Wie ich berühmt wurde, indem ich abartig viel Junk Food gefressen habe
Illustration af Adam Waito.
Fast Food

Wie ich berühmt wurde, indem ich abartig viel Junk Food gefressen habe

Epic Meal Time: Ein Essen, 79046 Kalorien, 6892 Gramm Fett.
11.7.16

2010 wusste ich einfach nicht, wie es in meinem Leben weitergehen soll. Ich studierte Journalismus und wollte über coole Dinge schreiben, die mich auch selbst interessieren, Sport oder Musik. Aber an der Uni ging es immer nur um Nachrichtensendungen, Berichterstattungen oder das Schreiben von Nachrichtentexten. Mir hat das wenig Spaß gemacht und ich fand es auch nicht spannend, aber ich hatte auch wenig andere Optionen.

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Der Sommer nach dem ersten Studienjahr war besonders öde. Jeden Tag hing ich mit meinen Freunden bei meinen Eltern im Garten in einem Vorort von Montreal rum, Dollard-Des-Ormeaux. Wenn uns richtig langweilig war, fingen wir an zu kochen, daraus wurden dann ziemliche Gelage. Je gelangweilter wir waren, desto mehr kochten wir. Einmal haben wir eine mexikanische Fiesta mit riesigen Nachos und Tacos aus Pizzen statt Tortillas gemacht. Am nächsten Tag gab dann Hamburger mit Bacon umwickelt in Blätterteig. Irgendwann hatte dann jemand die glorreiche Idee, das Ganze zu filmen.

Die Aufnahmen zum ersten Video habe ich verpasst, weil ich da in einem Ferienlager als Basketballlehrer gearbeitet habe, aber ich werde nie vergessen, wie ich nach Hause kam und mir anguckte, was meine Freunde da fabriziert hatten. Sie sind in verschiedene Fast-Food-Restaurants gefahren und haben sich diverses Zeug gekauft, das dann auf eine Pizza gehauen und alles noch mal im Ofen gebacken. Es war zwar nicht die verrückteste Idee in diesem Sommer, aber das Video dazu war definitiv unterhaltsam. Wir nannten es „Epic Meal Time" und dann lag es monatelang auf der Festplatte rum. Wir haben immer wieder daran rumgefeilt und was geschnitten und es dann irgendwann der Weltöffentlichkeit präsentiert.

Wir dachten, dass vor allem unsere Freunde und Familien sich das angucken würden, und wir so ein paar Lacher abfangen könnten. Aber keiner von uns hat je geglaubt, dass das Video in einer einzigen Woche 100.000 mal geklickt wird.

Natürlich:Wenn man heute durch seinen Facebook-Newsfeed scrollt, kommt man nicht an den ganzen Videos vorbei, in denen alle nur vorstellbaren Sachen zubereitet werden. Aber damals, 2010, gab es diesen ganzen Food Hype noch nicht im Netz. Mittlerweile verdienen Leute massig Geld damit, viralen Content zu kreieren, wir haben das aber geschafft, noch bevor man überhaupt das Wort „YouTuber" kannte.

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Nachdem sich der erste Schock gelegt hat, wollten wir es noch einmal probieren. Das zweite Video mit einem gebratenen Baguette gefüllt mit Eiern, Hot Dogs und Ahornsirup mit dem passenden Namen „The Angry French Canadian" schlug in der ersten Woche allein mit 300.000 Klicks wie eine Bombe ein. Ab da haben wir immer mehr Videos gedreht und bekamen immer mehr Klicks.Mit unserem Thanksgiving-Special in der fünften Woche haben wir 1-Millionen-Marke geknackt: Dafür haben wir Wachtel, Ente und Hühnchen in einen Truthahn gestopft und damit dann ein ganzes Ferkel gefüllt. Wir hatten keine wirkliche kulinarische Erfahrung oder überhaupt die Absicht, daraus eine Art Beruf zu machen, aber irgendwie gehörte es ab jetzt zu unserem Leben, verdammt kalorienreiche Dinge zu kochen und davon Videos online zu stellen.

Zwar habe ich weiter studiert, aber es ist schon schwer, sich auf das Leben und Werk von John Milton zu konzentrieren, wenn man gleichzeitig seine Flüge nach Hollywood um seine Prüfungstermine herum planen muss. Unsere Show ging richtig durch die Decke. Es steckt auch mehr dahinter, als viele denken: Ich habe nicht nur einfach jede Woche kiloweise Bacon gegessen, sondern die Charaktere der Show entwickelt und für jede neue Folge ein Skript vorbereitet. Hinter jedem Gericht stand ein Konzept, wir mussten schauspielern, alles filmen und dann bearbeiteten, das Design und all die anderen kleinen Dinge machen.

Das war richtig erfüllend für mich, ich hatte das Gefühl, dass ich meine Kreativität richtig zum Ausdruck bringen kann—auch wenn wir eigentlich nur literweise Jack Daniels über einen Haufen Bacon gegossen und rumgeschrien haben. Bis heute weiß ich nicht, ob wir einfach zur richtigen Zeit auf den Bacon-Hype „aufgesprungen" sind oder ob wir die ganze Sache nicht eigentlich gestartet haben. Eigentlich waren wir nur ein paar Freunde, die sich ein paar Drinks gegönnt haben und dann ihre Kreativität in der Küche ausgelebt haben. Das hat den Leuten gefallen und es hat vor allem auch die Popkultur beeinflusst.

Einmal haben wir Millionen Klicks bekommen für eine Lasagne aus 45 Fast-Food-Burgern, in der Woche drauf noch ein paar Millionen mehr für eine Pizza aus Gummibärchen und anderen Süßigkeiten. Auf einmal wurden wir sogar zu Drehs eingeflogen und Firmen bezahlten uns, um mit uns zusammenzuarbeiten. Wir traten bei Live-Shows vor massig Leuten in ganz Nordamerika auf und kletterten langsam die YouTube-Karriereleiter hoch und wurden zu einem der erfolgreichsten Channels aller Zeiten. Nach weniger als zwei Jahren lebten und arbeiten wir in einem riesigen Haus in den Hollywood Hills und Leute wie Kevin Smith, Tony Hawk und Tom Green hingen bei uns rum.

Ich kann mich immer noch an diesen einen unvergesslichen Moment erinnern: Wir waren alle im Kino und auf einmal hat uns jemand erkannt. Wir hatten uns schon an die üblichen Kommentare gewöhnt, à la „Hey, seid ihr diese Bacon-Typen?" oder „Oh Mann! Das sind die Jack-Daniels-Typen von YouTube!". Dieses Mal aber starrte uns ein Fan einfach nur total begeistert an, zeigte mit dem Finger auf uns und murmelte nur: „Essen!" Damit waren also wir der Inbegriff für Essen geworden.

Wir waren wie Rockstars des Internetzeitalters, nur dass man dafür kein Instrument oder überhaupt Musik spielen können musste. Einmal war ich in einer Bar in New York und auf einmal kam Skrillex an, weil ER MICH erkannt hat. Das ist immer noch unbegreiflich für mich.

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Tyler's Celebrity Photo Album: Skrillex Edition Part 2

A photo posted by Tyler Lemco (@tlemco) on Oct 27, 2012 at 10:29am PDT

So ganz fühle ich mich damit immer noch nicht wohl, ehrlich gesagt. Ich war doch nur irgendein Typ, der sich ab und zu in der Nase popelt und sein Gesicht für ein paar Internetvideos in die Kamera hält und auf einmal war ich jemand. Ich hing mit echten Promis ab, habe Abertausende Follower bekommen und konnte nicht das Haus verlassen oder irgendwo hingehen, ohne dass ich irgendwo um ein Foto gebeten wurde (was ich nicht schlimm fand, im Gegenteil)—nur, weil ich mir fettiges Zeug reinstopfe. Mein Gesichtwar schonin diversen Fernsehshows, unter anderem bei der Tonight Show mit Jay Leno, auf jeder größeren Website und auf einem 10 Meter langen Mural in Montreal—und all das nur, weil ich die Welt zusehen lassen habe, wie ich in drei Jahren 20 Kilo zunehme.

Ain't nobody fuckin with ma clique. @epicmook @princeatari @tonyhawk @tomgreenlive @harleyplays A photo posted by Tyler Lemco (@tlemco) on Feb 27, 2013 at 6:37pm PST

Viele haben uns auch wegen der ungesunden Essens kritisiert, aber ich habe mich ordentlich durchchecken lassen und außer einigen Kilos mehr auf den Hüften habe ich keine negativen gesundheitlichen Langzeitfolgen. Oft hieß es auch, dass wir nach unseren Videos viel Essen wegschmeißen würden, aber wir waren da erstaunlich effizient: Alles, was wir gemacht haben, gab es über die Woche im Büro als Resteessen.

Ich habe aber auch einiges bei der Show gelernt, vor allem, was ich wirklich will. Damals habe ich als Student nur das gemacht, was von mir verlang wurde, und wusste nicht, wie meine Zukunft aussehen soll. Bacon hat mir gezeigt, dass ich Leute unterhalten will. So rein kulinarisch hatte ich nie eine Leidenschaft fürs Essen, ich habe einfach das gemacht, was ich gemocht habe und das gegessen, was mir gut schmeckte. Ehrlich gesagt habe ich überhaupt keine Ahnung, was ich in der Küche treibe und trotzdem bin ich einer der wohl berühmtesten Köche auf dem Planeten. Dank Essen, insbesondere extrem ungesundem Junk Food, bin ich da, wo ich heute stehe, und ich könnte nicht glücklicher sein.

Wie alle guten Dinge hatte auch die Show für mich irgendwann ein Ende. Es gab über die Zeit hinweg immer Höhen und Tiefen und am Ende und irgendwann hat sich das Ganze für mich überlebt, ich wollte mich ausleben und mein eigenes Ding machen. Ohne dass ich zu überheblich klingen will, aber ich bin stolz drauf, dass ich zusammen mit anderen etwas erschaffen habe, das Millionen von Menschen gefallen hat und das vor allem eine ganze Bewegung losgetreten hat.

Seitdem ich also eine der erfolgreichsten Online-Kochshows aller Zeiten gegründet habe, habe ich mittlerweile meinen Internet-Fame zum Beruf gemacht und schreibe für meine Lieblingswebsites, produziere coolen Video-Content und manage Social-Media-Accounts für diverse große Kunden. Ich habe so viel gelernt, so viele tolle Leute kennengelernt, mir so viel Neues angeeignet und Dinge tun können, die ich nie für möglich gehalten hätte. Was ich eigentlich sagen will ist: „Danke, Bacon!"