich Spaß dabei haben alte Songs mitzusingen.

Franz und Benji erzählen dir auch gerne auf Twitter alles über Trash: @FranzLicht und@lazy_reviews

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Dieser Artikel ist im Original auf Noisey Alps erschienen.