Imker

Honig von dem trockensten Flecken der Erde

Im unwirtlichen Klima der Atacamawüste gibt es nur wenig Leben. Eine der wenigen grünen Oasen ist jedoch Heimat für zahlreiche Bienenvölker. Doch der Klimawandel trocknet die Region nur weiter aus—mit fatalen Folgen für Mensch und Tier.

von Matthew Zuras
19 Februar 2016, 11:00am

Der Norden Chiles ist über weite Flächen nur mit Geröll und Sand bedeckt: Hier erstreckt sich die Atacamawüste, eine der trockensten Gegenden der Welt außerhalb der Polarregionen.Hier gibt es nur wenig Leben, aber einige Tiere und Menschen haben einen Weg gefunden zu überleben. Zusammen mit den Menschen sind auch die Bienen gekommen, die Wüstenblumen bestäuben und den Einwohnern süße Kalorien bescheren.

Wir sind in einem der wenigen grünen Flecken mitten in der Wüste: Die Bienen schwirren nur so um Luis Escalante herum, als er den hölzernen Bienenkasten öffnet und eines der Rähmchen herauszieht und aus einer der Waben das klebrige Gold herauslaufen lässt. „Fast fertig", meint er und bleibt trotz des ständigen Summens ganz ruhig. „In ein paar Tagen komme ich zum Ernten."

Luis Escalante, 59 Jahre alt, ist Eigentümer von Checkar, einer Honigfirma im Dorf San Pedro de Atacama. In dieser Oasenstadt mit 1500-jähriger Geschichte lebten einst die Ureinwohner Chiles, heute sieht man hier vor allem Hotels, Restaurants und Reisebüros. Nördlich der Ortschaft fließt ein kleiner Fluss—nur deshalb konnten Menschen hier überleben, bevor die Touristen in die Region eingefallen sind, um die beeindruckenden Gesteinsformationen zu bestaunen. Dank des kleinen Rinnsals wächst um die Stadt herum ein wenig Grün und das inmitten einer endlos weiten Wüste.

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Luis Escalante, 59, ist seit über 20 Jahren Imker. Alle Fotos von Ada Kulesza

Unter den wenigen Pflanzen gibt es drei Blüten, die die Bienen ganz besonders mögen. Einmal die die kleinen gelben Blüten des chañar, eines dünnastigen Baums, der zum Ende des chilenischen Winters blüht. Daraus entsteht im September der erste Honig des Jahres, der etwas leichter und süßer ist, als die späteren Ernten. Später im Jahr blühen dann auch noch der dornenbewachsene Johannisbrotbaum, in der Landessprache algarrobo, und riesige Felder mit Luzernen—die perfekte Grundlage für einen etwas dunkleren Honig.

Luis' Bienenstöcke befinden sich in einem kleinen Hain mit Chañar- und Johannisbrotbäumen, sodass die Bienen nicht weit zur Nektarquelle fliegen müssen. Die hölzernen Bienenkästen befinden sich auf Stelzen, die in Plastikkappen stecken, damit Ameisen wegbleiben. Hier in der Wüste sind Ameisen der einzige gefährliche Feind der Bienen. „Vielleicht essen die Vögel mal ein oder zwei", räumt Luis ein.

Das heißt aber nicht, dass das Leben einer Wüstenbiene einfach wäre. Die einheimischen Bienenzüchter haben es anfangs mit der italienischen Biene versucht, der am häufigsten gehaltenen Honigbiene. Aber in der Trockenheit konnten sie nicht überleben. „Das Klima hat ihnen nicht gut getan", meint Escalante. „Am Tag ist es heiß, aber nachts sehr kalt und es ist extrem windig und sonnig."

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In einem der wenigen grünen Flecken inmitten der Atacamwüste leben Luis' Honigbienen

Jetzt nutzen die Imker in Atacamawüste eine andere Honigbienenart, die Carnica, die eigentlich aus Osteuropa kommt und für ihre Krankheitsresistenz und ihre Sanftmütigkeit geschätzt wird. Selbst mitten am Tag fühlen sich die Bienen scheinbar nur wenig gestört durch Luis' Überfall auf ihren Bienenstock—und das ganz ohne Rauch. Er trägt einen Imkerhut, eine Imkejacke und Handschuhe, aber seine Beine trennt nur eine dünne Hose vom Bienenschwarm.

Doch das raue Klima der Wüste hat auch seine Vorteile für Bienen. Zum einen ist es für Schädlinge oder Raubtiere schwer, hier zu überleben. Zum anderen können auch andere Arten hier nicht einfallen: Im Norden die Wüste, im Osten die Anden und im Westen der Pazifik. Bis jetzt hat es die afrikanisierte Honigbiene, die Killerbiene, nicht hierher geschafft, obwohl sie die europäische Honigbiene in vielen Teilen Südamerikas erfolgreich verdrängt hat.

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Die Waben in den Rähmchen triefen nur so vor Honig—Zeit für die Ernte

Um Milbenbefall zu verhindern, setzen die Imker bei einem neuen Bienenschwarm keine Königin zu. Dadurch gab es in den letzten Jahren keine Milben, allerdings kann es auch Gefahren geben: „Entweder die Königin stirbt oder ein anderer Bienenschwarm greift an."

Die Imker in San Pedro überlassen das Schwärmen den Bienenvölkern: Wenn die Bienen merken, dass sie eine neue Königin brauchen, nehmen sie einzelnen Larven und füttern sie mit Gelée Royale, einem nahrhaften Futtersaft, anstatt mit Pollen. Dadurch wird die Entwicklung der Fortpflanzungsorgane begünstigt, die eine Bienenkönigin braucht, um selbst Eier legen zu können. Daraus werden dann mehr Arbeitsbienen, die nur eine Aufgabe haben: Lecker Honig für den Schwarmund nebenbei auch für den Menschen—zu machen.

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Die helle Färbung des Honigs kommt durch die Chañar-Blüten, die dunklere durch eine Mischung verschiedener Blüten

Um den Honig aus dem Bienenstock zu bekommen, nimmt Luis Escalante die einzelnen Rähmchen heraus und kratzt in einem kleinen Häuschen weiter entfernt vom Bienenstock das Wachs ab, das später zu Kerzen und anderen Dingen gemacht wird. Dann kommen die Rahmen in eine Zentrifuge, wo nach 30 Minuten Schleudernder gesamte Honig aus den Waben gelöst wird, sodass er ihn dann abfüllen und beschriften kann. Seine Ernte verkauft er vorwiegend in San Pedro, manchmal aber auch auf Messen in etwas entfernteren Städten wie Calama und Santiago.

Dieses Jahr war es noch trockener als sonst, eine Bedrohung für sein Geschäft: Ein Flussarm, der normalerweise durch Luis' Bienengebiet fließt, ist komplett ausgetrocknet. „Es gibt kein Wasser,und wenn überhaupt, dann nur sehr salziges",meint er.

Das wiederum heißt, dass die Bäume nicht so viele Blüten tragenund die Bienen länger brauchen, um Wasser zum Trinken zu finden, was Luis Escalante mit Wassereimern löst: „Wenn ich ihnen kein Wasser gebe, können sie nicht arbeiten. Sie fliegen zu weit weg, sind erschöpft und sterben."

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Carnica-Bienen sind extrem sanftmütig und krankheitsresistent

Infolgedessen fällt die Honigernte geringer aus: Normalerweise kann er von September bis April jeden Monat eine Ladung Honig ernten, also insgesamt 20 bis 30 Kilo pro Saison. Dieses Jahr aber scheint diese Zahl in weiter Ferne. Ende Januar hat er erst zum zweiten Mal geerntet. „Wegen des Klimawandels produzieren sie nicht so viel Honig", sagt Luis. „Dieses Jahr ist es so unglaublich trocken." Und das will in der Atacamawüste schon was heißen…