Supermärkte in Frankreich dürfen keine Lebensmittel mehr wegwerfen

Ein Jahr hat es gedauert, nun hat Frankreich ein Gesetz gegen Lebensmittelverschwendung einstimmig beschlossen. Danach sind Supermärkte verpflichtet, Lebensmittel, die sonst weggeschmissen worden wären, an karitative Einrichtungen zu spenden...

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08 Februar 2016, 10:30am

Unsere Supermärkte sind gefüllt mit frischen Lebensmitteln, beim Betreten der Obst- und Gemüseabteilung ergießen sich Köstlichkeiten über uns. Sobald Gurken, Bananen und Co. nicht mehr ansehnlich genug für den Verkauf sind, werden sie einfach tonnenweise entsorgt. Um diese Lebensmittelverschwendung zu bekämpfen, ergreift Frankreich jetzt drastische Schritte: Ein neues Gesetz verbietet Supermärkten, nicht verkaufte Lebensmittel wegzuwerfen.

Das französische Gesetz ist weltweit ein Novum. Lebensmittel, die die Supermärkte sonst vernichten oder wegschmeißen würden, müssen in Frankreich ab jetzt an Wohltätigkeitsorganisationen und an die Tafeln gespendet werden. Das gilt für alle Supermärkte ab einer Größe von 400 Quadratmetern. Das Gesetz wird bereits seit einem Jahr auf den Weg gebracht, nun hat der französische Senat es einstimmig beschlossen. Halten sich Händler nicht daran, drohen ihnen Bußen von bis zu 75.000 Euro oder Gefängnisstrafen von bis zu drei Jahren. In Deutschland sind die Tafeln ein wichtiger Bestandteil der Sozialversorgung. Seitdem sie jedoch auch die Geflüchteten versorgen, kommt es zu Verteilungskämpfen mit denjenigen, die sich schon lange dort eindecken müssen.

Aktivisten in Frankreich haben lange für dieses Gesetz gekämpft, jetzt hoffen sie, dass der Rest der Europäischen Union sich daran ein Beispiel nimmt und ähnliche Gesetze auf den Weg bringt.In anderen Ländern gibt es freiwillige Programme, die es den Händlern einfacher machen sollen, Lebensmittel an karitative Organisationen zu spenden, allerdings landen durch geltende Regulierungen am Ende doch die meisten Lebensmittel in der Tonne.

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Jacques Bailet ist Vorsitzrnder der Fédération française des banques alimentaires, dem Verband der französischen Tafeln. Im Gespräch mit dem Guardian beschreibt er das neue Gesetz als „positiv und von starker Symbolkraft." Dadurch können die Tafeln mehr und vor allem nahrhafteres Essen ausgeben.

„Zur Zeit können wir nicht alle Nährstoffe abdecken: Wir haben zu wenig Fleisch sowie Obst und Gemüse", so Bailet gegenüber der britischen Tageszeitung. „Jetzt bekommen wir davon hoffentlich mehr."

Die meisten Lebensmittel kann man auch noch ohne Bedenken essen, obwohl sie das Mindesthaltbarkeitsdatum überschritten haben. Dieses Datum ist ein Schätzwert der Hersteller, bis wann Eigenschaften wie beispielsweise Geschmack und Aussehen mindestens behält. Viele Verbraucher würden keine Lebensmittel über dem Mindesthaltbarkeitsdatum kaufen, daher landen sie bei den Händlern oft einfach im Müll.

In Frankreich sind einige Supermärkte sogar so weit gegangen, dass sie Chlor über ihre Lebensmittelabfälle gegossen haben oder die Abfälle in abgeschlossenen Lagern untergebracht haben, nur damit sie niemand containern kann. Angeblich wollten die Händler nicht, dass man sich beim Containern Lebensmittelvergiftungen durch die Essenabfälle zuzieht.

Und Frankreich nicht allein vor einem riesigen Berg mit vermeidbaren Lebensmittelabfällen. Essensverschwendung ist ein weltweites Problem, vorwiegend in den Ländern der westlichen Welt: Hier spielen das Mindesthaltbarkeitsdatum und das Aussehen der Lebensmittel eine wesentlich wichtigere Rolle. Allein in Deutschland landen pro Jahr über 18 Millionen Tonnen Nahrungsmittel einfach im Mülleimer. Davon wären 10 Millionen Tonnen vermeidbar. Die Schuld dafür tragen Endverbraucher und auch der Handel.

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Es ist einfach notwendig, die Lebensmittelverschwendung zu bekämpfen, nicht nur, weil immer mehr Menschen auf der Welt leben und Nahrung dringend benötigen, sondern auch, um den Klimawandel zu bekämpfen. Denn immerhin werden damit Lebensmittel quasi umsonst produziert. Und wenn die Leute endlich verstehen, dass Essen nicht weggeschmissen werden muss, weil es immer noch genießbar sein kann, ist das ein erster Schritt. Wenn es schon Köche gibt, die aus Resten auf Sterne-Niveau kochen, sodass es auch Staatsoberhäuptern und wichtigen Politikern schmeckt, dann sollten auch politsche Maßnahmen, wie sie jetzt in Frankreich eingeführt werden, helfen können. Es gibt schließlich genug hungernde Menschen, denen ein einfaches Datum oder eine kleine Stelle am Äpfel herzlich egal sind—es ist schließlich immer noch wertvolles Essen.

Wir könnten allein 4,9 Tonnen Lebensmittelabfälle im Land vermeiden.