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Rechtsextremismus

Haben die veganen Nazis aus Er ist wieder da die „Grenze zum Terrorismus“ überschritten?

Die Macher des sehr erfolgreichen Films haben ihnen die größtmögliche Bühne gegeben. Nach einem Anschlag in Chemnitz hat jetzt das Operative Abwehrzentrum der Polizei die Ermittlungen übernommen.

von Philipp Sommer
17 November 2016, 6:00am

„Demoschulung“ des Rechten Plenums am 28.05.16 in einem Steinbruch bei Chemnitz, Screenshot via tumblr

Sie sind wieder da, es darf gelacht werden. Dieses Mal ist es die große Bühne. Es ist nur eine kurze Sequenz, aber als Hitler in der Verfilmung von Er ist wieder da nach langer Abwesenheit ins Deutschland der Gegenwart kommt, ist er nicht angetan von der deutschen Nazi-Szene. Gehalten ist der Film im Stile einer Mockumentary, Fiktion und Wirklichkeit sollen hier verschwimmen, subversiv soll das sein. Die deutschen Spießbürger sollen einmal ordentlich darüber nachdenken, ob wir nicht alle ein bisschen Hitler sind, zwischendurch soll einem „das Lachen im Halse stecken bleiben". Es gibt da aber auch Leute, die den Film uneingeschränkt empfehlen können, die „Balaclava Küche" etwa: „Der erste Kinofilm, den man sich anschauen kann" schreiben sie auf ihrer Facebook-Seite. Die Balaclava-Küche ist ein Nipster-Projekt, zwei vermummte Rechte, die hinter Sturmhauben vegane Küche kochen—vor zehntausenden YouTube Zuschauern. Und da steht er nun in dem Film, Patrick Kruse, der Mann hinter der Balaclava Küche, mit seinem echten Namen, seiner echten Rolle und kocht für den Führer. Kein Kontext, keine Hinweise darauf, dass man es hier mit vorbestraften Kriminellen zu tun hat. Eine Filmszene im letzten Drittel des Kinoerfolgs Er ist wieder da: Hitler regt sich auf, eine wunderbare Propagandamöglichkeit damit verschwendet, einen Eintopf zu machen. Er spuckt dabei, Kruse zieht die Kartoffeln aus der Spuckweite, Lacher für Kruse und seinen Freund, die sich in erster Linie als „Deutsche" in zweiter Linie als „Sozialisten" verstehen. So der Dialog in dem Film. 2,5 Millionen Menschen haben den Film gesehen, amüsiert haben sich sicher nur diese beiden.

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Das ist das Auftreten des Rechten Plenums. Kruse soll mit dabei gewesen sein. Screenshot via tumblr.

Vor etwa eineinhalb Jahren haben wir die „Balaclava Küche" porträtiert, Kruse war damals gerade—unter anderem—wegen eines Angriffs auf den Bundestagsabgeordneten Sven-Christian Kindler zu einer einjährigen Bewährungsstrafe verurteilt worden und nach Chemnitz umgesiedelt. Dort sieht man jetzt „die Grenze zum Terrorismus überschritten". Doch von vorne. Das alles ist seitdem passiert.

Kruse ist einer der begabtesten Propagandisten des Landes und das ist nicht als Kompliment gemeint. Er ist der Vertreter einer neuen, in der Außendarstellung unorthodoxen Rechten. Einer, der die jungen Menschen anspricht, immer das Gespräch im vorpolitischen Raum sucht und Radikalität mit Humor verbindet. Keiner mit theoretisiertem Gerede wie die neue Rechte, sondern jemand, der seine Gewalttätigkeit nicht versteckt, nur ästhetisiert. Gerade unter Veganern finden sich sehr viele Rechte und Rechtsoffene, die vorgeben, mit der Zeit zu gehen. Es gilt: „Natur- ist Heimatschutz". Ziel sind anfangs harmlose Gespräche, harmlos ist Kruse nicht und trotzdem haben ihn die Macher von Er ist wieder da auf die größtmögliche Bühne gestellt.

Kruse bei einem Videodreh des „Rechten Plenums

Kruse bei einem Videodreh des „Rechten Plenums". Screenshot von seiner VKontakte-Seite, die er unter Pseudonym betreibt.

Kruse war in der Gegend um Hannover aktiv, er war Teil der später verbotenen Gruppierung „Besseres Hannover", die „mit neuer Propaganda" experimentierte und dabei aber immer auch ganz althergebracht gewalttätig war. Insgesamt 16 Punkte umfasste die Anklage gegen ihn, er soll die Parteibüros der SPD, der CDU, der Grünen, der FDP und der DKP und einen Döner-Imbiss angegriffen haben. Die Gebäude waren mit einer Zwille beschossen und beschmiert worden. In der Fußgängerzone hatte er einen Geflüchteten angegriffen, der in den Hungerstreik getreten war. Dann war da noch der Angriff auf den Bundestagsabgeordneten der Grünen, Kindler, den er einen „anti-nationalen Wichser" schimpfte und gestoßen und geschlagen hatte. Dem Gericht hatte er seinerzeit gesagt, er „wolle einen anderen Weg einschlagen" und bekam eine günstige Sozialprognose.

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So stellt sich Kruse seine Zukunft vor: Mit Messer posiert er vor dem Gefängnis. Screenshot von VKontakte

Der andere Weg führte ihn also nach Chemnitz. Die „Balaclava Küche" lief weiter, aber langsam aus. Was in ihrer WG in Pattensen bei Hannover begonnen worden ist, brachten sie nun auf die Straße. Auf dem Rechtsrockkonzert „Live H8 III" im Mai 2015 in Hildburghausen hatte Kruse einen Stand, dann wurden die Posts auf der Seite allmählich weniger, es gab keine Videos mehr auf YouTube. Untätig war Kruse aber nicht. Im Februar begann man dort, Videos einer neuen Gruppe zu posten, dem „Rechten Plenum". Es gilt da die alte Formel von Kruse, er vertritt auch hier die Ästhetik der Gewalt, gepaart mit dem Kult um das „heilige deutsche Volk" und Hitlers Leibwächter Ulrich Graf. Die Postings tauchen auch in anderen Kanälen Kruses auf, so auf dem Tumblr „Kindstattgroß". Um diese Zeit herum gab es auch die Ansage aus der Gruppe, aus dem Chemnitzer Viertel Sonnenberg eine „national befreite Zone" zu machen, die Schlagwörter der frühen 90er Jahre im neu-völkischer Stil, man kennt das schon von Kruse. Alsbald tauchten im Viertel (ästhetisch enttäuschende) erste Graffitis auf, Aufkleber des „Rechten Plenums" fanden sich und es begannen auch mehrfache Angriffe auf das Wahlkreisbüro der Linken und Besucher des Viertels. Für die Grünen-Landtagsabgeordnete Petra Zais gibt es einen klaren Zusammenhang mit dem Auftreten des „Rechten Plenums": „Der Sonnenberg wird beansprucht." Es ist ein kleines, ärmliches Viertel in der Mitte von Chemnitz, die Mieten sind niedrig und fast alle diejenigen, die dem „Rechten Plenum" zugerechnet werden, wohnen in dem Stadtteil. Auch Patrick Kruse soll dort wohnen.

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Kruse steht heute mal links. Screenshot von der Facebook-Seite der Balacalava Küche. Die Seite ist seit einiger Zeit inaktiv

Vor zwei Wochen haben lokale, linke Aktivisten die Gruppe umfangreich geoutet, mit Klarnamen, Adressen und Bildern und auf „Indymedia" veröffentlicht. Darunter Kruse. Sie haben die Arbeitgeber angerufen, so es denn welche gibt, und einen Tag nach dem Outing brennt in Chemnitz-Sonnenberg ein Renault Laguna, das einem der mutmaßlichen Mitglieder des „Rechten Plenums" gehört. Daraufhin griffen unbekannte das „Lokomov" in Chemnitz an. In der Nacht auf den 08.11. explodiert dort Pyrotechnik, eine Scheibe geht zu Bruch, 2.500 Euro Schaden. Die Streifenpolizei spricht von Böllern und ermittelt zunächst wegen Sachbeschädigung, obwohl der Besitz dieser als „Polen-Böller" bekannten Pyrotechnik als Verstoß gegen das Sprengstoffgesetz gilt. Am Morgen erscheinen erste Berichte in der Presse, Lars Fassmann vom „Lokomov" spricht gegenüber MUNCHIES von einer „organisierten Täterstruktur". Die Täter hätten auch einen Brand in Kauf genommen, es waren auch Menschen im Haus, das ist juristisch nicht ganz unerheblich (s. u.).

Später am Tag kehrt die Polizei zurück und holt die Reste der Pyrotechnik aus dem Müll, mit der medialen Reaktion hatten sie nicht gerechnet. Das „Operative Abwehrzentrum" der Polizei übernimmt, sie sind auf Extremismus spezialisiert. Fassmann nennt die Ermittlungsarbeit der Polizei „peinlich", auch er kennt das „Rechte Plenum", auch er sieht einen Zusammenhang. An diesem Punkt spricht die Landtagsabgeordnete Zais davon, dass die „Grenze zum Terrorismus überschritten sei". Auch ein paar Tage später steht sie im Interview zu der Aussage, weiß aber auch um die Schwierigkeiten und wehrt sich gegen den Vorwurf der Hysterie. Die Vorgänge im Sonnenberg würden als Revierkämpfe abgetan, die Straftaten nicht ernstgenommen und auch entsprechend nicht aufgeklärt, das alles erinnert sie an die ersten Tage des NSU. Bei einem Angriff auf ein Flüchtlingsheim wurden ähnliche Böller genommen, die Polizei hatte es dort als Sprengstoff eingestuft. Die „Bürgerwehr Freital", die jetzt von der Bundesanwaltschaft wegen „Bildung einer terroristischen Vereinigung" angeklagt ist, hatte so ähnlich begonnen.

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Das Lokomov nach dem Anschlag, Das Zentrum hat die Bilder auf seiner Facebook-Seite veröffentlicht

Im „Lokomov" proben sie unterdessen für das Stück „Unentdeckte Nachbarn" über die Anfänge des NSU. Es soll dort aufgeführt werden.

Derweil hat das „Rechte Plenum" seine Auflösung bekannt gegeben. Kruse wird woanders weitermachen.